Nietzsches ästhetische Kreativität


Hausarbeit, 2005
16 Seiten, Note: 2

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Die Frage nach dem Schaffenden in „Also sprach Zarathustra“

3. Rekonstruktion der zentralen Thesen Blumenbergs

4. Einordnung Nietzsches in den geschichtlichen Horizont

5. Von der Philosophie als mentale Kunst

6. Literaturverzeichnis und Quelltextverweise

1. Einleitung

Der Name Friedrich Nietzsche steht für eine außerordentliche, extravagante Position innerhalb der Philosophie- und Kulturgeschichte. Seine radikale Relevanz und sein einschneidendes Wirken hat selbst in einer von ihm als Visionär massiv mitgeprägten Zukunft wie unserer poststrukturaler Gegenwart nichts von seiner ungemein kraftvollen Faszination einbüßen müssen, auch wenn sein radikal-provokatives Potenzial verblasst und gegenwärtig in unserer Kultur aufgegangen erscheint. Die Editionsgeschichte seiner Schriften überlagert eine stark polarisierende Tendenz und so erfährt jede Generation Nietzsche auf ihre Art und Weise. Immer wieder wird in seinen teilweise sehr paradox, kryptisch wirkenden Aphorismen neues Potenzial zur zeitgemäßen Interpretation und weitere historische Gewichtigkeit seiner Person herausdestilliert. Der Grund hierfür liegt auf der Hand:

„Man versteht Nietzsche schlechterdings nicht, wenn man sich nur an das hält, was schwarz auf weiß gedruckt steht und was jede Inhaltsangabe wiedergeben könnte.“[i]

Es ist an dieser Stelle angemessen zu behaupten, dass seine eigentliche Bedeutung für die Entwicklung unserer kulturellen Gegenwart noch lange nicht vollkommen erschlossen ist, wenn sie es jemals überhaupt sein wird. Mag seine Provokation langsam endgültig verklingen, der Wahnsinn dieses Genies ist seinem Gipfel und seinem ihm gebührenden Status noch nicht gerecht geworden.

Beginnt man sich mit Nietzsches Werk intensiver zu befassen, so kommt man nicht um die Erkenntnis umhin, es hier mit einem Philosophen zu tun zu haben, der eine ungewöhnliche musikalisch-theoretische Doppelnatur[ii] darstellt. Seine Talente stellen keine Ansammlung von nebeneinanderbestehenden Fähigkeiten dar, denn in jeder Faser seines Schaffens war er Dichter als Philosoph, Musiker als Schriftsteller und Produzent als Theoretiker,[iii] mental einem Künstler weitaus näher als dem Philologen, welcher er biographisch bekanntlich gewesen war.

Nietzsche im Licht des Künstlers zu verstehen, wäre ein ungemein reizvolles Unterfangen, welches ich mir so im Kontext einer philosophischen Analyse selbstverständlich nicht erlauben kann. Jedoch macht die Erkenntnis, es hier mit einem äußerst präzise gebildeten, scharfsinnig kritischen Denker zu tun zu haben, es einen in diesem Fall nicht gerade einfach. Sein gehobener kulturgeschichtlicher Horizont und seine ausgeprägte, künstlerische Seele, mit all ihren Drängen und Leiden, in Anbetracht der immer wieder in seinen Texten durchsickernden kreativen Energie, anhand einer stringent philosophischen Analyse gerecht zu werden ist keine leicht zu bewältigende Aufgabe.

Dennoch stellt sich diese Hausarbeit die Aufgabe, mit Hilfe der Philosophiegeschichte die Bedeutung Nietzsches hinsichtlich seiner ästhetischen Kreativität zu hinterfragen. Als wissenschaftliche Grundlage soll dazu die Kurzstudie von Hans Blumenberg „Zur Vorgeschichte der Idee des schöpferischen Menschen“[iv], mit seinem ontologischen Schwerpunkt auf der „Nachahmung der Natur“, dienen. Dies werde ich in folgender Reihenfolge erarbeiten: Als erstes werde ich die Prägnanz und Relevanz der Schaffensfrage in Nietzsches Werken anhand seines „Also sprach Zarathustra“ skizzieren, danach Blumenbergs Thesen in ihren Kernpunkten rekonstruieren und schließlich Nietzsches Positionierung darin ausmachen. Zu guter Letzt möchte ich es mir nicht nehmen lassen, Nietzsches spezifisch philosophisches Wirken hinsichtlich der Möglichkeit einer durch ihn für unsere Kulturgeschichte hervorgehobenen philosophischen Signatur im Umgang und Verständnis von Kunst zu beleuchten.

2. Die Frage nach dem Schaffenden in „Also sprach Zarathustra“

Die Brisanz der Schöpfung in Nietzsches philosophischen, literarischen Werk spiegelt sich in seinem eigenen Schaffen wieder und platziert ihre Vehemenz somit nicht nur in der Interpretation seines Wirkens, sondern dicht am Herzen. Um genauer auf dieses Phänomen einzugehen, versteht es sich von selbst, ihre Prägnanz bereits in seinem Erstlingswerk „Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik“ auszumachen. Der frühe Nietzsche, selbsternannter, bekennender Wagnerianer und glühender Schopenhaueranhänger, erlaubt sich hier aus der Einsicht in den Urschmerz des Lebens, jene, heute als revolutionär zu bezeichnende, Geste der Hervorhebung des Dionysischen. Er legt im Streben der Kunst das Moment des intuitiven Rausches aus dem Wechselspiel mit dem Apollinischen offen, welches das Motiv der logischen Strukturierung („Illusionen des schönen Scheins“[v]) desselbigen darstellt. Im späteren Nietzsche wird dieser Gedanke im „Gottestod“, der „Umwertung aller Werte“ und den „Willen zu Macht“ münden. Dieses Buch hat sich als erstes herangewagt „[...] die Wissenschaft unter der Optik des Künstlers, die Kunst aber unter der des Lebens (zu sehen)...“[vi], was davon zeugt, dass Wissenschaft, Kunst und Philosophie bereits hier in Nietzsche zusammenzuwachsen begannen[vii]. In ihr kündigte sich eine innere Leidenschaft an, deren intuitives Verlangen der junge Nietzsche selbst noch nicht recht zu bewerten, aber dennoch auszuleben wusste.

„Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik ist nicht nur ein Manifest über die Polarität der dionysischen und apollinischen Kunstkräfte, sondern selbst die Resultierende aus einem Spiel von aufwallenden und wiederstehenden, rauschhaften und präzisierenden Energien.“[viii]

Seine tiefe Begeisterung gegenüber dem Mythos, dem vorhellenisch-griechischen Tragödienspiel und deren vorbehaltende Realitätsdichte innerhalb der Orgie, mündete schließlich in einer tiefen Ablehnung gegenüber Sokrates und dessen philosophiegeschichtlichen Nachfolgern, welche in seine Fußstapfen traten. Nietzsche konnte ihm nicht Verzeihen, dass er die Einheit von Kunst und Philosophie zerstört hatte, die einem älteren dionysos-bewußten Denken seine ursprüngliche Tiefe gab und die in einem neuen Denken wiedergefunden werden soll.[ix]

„ Dies ist der neue Gegensatz: das Dionysische und das Sokratische, und das Kunstwerk der griechischen Tragödie ging an ihm zu Grunde.“[x]

Er belässt es nicht bei bloßen Anschuldigungen, sondern proklamiert dem entgegen eine Wiedergeburt der Tragödie aus dem Geiste deutscher Musik und Philosophie. Die Tragödie, das authentische Drama, stellt für Nietzsche eine urknallähnliche Figuration dar, deren Verständnis sein gesamtes Wirken nachhaltig prägen sollte. Es ist erstaunlich zu bemerken, dass seine leidenschaftliche Ausuferung, obwohl sie ihn wissenschaftlich unmöglich machte, in einer Intensität zu implodieren schien, die einerseits im Wahnsinn zu enden hatte, aber ihm dennoch immer noch genug Raum ließ, seinem Streben weiterhin nach- und letztendlich an diesem zu Grunde zugehen. In seiner nihilistischen Form der Realitätsüberwindung spiegelt sich die Realität, ohne sich selbst zu erkennen und prägt damit die Essenz des Gesamtkunstwerkes „Nietzsche“.

„Dionysisches Lernen meint das Aufblitzen der Einsicht auf der Spitze der Gefahr, Erkenntnis auf Messers Schneide; es bezeichnet das Denken auf jener Bühne, von welcher es kein Entrinnen gibt, weil sie die Wirklichkeit selbst ist: das Leben ist die Falle, die eine Bühne ist, und die Bühne, die eine Falle ist.“[xi]

Blickt man nun auf das wohl herausragenste lyrisch-philosophische Werk des späten Nietzsche, „Also sprach Zarathustra“, tritt einem der Terminus dieser Prägnanz als Frage nach dem Schaffenden entgegen. Nicht ohne Grund lässt er seinen Zarathustra nicht nach Jüngern und verehrenden Anhängern suchen, sondern den zur Verachtung fähigen Schaffenden, welcher alte, dogmatisierend auferlegte Tugenden durch neue selbstgeschaffene zu ersetzen im Stande ist.[xii] Mehr vermag selbst er als weiser Prophet nicht zu sein. Besonders augenscheinlich begegnet dies dem Leser im Kapitel „Vom Weg des Schaffenden“.

Hier richtet Zarathustra sein Wort direkt an seine mitschaffenden Freunde und Feinde. Er erzählt von den Gefahren und Voraussetzungen um der wahrhaftigen Schaffung fähig zu sein. Dabei spielt die Einsamkeit eine zentrale Rolle. Durch sie kehrt sich der Mensch von der trügerischen und gefährlichen „Stimme der Herde“[xiii], der Gesellschaft und den blutsaugenden „Fliegen des Marktes“[xiv] ab und erreicht dadurch überhaupt erst die nötige Autonomie um „eine erste Bewegung“, „ein aus sich rollendes Rad“[xv] zu sein und Wahrhaftigkeit, wirkliche Originalität, zu erlangen.

[...]


[i] Zitat: Peter Sloterdijk, Sloterdijk, Seite 19

[ii] vgl.: Sloterdijk, Seite 23

[iii] vgl.: Sloterdijk, Seite 19

[iv] erschienen in seiner Kurzstudiensammlung unter den Titel: „Wirklichkeiten in denen wir leben“, 1981 im Reclam Verlag, Stuttgart

[v] Zitat: Friedrich Nietzsche, Nietzsche 1988, Seite 155

[vi] Zitat: Friedrich Nietzsche, Nietzsche 1988, Seite 14

[vii] vgl.: Sloterdijk, Seite 28

[viii] Zitat: Peter Sloterdijk, Sloterdijk, Seite 35

[ix] vgl.: Sloterdijk, Seite 119

[x] Zitat: Friedrich Nietzsche, Nietzsche 1988, Seite 83

[xi] Zitat: Peter Sloterdijk, Sloterdijk Seite 185,186

[xii] vgl.: Nietzsche 1999, Seite 26

[xiii] vgl.: Nietzsche 1999, Seite 80

[xiv] vgl.: Nietzsche 1999, Seite 67

[xv] vgl.: Nietzsche 1999, Seite 80

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Nietzsches ästhetische Kreativität
Hochschule
Staatliche Hochschule für Gestaltung Karlsruhe  (Philosophie und Ästhetik)
Veranstaltung
Nietzsche, Also sprach Zarathustra
Note
2
Autor
Jahr
2005
Seiten
16
Katalognummer
V129704
ISBN (eBook)
9783640358700
ISBN (Buch)
9783640358243
Dateigröße
425 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Nietzsche, Blumenberg, Geburt der Tragödie, Also sprach Zarathustra
Arbeit zitieren
Adam Rafinski (Autor), 2005, Nietzsches ästhetische Kreativität, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/129704

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