Das Subjekt in Foucaults Diskursanalyse


Hausarbeit, 2006
13 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Das Subjekt in Foucaults Diskursanalyse
1. Was ist ein Diskurs
2. Der Diskurs
2.1. Wahrheit und Macht
3. Das Subjekt
3.1. Das Verschwinden des Subjekts?
3.2. Die Unterdrückung des Subjekts

III. Das Subjekt in der Literatur
4. Das literarische Subjekt – Die Frage nach dem Autor
4.1. Methoden für das literaturwissenschaftliche Arbeiten
4.2. Die Wiederentdeckung des literarischen Subjekts

IV. Fazit

V. Literaturverzeichnis

I. Einleitung

In der vorliegenden Hausarbeit beschäftige ich mich mit der Diskursanalyse Michel Foucaults, spezieller mit dem Subjekt in seinem Werk. Hauptsächlich stellt sich mir die Frage, welche Rolle das Subjekt einnimmt und welche Bedeutung Foucault ihm zuschreibt. Man könnte davon ausgehen, dass es ihm nicht vordergründig um das Individuum als solches, sozusagen um das Verschwinden desselben ginge. Jedoch möchte ich darlegen, dass es seine Wichtigkeit bzw. Wertigkeit nicht verliert in den Texten Foucaults. Auf den ersten Blick scheint es dieses Subjekt bei ihm gar nicht zu geben, zum Ende kommt es doch gewissermaßen zur Wiederauflebung des Individuums. Um die Thematik besser zu verdeutlichen möchte ich im Folgenden auch Begriffe erklären, wie etwa die Beschreibung des Diskurses und die Frage der Macht in Bezug auf das Subjekt klären, wie sich das Subjekt dem Diskurs unterwirft und sich Ganzes in der Literatur widerspiegelt. Meine Arbeit befasst sich sowohl mit Primärtexten von Michel Foucault, als auch mit Sekundärliteratur, worauf ich meine Ausführungen beziehen möchte.

Eine Eigenart der Foucaultschen Schreib- und Denkweise war – und gerade das macht ihn sympathisch und lässt ihn als noch größeren Denker erscheinen – dass er niemals für sich beanspruchte, die Wahrheit schlechthin erkannt zu haben, und die Richtigkeit seiner eigenen Aussagen in Zweifel zog, noch bevor er sie aussprach.1 Es gibt also keine Wahrheit als historische Komponente, die man ausgraben kann. Stattdessen werden Netze konstruiert. Die Lücken in den Netzen sollen gefüllt werden, die dadurch entstehen, dass die Individuen die Wirklichkeit nicht voll erfassen können.

In diesem Sinne sollte auch diese Hausarbeit gelesen werden, denn: „Was ich hier gesagt habe, ist nicht das, „was ich denke“, sondern oft das, von dem ich mich frage, ob man es nicht denken könnte.“2 Foucault zeigte, wie sehr die Definitionen der Begriffe der Gesundheit und Krankheit usw. von gesellschaftlichen Machtmechanismen und – institutionen abhängig ist und sich im Laufe der Geschichte mit ihnen ändert. Seine Form der Geschichtsbetrachtung (Archäologie) sucht nach historischen Grundlagen der rationalen Weltsicht in der modernen Zivilisation aufzuzeigen.

In erster Linie sollte sich diese Arbeit mit dem Subjekt in der Diskursanalyse Michel Foucaults befassen. Nach einer genaueren Auseinandersetzung mit dem Thema gewann ich die Einsicht, dass es kein tatsächliches Verschwinden des Subjekts bei Foucault gibt. Es steht zwar nicht im Vordergrund seiner Betrachtungsweise, geht jedoch auch nicht unter in seiner Diskurs – und Wissenstheorie.

II. Das Subjekt in Foucaults Diskursanalyse

1. Was ist ein Diskurs?

In der Archäologie des Wissens heil3t es, dass Diskurse „als Praktiken zu behandeln [sind], die systematisch die Gegenstände bilden, von denen sie sprechen“.3 Gleichwohl sieht Foucault auch die nicht – diskursiven gesellschaftlichen Praxen, die bei der Bildung von Objekten eine Rolle spielen. Zugleich betont er – wie er weiter sagt – die Wichtigkeit von „diskursiven Verhältnissen“. Er vermutet sie irgendwie an der Grenze des Diskurses: sie bieten ihm die Gegenstände, über die er reden kann, oder vielmehr, sie bestimmen das Bündel von Beziehungen, die den Diskurs bewirken muss, um von diesen oder jenen Gegenständen reden, sie behandeln, benennen, analysieren, klassifizieren und sie erklären zu können.4 Der Diskurs ist also eine Menge von Aussagen zum gleichen Formationssystem gehörig zu verstehen. Formationen sind das Umfeld der Dokumente, mit denen man sich auseinandersetzt. Foucault hat sich eingehend mit der Frage der Macht beschäftigt, wobei ihn weniger interessierte, was Macht ist, als vielmehr, wie diese ausgeübt wird und inwieweit wir ihr als Subjekte unterworfen sind, d.h. von ihr beherrscht werden. Das auf uns als Macht Einwirkende nennt er den Diskurs, von dem es eine unendliche Anzahl gibt, und der im Gegensatz zu einer Regierung, von der man sagen kann, keineswegs konkret fassbar ist. Wenn die Dinge als solche Bedeutung haben, dann haben wir sozusagen festen Boden unter den Fül3en; wenn nicht, dann schwankt der Boden auf dem wir stehen. Die Werte und Normen geben uns Halt nur, wenn sie irgendwie objektiv und konstant sind. Wir fordern die Festigkeit und Verlässlichkeit ein, damit wir uns als Subjekte zu fühlen, uns unserer Identität vergewissern können. Deshalb muss die Wahrheit von Werten gestützt oder sie muss in den Dingen liegen, vielleicht auch in den Diskursen. Ändert sich der

Diskurs, ändert sich nicht nur die Bedeutung, sondern auch die ganze Identität des zu untersuchenden Objekts bzw. Subjekts. Subjekte werden so durch die Diskurse konstruiert.

2. Der Diskurs

Diskurse dienen dem Individuum als Mittel, um der von ihm wahrgenommenen Welt bestimmte Bedeutungen zuzuschreiben. Diese Bedeutungen können sich im Laufe der Zeit zwar ändern, aber der Diskurs an sich ist dennoch vorhanden. Andererseits kann etwas wahr sein, solange man nicht darüber redet, es also nicht im Diskurs auftaucht, existiert es nicht.5 Alles Wahre und außerhalb des Fensterrahmens Existierende gibt es demnach nicht, solange es nicht im Blickfeld, im Diskurs auftaucht. Ein Archiv speichert die Diskurse in einer bestimmten Ordnung und man betrachtet, wie sich aus vielen Belegen ein Netz von Wahrheiten konstruiert. Einige Diskurse der neueren Zeit sind beispielsweise die Vergewaltigung in der Ehe, sexuelle Belästigung oder die globale Erderwärmung. Solange man nicht darüber redet, existiert es auch nicht. Aus diesem Grunde lassen sich auch die meisten gefährdeten Afrikaner nicht auf HIV testen. Denn solange man sie nicht als todkrank bezeichnet, sind sie es auch nicht, obgleich sie es in Wirklichkeit sind. Nur entsprechen letztgenannte eben nicht der diskursiven Realität. Diskurse sind bedeutungs- und realitätsschaffende Sprache, sie bestehen aus Behauptungen, die in Beziehung zu anderen Behauptungen stehen können, es aber nicht müssen. Foucault lehnt es ab, dass wir unser eigenes Archiv aufbauen können. Dies würde nicht funktionieren, da man das eigene Archiv nicht beschreiben kann, aufgrund des fehlenden Weitblickes.

2.1. Wahrheit und Macht

Offenbar gibt es im Bereich der Wissenschaften eine Fülle von Möglichkeiten, sich die Welt zu erklären bzw. sie zu deuten. Nicht selten wirkt die Sprache anderer Gruppen wie eine Fremdsprache, die man sich erst mühsam aneignen muss. So kann man das Andere nicht verstehen und wird mehr oder minder immer zu der Überzeugung kommen, das andere sei falsch, denn nur das Eigene ist ja richtig. Bedeutungen im Diskurs können von Mensch zu Mensch, Gruppe zu Gruppe außerordentlich unterschiedlich sein. Da die Bedeutungszuschreibung innerhalb der Diskurse auf der Basis von Behauptungen geschieht, kann jedes Subjekt des Diskurses diskursive Wahrheit nahezu willkürlich erschaffen.6 Wer im Diskurs Wahrheit nahezu willkürlich erschaffen kann, verfügt über eine Macht. Wahrheit wird „produziert“7, sie ist ein Dispositiv, ein Mittel zur Machtausübung. Deswegen hat „jede Gesellschaft ihre eigene Ordnung der Wahrheit, ihre eigene „allgemeine Politik“ der Wahrheit, d.h. sie akzeptiert bestimmte Diskurse, die sie als wahre Diskurse funktionieren lässt.“8 Die Wahrheit selbst ist „weder außerhalb der Macht [...] noch ohne Macht.“9 Jene Macht aber ist oft nicht als solche zu erkennen, da sie sich nicht nur in Verboten äußert, sondern weitaus subtiler „in Wirklichkeit die Körper durchdringt, Dinge produziert, Lust verursacht, Wissen hervorbringt, Diskurse produziert; man muss sie als ein produktives Netz auffassen, das den ganzen sozialen Körper überzieht und nicht so sehr als negative Instanz, deren Funktion in der Unterdrückung besteht.“10 So sind „Kulturen“ nichts anderes als Gruppen von Menschen relativ gleicher Bedeutungszuweisung zur Wirklichkeit. Zudem ist die Wahrheit an einen zeitlichen Kontext gebunden und das Subjekt wird erst produziert, da es nicht von vorn herein geben ist. Und genau dieses Ich wird einer Analyse unterzogen. So unterwirft sich das Individuum dem Diskurs, ohne in seiner Individualität beschnitten zu werden, im Gegenteil, es wird von der Macht sogar weiter individualisiert.11 In der scheinbaren Freiheit des Einzelnen kann so der Diskurs seine Macht entfalten, ohne als solche erkannt zu werden. Innerhalb der diskursiven Felder wird so das Ich zum Subjekt. So sei zum Beispiel ein Jurist erst dann ein Jurist, wenn er sich auf dem juristischen Feld bewegt. Wir verfügen, sehen, verstehen und gestalten unsere Welt und Wirklichkeit auf dem Hintergrund eigener Bedeutungen bzw. eigenen Wissens und Unwissens.

3. Das Subjekt

Foucault benutzt jedoch selten den Begriff Individuum, stattdessen spricht er stets vom Subjekt. Was aber bedeutet Subjekt? In der mittelalterlichen Philosophie gleichbedeutend mit Substanz. Noch Descartes unterscheidet die realitas subiectiva als die Wirklichkeit des in – sich- selbst – Stehenden und die realitas obiectiva (die möglicherweise „nur“ gedachte Wirklichkeit des Seienden). Im Zuge der neuzeitlichenAufklärung aber meint Subjekt vorrangig und bald ausschließlich die menschlicheSeele, den menschlichen Geist, insbesondere das seiner selbst gewisse und selbstbestimmende Ich – Bewusstsein, das allen seinen denkend – vorstellenden Vollzügenzugrunde liegt als Substanz, als Bündel von Akten, als allgemeine Einheit desendlichen, aber gesetzgebenden Bewusstseins, als Erscheinungsgestalt des sichbegreifenden Absoluten.12 Im Englischen bedeutet „subject“ zudem in erster LinieUntertan. Die von Foucault gemeinte Bedeutung ist eine Mischung aus dem Sich –Seiner – Selbst – Bewusstsein und Untertan – Sein. In seinem Aufsatz „Warum ichMacht untersuche: Die Frage des Subjekts“ erklärt er, dass Wort Subjekt habe einenzweifachen Sinn: „vermittels Kontrolle und Abhängigkeit jemandem unterworfen seinund durch Bewusstsein und Selbsterkenntnis seiner eigenen Identität verhaftet sein.“13 Seiner Meinung nach unterstellen beide Bedeutungen, also auch die des Ich –Bewusstseins, „eine Form von Macht, die einen unterwirft und zu jemandes Subjektmacht.“14 Das Subjekt glaubt sich somit frei, verfügt über einen Willen und einBewusstsein, wird aber zugleich vom Diskurs beherrscht, der ebendiesen Willen genauwie das Bewusstsein konstituiert.

[...]


1 Taureck. Michel Foucault. Handbuch. Reinbeck. Rowohlt Verlag. 1997. S.46

2 Foucault, Michel. Dispositive der Macht. Berlin. Merve Verlag. 1978. S. 216.

3 Foucault, Michel. Archäologie des Wissens. Frankfurt/ Main. Suhrkamp Verlag. 1973. S. 74.

4 Foucault, Michel. Archäologie des Wissens. Frankfurt/ Main. Suhrkamp Verlag. 1973. S. 70.

5 Georff Danaher. Tony Schirato and Jen Webb. In: Understanding Foucault. New York. Sage Publications Ltd. 2000. S. 31.

6 Vgl. Ordnung des Diskurses. 1998.

7 Dispositive der Macht. 1978. S. 51.

8 Dispositive der Macht. 1978. S. 51.

9 Dispositive der Macht. 1978. S. 51.

10 Dispositive der Macht. 1978. S. 35.

11 Foucault, Michel. Warum ich Macht untersuche: Frage des Subjekts. In: Dreyfuß/ Rabinow (Hrsg.) Jenseits von Strukturalismus und Hermeneutik. Frankfurt/ Main. 1987. S. 248.

12 Halder, Alois. Philosophisches Wörterbuch. Freiburg. Herder Verlag. 2000.

13 Warum ich Macht untersuche? 1987. S. 246ff.

14 Warum ich Macht untersuche? 1987. S. 247.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Das Subjekt in Foucaults Diskursanalyse
Hochschule
Bauhaus-Universität Weimar  (Fakultät Medien)
Veranstaltung
Diskursanalyse Buchenwald
Note
2,3
Autor
Jahr
2006
Seiten
13
Katalognummer
V130597
ISBN (eBook)
9783640390120
ISBN (Buch)
9783640389964
Dateigröße
452 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Subjekt, Foucaults, Diskursanalyse
Arbeit zitieren
Katharina Bucklitsch (Autor), 2006, Das Subjekt in Foucaults Diskursanalyse, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/130597

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