Antisemitische Literatur?

Zur Antisemitismusproblematik bei Martin Walsers Roman "Tod eines Kritikers"


Hausarbeit, 2008
18 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Zur Vorgeschichte des Literaturskandals
2.1. Friedenspreisrede und Walser- Bubis- Debatte
2.2. Walser und Reich- Ranicki

3. Der Roman „Tod eines Kritikers“
3.1. Handlung
3.2. Analyse

4. Der Antisemitismusvorwurf

5. Walsers Stellungnahme

6. Was ist literarischer Antisemitismus?

7. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der 2002 erschienene Roman Martin Walsers „Tod eines Kritikers“ löste eine erhebliche Diskussion, sowohl in der journalistischen Berichterstattung, als auch in der Literaturkritik aus. Die Debatte um den Roman war gekennzeichnet durch den Vorwurf, Martin Walser hätte mit diesem Werk antisemitische Literatur vorgelegt.

Jedoch war nicht der Roman „Tod eines Kritikers“ an sich der Auslöser für die Antisemitismusdebatte um Martin Walser, sondern vielmehr der literarische und gesellschaftliche Kontext (z.B. die Walser-Bubis- Kontroverse), in dem der Roman entstand und veröffentlicht werden sollte. Frühere Werke Martin Walsers waren bereits mit dem Vorwurf des Antisemitismus behaftet (z.B. der Roman „Ohne Einander“) und auch öffentlich debattiert worden, worauf Martin Walser mit seiner Friedenspreisrede (1998) zu reagieren versuchte, um Stellung zu beziehen. Diese Rede wiederum schaffte neuen Diskussionsbedarf und der vier Jahre später erschienene Roman „Tod eines Kritikers“ verschärfte die Debatte um den Antisemitismus bei Martin Walser und schien diesen zu bestätigen.

Die vorliegende Hausarbeit beschäftigt sich vordergründig mit dem Roman „Tod eines Kritikers“ und dem damit verbundenen zugespitzten Antisemitismusvorwurf. Unverzichtbar für das Verständnis der Antisemitismusvorwürfe gegen Walser ist die Vorgeschichte des Romans: Zum einen die Friedenspreisrede und die Walser- Bubis- Debatte, die als „Erster Walser- Skandal“ bezeichnet werden. Zum anderen das Verhältnis zwischen Walser und Reich- Ranicki, da Letzterer eine Parodie des Protagonisten in „Tod eines Kritikers“ darstellt und Walsers Verhältnis zu dem Literaturkritiker maßgeblich die Absichten des Romans widerspiegelt. Das dritte Kapitel skizziert kurz die Romanhandlung und analysiert den Roman. Dabei spielen zwei Interpretationsdimensionen eine Rolle: 1. Die Analyse des Romans unter dem Aspekt des Antisemitismus und 2. unter dem Aspekt einer Literatursatire.

In Kapitel 4 wird der Antisemitismusvorwurf Schirrmachers gegen Walser beschrieben. Auf eine erschöpfende Darstellung der kompletten Debatte ist- aufgrund von Rahmenbedingungen dieser Arbeit- zu verzichten. Allerdings soll die Stellungnahme des Autors berücksichtigt werden.

Vordergründig soll die Hausarbeit vor allem von der Frage geleitet werden, wie dieser Roman einzuordnen ist: Hat Martin Walser mit seinem „Tod eines Kritikers“ tatsächlich einen antisemitischen Roman vorgelegt?

2. Zur Vorgeschichte des Literaturskandals

Walsers literarische Werke und öffentliche Gedanken widmen sich häufig dem Thema Deutschland nach 1945, sowie der deutsch-jüdischen Thematik. Diese komplexen Sachverhalte brachten Walser viel Aufmerksamkeit in politischen Debatten. Immer wieder betonte Walser sein fehlendes Schuldgefühl gegenüber Auschwitz, jedoch stets im Kontext seiner Subjektivität und– wohl wissend um vermeintliche Missverständnisse- der deutlichen Darlegung seines Standpunktes:

„Ich verspüre meinen Anteil an Auschwitz nicht, das ist ganz sicher. Also dort, wo das Schamgefühl sich regen, wo Gewissen sich melden müßte, bin ich nicht betroffen.“[1]

„Ich möchte immer lieber wegschauen von diesen Bildern. Ich muss mich zwingen hinzuschauen. […] Und wenn ich mich zwinge hinzuschauen, merke ich, daß ich es um meiner Zurechnungsfähigkeit willen tue.“[2]

Walsers provokante Gedanken plädieren jedoch weder für ein Vergessen der belasteten deutschen Geschichte, noch für eine Relativierung von Auschwitz. Vielmehr sind es Walsers persönliche Versuche, sich von dieser belasteten Vergangenheit zu befreien. Der Schreiber wählt die Perspektive eines deutschen Staatsbürgers, der die anerkannte Schuld der Nazis nicht auf sich nehmen will, da er sich nicht für deren Verbrechen verantwortlich sieht. Stets hat Walser daher den Wunsch nach nationalem Selbstbewusstsein gefordert.

Gegenstände dieses Kapitels sollen jedoch die umstrittene Friedenspreisrede Walsers, die daraus folgende sog. Walser- Bubis- Debatte und das Verhältnis Walsers zum berühmten Literaturkritiker Marcel Reich- Ranicki bleiben, da sie für das Verständnis der Antisemitismusdiskussion um den Roman „Tod eines Kritikers“ eine hohe Bedeutung haben.

2.1. Friedenspreisrede und Walser- Bubis- Debatte

Bereits 1998 geriet Martin Walser in den Antisemitismusverdacht, nachdem er anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels eine umstrittene Rede hielt und somit einen öffentlichen Antisemitismusskandal auslöste. Ignatz Bubis, der mittlerweile verstorbene Präsident des Zentralrates der Juden, verfolgte diese Rede und bekundete seinen Missmut, in dem er sich des anschließenden Applauses als einziger Zuhörer nicht angeschlossen hatte. Dass Bubis nicht applaudierte war Anstoß der „Walser- Bubis- Debatte“, einer öffentlichen Diskussion „über eine angemessene Erinnerung an die Zeit der Nazis“.[3]

Inhaltlich bemüht sich Walser in seiner Friedenspreisrede um den Umgang der Deutschen mit ihrer Vergangenheit. Dabei spielt nicht nur die NS- Zeit eine Rolle, sondern auch die deutsche Teilung und ihre Folgen.

Wie er selbst sagt, legt Walser mit dieser Rede eine „kritische Predigt“ vor. Die Auseinandersetzung mit der NS-Zeit klingt bereits am Anfang seiner Rede an, in der Walser Bezug nimmt zu Brechts Gedicht „An die Nachgeborenen“ („Was sind das für Zeiten, wo ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist, weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt!“) welches er abgewandelt zu der These führt: „über Bäume zu reden ist kein Verbrechen mehr, weil inzwischen so viele von ihnen krank sind.“[4]

Noch deutlicher auf Auschwitz bezogen, ist die folgende Aussage Walsers:

„Kein ernstzunehmender Mensch leugnet Auschwitz; kein noch zurechnungsfähiger Mensch deutelt an der Grauenhaftigkeit von Auschwitz herum; wenn mir aber jeden Tag in den Medien diese Vergangenheit vorgehalten wird, merke ich, daß sich in mir etwas gegen diese Dauerrepräsentation unserer Schande wehrt Anstatt dankbar zu sein für die unaufhörliche Präsentation unserer Schande, fange ich an wegzuschauen.“[5]

Bereits an dieser Aussage wird deutlich, dass der Antisemitismusvorwurf an Walser unangemessen ist. Ganz deutlich ist Auschwitz für Walser ein grauenhaftes Verbrechen. Vielmehr wehrt er sich gegen den unangemessenen Umgang der Medien mit der NS- Vergangenheit.

Problematisch und uneindeutig ist allerdings der Gebrauch des Verbs `wegschauen`, da dieses im Zusammenhang mit der NS- Zeit vorbelastet ist. Das Wegschauen war zur Nazi-Zeit, die Vorraussetzung dafür, dass die grauenhaften Verbrechen und systematischen Morde ungehindert stattfinden konnten. Allerdings fordert Walser hier nicht das Wegschauen vor diesen Verbrechen. Es geht ihm eher „um die Diskrepanz zwischen dem öffentlichen Diskurs von `Gewissensgrößen` und seiner eigenen Wahrnehmung“.[6]

Das folgende Zitat der Walser- Rede fasst zusammen, welche Absichten Walser mit seinen Ausführungen zur NS- Zeit verfolgt:

„Jeder kennt unsere geschichtliche Last, die unvergängliche Schande, kein Tag, an dem sie uns nicht vorgehalten wird. Könnte es sein, daß die Intellektuellen, die sie uns vorhalten, dadurch, daß sie uns die Schande vorhalten, eine Sekunde lang der Illusion verfallen, sie hätten sich, weil sie wieder im grausamen Erinnerungsdienst gearbeitet haben, ein wenig entschuldigt, seien für einen Augenblick sogar näher bei den Opfern als bei den Tätern? (…) Ich habe es nie für möglich gehalten, die Seite der Beschuldigten zu verlassen.“[7]

Walser bekennt sich deutlich zu der Schuld der Deutschen, von der man sich nicht lösen kann. Jedoch wehrt er sich gegen die Instrumentalisierung der Schuld zum Zwecke der Kompensation: Diejenigen, die öffentliche Schuldbekenntnisse einfordern, fühlen sich durch diese Handlung ein Stück besser und von der Schuld entlastet. Nach Walser ist diese Entlastung jedoch niemals möglich.[8]

Walsers Friedenspreisrede ist, wie an den exemplarisch geltenden Ausführungen gesehen, nicht antisemitisch ausgerichtet. Aus dem Kontext der Rede entrissene Schlagwörter wie „Moralkeule“, „Dauerrepräsentation unserer Schande“ oder „Instrumentalisierung der Schuld“ haben jedoch zu zahlreichen Missverständnissen um diese Rede geführt. So sahen sich rechte Parteien, wie die DVU, von Walser bekräftigt: „Um so mehr ist aber die Rechte daran interessiert, daß ein preisgekrönter Intellektueller wie Walser ihre ureigenen Anliegen in die Mitte der Gesellschaft trägt.“[9] Sicherlich kann Walser ein Versagen hinsichtlich der Präzision seiner Rede vorgeworfen werden. Ignatz Bubis hatte nach Walsers Rede diese Tatsache aufgegriffen und Walser als „geistigen Brandstifter“ bezeichnet, da Walsers Rede Spielraum für rechtsradikales Gedankengut öffne. Bubis setzte somit Walser mit den DVU- Vorsitzenden Frey und Schönhuber gleich.

Dies galt als Anstoß der Debatte und der öffentlichen Auseinandersetzung Walsers und Bubis.

Inhaltlich ging der Streit über eine angemessene Form des Erinnerns an Auschwitz. Während Bubis Begriffe wie „Moralkeule“, „wegschauen“ oder „Instrumentalisierung unserer Schande“ im Zusammenhang mit Auschwitz für unzulässig hielt, forderte Walser ein entritualisiertes und individuelles Erinnern, somit eine Enttabuisierung der während des Nationalsozialismus geprägten Begriffe. Walsers Innerlichkeit in Bezug auf die Aufarbeitung der NS-Zeit wurde von Bubis heftig kritisiert.

Seit der Friedenspreisrede und der daran anschließenden Walser- Bubis- Debatte ist Walsers Ruf in der Öffentlichkeit schwer beschädigt. Der vier Jahre später veröffentlichte Roman „Tod eines Kritikers“ stand im Schatten dieses „ersten“ Skandals und die Diskussion um den Antisemitismus bei Martin Walser entflammte erneut.

[...]


[1] „Unser Auschwitz“ zitiert nach Hofer, S. 33f

[2] „Auschwitz und kein Ende“, S. 31

[3] Hofer, S. 39

[4] Sonntagsrede S. 1

[5] ebd. S. 4

[6] Neuhaus, S. 26

[7] Sonntagsrede, S. 4

[8] Neuhaus, S. 27

[9] Rohloff, S. 66

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Antisemitische Literatur?
Untertitel
Zur Antisemitismusproblematik bei Martin Walsers Roman "Tod eines Kritikers"
Hochschule
Bergische Universität Wuppertal
Veranstaltung
Martin Walser
Note
1,3
Autor
Jahr
2008
Seiten
18
Katalognummer
V129821
ISBN (eBook)
9783640365296
ISBN (Buch)
9783640365029
Dateigröße
483 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Antisemitische, Literatur, Antisemitismusproblematik, Martin, Walsers, Roman, Kritikers
Arbeit zitieren
Liwia Kolodziej (Autor), 2008, Antisemitische Literatur?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/129821

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