1. Einleitung
“Jede Geschichte lässt sich auf fünf Millionen verschiedene Arten erzählen” , heißt es. Diese Zahl, so übertrieben sie sein mag, drückt aus, dass Geschichten, auch wenn sie den gleichen Sachverhalt behandeln, sich eben nicht gleichen müssen. Wer erzählt wie und warum und aus welchem Kontext heraus?
Über Charlotte von Mahlsdorf wurden und werden viele Geschichten erzählt, deren Wahrheitsgehalt von einigen nicht bestritten, von anderen vollständig negiert wird. Sie selbst war eine große Geschichtenerzählerin. Gegenstand aller Geschichten von ihr und über sie war und ist sie selbst, ihr Leben, ihre Lebensmittelpunkt, das Gründerzeitmuseum in Berlin, Mahlsdorf, festgehalten und erhalten durch verschiedenste Medien. Rosa von Praunheim drehte zwei Filme, Peter Süß schrieb zwei Bücher, es gibt zwei Theaterstücke, in denen das Leben der Charlotte von Mahlsdorf auf der Bühne inszeniert wird. Hier deutet sich bereits die Doppelbödigkeit der Geschichten an. Es gibt stets zwei, so als bilde die eine das Korrektiv der anderen, als wäre die ambivalente Persönlichkeit dieses Menschen anders nicht greifbar, wenn sie überhaupt greifbar ist. Daneben finden sich weitere Bücher, Internetseiten, ein Hörbuch. Und auch Menschen, die Charlotte von Mahlsdorf mehr oder weniger gut kannten, erzählen ihre Geschichte(n). Sie alle zusammen bilden einen Flickenteppich der Persönlichkeit und des Lebens der Charlotte von Mahlsdorf, unübersichtlich und ambivalent, in der Schwebe zwischen Fiktion und Fakten.
In dieser Arbeit sollen einige dieser Werke, näher betrachtet werden, daraufhin befragt werden, wie und welches Bild sie von Charlotte von Mahlsdorf transportieren, in welchen Punkten sie sich möglicherweise gleichen, in welchen sie abweichen.
Besonderes Interesse gilt in diesem Zusammenhang den beiden Filmen, die Rosa von Praunheim über und mit Charlotte von Mahlsdorf drehte: „Ich bin meine eigene Frau“ und „Charlotte in Schweden“ , der von Peter Süß herausgebrachten Autobiographie gleichen Titels und dem Theaterstück Doug Wrights, das gleichsam diesen Titel trägt, wenn auch in der englischen Übersetzung „I am my own wife“ . Auch das Theaterstück von Peter Süß, das hier nicht weiter aufgegriffen wird, trägt den Titel „Ich bin meine eigene Frau“. ....
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Charlotte: Biographie und Brüche
3. Rosa von Praunheims „Ich bin meine eigene Frau“
3.1. Handlung
3.2. Konzeption des Films
4. Peter Süß`: „Ich bin meine eigene Frau“
5. Zur Wirkung von Film und Buch
6. Rosa von Praunheims „Charlotte in Schweden“
7. Doug Wrights „I`m my own wife“
8. Schluss
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die mediale Konstruktion der Figur Charlotte von Mahlsdorf. Ziel der Analyse ist es aufzuzeigen, wie unterschiedliche Werke – Filme, eine Autobiografie und ein Theaterstück – das Leben und die Identität von Mahlsdorfs darstellen, wo diese Darstellungen voneinander abweichen und inwiefern sie ein ambivalentes Bild zwischen Mythos und Realität erzeugen.
- Analyse der narrativen Inszenierung in Filmen von Rosa von Praunheim.
- Untersuchung der biographischen Darstellung und Leerstellen in der Autobiografie von Peter Süß.
- Kritische Betrachtung der Dekonstruktion des Mythos im Theaterstück von Doug Wright.
- Reflexion über das Verhältnis von Fakt und Fiktion in den Erzählungen von Charlotte von Mahlsdorf.
- Untersuchung des gesellschaftlichen Bedürfnisses nach der Figur als Sympathieträgerin.
Auszug aus dem Buch
3.2. Konzeption des Films
„Ich bin meine eigene Frau“ wurde erstmals 1992 öffentlich gezeigt.19 Er wird unter dem Genre Dokumentarfilm geführt, jedoch mit der Anmerkung eher eine „Mischung aus Dokumentar- und Spielfilm“20 zu sein.
Charlotte von Mahlsdorf erzählt ihr Leben. Dies tut sie auf zweierlei Art. Zum einen tritt sie selbst als Person auf, die aus dem Off oder im Bild erzählt, zum anderen werden einige Episoden ihres Lebens nachgestellt, mit zwei Darstellern, die Charlotte in jüngeren Jahren spielen. Der Film enthält somit Spielelemente, enthält aber auch Merkmale einer Dokumentation. Die Darsteller fallen beständig aus ihren Rollen, ihre Identität als Darsteller wird den Betrachter/innen bewußt gemacht. Die jungendliche Charlotte fragt ihr älteres Alter ego, ob in ihrer Familie alle Nationalsozialisten gewesen seien, die schon etwas ältere Charlottedarstellerin erkundigt sich bei der realen Charlotte, wie sie ihre Rolle zu spielen hätte, der brutale Vater begegnet als ruhiger Darsteller, der ein Gespräch über seine Rolle mit Charlotte von Mahlsdorf führt. Auch hier verschwimmen wieder Fakt und Fiktion. Zwischen den gespielten Episoden finden sich Interviews wie sie auch in Dokumentationen zu finden sind, mit Charlotte und Menschen aus ihrem Umfeld, ihrer Gegenwart und Vergangenheit, so zum Beispiel mit den Frauen, die mit ihr zusammenleben und den Mitstreiter/innen der Homosexuellenvereinigung.
Der Film thematisiert sein eigenes Entstehen. Er setzt sich wie ein Puzzle aus vielen Geschichten und Erzählperspektiven zusammen. Hinzu kommt, dass die Rollen, besonders die der Charlotte, mit Darstellern besetzt sind, die eben nicht Schauspieler/innen sind, sondern Laien. Dadurch wirken die Spielszenen wie Proben eines Laienensembles und es wird so hervorgehoben, dass, besonders wenn die reale Charlotte zum jüngeren Alter ego hinzutritt, die Betrachter/innen es hier mit nachgestellten, Szenen zu tun haben, die die Erinnerungen von Charlotte von Mahlsdorf in Bild und Ton umwandeln.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Ambivalenz der Person Charlotte von Mahlsdorf ein und definiert den Untersuchungsgegenstand: den medialen Umgang mit ihrem Leben zwischen Mythos und Realität.
2. Charlotte: Biographie und Brüche: Dieses Kapitel skizziert den Lebensweg von Lothar Berfelde alias Charlotte von Mahlsdorf, inklusive der Kontroversen um ihre Stasi-Tätigkeit und ihren Umzug nach Schweden.
3. Rosa von Praunheims „Ich bin meine eigene Frau“: Es wird die filmische Handlung sowie die hybride Konzeption des Dokudramas analysiert, das die öffentliche Wahrnehmung maßgeblich prägte.
4. Peter Süß`: „Ich bin meine eigene Frau“: Hier wird die Autobiografie untersucht, wobei der Fokus auf den narrativen Mustern und den biographischen Leerstellen liegt.
5. Zur Wirkung von Film und Buch: Dieses Kapitel beleuchtet den Streit um die mediale Adaption und wie durch Film und Buch eine fiktionalisierte Medienfigur entstand.
6. Rosa von Praunheims „Charlotte in Schweden“: Die Analyse des Kurzfilms zeigt dessen Versuch, ein Korrektiv zum ersten Film darzustellen und offene Fragen zu adressieren.
7. Doug Wrights „I`m my own wife“: Die Untersuchung des Theaterstücks thematisiert die Dekonstruktion des Mythos und die Reflexion des Autors über seine eigene Beziehung zur Protagonistin.
8. Schluss: Das Fazit fasst zusammen, dass erst das Drama von Doug Wright eine kritische Distanz ermöglicht, während ein gesellschaftliches Bedürfnis nach dem „Ideal“ Charlotte bestehen bleibt.
Schlüsselwörter
Charlotte von Mahlsdorf, Rosa von Praunheim, Peter Süß, Doug Wright, Transvestit, Identität, Mythos, Autobiografie, Stasi, Dokumentarfilm, Fakt und Fiktion, Gründerzeitmuseum, DDR, Inszenierung, Medienfigur.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der medialen Inszenierung der Lebensgeschichte von Charlotte von Mahlsdorf und untersucht, wie verschiedene Kunstformen – Film, Buch und Theater – ihr Leben darstellen und dabei den Mythos der Person konstruieren und dekonstruieren.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zentrale Themen sind die Identitätsbildung als Transvestit in zwei Diktaturen, das Spannungsfeld zwischen der realen Person und der öffentlichen Medienfigur sowie das Problem der Authentizität und Wahrheit in autobiografischen Erzählungen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die Diskrepanzen in den unterschiedlichen Darstellungen von Charlotte von Mahlsdorf aufzuzeigen und zu analysieren, warum das öffentliche Bedürfnis, sie als „Ideal“ zu sehen, oft eine kritische Auseinandersetzung erschwert.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden angewendet?
Die Autorin verwendet eine vergleichende Medienanalyse, bei der filmische Dokumentationen, autobiografische Texte und eine theaterwissenschaftliche Analyse gegenübergestellt werden, um die Konstruktion der Figur aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten.
Was steht im Hauptteil der Arbeit im Vordergrund?
Im Hauptteil werden nacheinander die Filme von Rosa von Praunheim, das Buch von Peter Süß und das Theaterstück von Doug Wright detailliert analysiert und auf ihre Darstellung von Charlottes Leben und ihrer politischen Vergangenheit (Stasi) hin befragt.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit charakterisieren?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie mediale Konstruktion, Authentizität, Mythosbildung, Autobiografik, Stasi-Vergangenheit und das Wechselspiel zwischen Fakt und Fiktion charakterisieren.
Wie unterscheidet sich Doug Wrights Herangehensweise von den anderen Werken?
Im Gegensatz zu Rosa von Praunheim und Peter Süß, die eher ein affirmatives Bild zeichnen, wählt Wright eine dekonstruktive Perspektive, in der er sich selbst als Autor und Suchenden in das Stück einbaut, um die Unmöglichkeit der „Wahrheitsfindung“ zu reflektieren.
Warum ist die „Stasi-Vergangenheit“ für die Analyse so wichtig?
Die IM-Tätigkeit („Park“) stellt eine zentrale biographische Leerstelle dar, die in vielen frühen Werken ausgeblendet wurde. Die Auseinandersetzung mit dieser Tatsache ist entscheidend, um den Bruch zwischen dem konstruierten „heiligmäßigen“ Ideal und der komplexen Realität der Person zu verstehen.
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- Katja Losensky (Author), 2008, Der intermediale Zugriff auf die Figur der Charlotte von Mahlsdorf , Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/130188