"Ich hasse dich – verlass mich nicht“ – die für emotional stabil veranlagte Menschen völlig verwirrende Aussage ist sehr typisch für Borderline-Patient*innen. Den meisten Expertenschätzungen zufolge leiden circa 2% der Gesamtbevölkerung unter einer Borderline-Persönlichkeitsstörung. Die Borderline-Persönlichkeitsstörung, abgekürzt BPS, äußert sich auf vielfältige Weise. Unter anderem zählen Unsicherheit bezüglich des eigenen Selbstbildes, die Spaltung der Welt in Schwarz und Weiß sowie emotionale Instabilität, die ebenfalls selbstschädigendes oder suizidales Verhalten mit sich bringen kann. Zudem impliziert die Borderline-Persönlichkeitsstörung die Fähigkeit der betroffenen Menschen, nicht nur sich selbst, sondern auch ihr persönliches Umfeld an ihre Grenzen zu bringen. Warum Menschen mit einer Borderline-Störung eine solche Wirkung haben können und welche konkreten Verhaltensmuster sie aufweisen, stellt neben der Auseinandersetzung mit der Behandlungsmethode der Systemischen Therapie und den Bezug zur Sozialen Arbeit den Schwerpunkt dieser Arbeit dar. Zudem prüfe ich, warum die herausfordernden Symptome des Störungsbildes in Bezug auf die Systemische Therapie des Störungsbildes eine wichtige Bedeutung haben.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Historischer Überblick
3. Definition Persönlichkeitsstörung
4. Das Störungsbild Borderline
4.1. Die Persönlichkeit der Borderline-Patient*innen
4.1.1. Selbstbild
4.2. Emotionen
4.2.1. Wertvorstellung
4.2.2. Realitätsverzerrung
4.3. Das Erscheinungsbild der Borderline-Patient*innen
4.3.1. Beziehungen
4.3.2. Nähe und Distanz
4.3.3. Impulsivität
4.3.4. Selbstschädigende Handlungen
5. Systemische Borderline-Therapie
5.1. Systemische Interventionen
5.2. Systemische Familientherapie
5.3. Systemische Paartherapie
6. Handlungsfelder und Methoden der Sozialen Arbeit
6.1. Krankenhaussozialarbeit
6.2. Teilstationäre und ambulante Einrichtungen
6.3. Selbsthilfegruppen
6.4. Öffentlichkeitsarbeit
6.5. Angehörigenarbeit
6.6. Erlebnispädagogik
7. Systemische Soziale Arbeit
8. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS) aus einer systemischen Perspektive, wobei Symptome nicht als bloße Defizite, sondern als kreative, wenn auch herausfordernde Lösungsversuche der Betroffenen verstanden werden. Ziel ist es, den Nutzen systemischer Therapieansätze und Methoden der Sozialen Arbeit für den Umgang mit dieser Störung aufzuzeigen und die Dynamiken zwischen Symptomatik und sozialer Umwelt zu beleuchten.
- Verständnis der Symptomatik als Lösungsversuch
- Systemische Therapiemethoden in der Arbeit mit Borderline-Betroffenen
- Sozialarbeiterische Handlungsfelder im psychiatrischen Kontext
- Rolle der systemischen Sozialen Arbeit bei der Bewältigung ambivalenter Anforderungen
Auszug aus dem Buch
4.2. Emotionen
Ein weiterer Problembereich beschreibt die Schwierigkeiten der Betroffenen, auf Situationen angemessen emotional zu reagieren. Dies wird auch als Kernproblem dieser Persönlichkeitsstörung bezeichnet. Es handelt sich um eine tiefgreifende Störung der Emotionsregulation. Borderliner-Patient*innen erleben sehr intensive und extreme Gefühle, die abrupt in ihr Gegenteil umschlagen können. Dazu gehören positive Gefühlszustände (Liebe, Freude, Begeisterung), ebenso wie negative Gefühlszustände (Trauer, Zorn, Angst, Schuld, Scham), wobei negative Gefühle meist vorherrschen und sehr viel länger andauern. Stark ausschlagende, plötzliche eintretende Stimmungsschwankungen, denen Borderliner*innen gewissermaßen ausgeliefert sind, sind die Folge (Niklewski und Riecke-Niklewski 2011: 17).
Gemeinsam ist fast allen Patient*innen, dass sie oft mehrmals tägliche starke Spannungszustände erleben. So erleben Borderline-Patient*innen häufig intensive und langanhaltende Episoden von aversiver innerer Anspannung, die als äußerst peinigend erlebt werden (Kernberg u.a. 2006: 144). Das logische, planerische und selbstreflektierende Denken ist in diesen Hochstressphasen stark eingeschränkt und darauf fixiert, Möglichkeiten zu finden, um diese Zustände rasch zu beenden (Margraf und Schneider 2019: 473).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Stellt das Störungsbild BPS und das Ziel der Arbeit vor, das die systemische Betrachtung der Symptomatik als Lösungsversuch in den Fokus rückt.
2. Historischer Überblick: Beleuchtet die Entwicklung des Begriffs "Borderline" von der psychoanalytischen Einordnung bis zur Anerkennung als eigenständiges Störungsbild im DSM.
3. Definition Persönlichkeitsstörung: Definiert Persönlichkeitsstörungen als chronische, wenig veränderungsfähige Muster, die das soziale und berufliche Beziehungsverhalten beeinträchtigen.
4. Das Störungsbild Borderline: Beschreibt detailliert das Erscheinungsbild der Betroffenen, unterteilt in Selbstbild, emotionale Instabilität, Beziehungsdynamiken, Impulsivität und selbstschädigende Handlungen.
5. Systemische Borderline-Therapie: Erläutert den ressourcenorientierten systemischen Therapieansatz, der Symptome als Lösungsversuche umdeutet, sowie spezifische Interventionen, Familientherapie und Paartherapie.
6. Handlungsfelder und Methoden der Sozialen Arbeit: Analysiert die Aufgaben der Sozialen Arbeit im psychiatrischen Klinikalltag, in Wohngruppen und Beratungsangeboten zur Förderung der Klientenautonomie.
7. Systemische Soziale Arbeit: Diskutiert die Passung zwischen systemischem Denken und den ambivalenten Anforderungen der Sozialen Arbeit im Umgang mit Borderline-Betroffenen.
8. Fazit: Führt die psychischen Belastungen des Störungsbildes mit dem systemischen Modell zusammen und betont die Entlastung durch den Perspektivenwechsel weg von der Pathologie hin zur Ressourcenaktivierung.
Schlüsselwörter
Borderline-Persönlichkeitsstörung, Systemische Therapie, Soziale Arbeit, Emotionsregulation, Lösungsversuche, Identitätsstörung, Impulsivität, Selbstbild, Ressourcenorientierung, Symptomumdeutung, Interpersonelle Beziehungen, Psychoanalyse, Krisenintervention, Stigmatisierung, Beziehungsgestaltung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS) und analysiert, wie diese aus einer systemisch-theoretischen und praxisorientierten Perspektive verstanden und behandelt werden kann.
Welche zentralen Themenfelder behandelt die Autorin?
Die zentralen Themen umfassen die Definition und Symptomatik der BPS, die systemische Therapie unter Einbeziehung von Ressourcen sowie die verschiedenen Handlungsfelder der Sozialen Arbeit im Umgang mit betroffenen Klienten.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Das primäre Ziel ist es, ein Verständnis für die BPS-Symptomatik zu entwickeln, bei dem diese nicht als reines Defizit, sondern als Lösungsversuch für individuelle Probleme begriffen wird, und darauf aufbauend systemische Beratungsansätze zu erläutern.
Welche wissenschaftliche Methode wird primär verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine theoretische Aufarbeitung aktueller Fachliteratur und psychologischer sowie sozialpädagogischer Fachkonzepte zur systemischen Therapie bei Borderline-Störungen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine detaillierte Beschreibung des Erscheinungsbildes der Borderline-Persönlichkeit, eine Darstellung des systemischen Therapieansatzes und eine Analyse der spezifischen Einsatzgebiete der Sozialen Arbeit.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit am besten charakterisieren?
Systemische Soziale Arbeit, Borderline-Persönlichkeitsstörung, Ressourcenorientierung, Emotionsregulation und Symptomumdeutung.
Warum wird im Rahmen der Therapie eine "positive Konnotation" von Symptomen empfohlen?
Dies dient dem Perspektivenwechsel: Indem Symptome (wie Selbstverletzung als Notfallhilfe) als Lösungsversuche gewürdigt werden, verringert sich die Selbstabwertung und der Druck, was den Weg für die Entwicklung funktionalerer Verhaltensweisen ebnet.
Welche Rolle spielt die Soziale Arbeit laut der Autorin?
Die Soziale Arbeit fungiert als Bindeglied zwischen Klinik und Alltagswelt, unterstützt die Inklusion der Betroffenen und nutzt systemisches Wissen, um mit den alltäglichen Ambivalenzen der Profession professionell zu arbeiten.
- Citation du texte
- Duygu Gökce (Auteur), 2021, Borderline-Persönlichkeitsstörung. Symptome als Lösungsversuche, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1297643