Eliten im Wandel? - Eine Untersuchung anhand der wirtschaftlichen Elite in der Schweiz


Bachelorarbeit, 2009
70 Seiten, Note: 1,5

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung,

2. Eliten und Elitensoziologie
2.1. Definition Elite
2.2. Die Elitensoziologie
2.2.1. Die historischen Strömungen
2.2.1.1. Die klassische Elitensoziologie
2.2.1.1.1. Niccolò Machiavelli
2.2.1.1.2. Vilfredo Pareto
2.2.1.1.3. Gemeinsamkeiten der Klassiker
2.2.1.2 Funktionseliten
2.2.1.З. Kritische Elitensoziologie
2.2.2. Die aktuellen Ansätze der Elitensoziologie
2.2.2.1. Pluralistisch-demokratische Ansätze 1З
2.2.2.2. Konzept der Machtelite
2.2.2.3. Das neue Elite-Paradigma
2.2.2.4. Einordnung der aktuellen Strömungen

3. Operationalisierung der Eliten
3.1. Das Untersuchungsfeld und Probleme
3.1.1. Die Schweiz als Untersuchungsfeld
3.1.2. Das Problem der Zeitspanne
3.1.3. Fehlende empirische Daten für die Vergangenheit
3.1.3.1. Bourdieu und die Chancenungleichheit
3.1.4. Indikatoren anhand von Bourdieu
3.2. Die drei Kapitalarten
3.2.1. Das ökonomische Kapital
3.2.1.1. Operationalisierung des ökonomischen Kapitals
3.2.2. Das kulturelle Kapital
3.2.2.1. Das objektivierte Kulturkapital
3.2.2.2. Das inkorporierte Kulturkapital
3.2.2.3. Das institutionalisierte Kulturkapital
3.2.2.4. Operationalisierung des kulturellen Kapitals
3.2.3. Das soziale Kapital
З.2.З.1. Operationalisierung des sozialen Kapitals
3.2.4. Konvertierbarkeit der Kapitalarten
3.3. Der Habitus
З.З.1. Operationalisierung des Habitus
3.4. Geschlecht

4.. Empirische Untersuchung der Eliten
4.1. Eliten in den 1960er З
4.1.1. Bildung З
4.1.2. Netzwerke З
4.1.3. Soziale Herkunft З
4.1.4. Geschlecht З
4.1.5. Merkmale der ökonomischen Elite in den 1960er
4.2. Aktuelle wirtschaftliche Elite in der Schweiz
4.2.1. Bildung
4.2.2. Netzwerke
4.2.2.1. Die Swiss American Chamber of Commerce
4.2.3. Soziale Herkunft
4.2.3.1. Bildung und Herkunft
4.2.4. Geschlecht
4.2.5. Das Zusammenspiel der Indikatoren

5.Vergleich
5.1.Bildung
5.2.Netzwerke
5.3.Soziale Herkunft
5.4.Geschlecht

6.Schlussfolgerung

7.Literatur

8 Abbildungsverzeichnis

Eliten im Wandel? Eine Untersuchung anhand der wirtschaftlichen Elite in der Schweiz

1. Einleitung

„«Geld- und machtgeile Manager», urteilt die Baslerin Margrit Voegelin und lässt ihrem Arger über diese «Bosse» in den Leserbriefspalten des «Blicks» freien Lauf; «das Verbrechen hält Einzug in der Chefetage», meint gar Leserbriefschreiber Christian Rickenbacher im Wirtschaftsblatt «Cash», und «korrupte Verwaltungsräte» mit exorbitanter Entlohnung von Topmanagern einen «pseudolegalen Anstrich»“ (Lüchinger 2005). Gerade heute steht die „Elite“ erneut am Pranger. Im Jahr 2008 wird die Welt von einer globalen Finanzkrise getroffen, welche auch die Schweiz nicht verschont. Die Aktienkurse der Grossbanken UBS und CS sinken in den Keller. Da die Wirtschaft der Schweiz und die Bevölkerung von diesen Banken abhängig sind, versucht die Schweizer Regierung die UBS mit finanzieller Unterstützung in Höhe von 60 Milliarden zu retten. Anfang des Jahres 2009 wird bekannt, dass die UBS dennoch sieben Milliarden an Boni auszahlen will, was zu breitem Unmut führt. Noch nie in der Nachkriegsgeschichte waren die ökonomischen Eliten stärker in der Kritik als heutzutage.

Dabei stellt sich die Frage, wer in den Chefetagen sitzt und wie diese Personen jene Positionen erlangt haben. In einem demokratischen Land wie der Schweiz existiert die Schulpflicht für alle Kinder. Dabei findet idealerweise eine Selektion nach Leistung statt. Die schulisch begabten Kinder besuchen das Gymnasium, schliessen ein Studium ab und bekommen durch die hohe Bildung eine gut bezahlte Arbeitsstelle. Schlechtere Schüler werden durch die Selektion gefördert und nicht überfordert. Es herrscht der Gedanke der Gleichheit bei Geburt und der Selektion nach Leistung. Dadurch sollen die Auszubildenden ihren Fähigkeiten entsprechend optimal gefördert werden. Leider hat sich bereits in den 1960er Jahren gezeigt, dass dies nicht der Fall ist. Kinder aus der Oberschicht hatten die Möglichkeiten ein Studium abzuschliessen und durch die Beziehungen des Elternhauses und deren Kapital war der Zugang zur ökonomischen Elite für sie offen. Kinder aus der Unterschicht dagegen konnten schulisch noch so begabt sein, sie hatten alleine aus finanziellen Gründen schlechtere Voraussetzungen eine gute Bildung zu gemessen. Diese fehlende Bildung und viele andere Faktoren wie zum Beispiel das Geschlecht verschlossen den Zugang zur Elite. Die Geschichte hat bereits oft die menschliche Schwäche und Machtgier der führenden Persönlichkeiten gezeigt. Anstatt wichtige gesellschaftliche Funktionen für das Gemeinwohl zu besetzen, ging es den Eliten um ihr eigenes Wohl, um Machtvermehrung und Machterhaltung.

Diese Arbeit will nun diese geschlossene Elite der 1960er mit der heutigen Elite vergleichen. Aufgrund verschiedener Faktoren ist ein Wandel weg von der geschlossenen Elite möglich. Da wäre zum einen die fortschreitende Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau und die Hochschulexpansion, welche tertiäre Bildung für breite Bevölkerungsschichten ermöglichen sollte. Des Weiteren nimmt der finanzielle Wohlstand in der Schweiz zu. Dies führt zu einer kleineren Unterschicht und einer Stärkung der Mittelschicht, was wiederum mehr Nachfolgern eine gute Bildung erlauben sollte. Auch die neuen Medien wie das Fernsehen führen uns täglich die Taten der Elite vor Augen. Dadurch könnten sie eine Art Kontrollfunktion übernehmen und die Eliten zu einer Öffnung oder Interessenveränderung bewegen.

Bevor es um die Untersuchung des möglichen Wandels geht, braucht es einige Vorarbeit. Zuerst einmal geht es um die Annäherung an den Begriff der Elite und der Elitensoziologie. Denn das Wort „Elite“ hat viele Bedeutungen. So sprechen die Zeitungen von Elitentruppen, Elitenuniversitäten, Sporteliten oder von der wirtschaftlichen Elite. Es muss geklärt werden, um welche Elite sich diese Untersuchung dreht.

Neben dem Begriff der Elite geht es auch um die Elitensoziologie, welche ihre Wurzeln im 16. Jh. hat. In den letzten paar hundert Jahren hat sie verschiedene Ansätze hervorgebracht. Es ist für das Verständnis wichtig, diese Strömungen zu kennen. Es gibt dabei drei historische Richtungen, welche vorgestellt werden. Des Weiteren geht es um die aktuellen Ansätze, schliesslich ist die Diskussion um Eliten in einer Demokratie eine fortlaufende Thematik.

Nach einem Überblick über den Bereich der Elitensoziologie werden Indikatoren erfasst, welche die Untersuchung der Eliten in den 1960er bis heute möglich machen.

Besonders die Kapitalarten von Bourdieu, sein Habitusbegriff und das Geschlecht werden dabei von Bedeutung sein.

Nach dem Erläutern der verschiedenen Indikatoren folgen die Untersuchungen der ökonomischen Eliten zu beiden Zeitpunkten anhand von theoretischen Überlegungen und bestehenden empirischen Studien. Anhand der gewonnen Erkenntnisse können die beiden Zeitpunkte miteinander verglichen werden. Dabei werden möglicher Wandel oder gleich bleibende Strukturen erkennbar.

2. Eliten und Elitensoziologie

In den nächsten Abschnitten wird schrittweise an den Begriff der Elite herangegangen. Bevor es zu einer Untersuchung und einem Vergleich kommt, wird die Elite definiert, die aktuellen und klassischen Forschungsansätze gezeigt und dieses ganze Konstrukt in die Soziologie eingeordnet.

2.1. Definition Elite

Der Begriff der Elite ist nicht einfach zu fassen. Daher wird als erstes eine passende Definition gefunden.

Das Wort „Elite“ stammt vom lateinischen „eligere“ ab, was „auslesen, auswählen, eine Wahl treffen“ bedeutet. Dieses Wort war vor 2000 Jahren durchaus geläufig. Meistens wurde es im landwirtschaftlichen Sinn von „du sollst das Unkraut herauslesen“ oder in ähnlichem Sinne verwendet. Gleichzeitig wurde das Verb „eligere“ im Militär für das Herauslesen der guten Soldaten aus der Masse angewandt. Selbst heute existiert im Militärjargon der Begriff der „Elitetruppen“. Der Wortstamm wurde in Frankreich übernommen und in „élire“ umgeändert. Im deutschen Sprachraum folgte derBegriff „Elite“ (vgl. Bartels 2008).

Das Wort „Elite“ wird heute in vielen unterschiedlichen Zusammenhängen verwendet und ist in aktuellen Diskussionen häufig mit negativen Aspekten besetzt. Für diese Arbeit ist es sinnvoll, die individuellen Vorbelastungen des Begriffes fallen zu lassen und sich von Grund auf mit der Elite zu beschäftigen.

Im Lexikon zur Soziologie (2007: 158) gibt es zum Begriff „Elite“ mehrere Punkte. Da es bei dieser Worterklärung auch um Eliten in archaischen Gesellschaften oder bei bestimmten Autoren geht, folgen nur die für diese Arbeit relevanten Punkte:

- Die Summe der Inhaber von Herrschaftspositionen, deren Entscheidungen aufgrund ihrer Positionsrollen gesamtgesellschaftliche Folgen haben können.
- Die Summe der Inhaber der höchsten Rangplätze auf der Macht- oder Prestigeskala der Gesellschaft.

Da sich diese Untersuchung nicht mit der gesamten Elite eines Staates beschäftigt, sondern in erster Linie mit der ökonomischen Elite, bedarf es kleiner Anpassungen. Die Elite, welche hier untersucht werden wird, kann nun folgendermassen definiert werden:

Die Summe der Inhaber von wirtschaftlichen Führungspositionen, deren Entscheidungen weitreichende Folgen haben.

Gewiss ist auch diese Definition nicht eindeutig, aber in den folgenden Abschnitten folgen weitere theoretische Überlegungen zur Elite, welche am Ende ein umfassenderes Bild ergeben. Weitreichende Folgen sind Folgen, welche starke Effekte auf die Gesellschaft haben. Schliesslich hat zum Beispiel auch der Entscheid eines Arbeiternehmers zu kündigen, geringe wirtschaftliche Folgen. Aber er kann meistens ohne grosse Probleme ersetzt werden. Und die Wirtschaft eines Landes oder der Zustand einer Unternehmung werden dadurch nicht bedeutend verändert. Im Gegensatz dazu können die Entscheide der wirtschaftlichen Führungsebene, z.B. eine Standortverlegung, weitreichende Effekte zur Folge haben. In erster Linie wird durch ihre Entscheidungen das System der Wirtschaft beeinflusst. Aber Effekte auf andere Funktionssysteme sind in modernen Gesellschaften ebenfalls zu erwarten. Aus dieser Definition werden das oberste Kader und die wirtschaftlichen Führungskräfte untersucht.

2.2. Die Elitensoziologie

Bevor mit dem eigentlichen Thema begonnen werden kann, bedarf es weiterer Vorarbeit. Zuerst einmal eine kurze Erläuterung, in welchem wissenschaftlichen Feld dieses Thema anzusiedeln ist.

Die Elitensoziologie kann auf mehrere Arten in die Soziologie eingeordnet werden. Entweder als Teil der allgemeinen Soziologie oder als speziellen Zweig, welcher sich mit dem Thema Eliten beschäftigt. Eine dritte Möglichkeit ist die Verordnung in der politischen Soziologie. Schliesslich ist in der Politik die Frage der Legitimierung der politischen Eliten von zentraler Bedeutung (vgl. Wasner 2004: 9-29).

Wasner (2004: 23ff) hat die Hauptfragen der Elitesoziologie herausgearbeitet:

- Wer gehört zur Elite?
- Woher stammen die Mitglieder der Elite?
- Wie sieht der Karriereweg von Eliten aus?
- Was sind die persönlichen Merkmale und Qualifikationen von Eliten?
- Welche gemeinsamen Denkmuster haben die Eliten?
- Wie rekonstruieren sich Eliten?
- Welche Arten von Eliten gibt es?
- Welche Arbeits- und Kommunikationsstile weisen Eliten auf?
- Wen repräsentieren die Eliten?
- Wessen Interessen werden von den Eliten repräsentiert?
- Welches Prestige geniessen Eliten und werden sie dadurch legitimiert?

Viele dieser Fragen werden in der Untersuchung der ökonomischen Elite in der Schweiz zum Tragen kommen. Nun geht es in einem weiteren Schritt um die historische Annäherung an das Feld der Elitensoziologie.

2.2.1. Die historischen Strömungen

Historisch gesehen gibt es für diese Arbeit drei relevante, grundlegende Strömungen in derElitesoziologie (vgl. Hollenstein 1987: 2f).

Die drei relevanten historischen Strömungen werden nun in den folgenden Abschnitten einzeln erläutert. Diese klassischen Strömungen sind für den Begriff der heutigen Elite von Bedeutung. Alle drei Ansätze werden im Verlauf der Arbeit verwendet werden und bedürfen daher einer Erwähnung.

Es besteht bei allen drei Ansätzen die Annahme, dass es eine herrschende Klasse in der Gesellschaft gibt. Diese Anmerkung soll verdeutlichen, dass gesellschaftliche Theorien wie zum Beispiel der Marxismus, welche eine klassenlose Gesellschaft kennen, in dieser Arbeit keine Beachtung finden.

2.2.1.1. Die klassische Elitensoziologie

Die klassische Elitensoziologie ist der Grundstein der Elitensoziologie. Es gibt dabei drei oft zitierte Autoren. Niccolò Machiavelli gilt als Vorläufer der Elitensoziologie und findet daher als historischer Ursprung Beachtung. Die beiden anderen Autoren Vilfredo Pareto und Gaetano Mosca besitzen starke Ähnlichkeiten. Es macht daher wenig Sinn, beide vorzustellen. Da Pareto zu einem der bedeutendsten Soziologen gezählt wird, richtet sich das Augenmerk aufihn (vgl. Bottomore 1966).

Die beiden anderen Ansätze der Elitensoziologie werden nicht anhand von einzelnen Autoren, sondern als Gesamtkonstrukt erklärt. Im Gegensatz zu den „Klassikern“ sind die Konzepte ein Geflecht aus vielen Autoren und nicht einigen Begründern anzurechnen.

2.2.1.1.1. Niccolò Machiavelli

Als Vorläufer der Elitesoziologie gilt Niccolò Machiavelli und sein 1532 erschienenes Werk „Der Fürst“. Dieses Buch kann als eine Art Anleitung für die Herrscher der damaligen Zeit in Italien verstanden werden. Dabei geht es um die realistische Situation und nicht um eine politische Utopie. In erster Linie handelt es von der Machterreichung und der Machtkonservierung des Fürsten.

„Deshalb ist es für einen Fürsten, der sich erhalten und behaupten 'will, notwendig zu lernen, zum Nicht-Guten fähig zu sein, und das zu benutzen oder nicht zu benutzen, je nach dem wie die Notwendigkeit es erfordert“ (Machiavelli 2007: 84). Diese gefühllos erscheinende Einstellung brachte ihm bis heute viel Kritik ein. Es existiert sogar der Begriff „Machiavellismus“. Dabei geht es um ein moralloses Handeln, welches auf den persönlichen Profit ausgerichtet ist (Horvath 2007: 9-19).

Machiavelli möchte das in viele Kleinstaaten zerfallene Italien einigen. Diese Idee wurde vom Faschismus aufgenommen und sie versuchten, Machiavelli für ihre Zwecke auszulegen. Bei genauer Betrachtung ist diese These aber unhaltbar. Viel eher ist Machiavelli als Vorläufer eines geeinten Europas einzuordnen (Horvath 2007: 9-19). Jedenfalls ist er einer der ersten Autoren, der die Unterscheidung zwischen Masse und Elite genauer untersucht. Er glaubt, ein Volk kann ohne Herrscher keine Krise überwinden. Es braucht dafür einen „Fürst“ (Machiavelli 1532: 38ff). Es geht um den schlauen Hirten, der die Schäfchen führt.

Durch den Faschismus gewann das Thema der Elite an neuer Bedeutung. Schliesslich waren die Massen im nationalsozialistischen Deutschland oder Italien einem „Fürst“ gefolgt. Der Kommunismus in seiner theoretischen Form ist eine Antwort auf das Problem der herrschenden Klasse. Es würde hier jedoch den Rahmen der Arbeit sprengen, wenn auf Marx und Engels genau eingegangen würde. Spannend ist aber, dass der folgende Klassiker Vilfredo Pareto auf die Gesellschaftstheorie von Marx reagiert. Er versucht, eine neue politische Wissenschaft zu begründen (vgl. Bottomore 1966: 23-46).

2.2.1.1.2. Vilfredo Pareto

Pareto knüpft an Machiavellis Unterscheidung zwischen Masse und Elite an. Im Gegensatz zu Machiavelli verwendet er explizit das Wort „Elite“. Zuerst definiert er den Begriff auf eine einfache und allgemeine Art: „Let us suppose that in every branch of human activity an index or grade can be assigned to each individual as an indication of his capacity, in much the same way that marks are awarded for the various subjects in a school examination. [...] Let us therefore make a class for those people who have the highest indices in their branch of activity, and give to this class the name of Elite (Pareto 1966: 248). Es gibt also in jedem Tätigkeitsbereich Menschen, welche die benötigten Fähigkeiten besser beherrschen, als alle anderen. Diese Menschen bilden für Pareto die Elite. Diese allgemeine Definition ist im Fundament eine funktionselitische Definition. Da Pareto aber in seinem Werk nicht weiter von dieser Definition Gebrauch macht, gehört Pareto nicht zu den Funktionselitenanhängern. Vielmehr handelt es sich um eine ideologische Definition von Elite. Seine gebräuchliche Differenzierung und Definition der Elite folgt gleich.

Pareto (2006: 248ff) unterscheidet weiter in die regierende und die nicht-regierende Elite anhand des möglichen Einflusses auf die Regierung. Ein hochrangiger Sportler zählt zur Elite, kann aber die Handlungen der Regierung fast nicht beeinflussen.

Es gibt folglich zwei Schichten: Die niedere oder elitenfremde Schicht und die obere Schicht. Diese obere Schicht nennt er die Elite, welche wiederum in die regierende und die nicht-regierende Elite unterteilt ist. Dabei geht er nicht mehr davon aus, dass die regierende Elite die besten Voraussetzungen für diese Funktion erfüllt. Sie ist eine Gruppe, welche über das meiste materielle und finanzielle Kapital verfügt und gleichzeitig den grössten Teil der Macht ausübt. Später konzentrierte sich seine Arbeit auf die Gegenüberstellung von denen, die Macht haben und denen, die keine haben (Bottomore 1966: 8ff).

Ein Problem bei Pareto ist das Erreichen der Machtposition. Er definiert die Elite einfach mit den Personen, welche die akzeptierten politischen Machtpositionen besetzen. Würde nun die Frage fallen, wer die Macht hat, dann wäre seine Antwort einfach. Es sind die Personen, welche eben diese Stellen innehaben. Damit ist nun nicht viel ausgesagt. Spannend bei der Frage nach dem „Wer“ ist die Herkunft und der Werdegang. Aus dieser Frage entstand der Kreislauf der Eliten (vgl. Bottomore 1966: 32-68).

Im Lauf der Geschichte haben sich die politischen Anführer verändert. Oft blieb eine Familie viele Jahrzehnte lang an der Macht, aber bei Betrachtung über grössere Zeitspannen kann ein Wandel festgestellt werden. Anhand dieses Wandels versucht Pareto nun, das Zustandekommen von Eliten zu erklären.

Es gibt eine herrschende Elite beim Zeitpunkt A. Diese ist relativ geschlossen und hat eine gemeinsame Gesinnung. Diese Gesinnung besteht aus vielen Elementen, welche sie von der Nicht-Elite unterscheidet. Über viele Jahre hinweg übernimmt die herrschende Elite Elemente aus der Unterschicht. Mit der Zeit wird also eine Abgrenzung nach unten immer schwieriger, bis sich diese Grenze ganz auflöst und Platz für eine neue Elite mit neuen Eigenschaften Platz macht. Diese neue Elite stammt jedoch nie aus der Masse, sondern aus der sogenannten „Reserve-Elite“. Selbst bei Revolutionen kommen nicht Personen aus der unteren Schicht an die Macht (Pareto 2006: 245-257). Obwohl über Jahre hinweg Machtwechsel beobachtet werden können, sind diese keine wirklichen Umbrüche.

2.2.1.1.З. Gemeinsamkeiten der Klassiker

Die klassische Elitensoziologie dreht sich in erster Linie um politische Macht. Diese ist sehr stark an die Wirtschaft geknüpft. Betrachtet man die Begründer der Elitensoziologie, gibt es eine einfache Grundaussage. Die politische Macht ist in der Bevölkerung ungleich verteilt. Bei weiteren Ausführungen von Pareto (2003: 90­101) können diese Personen nach politischer Macht oder materiellem Reichtum in eine Rangfolge gestellt werden. Der wichtige Punkt ist nicht, nach welchen Kriterien ein Ranking zustande kommt. Zentral ist, dass es überhaupt ein Ranking geben kann.

Laut Putnam (1976: 4) ist die Elite bei der klassischen Elitensoziologie „internally homogeneous, unified, and self-conscious“. Die Elitenmitglieder kennen einander, teilen die gleichen Interessen und stammen aus ähnlichen Verhältnissen. Zusammenfassend kann zur klassischen Sicht auf Eliten folgendes festgehalten erden:

Es handelt sich um eine Gruppe, welche Macht auf gesellschaftliche Prozesse ausüben können. Im Gegensatz dazu gibt es viele Individuen, welche dazu nicht im Stande sind. Die elitären Individuen besitzen gleichzeitig politische Macht und ein grosses finanzielles Kapital. Das heisst, ihr Einfluss ist nicht auf ein bestimmtes Wirkungsfeld begrenzt. Ihre Entscheidungen müssen sie vor niemandem ausser sich selbst rechtfertigen. Sie selber bilden eine Art exklusiver Club, deren Mitglieder sich untereinander kennen. Schliesslich teilen sie ähnliche Interessen und verfügen über den gleichen sozialen Habitus. Des Weiteren ist es eine Gruppierung von mächtigen Personen, welche für ihr Wohl und für das Wohl der anderen Elitenmitglieder schaut. Dies ergibt aus aktueller Sicht im Gesamten ein negativ geprägtes Bild einer egoistischen, Masse beherrschenden, Elite.

2.2.1.2. Funktionseliten

Der Zweite Weltkrieg und die Zeit danach haben für viele gesellschaftliche Entwicklungen gesorgt. Gerade die Sicht auf Führungspositionen veränderte sich. Die klassische Sicht auf Eliten, welche die Massen leiten, wurde durch faschistische Regime mit vielen negativen Aspekten belegt. Der Begriff der Funktionseliten ist ein Versuch, Eliten auf eine andere Art und Weise zu legitimieren. Es geht nicht mehr um den schlauen Hirten, der die dumme Masse führt, sondern um ein Individuum, welches eine bestimmte Funktion für das Gemeinwohl auszuführen hat und dies besser als andere kann.

Im Lexikon zur Soziologie (2007: 215) wird sie als ,,[...]Summe der Rollenträger mit dem höchsten Status in den Subsystemen einer funktional differenzierten Gesellschaft, die aufgrund von Fähigkeit und Leistung nach systemabhängigen Kriterien solche Positionen einnimmt, die Entscheidungen über das spezifische Subsystem hinaus wirksam werden lassen können “. Eliten sind nicht mehr wie im klassischen Verständnis eine geschlossene Gruppe, welche alle machtvollen Positionen besetzt. Es geht bei den Funktionseliten um die Betonung der Offenheit. Das heisst, alle Personen haben grundsätzlich die gleichen Voraussetzungen. Des Weiteren benötigt eine funktional differenzierte Gesellschaft in jedem Subsystem eine andere Elite. Schliesslich muss jedes Funktionssystem eine andere Aufgabe erfüllen und für jede Aufgabe braucht es andere Fähigkeiten. Nun soll diese Stelle mit der Person besetzt werden, welche die besten Fähigkeiten für die erforderten Tätigkeiten mitbringt. Diese Auswahl soll unabhängig von Geschlecht, Hautfarbe oder sozialem Hintergrund geschehen. Alleine die Fähigkeiten und der Fleiss sind entscheidend.

Es erscheint logisch, dass eine Person kaum mehrere verschiedene Elitenpositionen einnehmen kann. Schliesslich müssen sich die Eliten auf ihr Gebiet konzentrieren. Die sportliche Elite braucht zum Beispiel körperliche Kraft, während dies der politischen Elite nicht von Nutzen ist. Es ist natürlich nicht auszuschliessen, dass es eine Person gibt, welche sehr sportlich ist und auch die Fähigkeiten zu einem guten Politiker mitbringt. Jedoch wäre dies eher die Ausnahme und bei der Menge an möglichen Personen aus der Bevölkerung findet sich wahrscheinlich eine andere, besser geeignete Persönlichkeit für eine potentielle, zweite Elitenstelle.

Eine solche ideelle Funktionselite schliesst also das Zusammenspiel zwischen einem demokratischen Staat und einer Elite nicht aus. Die Gestaltung der Politik liege in den Händen von Eliten, das spreche jedoch nicht gegen eine Demokratie. Denn die Bürger können von Zeit zu Zeit ihren Anliegen Ausdruck verleihen. Sie müssen nicht dringend pausenlos an der Regierung partizipieren. (Mannheim 1995: 30-49). Mannheim hat seine Position damit drastisch geändert. In früheren Jahren sah er die Elitensoziologie nur als Rechtfertigung für die Unterwerfung unter einen Herrscher.

Dies erscheint auch nicht verwunderlich. Schliesslich beschäftigte er sich in erster Linie mit dem Bereich der Wissenssoziologie. Er sah die klassische Elitensoziologie als die Rechtfertigung einer „totalen Ideologie“, welche die Situation der Epoche erklärt (vgl. Mannheim 1995). Mit der Legitimierung über die Funktion wurde die Elite mit dem demokratischen Modell vereinbar.

2.2.1.3 . Kritische Elitensoziologie

Die kritische Elitensoziologie ist die historisch jüngste Richtung. Im demokratischen Verständnis der funktional differenzierten Gesellschaft klingen die Ausführungen der Funktionselite als ein Ideal. Leider ist der Blick in die Empirie häufig anders, als es das theoretische Konstrukt vorgibt. Besonders modernere Untersuchungen (vgl. Liebig 1997 und Hollenstein 1987) zeigen ein anderes Bild. So ist die erwünschte Offenheit der Funktionssysteme nicht gegeben. Im empirischen Teil dieser Arbeit wird die Realität ein weniger zugängliches Wirtschaftssystem zeigen, als es die Funktionselite darstellt.

Diese neue, empirische Sicht auf Eliten wird die kritische Elitensoziologie genannt. Sie versucht die Realität bei den zentralen Fragen aufzuzeigen. Natürlich wollen dies alle historischen Strömungen. Mit den modernen Demokratien und dem einhergehenden Demokratieverständnis glauben viele Bürgerjeder hat die Chance in die Elite zu kommen. Es ist eine neue Form der Legitimierung von Ungleichheit. Die Gleichheit bei Geburt als ein Ideal. Wer fleissig ist und gute Fähigkeiten entwickelt, wird dafür entlöhnt werden. Die kritische Elitensoziologie will zeigen, dass dies nicht der Fall ist. Selbst in der modernen funktional differenzierten Gesellschaft arbeiten viele Mechanismen, welche eine Selektion nach anderen Kriterien als der Leistung, der Fähigkeiten und dem Fleiss zulassen.

2.2.2. Aktuelle Ansätze im Diskurs um Eliten

Bislang wurden die drei klassischen Strömungen der Elitensoziologie vorgestellt.

Bei Eliten ist es von Bedeutung, diese anhand des gesellschaftlichen Kontextes zu differenzieren. Die Elite in einer Diktatur unterscheidet sich stark von der Elite in einer Demokratie. Obwohl der Begriff „Demokratie“ bei Politikwissenschaftlem heute keine eindeutige Definition besitzt, konzentriert sich das theoretische Konstrukt dieser Arbeit auf Eliten in Demokratien. Schliesslich dreht sich der empirische Teil um die Schweiz und diese wird bei nahezu allen politischen Modellen als Demokratie eingestuft.

Das Zusammenspiel zwischen Politik und Wirtschaft ist in einer Demokratie eng geknüpft. Das politische System und die freie Marktwirtschaft sind in einem hohen Grad voneinander abhängig. Daraus resultierten in der Sozialwissenschaft Diskussionen zum Verhältnis dieser beiden Systeme und deren Machtstrukturen. Dabei haben sich mehrere Positionen herausgebildet, welche im Folgenden umschrieben werden (vgl. Hoffmann-Lange 1992: 29-34, Putnam 1976: 5ff und Rothböck et al. 1999: 461-465). Dabei gibt es einen aus zwei anderen Richtungen entstandenen Ansatz, der momentan breite Zustimmung geniesst. Um diesen (das neue Elitenparadigma) zu verstehen, werden die beiden anderen Strömungen in den Abschnitten 2.2.2.1. und 2.2.2.2. vorgestellt. Wie am Ende erkannt werden wird, können diese drei Ansätze den historischen Strömungen zugeteilt werden.

2.2.2.1. Pluralistisch-demokratische Ansätze

Dieses Konzept gilt als ein Ideal in demokratischen Gesellschaften und geht von Funktionseliten aus. Schliesslich liegt die Betonung auf der Offenheit und der funktionalen Differenzierung der Elite. Danach gibt esje nach Funktionssystem eine eigene Elite, welche nur schwach mit den anderen verflochten ist. Sie besitzen gegenüber der klassischen Meinung keine gemeinsame Einstellung oder Werthaltung. Sie sind genau wie die Individuen der Gesellschaft verschieden. Des Weiteren sind Konflikte zwischen den verschiedenen Eliten nichts Ungewöhnliches. Entscheidungen, welche die gesamte Gesellschaft betreffen, werden im Sinne der Demokratie via Diskurs und Diskussion zwischen den einzelnen Eliten der jeweiligen beteiligten Funktionssysteme (vgl. Schluchter 1963: 233-248) ausgehandelt.

2.2.2.2. Konzept der Machtelite

Das Gegenstück zu den pluralistisch-demokratischen Ansätzen bildet das Konzept der Machtelite. Es legt den Schwerpunkt auf eine geschlossene, homogene Elite. Homogen meint nicht, dass bei jedem der verschiedenen Systeme die gleiche Person an der Spitze steht. Es sind verschiedene Personen, welche aber die gleichen Ziele und Interessen verfolgen. Sie besitzen den gleichen Habitus und durch ihre engen Kontakte miteinander und ihrer Abhängigkeit von den anderen Systemen kommt es zu einer starken Vernetzung. Dieses Machtnetzwerk, oder besser gesagt, diese Machtelite monopolisiert die politische und ökonomische Entscheidungsmacht. Die fortschreitende Differenzierung der Gesellschaft stellt für diese Struktur kein Problem dar. Schliesslich erhöht sich mit der Anzahl an Beteiligten auch die Verflechtung. Zudem konzentriert sich die Macht zunehmend in den Bereichen Wirtschaft und Politik, was alle anderen Funktionssystemen fortlaufend in den Schatten stellt (vgl. Rothböck et al. 1999: 462f).

C. Wright Mills ist einer der wichtigsten Vertreter der amerikanischen Elitensoziologie. In seinem Buch „The power Elite“ stellte er die Machthaber in einem schematischen Dreieck dar. In dessen Spitze befinden sich die Topvertreter aus den Bereichen Politik, Wirtschaft und Militär. Dabei sind diese Machthabenden eng miteinander verflochten. Das Militär ist das wichtigste Instrument der Regierung, welche ähnliche Ziele verfolgt wie die wirtschaftliche Spitze. Sie arbeiten eng miteinander und erhöhen damit ihre Abhängigkeiten. Von wichtiger Bedeutung ist auch ihre ähnliche soziale Herkunft. Für die Masse gibt es fast keine Möglichkeit in den obersten, geschlossenen Machtzirkel zu gelangen. Der Aufstieg in die unteren Führungsebenen ist dagegen möglich (vgl. Mills 2000: Kap. 1).

Mills benutzt bewusst den Begriff Macht-Elite und nicht herrschende Klasse. Und zwar aus einem bestimmten Grund. Klasse ist oft in einem wirtschaftlichen Sinn verwendet worden. Herrschaft hingegen zählt als ein politischer Begriff. Nun steckt also in „herrschende Klasse“ die Annahme, dass eine wirtschaftliche Klasse politisch herrscht. Des Weiteren fehlt der Bereich des Militärs vollkommen. Dabei besitzen die einzelnen Machthaber grosse Autonomie, was ihre Entscheidungen anbetrifft. Doch können wichtige Entscheide nur mit der Zusammenarbeit der anderen Bereiche erfolgreich durchgeführt werden (vgl. Mills 2000: 269-298).

[...]

Ende der Leseprobe aus 70 Seiten

Details

Titel
Eliten im Wandel? - Eine Untersuchung anhand der wirtschaftlichen Elite in der Schweiz
Hochschule
Universität Luzern
Note
1,5
Autor
Jahr
2009
Seiten
70
Katalognummer
V130755
ISBN (eBook)
9783640360567
ISBN (Buch)
9783640360284
Dateigröße
843 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Eliten, Elitehochschulen, Schweiz, Wirtschaft, Wandel, Elite, Elitesoziologie
Arbeit zitieren
Matthias Rem (Autor), 2009, Eliten im Wandel? - Eine Untersuchung anhand der wirtschaftlichen Elite in der Schweiz, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/130755

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