Heute werden im Namen Machiavellis Handbücher und Abhaklisten der Macht zum alltäglichen Gebrauch für jeden daher gelaufenen Manager vertrieben. Seine Aussagen polarisieren - und das treibt die Absatzzahlen in die Höhe.
Gerade zu Beginn der Neuzeit ist Machiavelli einer der ersten, der begreift, dass die Todesstunde für ein transzendentes Weltverständnis zur Legitimierung des Machtanspruchs bereits geschlagen hat. In einer solchen Welt muss sich Macht behaupten und zwar ohne Hilfe durch eine höhere Gewalt und gegen die stets volatilen Einzelinteressen der Beteiligten. Der Fürst ist nun der Vielzahl an Perspektiven ausgesetzt und muss den Blicken des Publikums standhalten. Für diese Zwecke muss sich der Herrscher der Ästhetik der Macht bedienen. Der damit inszenierte Schein wird zur Grundlage jeder realistischen Politik.
Friedrich Nietzsche greift gute 350 Jahre später einige Aspekte des Florentiners auf und entwickelt sie in seiner Theorie vom Übermenschen weiter. Freilich: ihm geht es weniger um das Wissen um die Macht als vielmehr um den oft zitierten Willen zur Macht, der gewissermaßen als tief greifender Instinkt dem Menschen inne wohnt. Den genauen Zusammenhang erhält der Leser am Ende dieses Textes, doch zuvor widmen wir uns ausführlich dem Schein und der Ästhetik der Macht bei Machiavelli.
Inhaltsverzeichnis
1 Das Wissen um Macht
2 Der Begriff der politischen Macht
3 Machiavelli und seine Zeit
3.1 Machiavellis Kindheit und die Medicis
3.2 Savonarola – eine Sünde gegen die Gelegenheit
3.3 Caterina Sforza und die List einer Mutigen
3.4 Machiavelli bei Cesare Borgia, dem Meister des Verrats
4 Der Schein und die Ästhetik der Macht
4.1 Konfrontation mit anderen Philosophen
4.1.1 Thukydides und die Politik jenseits von Gut und Böse
4.1.2 Platon und die Philosophenkönige
4.1.3 Aristoteles und der Hass der Bevölkerung
4.1.4 Cicero und der Irrtum über die Heuchelei
4.1.5 Das Neue an Machiavellis Gedanken
4.2 Machiavellis Menschenbild
4.2.1 Die menschliche Kleingläubigkeit
4.2.2 Egoismus als Grundprinzip
4.2.3 Virtù – die Fürstentugend
4.3 Die Religion als Stütze der Zivilisation
4.4 Die Ästhetik der Macht
4.4.1 Die Bedeutung der Perspektive
4.4.2 Die Rolle der Darstellung und der Medien
4.5 Der Schein der Macht
4.5.1 Der Schein als Bindemittel zwischen Wirklichkeit und Image
4.5.2 Mehr Schein als Sein
4.5.3 Der Fürst als Täuscher und Heuchler
5 Reaktionen und Einflüsse
5.1 Machiavellismus
5.2 Eine konstruktive Auseinandersetzung mit Machiavelli
5.2.1 Botero, Bodin und Bacon
5.2.2 Thomas Hobbes und der Preis der Menschen
5.2.3 Mandeville und die Laster der Gesellschaft
5.2.4 Helvétius und die Liebe zur Macht
6 Nietzsche und der Wille zur Macht
6.1 Menschliches
6.2 Die Macht des Scheins
6.3 Der Wille zur Macht
6.4 Herrenmoral und Sklavenmoral
6.5 Vom schöpferischen Übermenschen
7 Wege jenseits von Gut und Böse
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das Konzept von Schein und Ästhetik der Macht in den politischen Philosophien von Niccolò Machiavelli und Friedrich Nietzsche. Ziel ist es aufzuzeigen, wie Macht durch Inszenierung und Manipulation des Scheins legitimiert und ausgeübt wird, und inwiefern Nietzsche diese Ansätze für seine Theorie vom Übermenschen aufgreift und radikalisiert.
- Die Instrumentalisierung von Schein und Täuschung zur Machterhaltung.
- Die anthropologische Grundlage der Macht (Egoismus, Instinkte).
- Die Funktion von Religion und Kultur als Stabilisatoren der Herrschaft.
- Der Vergleich der Ansätze bei Machiavelli und Nietzsche bezüglich Moral und Machtausübung.
Auszug aus dem Buch
3.4 Machiavelli bei Cesare Borgia, dem Meister des Verrats
Im Jahre 1501 wird Cesare Borgia von seinem Vater, Papst Alexander VI., zum Herzog der Romagna ernannt. Um diesem Titel gerecht zu werden, führt er eine Reihe von erfolgreichen Feldzügen durch. Der Herzog verlangt ein formales Bündnis mit Florenz und im Rahmen dieser delikaten Angelegenheit wird Machiavelli zu ihm nach Imola geschickt. »Diese Gesandtschaft bezeichnet den Beginn der für Machiavellis diplomatische Laufbahn wichtigsten Periode, in der er die Rolle spielen kann, die ihm am meisten liegt: die eines direkten Beobachters und Ratgebers der zeitgenössischen Staatskunst« (Skinner 24).
Cesare ist frei von Lastern, frei von Vergnügungssucht. Alles was er tut ist bis ins Detail berechnet und durchdacht. Keine menschliche Schwäche scheint sein Ziel – die Macht – zu mäßigen. »Die List, die Heuchelei, die Grausamkeit, die Großzügigkeit hat er fest in seiner Hand. Wenn Alexander ein sehr großer Verräter ist, so ist sein Sohn ein Zauberer des Verrats« (Marcu 103f). Hat er ein Gebiet erobert, dann ist er erst dann zufrieden, wenn sein Vorgänger unter der Erde ist. »Für jede Stadt, für jeden Tyrannen hat Cesare einen anderen Weg der Überlistung« (Marcu 104). Freilich, Caterina und Machiavelli kann er nicht so leicht überlisten. Ihnen fehlt die Angst, welche dem Verräter auch das letzte Tor einer Festung öffnet.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Das Wissen um Macht: Einleitung in Machiavellis Sichtweise auf Macht und Politik, die nicht metaphysisch, sondern praxisorientiert und realistisch begründet ist.
2 Der Begriff der politischen Macht: Historische Herleitung und philosophische Betrachtung des Machtbegriffs im Kontext der Antike, der Scholastik und der christlichen Tradition.
3 Machiavelli und seine Zeit: Analyse der prägenden biografischen und historischen Erlebnisse Machiavellis in Florenz sowie seiner Beobachtungen zeitgenössischer Herrscherfiguren.
4 Der Schein und die Ästhetik der Macht: Untersuchung der philosophischen Konfrontation Machiavellis mit Denkern wie Platon und Aristoteles sowie die systematische Darlegung seiner Lehre von der Inszenierung des Scheins.
5 Reaktionen und Einflüsse: Diskussion der kontroversen Rezeption Machiavellis und seiner Bedeutung für nachfolgende Staatstheoretiker wie Hobbes oder Bodin.
6 Nietzsche und der Wille zur Macht: Darstellung der begeisterten Rezeption Machiavellis durch Nietzsche und die Weiterentwicklung zu den Konzepten des Willens zur Macht und des Übermenschen.
7 Wege jenseits von Gut und Böse: Zusammenfassendes Fazit über die philosophische Gemeinsamkeit beider Denker in Bezug auf eine radikale, jenseits konventioneller Moral agierende Machtphilosophie.
Schlüsselwörter
Macht, Schein, Ästhetik, Machiavelli, Nietzsche, Il Principe, Wille zur Macht, Virtù, Notwendigkeit, Egoismus, Inszenierung, Übermensch, Moral, Herrschaft, Politik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Bachelorarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Konzepte von Schein, Ästhetik und Macht bei Machiavelli und Nietzsche und beleuchtet deren Auffassung von politischer Führung jenseits klassischer Moral.
Welche zentralen Themenfelder behandelt die Arbeit?
Die zentralen Themen sind Macht als Instrument der Staatsführung, die Bedeutung der menschlichen Natur, die Funktion von Schein und Täuschung sowie die kritische Auseinandersetzung mit traditionellen Moralvorstellungen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Machiavelli und Nietzsche Macht nicht als moralisch legitimiert, sondern als ein technisches und ästhetisches Instrument zur Gestaltung und Behauptung in der Welt begreifen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine historisch-analytische Methode, indem sie primäre Quellen beider Philosophen mit Interpretationen der Sekundärliteratur verknüpft und miteinander vergleicht.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Analyse der historischen Erfahrungen Machiavellis, seine Konfrontation mit anderen Philosophen, sein Menschenbild sowie die Übertragung dieser Gedanken auf Nietzsches Theorie des Übermenschen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich geprägt durch Begriffe wie Macht, Schein, Ästhetik, Virtù, Willen zur Macht und die Überwindung traditioneller Moral.
Inwiefern beeinflussten Cesare Borgia und andere Zeitgenossen Machiavellis Denken?
Durch die Beobachtung von Persönlichkeiten wie Cesare Borgia lernte Machiavelli die praktische Anwendung von List, Härte und Inszenierung, was den Grundstein für seine theoretischen Ausführungen im Werk "Il Principe" legte.
Wie unterscheidet sich Nietzsches Ansatz des "Übermenschen" von Machiavellis "Principe"?
Während Machiavelli seinen Fürsten primär als handlungsmächtiges Instrument zur Sicherung eines stabilen Staates entwirft, zielt Nietzsche mit dem Übermenschen auf eine radikale individuelle Selbststeigerung und die Umwertung aller Werte ab.
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- Robert Bauer (Author), 2009, Der Schein und die Ästhetik der Macht bei Machiavelli und Nietzsche, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/129678