Mellefont und v. Gröningseck - Ein Vergleich der Verführer


Seminararbeit, 2001

22 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Untersuchung der beiden „Verführer“
2.1 Die Vergangenheit der Figuren
2.2 Die Verführungen selbst
2.3 Die Eheversprechen und die Heiratsverzögerungen
2.4 Das Verantwortungsbewusstsein der Verführer
2.5 Die Veränderung der Figuren
2.6 Die Schuld der Verführer an der Katastrophe
2.7 Die Funktion der Figuren

3. Schlussbemerkung

4. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Mitte des Achtzehnten Jahrhunderts erstarkten in den vielen deutschen Einzelstaaten langsam die bürgerlichen Schichten. Das Entstehen einer eigenen Mentalität, eines Standesbewusstseins war geprägt von der Besinnung auf die eigenen Tugenden und der bewussten Abgrenzung gegenüber dem Adel. Neben dem traditionellen, höfischen Bewusstsein bildete sich eine neue, bürgerliche Öffentlichkeit heraus. Diese bürgerliche Öffentlichkeit definierte und bestätigte sich neben den ökonomischen Gesellschaftsfeldern auch in der Kultur, und hier vor allem in der Literatur.

Es bildete sich bald eine eigene, neue literarische Gattung heraus, die nicht mehr nur den Adel in seiner Vorbildfunktion zeigte, sondern neben der kritischen Sicht auf die Herrschenden vor allem auch den typischen Vertreter des bürgerlichen Standes mit seinem Alltag, seinen Problemen und Tugenden zum Hauptthema hatte. Das deutsche bürgerliche Trauerspiel hatte seine Glanzzeit während der Fünfziger bis Siebziger Jahre des Achtzehnten Jahrhunderts. Trotz der relativ kurzen, dafür aber umso intensiveren Periode dieser literarischen Strömung wurden in nur 50 Jahren eine enorme Anzahl an sogenannten bürgerlichen Trauerspielen verfasst und in Deutschland aufgeführt. Unter den Autoren dieser Dramen finden sich bekannte Namen wie Friedrich Schiller, Jakob Michael Rheinhold Lenz, Friedrich Hebbel und Gotthold Ephraim Lessing, aber auch heutzutage kaum mehr genannte Dichter wie August Wilhelm Iffland und Heinrich Leopold Wagner.

Allen diesen Dramen war eine gewisse Motivfülle gemeinsam, die aus dem täglichen Leben des Bürgertums, dessen Sorgen und den aktuellen Themen der Zeit schöpfte, eines der bedeutendsten war das der Verführung. Zu diesem Motiv gehören neben der Figur der „Verführten Unschuld“ und der „Femme Fatal“, denen zahlreiche Analysen und Diskussionen gewidmet wurden, und dem Themenkreis der Familie, die unter den Folgen der Verführung zu leiden hatte, ja oftmals zerbrach, notwendigerweise die Figur des Verführers. Als vermeintlichen Ausgangspunkt der meist folgenden Katastrophen, als Ursache der Handlung des Dramas ist der Verführer dennoch meist vielschichtig gezeichnet, über das rein Lasterhafte hinaus. Diese Arbeit vergleicht nun Mellefont, den Verführer aus Lessings Drama „Miß Sara Sampson“, welches das erste deutsche bürgerliche Trauerspiel darstellt, mit von Gröningseck, dem Verführer aus Wagners Stück „Die Kindermörderin“, welches am Ende der Periode des Bürgerlichen Trauerspiels anzusiedeln ist. Dieser Arbeit wird dabei das Stück im Original von Wagner zugrunde gelegt, ohne dabei seine Nachbearbeitung näher zu betrachten.

2. Die Untersuchung der beiden „Verführer“

2.1 Die Vergangenheit der Figuren

Wenn man die Verführer Mellefont und von Gröningseck untersucht, so muss man sich zunächst ihrer Vergangenheit widmen, die sie prägte und somit maßgeblich zur Verführung beitrug.

Beide, Mellefont und von Gröningseck, haben in ihrer Vergangenheit einen sehr lasterhaften Lebenswandel geführt. Von Gröningseck beweist dies bereits eingangs des ersten Aktes durch seine Vertrautheit mit der Hure Marianel, bei der er sogar Schulden machte. Diese tituliert ihn treffend als „Hurenbuben“[1]. Auch mit Bällen, in dieser Zeit Symbol des lasterhaften Lebens bei Hofe, kennt er sich aus. Dem Alkohol zugetan prahlt er damit, sich „schon mehrmals zwey [sic] auch dreymal in einem Nachmittag besoffen, und jedes Mal im Punsch [sich] wieder nüchtern getrunken“[2] zu haben. Seinem Freund von Hasenpoth gegenüber äußert er, wie er über die bisherigen Opfer seiner Verführungskünste denkt, er bezeichnet sie als „Spielwerk“, das sonst zu „gar nichts nütze“[3] sei. Neben der verachtenden Einstellung von Gröningsecks wird hier sehr deutlich, dass es bereits eine größere Anzahl von Damen in seinem Leben gegeben haben muss, die von ihm ´verführt` wurden. Insgesamt erfährt der Leser aber recht wenig aus dem Stück über von Gröningsecks Vergangenheit.

Anders ist dies bei Mellefont. Auch er führte einen unsauberen Lebenswandel. Bereits im ersten Akt klagt sein Diener Norton die „Gesellschaft von Spielern und Landstreichern“[4] an, in der Mellefont sich bewegt habe, ebenso wie seinen „strafbar[en] Umgang mit allen Arten von Weibsbildern“[5], zu denen ebenfalls die Marwood gehört. Auch Mellefont hat demnach vor der Verführung, die Anlass für das Stück ist, einen regen Umgang mit allerlei Arten von Frauen gehabt. Darüber hinaus hat er in der Gesellschaft der Spieler sein Vermögen vollkommen durchgebracht. Am bedeutendsten aus seiner Vergangenheit für die Handlung des Dramas wirkt sich aber die Verbindung mit Marwood aus. Diese bezeichnet Mellefont zwar als die „Schande ihres Geschlechts“[6], aber nach Marwoods Aussage war er es, der sie verführte, ohne sie zu heiraten[7]. Marwood charakterisiert seinen Frauengeschmack recht treffend und klagt ihn an, sowohl Huren als auch Engeln letztlich überdrüssig zu werden[8]. Er scheint ihr während der Beziehung des öfteren untreu gewesen zu sein[9], und dies trotz der gemeinsamen Tochter Arabella, und der damit im Ansatz vorhandenen Familie, die er mit solchem Verhalten gefährdete. Zu dieser Familie aber bekannte sich Mellefont nie vollends, er heiratete Marwood nicht. Um dieser Ehe zu entgehen, bediente er sich schon damals der Ausrede des drohenden Verlustes einer Erbschaft[10].

Marwood benennt Mellefonts Erfahrung mit Frauen am deutlichsten, wenn sie sagt, er habe „in der Kunst zu verführen ausgelernt“[11]. Rolf Werner Nolle schreibt treffend, Marwood begegne im Gespräch einem „ausgekochten, in allen Spielarten der Verführung versierten Taktiker“[12], er sieht Marwood ebenfalls als eines von Mellefonts Opfern[13]. Seine Verführungskünste attestiert sich Mellefont auch selbst, als er trauert „Wo ist die Gabe der Verstellung hin, durch die ich sein und sagen konnte, was ich wollte?“[14] Diese Gabe erhielt Mellefont wohl in langer Übung.

Neben diesen Aspekten seiner Vergangenheit ist noch zu erfahren, das Mellefont Vollwaise ist[15], was später bei der Behandlung der Funktionen der Figuren noch Bedeutung erlangt.

Mellefont und von Gröningseck waren beide in der Verführung geübt, hatten zahlreiche Verhältnisse mit anderen Frauen, bevor sie die für die Handlung der jeweiligen Dramen ausschlaggebenden Verführungen inszenierten.

[...]


[1] H.L. Wagner, Die Kindermörderin, Reclamverlag, Stuttgart 1997, Seite 9, Zeile 17.

[2] Ebd. Seite 13, Zeile 31ff.

[3] Ebd. Seite 34, Zeile 24.

[4] G.E. Lessing, Miß Sara Sampson, Reclamverlag, Stuttgart 1993, Seite 9, Zeile 4f.

[5] Ebd. Seite 9, Zeile 8f.

[6] Lessing, Seite 33, Zeile 6f.

[7] Ebd., Seite 34, Zeile 13ff.

[8] Ebd. Seite 24f, Zeile 38ff.

[9] Ebd. Seite 24, Zeile 12ff.

[10] Ebd. Seite 34, Zeile 20ff.

[11] Ebd. Seite 29, Zeile 37.

[12] Rolf Werner Nolle, Das Motiv der Verführung Verführer und ´Verführte` als dramatische Entwürfe
moralischer Wertordnung in Trauerspielen von Gryphius, Lohenstein und Lessing, in: Stuttgarter Arbeiten
zur Germanistik, hrsg. von Ulrich Müller, Franz Hundsnurscher und Cornelius Sommer, Nr. 27, Stuttgart
1976, Seite 229.

[13] Ebd., Seite 240.

[14] Lessing, Seite 10, Zeile 24f.

[15] Ebd. Seite 57, Zeile 20ff.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Mellefont und v. Gröningseck - Ein Vergleich der Verführer
Hochschule
Universität Augsburg  (Lehrstuhl für Neuere Deutsche Literaturwissenschaft)
Veranstaltung
Seminar: Das bürgerliche Trauerspiel
Note
1,3
Autor
Jahr
2001
Seiten
22
Katalognummer
V12975
ISBN (eBook)
9783638187428
Dateigröße
524 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wagners Kindermörderin, Miß Sara Sampson, Lessing, bürgerliches TRauerspiel
Arbeit zitieren
Daniel Brüggemann (Autor:in), 2001, Mellefont und v. Gröningseck - Ein Vergleich der Verführer, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/12975

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