Die Geschichte Alexanders des Großen faszinierte und beschäftigte die Menschen von jeher und dies hat sich von der Antike übers Mittelalter bis in unsere heutige Zeit fortgesetzt.Die Gründe für eine solche Popularität sind vielseitig und schon sein historisches Leben war so einmalig, dass es genügend literarischen Stoff bietet. Dies konnte leicht als packende Abenteuer– und Herrschergeschichte dargestellt werden und darüberhinaus war es möglich, die Darstellung Alexanders immer wieder zu verwandelt und zu funktionalisieren, je nach Entstehungszeit, kulturellem Umfeld und Publikumserwartungen. Im 12. Jahrhundert setzte zudem eine Wende in der Literatur ein. Das Interesse fokussierte sich nicht mehr nur auf biblische Stoffe und die Heilsgeschichte, sondern es wurden auch zunehmend „säkulare“ Herrschergeschichten thematisiert. Der Alexanderroman des Pfaffen Lamprecht stellt die erste Heldenepik in dieser Reihe dar. Die Wahl antiker Stoffe war in jener Epoche weit verbreitet, da deren Wahrheitsgehalt nicht bezweifelt wurde und die Antike als Leitbild einer säkularen Kultur diente. „Durch die Erwähnung des Makedonierkönigs in der Bibel“ konnte der Roman Lamprechts „als Brücke zwischen geistlicher und aufkommender weltlicher Literatur“ dienen. Es wird angenommen, dass sein Alexanderroman um 1160 entstanden ist. Als Vorlage benutzte er offensichtlich Alberic de Pisançons «Roman d’Alexandre», außerdem waren ihm wahrscheinlich die antiken Quellen bekannt. Die Originalversion ist allerdings verlorengegangen, weswegen nur anhand von drei verschiedenen Abschriften, den Versionen Vorau, Straßburg und Basel Rückschlüsse auf das Original gemacht werden können. Wie schon erwähnt, wurde die Geschichte Alexanders im Mittelalter aus unterschiedlichen Beweggründen und auf unterschiedliche Weise adaptiert und umgeändert. Allgemein wurden von der Forschung die Art und der Umfang der Antikenrezeption im Mittelalter immer wieder anders gedeutet und dargestellt. Nach Meinung von Rüdiger Schnell hat der Rückgriff auf die Antike „einen Dialog zwischen Antike und Neuzeit“ ermöglicht und „die Anverwandlung und Umwandlung der Antike durch das Mittelalter“ ist „als eine besondere Leistung“ zu betrachten. Im Rahmen der vorliegenden Hausarbeit möchte ich Rüdiger Schnells Auffassung nachgehen und untersuchen, inwiefern diese Transformation und Rezeption im Vorauer und im Straßburger Alexanderroman stattfand.
Inhaltsverzeichnis
1 Einführung
2 Die Erziehung Alexanders des Großen
3 Das heilsgeschichtliche Exempel
4 Die Candacis- Episode
5 Schlussbetrachtung
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die Transformation und Rezeption der Alexandergeschichte im Vorauer und im Straßburger Alexanderroman des Pfaffen Lamprecht, wobei der Fokus insbesondere auf der Darstellung der Erziehung Alexanders und der höfischen Ausgestaltung des Stoffes liegt. Dabei wird analysiert, wie antike Motive in den mittelalterlichen Kontext integriert und funktionalisiert wurden.
- Analyse der Erziehung Alexanders unter den Aspekten von sapientia und fortitudo.
- Vergleich der heilsgeschichtlichen Konzeptionierung zwischen Vorauer und Straßburger Fassung.
- Untersuchung der Höfisierung des Alexanderstoffes, insbesondere anhand der Candacis-Episode.
- Diskussion des Alexanderromans als Instrument der Fürstenerziehung und Repräsentation adeliger Ideale.
Auszug aus dem Buch
Die Erziehung Alexanders des Großen
Da die Beschreibung von Alexanders Erziehung im Vorauer und im Straßburger Alexanderroman fast identisch ist, wird im Folgenden die Straßburger Version als Untersuchungsgegenstand genommen.
Die Darstellung seiner Erziehung ist in drei Sinnesabschnitte gegliedert: anfangs wendet sich der Erzähler an den Leser, indem ein kurzer Überblick über seine Lehrer und ihre Lehrgebiete gegeben wird (V 181-200). Anschließend werden diese dann einzeln aufgeführt und ihre Tätigkeit beschrieben (V 201- 251). Hierbei sind zwei unterschiedliche Wissensgebiete aufgeführt: die geistigen und die weltlichen Fähigkeiten. Die Fächer, die von den ersten vier Lehrern unterrichtet werden, entsprechen weitgehend den » septem artes liberales« des Mittelalters. So lernte Alexander Griechisch und Latein und „vil manige bûch“ (V 205), was dem Fach «grammatica» entspricht. Dementsprechend verhielt es sich mit den Fächern »musica« („mûsicam“, „di seiten zîhen“ V 208f.), »geometria« („allir dinge zale“ V 214) und «astronomia» („ wî der himel umbe geit“ V 222). Die explizite Erwähnung, dass Alexander seine eigene Muttersprache Griechisch gelehrt bekommt, ist auffallend. Während dies in der Antike kaum als außergewöhnliche Leistung betrachtet wurde, stellte die Fähigkeit Lesen und Schreiben zu können im Mittelalter etwas Besonderes dar, dass eine spezielle Ausbildung erforderte.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einführung: Die Einleitung beleuchtet die anhaltende Faszination der Alexandergeschichte vom Mittelalter bis zur Gegenwart und führt in die spezifische Problematik der Antikenrezeption sowie die Bedeutung des Alexanderromans des Pfaffen Lamprecht ein.
2 Die Erziehung Alexanders des Großen: In diesem Kapitel wird Alexanders Ausbildung als Modell für ritterliche Tugenden und seine Einordnung unter die Aspekte von sapientia und fortitudo analysiert, inklusive der Bewährungsprobe in der Buzivalepisode.
3 Das heilsgeschichtliche Exempel: Das Kapitel vergleicht die unterschiedliche geistliche Ausrichtung und die Darstellung von Darius' Tod zwischen dem Vorauer und dem Straßburger Alexanderroman.
4 Die Candacis- Episode: Die Untersuchung konzentriert sich auf die Höfisierung des Straßburger Alexanderromans durch die detaillierte Schilderung des Palastes und die Einbettung der Minnethematik in eine ritterliche Kontextualisierung.
5 Schlussbetrachtung: Die Arbeit schließt mit einer Synthese über die Rolle des Alexanderromans als Fürstenspiegel und diskutiert die Umwandlung der Antike durch das Mittelalter als eigenständige literarische Leistung.
Schlüsselwörter
Alexander der Große, Pfaffe Lamprecht, Mittelalter, Alexanderroman, Antikenrezeption, Heilsgeschichte, Höfisierung, sapientia, fortitudo, Buzival, Candacis, Fürstenspiegel, Ritterideal, Minne, Transformation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit primär?
Die Arbeit analysiert die literarische Bearbeitung der Alexandergeschichte durch den Pfaffen Lamprecht unter besonderer Berücksichtigung der Unterschiede zwischen der Vorauer und der Straßburger Textfassung.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die zentralen Themenfelder umfassen die Erziehung des Helden, die christliche Heilsgeschichte, höfische Lebensformen und die spezifische Antikenrezeption im 12. Jahrhundert.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Alexander als idealisierter Herrscher dargestellt wird und welche Funktionen der Roman als Vorbild für die zeitgenössische adelige Gesellschaft erfüllte.
Welche wissenschaftliche Methode wird angewendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse durchgeführt, die Textstellen aus dem Alexanderroman vergleicht und in den historischen Kontext der mittelalterlichen Literatur sowie der Kreuzzugsideologie einordnet.
Was steht im inhaltlichen Hauptteil im Vordergrund?
Im Hauptteil werden die Erziehungsgeschichte Alexanders, der Vergleich der Kampfdarstellungen (insbesondere Darius) und die höfische Ausgestaltung der Candacis-Episode detailliert beleuchtet.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit zusammenfassen?
Die Arbeit ist durch Begriffe wie Alexanderroman, Antikenrezeption, Heilsgeschichte, Höfisierung, sapientia, fortitudo und Ritterideal charakterisiert.
Wie unterscheidet sich die Darstellung des Darius-Todes in den beiden Versionen?
Während der Kampf im Vorauer Text kurz in einem heldenhaften Zweikampf endet, wird er in der Straßburger Version ausführlicher dargestellt, wobei Darius durch Verräter ermordet wird.
Welche Bedeutung hat die Buzivalepisode für das Verständnis des Helden?
Die Buzivalepisode dient als Bewährungsprobe, in der Alexander nicht nur Mut und Stärke, sondern auch mittelalterliche ritterliche Tugenden und Unterwürfigkeit gegenüber der göttlichen Ordnung unter Beweis stellt.
Warum wird Alexander in der Straßburger Fassung auch als „Heide“ in einen christlichen Rahmen gestellt?
Die Arbeit erläutert, dass Alexander durch die Erkenntnis moralischer Weisheiten und die Einordnung als Instrument Gottes (instrumentum Dei) für ein mittelalterliches Publikum anschlussfähig gemacht wurde.
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- Christine Schulz Blank (Author), 2009, Die Rezeption der Antike am Beispiel des Alexanderromans des Pfaffen Lambrecht, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/130367