Individuum und Gesellschaft in Pirandellos Il fu Mattia Pascal


Hausarbeit (Hauptseminar), 2002

22 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Individuum
a) Individuum und Individualität
b) Identität und Namensgebung
c) Identitätskrise
d) Identitätswechsel
e) die „neue“ Identität

3. Gesellschaft
a) Modernisierungskritik
b) Freiheit und Eskapismus
c) Politik
d) Die Identitätskrise der Gesellschaft: „Maledetto sia Copernico!“

4. Individuum und Gesellschaft

5. Bibliographie

1. Einleitung

„Il fu Mattia Pascal“ ist die Geschichte des „Individuums“ Mattia Pascal, der totgeglaubt die Verwechslung zum Anlass nimmt um sich unter anderem Namen – Adriano Meis- eine neue Existenz aufzubauen um endlich aus seiner verhassten Realität gesellschaftlicher Zwänge im ländlichen Ligurien auszubrechen. Schon bald kommt er jedoch zu der Erkenntnis, dass die vermeindliche neue Freiheit, die er sich von seinem Identitätswechsel versprochen hatte, durch neue gesellschaftliche Zwänge eingeschränkt wird. Die Illegalität seiner neuerworbenen Identität beraubt ihn der Möglichkeit des Agierens innerhalb der von der Gesellschaft vorgegebenen Bahnen und macht ihn quasi vogelfrei. Nach Adriano Meis’ Scheitern kehrt ein desillusionierter Mattia Pascal zurück um seinen angestammten Platz in der Gesellschaft wieder anzunehmen, der mittlerweile aber bereits ersetzt wurde. Daraufhin wird Mattia Pascal zum „fu Mattia Pascal“, der sich seine Identität in der Fiktion seiner niedergeschriebenen Memoiren selbst schaffen kann und somit in der Welt der Kunst die Freiheiten findet, die ihm in der gesellschaftlichen Realität verwehrt geblieben sind.

Die Problematisierung der Konzepte von Individuum, Identität und Gesellschaft ist charakterisatisch für das Gesamtwerk Pirandellos und lässt sich anhand seines 1904 erschienenen Roman „Il fu Mattia Pascal“ exemplarisch aufzeigen. Im Folgenden sollen die Themenbereiche „Individuum“ und „Gesellschaft“ betrachtet werden, und in Relation zu Pirandellos Poetik gesetzt werden.

2. Individuum

a) Individuum und Individualität

Das Individuum als psychlogisches und soziales Konzept findet seine Darstellung in Pirandellos Roman in der Figur des Mattia Pascal. Das Individuum steht im Gegensatz zur Gesellschaft, seine Individualität im Gegensatz zur unterschiedslosen Masse. Es ist Teil der Gesellschaft und dessen kleinste, unteilbare Einheit, ähnlich einem Elementarteilchen. Die Bezeichnung geht auf lateinisch INDIVIDUUM zurück, was „das Unteilbare“ bedeutet, also auf dessen Ganzheit hinweist, und Individualität steht für die Eigenartigkeit und Einmaligkeit eines solchen Wesens. Das heißt der Mensch Mattia Pascal ist immer er selbst, unabhängig davon, wie er sich nennt. Dementsprechend ist die Figur, auf die sich der Erzähler Mattia Pascal im Roman bezieht auch immer Mattia Pascal, nämlich er selbst. Die von Pirandello gewählte Form der Ich-Erzählung untersteicht beim Leser den Eindruck der Individualität des Protagonisten, der als einzige vermittelnde Instanz das Geschehen erzählt.

b) Identität und Namensgebung

Eine zentrale Rolle spielt in diesem Zusammenhang auch der Name, wie bereits in der vielzitierten einleitenden Passage des ersten Kaptitels (Premessa) deutlich wird:

Una delle poche cose, anzi forse la sola ch’io sapessi di certo era questa: che mi chiamavo Mattia Pascal. E me ne approfittavo. Ogni qual volta qualcuno de’ miei amici o conoscenti dimostrava d’aver perduto il senno fino al punto di venire da me per qualche consiglio o suggerimento, mi stringevo nelle spalle, socchiudevo gli occhi e gli rispndevo:

“Io mi chiamo Mattia Pascal”.

“Grazie, caro. Questo lo so“.

“E ti par poco?”

Non pareva molto, per dir la verità, neanche a me. Ma ignoravo allora che volesse dire il non sapere neppur questo, il non poter più rispondere, cioè, come prima, all’occorenza:

“Io mi chiamo Mattia Pascal”. (Pirandello 1999, 3)

Der Name steht also für die Individualität, die Einzigartigkeit eines Individuums, als erstes und stärkstes identifikatorisches Konzept. Die Identität, also die „Unverwechselbarkeit des Individuum, die sich aufgrund seiner organischen Einmaligkeit und seiner spezifischen lebensgeschichtlichen Daten ergibt“[1], ist, zumindest aus philosophischer Sicht, fest an ein Individuum gebunden. Wenn man also davon spricht, sich eine weitere oder eine neue Identität „zuzulegen“ – man denke hier an entsprechende topoi aus Kriminal- und Spionageromanen, aber eben auch an Adriano Meis alias Mattia Pascal – meint man im Grunde genommen nur die Vortäuschung einer anderen „organischen Einmaligkeit“ und anderer lebens-geschichtlichen Daten, die von der „wahren“ Identität abweichen. Strenggenommen ist eine Identität demnach nicht ersetz- oder austauschbar, es kann höchstens so getan werden, als ob. Genau diese Problematik steht im Zentrum der Handlung von „Il fu Mattia Pascal“. Neuro Bonifazi bemerkt im zweiten, Pirandello gewidmeten, Kapitel seiner Teorie del fantastico:

Quello che accade, per esempio, a Mattia Pascal è strano, ma non inverosimile e non inquietante (anche perché dovuto al semplice caso e non a qualcosa di misterioso o a un destino), e il suo credersi a poco a poco Adriano Meis è un fatto che avviene soltanto ‘nella sua mente’, è una forzatura, o un fenomeno che ha a che vedere con l’identità dell’Io, un’autosuggestione e non una realtà esterna indipendente dalla volontà del protagonista. (Bonifazi 1982, 114)

Durch sein zeitweiliges Leben als Adriano Meis scheint ihm sogar unsicher, was zuvor die einzige Sicherheit in seinem Leben schien: das Wissen um seinen (wahren) Namen.

c) Identitätskrise

Der psychoanalytisch-sozialpsychologische Identitätsbegriff beschreibt das „dauernde innere Sich-selbst-Gleichsein, die Kontinuität des Selbsterlebens eines Individuums (Ich-Identität)“[2]. Die Identitätskrise liegt also im fühlbaren Kontinuitätsbruch des Selbsterlebens, ausgelöst durch Reflexion oder einem Schicksalsschlag, der eben jene Kontinuität aus der Bahn wirft. Die Kontinuität des Selbsterlebens wird „im wesentlichen durch die dauerhafte Übernahme bestimmter sozialer Rollen und Gruppenmitgliedschaften sowie durch die soziale Anerkennung als jemand, der die betreffenden Rollen innehat bzw. zu der betreffenden Gruppe gehört“[3] hergestellt.

Bereits Im oben zitierten Abschnitt der ersten Premessa führt der Ich-Erzähler Mattia Pascal dem Leser seine Identitätskrise vor. Der eigentliche Erzähler ist der „verstorbene“, il fu Mattia Pascal, da er als die Erzählung einsetzt bereits zweimal „gestorben“ ist:

[...] e fin dal primo giorno io concepii così misera stima dei libri, sieno essi a stampa o manoscritti [...], che ora non mi sarei mai e poi mai messo a scrivere, se, come ho detto, non stimassi davvero strano il mio caso e tale da poter servire d’ammaestramento a qualche curioso lettore, che per avventura [...] capitasse in questa biblioteca, a cui io lascio questo manoscritto, con l’obbligo però che nessuno possa aprirlo se non cinquan’anni dopo la mia terza, ultima e definitiva morte.

Giacché, per il momento (e Dio sa quanto me ne duole), io sono morto, sì, già due volte, ma la prima per errore, e la seconda... sentirete.

(Pirandello 1999, 4f.)

Im hier zitierten Abschnitt, dem Schluss der ersten Premessa, richtet sich der Erzähler direkt an den (impliziten) Leser und weckt dessen Neugier durch den zunächst verwirrenden Hinweis auf seine zwei vorrausgehenden Tode. Außerdem erzeugt er eine bestimmte Erwartungshaltung beim Leser da sein Manuskript der Belehrung interessierter Leser dienen soll, und er die Motivation des Schreibens, entgegen seiner Abneigung gegen Bücher, aus den sonderbaren und offenbar erzählungswürdigen Umständen seiner Geschichte heraus begründet. Auch der Ort, an dem Mattia sein Manuskript verfasst lässt schon einen Einblick in sein Innenleben zu:

Lo scrivo qua, nella chiesetta sconsacrata, al lume che mi viene dalla lanterna lassù, della cupula; qua, nell’abside riservata al bibliotecario e chiusa da una bassa cancellata di legno a pilastrini, mentre don Eligio sbuffa sotto l’incarico che si è eroicamente assunto di mettere un po’ d’ordine in questa vera babilonia di libri.

(Pirandello 1999, 5)

Die entweihte Kirche als Bibliothek, als Ort an dem das Wissen der Welt in Form verstaubter Bücher angehäuft wird. Das ehemalige Gotteshaus steht für die Rolle der Religion, die es seit der Aufklärung nicht mehr für sich in Anspruch nehmen kann, das alleingültige Weltbild zu konstituieren. So spricht es für sich wenn der Bibliothekar seinen Arbeitsplatz genau in der Absis hat, dem heiligsten Ort der Kirche, um dort seiner Tätigkeit nachzukommen, Ordnung in dieses „Babylon an Büchern“ zu bringen. Dabei ist sein Schaffen nur durch das Licht einer Laterne erleuchtet, die hier symbolisch für die Laterne der Lanterninosofia von Anselmo Paleari aus dem Kapitel Il lanternino steht. Die Laterne steht für die Relativität menschlicher Erkenntnis, da sie ihr Licht nur in einem kleinen Radius ausstrahlt und den Rest sprichwörtlich im Dunkeln lässt. Die Biblioteca Boccamazza ist Sinnbild für die säkularisierte Wissenschaft und gleichzeichtig ein Abbild von Mattia Pascals Innerstem und damit der ideale Ort um seine Errinnerungen niederzuschreiben.

Die Kontinuität des Selbsterlebens von Mattia Pascal wird eben deshalb gestört, da die Kontinuitätskonstituierenden Elemente wie soziale Rollen, Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft und soziale Anerkennung in seinem Fall äußerst problematisch sind. Mattia Pascal befindet sich in großen finanziellen Schwierigkeiten, ausgelöst durch die Misswirtschaft des betrügerischen Gutsverwalters Malagna.

In poco tempo, divenni un altro da quel che ero prima. Morto il Romitello, mi trovai qui solo, mangiato dalla noja, in questa chiesetta fuori mano, fra tutti questi libri; tremendamente solo, e pur senza voglia di compagnia. Avrei potuto trattenermici soltanto poche ore al giorno; ma per le strade del mio paese mi vergognavo di farmi vedere, così ridotto in miseria; da casa mia rifuggivo come da una prigione; e dunque, meglio qua, mi ripetevo. Ma che fare? La caccia ai topi, sì; ma poteva bastarmi?

(Pirandello 1999, 43)

Der Tod einer seiner Töchter kurz nach der Geburt und der Tod der anderen Tochter ein Jahr später, der fast zeitgleich mit dem Tod Mattias Mutter eintrat, bildeten eine Zäsur in seinem Leben. Die Passage die der Erzähler jenen traurigen Geschehnissen widmet ist extrem gerafft. Auf weniger als einer Seite schildert Mattia die komplizierte Geburt der Zwillinge, deren und den Tod der Mutter innerhalb eines Jahres in einem fast unheimlich anmutenden, distanzierten Ton. Die „erbärmlichen“ (misere) Neugeborenen erinnern ihn an die Kätzlein, die er morgens in den Mausefallen findet. Ihr Tod, der ihn damals schmerzhaft traf, wird im Nachhinein gefühllos und distanziert, fast zynisch geschildert: „Una mi morì pochi giorni dopo; l’altra volle darmi il tempo, invece, di affezionarmi a lei [...]“[4]. Die Schilderung ist Ausdruck einer Einsicht, die der Fu Mattia Pascal dem Mattia Pascal von damals voraus hat, eben jene desillusionierende, aber auch tröstende Einsicht einer gereiften Persönlichkeit (das Kapitel heißt nicht umsonst maturazione), die Schicksalsschläge mit der nötigen Distanz betrachtet um an ihnen nicht zu Grunde zu gehen.

Die Identitätskrise Mattias wird durch die erwähnten Schicksalsschläge ausgelöst, die ihn zur Reflexion zwingen. Das Leben zieht an Mattia vorbei, ganz im Sinne der Spiegelmethapher in Pirandellos Essay „L’umorismo“: Ci vediamo vivere[5]. Sein eigenes Wirken ist nicht mehr Ausdruck seines Willens sondern scheint vom Körper gänzlich losgelöst, eine innere Leere (vuoto interno) beherrscht ihn.

Ebbene, dopo nove giorni e nove notti di veglia assidua, senza chiuder occhio neanche per un minuto... debbo dirlo? - molti avrebbero ritegno a confessarlo; ma è pure umano, umano, umano - io non sentii pena, no, sul momento: rimasi un pezzo in una tetraggine attonita, spaventevole, e mi addormentai.

(Pirandllo 1999, 45)

Mit dem Geld für die Beerdigung seiner Mutter, das er von seinem Bruder geschickt bekommen hat, aber nicht mehr benötigt wird, verlässt er seinen Heimatort und versucht sein Leben in neue Bahnen zu lenken. Er begreift das Konzept des uomo mascherato, dem um seine innere Leere herum die Masken wie Hülsen zugewiesen werden, um seinem Leben eine Form zu geben. Um das Problem zu lösen, versucht er sich seine Masken bewusst auszusuchen, sich eine neue Identität als Adriano Meis zu schaffen.

[...]


[1] Metzler Philosophie Lexikon 1999, 250.

[2] Lexikon zur Soziologie 1988, 327.

[3] Lexikon zur Soziologie 1988, 327.

[4] Pirandello 1999, 45.

[5] Pirandello 1960, 147.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Individuum und Gesellschaft in Pirandellos Il fu Mattia Pascal
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg  (Romanisches Seminar)
Veranstaltung
HS Pirandello SS02
Note
1,0
Autor
Jahr
2002
Seiten
22
Katalognummer
V13032
ISBN (eBook)
9783638187862
Dateigröße
397 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Pirandello
Arbeit zitieren
Hagen Augustin (Autor), 2002, Individuum und Gesellschaft in Pirandellos Il fu Mattia Pascal, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/13032

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