Sein und Schein in Madame de Lafayettes "Princesse de Clèves"


Hausarbeit, 2008

23 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Hof Heinrichs II.

3. Schein in Princesse de Clèves
3.1 Bienséance und Vraisemblance
3.2 Magnifiquence und Esprit
3.3 Honnêtes Gens
3.4. Die Motive vertu und raison vs. passion
3.5. Die zentrale Szene des Romans: das Geständnis

4. Sein in Princesse de Clèves
4.1 Heuchelei und Machtkämpfe
4.2. Liebe und ihre Macht am Hofe

5. Schlussbetrachtung

Bibliographie

Primärliteratur

Sekundärliteratur

1. Einleitung

Mit der zuerst anonymen Veröffentlichung des Romans Princesse de Clèves von Madame de Lafayette im Jahr 1678 wurde eine neue Entwicklung des französischen Romans eingeleitet. Die Form ihres Romans ist eine Mischung aus Geschichtsschreibung und psychologischem Roman und wird nouvelle historique genannt: „Wegen der den 'Prozess der Desillusionierung' gnadenlos offenlegenden 'science du coeur' wird das Werk vielfach als Beginn des modernen psychologischen Romans verstanden“(Walter 1990:923). Der Roman Princesse de Clèves, der eine neue, genaue und detaillierte Darstellung von Gefühlen, Liebe und Leidenschaft beinhaltet, trägt lediglich aufgrund seiner Länge die Bezeichnung Roman. Außerdem wurde die Zeitspanne, in der das Geschehen abläuft auf ein Jahr reduziert, was sich wiederum von den „heroisch-galanten“ (Walter 1990:922) Vorgängern absetzt. Dennoch versuchte Madame de Lafayette die Größe und Macht des Hofes hervorzuheben. Das Werk zeichnet ein Bild des Hoflebens Heinrichs II und gibt den Lesern des 17. Jahrhunderts ein Gefühl von Verbundenheit zu ihrer grossartigen, noblen Herkunft. Dennoch stimmen die Beschreibungen des Hofes auch mit dem Ludwigs XIV überein, an dessen Hof die Autorin des Romans lebte. Dieser hatte durch die Anwesenheit des Adels am Hof mehr Einfluss auf deren Handeln und der König konnte sich somit über die Loyalität des Adels sicher sein bzw direkt darauf Einfluss nehmen.

Anders als in dem bisher bekannten „heroisch-galanten Roman“ wird in der nouvelle historique das Leben der Princesse, obwohl sie angestrengt versucht, vernunftgemäß und tugendhaft zu handeln, vom Unheil überschattet, denn ihr Dasein wird von Liebe, Intrigen und Machtspielen überhäuft. Das Aufkommen der 'nouvelle historique' resultierte aus verschiedenen psychologischen, ästhetischen und sozialen Faktoren. Im psychologischen Bereich waren Geschichte und Fiktion bereits eng mit einander verknüpft, beide betonten die Rolle der Leidenschaften im menschlichen Leben.[1] Beeinflusst von der doctrine classique wurde die Forderung nach vraisemblance und bienséance größer.[2]

Diese neue Form des Romans nutzte die unmittelbar vergangene nationale Geschichte, dabei „dient […] die Situierung in einem präzisen historischen Kontext jedoch nur der Schaffung eines „realistischen“ Ambientes; die Protagonisten und ihre Abenteuer bleiben rein fiktiv.“[3]

Diese Konzeption erlaubt dem Autor einerseits die Probleme der Imagination zu verlassen, unter dem historischen 'Deckmantel' nämlich kann der Roman den Vorwürfen der Unwahrscheinlichkeit entkommen und andererseits wird der Roman als viel moralischer empfunden.[4] „La fiction est ainsi habilement introduite sous le couvert de l’Histoire.“ (Francillon 1973:99).

Das Leben, das von Madame de Lafayette in ihrem Roman Princesse de Clèves beschrieben und geschaffen wird, bezieht sich ausschließlich auf das höfische Leben des Adels. Religion, historische Ereignisse, Beschreibungen wie z.B. Naturbeschreibungen oder das Leben der Bevölkerung außerhalb des königlichen Hofes werden nicht thematisiert, denn Madame de Lafayette war lediglich daran interessiert, die Seele des Hofes und die Funktion und Rolle des Königs in der Welt darzustellen. Sie selbst sagte über ihr Buch in einem Brief an Lescheraine vom 13. April 1678:

Il n'y a rien de romanesque et de grimpé: aussi n'est-ce pas un roman: c'est proprement de mémores [...] c'est une parfaite imitation du monde de la cour et de la manière dont ony vit.(Madame de Lafayette 1942:2 tomes)

E. Köhler (1959:87) sagt außerdem, dass sich der Roman auf „keine andere Moral, als die der ständischen Gesellschaft“ bezieht.

Im Folgenden wird diese Moral, die nach außen von Jedem am Hof streng beachtet und befolgt wird, näher betrachtet. Denn mithilfe des Romans kann gezeigt werden, dass diese Moral oft nur Schein ist. Solange man scheinbar der Etikette und bienséance folgt, kann das Leben am Hofe in seinen geregelten Bahnen laufen. Die Höflinge können ihr intrigantes Spiel führen und weiterführen und versuchen, ihre Gegner als unmoralisch und niederträchtig darzustellen.

2. Der Hof Heinrichs II.

Die langatmige, ausführliche Beschreibung des Hofes auf den ersten Seiten hat schon viele Leser angestrengt. Valincour (1925:91) sagte dazu: en lisant cette longue description de la Cour [...] je crus que j'allais lire l'histoire de France.

Diese Beschreibung des Hofes grenzt die Geschichte auch ein, sie spielt nämlich während der letzten Jahre Heinrichs des II. Die meisten Daten und Ereignisse in der Princesse de Clèves sind überprüfbar und somit auch exakt. Alle Personen, bis auf zwei haben tatsächlich gelebt: Mme de Chartres und ihre Tochter sind der Phantasie von Mme de Lafayette entsprungen. Allerdings muss hinzugefügt werden, dass die anderen Personen lebten, allerdings nicht genau zu der Zeit, in der die Geschichte spielt. M. de Clèves war zum Beispiel im Jahre 1558 erst drei Jahre alt. Weitere Unebenheiten lassen sich feststellen.

Dennoch hat dieser Roman nicht nur aufgrund der teils wenig exakten Einbettung in die Geschichte viel Aufsehen erregt und bot Anlass zu heftigen Diskussionen. Der Hof stellt nicht nur den Schauplatz für eine Erzählung über private Beziehungen dar. Die Interaktion zwischen Öffentlichkeit und Privatem steht im Mittelpunkt, wobei hier das Private auch als das 'Geheime' bezeichnet werden kann.

Was genau also ist der Hof? Bei genauerem Betrachten des Vokabulars des Romans wird deutlich, dass er Treffpunkt von zwei überaus wichtigen Elementen darstellt: Liebe und Auftreten. Die magnificence, galanterie und éclat in den ersten Sätzen des Romans unterstreichen den Stellenwert des Schauspiels: « An important part of the Court's existence is to be seen existing »(Campbell 1996:87).

Dennoch liegt eine versteckte Ironie in diesen ersten Sätzen des Romans. Denn nach diesen ausgiebigen Beschreibungen und Lobpreisungen wird dem Leser eine weitere Welt eröffnet. Diese Welt stellt die Schattenseiten des Lebes am Hof dar, politische und private Rivalität zwischen einigen Hauptpersonen, sowie Haß und Intrigen. Der Roman Princesse de Clèves spielt mit dem nach außen gezeigtem Glanz und dem dahinter verborgenem Abgrund.

3. Schein in Princesse de Clèves

3.1 Bienséance und Vraisemblance

In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts wurde die Forderung nach mehr Realismus, nach mehr Darstellung des wahren Lebens, in der Literatur laut. Damit wurden sowohl der heroisch-galante Roman als auch der komische Roman abgelöst, die jeweils beide die Wirklichkeit verzerrt wiedergaben. Die neue Form, die nouvelle historique, verpflichtete sich der Wahrheit in Bezug auf die Geschichtsabläufe und spielte somit meist in der nahen Vergangenheit: „Dans la Princesse de Clèves, il n’y a que les personnages secondaires qui soient historiques“ (Ashton 1922:161). Der historische Rahmen, welcher ein Garant für die Wahrscheinlichkeit ist, tritt allerdings für die Darstellung der Hauptpersonen und Haupthandlung in den Hintergrund. Die Hauptpersonen sind allerdings fiktiv. Aufgrund der wünschenswerten vraisemblance bezieht sich der Roman auf eine nicht weit entfernte Zeitgeschichte, nämlich auf das Leben am Hofe Heinrichs II. Obwohl die Figur Heinrichs II in keinster Weise mit der Ludwigs XIV gleichzusetzen ist -die beiden Männer sind grundverschieden- kann das Leben am königlichen Hof allerdings verglichen werden:[5] « La même indiscutable grandeur du roi due au rang et au pouvoir, les mêmes irritantes manifestations d'ingérence dans la vie privée, ou encore les mêmes alternances de favoritisme et de disgrâce » (Levillain 1995:49).

Um die gewünschte Wahrscheinlichkeit, also vraisemblance zu erreichen, wurden die Figuren nicht idealisiert, sondern sie und ihre Umgebung demaskiert und desillusioniert. Die Liebe galt nicht nur noch als wünschenswert, sie beinhaltete auch Gefahren. Die Princesse wurde durch ihre Liebe und Leidenschaft zu dem Duc de Nemours von ihrem ruhigen Leben abgebracht und brachte ihren repos in Gefahr.[6]

Charakteristisch ist das Ambiente, welches in dem Roman geschaffen wird. Der Roman ist komplett von galanteries und magnifiquence durchzogen. Deutlich werden diese sehr wichtige Höflichkeit und bienséance und die damit verbundene Verstellung durch die Abhängigkeit von der Gunst des Königs. Das Hofleben wird von Intrigen, Enttäuschungen und tiefem sozialen Fall bestimmt, und die Verstellung, die Heuchelei, wird mit der nötigen Aufrechterhaltung des äußeren Scheins begründet und ist sozusagen lebensnotwendig.[7] Jedes Mitglied der Hofgesellschaft spielt eine Rolle. Die Hofgesellschaft ist sich dessen bewusst, akzeptiert dieses Spiel und gibt ihr Bestes, sich selbst einen Vorteil zu verschaffen, indem sie mitspielt. Diese Intrigen, die nötig sind, um sich am Hof zu behaupten, müssen aber möglichst geheim und fern ab der Öffentlichkeit im Dunkeln geschehen, damit wiedermals der Schein gewahrt bleibt.[8] Denn ein Öffentlichwerden des unmoralischen Handelns könnte zu einem tragischen Ende der angesehenen Existenz werden, da die bienséance nicht gewahrt werden kann und somit die Anforderungen an einen Höfling oder an einen tugendhaften Menschen nicht erfüllt werden.

Im Folgenden wird dieser Bruch von Sein und Schein näher erklärt werden. Mithilfe von Beispielen aus dem Text wird gezeigt. wie Madame de Lafayette diesen Spagat zwischen äußerem Schein und wirklichem Sein schafft.

[...]


[1] Vgl. Woshinsky (1973), 48.

[2] Vgl. Grewe (1998), 124/125.

[3] Vgl. Ebd., 126.

[4] vgl. Grande (1999),370/371.

[5] Vgl. Francillon (1973), 135.

[6] Vgl. Grewe (1998), 124.

[7] Vgl. Kaps (1968), 11.

[8] Vgl. Bergner (1988), 104.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Sein und Schein in Madame de Lafayettes "Princesse de Clèves"
Hochschule
Universität zu Köln  (romanisches Seminar)
Veranstaltung
Hauptseminar
Note
2,3
Autor
Jahr
2008
Seiten
23
Katalognummer
V130210
ISBN (eBook)
9783640385812
ISBN (Buch)
9783640386246
Dateigröße
505 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sein, Schein, Madame, Lafayettes, Princesse, Clèves
Arbeit zitieren
Laura O. (Autor), 2008, Sein und Schein in Madame de Lafayettes "Princesse de Clèves", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/130210

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