1. Einleitung
„Der Tod in Venedig“ ist eine Novelle, in der eine ständige Todesstimmung vorherrscht. Der Leser wird kontinuierlich mit dem Thema konfrontiert, und egal ob Wetter oder Umgebung, in jeder Situation erscheinen gewisse Merkmale die den Untergang der Hauptfigur ständig vorausdeuten. An den Schaltstellen der Novelle aber stehen allegorisierende Konfigurationen des Todes, die jedoch nie aus dem realistischen Handlungsgefüge herausfallen. Der fremde Reisende vor dem Münchner Nordfriedhof, der Aschenbachs pathologische, »ins Leidenschaftliche, ja bis zur Sinnestäuschung« (13) gesteigerte Reiselust weckt, der jung geschminkte Greis auf dem Schiff, der finstere Gondoliere, der Straßensänger auf dem Lido und schließlich jener antik-schöne, doch kränkliche Polenknabe Tadzio als Hermes Psychagogos: Sie alle haben für den Leser eine vorausdeutende Funktion, Aschenbach führen sie immer tiefer in das ausweglos-einsame Abenteuer der Entwürdigung und der tödlichen Krankheit.
2. Leitmotivdefinition
Ein Leitmotiv ist eine einprägsame, im selben oder annährend gleichen Wortlaut wiederkehrende Aussage, die einer bestimmten Gestalt, Situation, Gefühlslage oder Stimmung, auch einem Gegenstand, einer Idee oder einem Sachverhalt zugeordnet ist. Diese wird oft zusammen mit einem rhythmischen oder klanglichen Mittel wie Reim und Alliteration verwendet und wirkt durch ihr mehrfaches Auftreten gliedernd und akzentuierend. Außerdem kann sie Zusammenhänge vorausdeutend oder rückverweisend hervorheben sowie zur literarischen Symbolbildung eines Werkes beitragen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Leitmotivdefinition
3. Die Todeskonfigurationen
3.1. Der fremde Wanderer am Münchner Friedhof
3.2. Der Greis auf dem Schiff
3.3. Der Gondoliere
3.4. Der Straßensänger
3.5. Verknüpfungen
4. Tadzio als Hermes psychagogos und die Parallele zu den Todeskonfigurationen
5. Die gesteigerte Auflösung hin zu Entsittlichung und Kriminalität
6. Mephitischer Odem und Urwaldvisionen im Zeichen der Cholera
7. Schicksal des Künstlertums
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die leitmotivische Struktur der Novelle "Der Tod in Venedig" von Thomas Mann, mit dem primären Ziel, die symbolische Funktion der Todesboten und deren Einfluss auf die psychologische und moralische Entwicklung der Hauptfigur Aschenbach aufzuzeigen.
- Analyse von Todeskonfigurationen als wiederkehrende Leitmotive
- Untersuchung der mythischen Dimensionen (Hermes psychagogos und Dionysos-Bezug)
- Verbindung zwischen äußerem Verfall der Stadt und innerer Entsittlichung Aschenbachs
- Deutung der künstlerischen Existenzform zwischen Ordnung und Abgrund
Auszug aus dem Buch
3.3. Der Gondoliere
„Er war ein Mann von unauffälliger, ja brutaler Physiognomie, seemännisch blau gekleidet, mit einer gelben Schärpe gegürtet und einen formlosen Strohhut, dessen Geflecht sich aufzulösen begann, verwegen schief auf dem Kopfe. Seine Gesichtsbildung, sein blonder lockiger Schnurrbart unter der kurz aufgeworfenen Nase ließen ihn durchaus nicht italienischen Schlages erscheinen. Obgleich eher schmächtig von Leibesbeschaffenheit, so dass man ihn für seinen Beruf nicht sonderlich geschickt geglaubt hätte, führt er das Ruder, bei jedem Schlage den ganzen Körper einsetzend, mit großer Energie.“ (43)
Er zieht bei der Arbeit "vor Anstrengung die Lippen zurück und entblößt seine weißen Zähne" und „die rötlichen Brauen gerunzelt, blickte er über den Gast hin weg, indem er bestimmten, fast groben Tones erwiderte: >Sie fahren zum Lido.<“ (43) Zu seiner ohnehin kriminellen Ausstrahlung kommt hinzu, dass er als Gondoliere keine Konzession besitzt. (46)
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einführung thematisiert die ständige Todesstimmung in der Novelle und stellt die allegorischen Todeskonfigurationen vor, die den Protagonisten Aschenbach in sein Verderben führen.
2. Leitmotivdefinition: Das Kapitel definiert den Begriff des Leitmotivs als einprägsames, wiederkehrendes Mittel der literarischen Symbolbildung und Strukturierung eines Werkes.
3. Die Todeskonfigurationen: Hier werden die verschiedenen fremdartigen Gestalten analysiert, die Aschenbachs Weg säumen und als Boten des Todes fungieren.
4. Tadzio als Hermes psychagogos und die Parallele zu den Todeskonfigurationen: Der Fokus liegt auf der mythologischen Deutung von Tadzio als Seelenführer und dessen ikonographischer Verbindung zu den anderen Todesboten.
5. Die gesteigerte Auflösung hin zu Entsittlichung und Kriminalität: Dieses Kapitel betrachtet die psychologische und moralische Auflösung Aschenbachs im Kontext der in Venedig grassierenden Krankheit.
6. Mephitischer Odem und Urwaldvisionen im Zeichen der Cholera: Hier wird die Symbolik von Geruch und Atmosphäre sowie deren Verknüpfung mit den tropischen Ursprungsvisionen der Krankheit untersucht.
7. Schicksal des Künstlertums: Den Abschluss bildet eine kritische Auseinandersetzung mit der Existenzform des Künstlers und dem Untergangs-Szenario als Konsequenz der Abkehr von Ordnung und Würde.
Schlüsselwörter
Thomas Mann, Der Tod in Venedig, Leitmotiv, Todeskonfigurationen, Aschenbach, Tadzio, Hermes psychagogos, Symbolik, Künstlertum, Cholera, Entsittlichung, Mythologie, Novelle, Dekadenz, Eros.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit im Kern?
Die Arbeit analysiert die Struktur der Leitmotivik in Thomas Manns "Der Tod in Venedig" und zeigt auf, wie der Tod durch allegorische Figuren und symbolische Versatzstücke kontinuierlich in der Erzählung präsent ist.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die zentralen Felder sind die Identifikation von Todesboten, die mythologische Einordnung von Tadzio als Hermes, die Verbindung zwischen Krankheit und sittlichem Verfall sowie die Problematik des Künstlertums.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, nachzuweisen, dass Aschenbachs Untergang kein zufälliges Ereignis ist, sondern eine durch Leitmotive konsequent vorbereitete und symbolisch begleitete Entwicklung.
Welche wissenschaftliche Methode wird primär angewandt?
Es handelt sich um eine textanalytische Untersuchung, die sich auf die Motivgeschichte und die literaturwissenschaftliche Interpretation der Erzählsymbole stützt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden die einzelnen Todeskonfigurationen (Wanderer, Greis, Gondoliere, Straßensänger) detailliert porträtiert und deren funktionale Rolle für die Handlung sowie die mythologische Verknüpfung mit Hermes und Dionysos erläutert.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am stärksten?
Die Begriffe Leitmotiv, Todesboten, psychologische Auflösung, Entsittlichung und Hermes-Mythos stehen im Zentrum der begrifflichen Untersuchung.
Wie unterscheidet sich Tadzio von den anderen "Todesboten"?
Während die anderen Gestalten (wie der Gondoliere oder der Straßensänger) eher grotesk und dem Tod durch ihre Physiognomie verpflichtet sind, verkörpert Tadzio den Tod in der Gestalt des schönen Jünglings und mythischen Seelenführers.
Inwieweit spielt die Umgebung Venedigs eine Rolle bei der Todeserfahrung?
Die Stadt Venedig selbst wird durch den fauligen Geruch und den Schmutz zu einem Spiegel der inneren, moralischen Zersetzung Aschenbachs, wobei die Cholera das ordnungsauflösende Element darstellt.
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- M.A. Saskia Dams (Author), 2001, Das Leitmotiv Tod im 'Tod in Venedig' von Thomas Mann, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1300