Identität & Stadtmarketing - Eine netzwerktheoretische Formulierung städtischer Identität und identitätsorientierten Stadtmarketings


Bachelorarbeit, 2008

61 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1 Problemaufriss
1.1 Creative Class, Place Branding & Competitive identities
1.2 Die Verbindung von Identität und Steuerung mit dem Stadtmarketing
1.3 Forschungsfrage
1.4 Einordnung in Forschung und Praxis
1.5 Eingrenzung des Untersuchungsgebiets
1.6 Aufbau der Untersuchung

2 Literatur & Diskurs
2.1 Stadt als Gegenstand
2.1.1 Schwierigkeit mit der Begrifflichkeit von Stadt
2.1.2 Klischees von Städten - der Blick von außen
2.1.3 Die Stadt als Prozess
2.1.4 Stadt ist kein Territorium
2.1.5 Lokalisieren von Orten und Bedeutung des Lokalen
2.1.6 Die Stadt als Akteur?
2.2 Experteninterview: Bastian Lange zum Thema Stadtbegriffe & multipli:cities
2.3 Identität in Stadt und Stadtmarketing
2.3.1 Place Branding & Competitive Identities
2.3.2 Identitätsorientiertes Stadtmarketing
2.3.3 Empirische Erkenntnisse aus den Leitbildprozessen im P rojekt ,, S tadt 2030" 15
2.3.4 Kontextsensibilität von Identitätsdiskursen
2.3.5 Narrative Identitäten
2.4 Experteninterview: Ares Kalandides zum Thema Identität & Stadtmarketing

3 Netzwerktheorie: Identity & Control nach Harrison White 22
3.1 Identität als Verortung bei Kontingenzen
3.2 Kontext
3.3 Switiching zwischen Netdoms
3.4 Die 4 Ordnungen von Identitäten
3.5 Networks und Stories
3.6 Localities

4 Anwendung der Netzwerktheorie auf die Vorstellung von Stadtidentität
4.1 Phänomen: Was ist Identität?
4.2 Akteure: Wem oder was kann Identität zugeschrieben werden?
4.3 Kontext: Was ist "die Stadt"
4.4 Thesen zur Stadtidentität

5 Fallbeispiel: Graz-Reininghaus
5.1 Profil und Besonderheiten
5.2 Prozess
5.3 Expertenmeinungen
5.3.1 Experteninterview: Michael Sammer zum Thema Partizipation & Entwicklungsprozess in Reininghaus
5.3.2 Experteninterview: Roland Koppensteiner zum Thema Strategie & Marketing in Reininghaus
5.4 Das Problem der Identität in Reininghaus

6 Neuformulierung von einem identitätsorientierten Stadtmarketing
6.1 Selbstverständnis
6.2 Dimensionen neuer Handlungsfelder
6.2.1 Networking
6.2.2 Switching
6.2.3 Story-telling
6.2.4 Tracing
6.3 Anwendung auf Graz Reininghaus
6.4 Ausblick

7 Schlussbetrachtung und Resultate
7.1 Zusammenfassung
7.2 Fazit zur Forschungsfrage
7.3 Kritische Würdigung und neue Fragen
7.4 Schlusswort zur Anbindung an die Praxis

8 Literaturverzeichnis

9 Anhang
9.1 Abbildungen

ABBILDUNGSVERZEICHNIS

Abbildung 1 - Die Stadt als Netzwerkdomain

Abbildung 2 - Die Reininghaus-Methode: der Prozessplan Identität und Stadtmarketing

1 Problemaufriss

1.1 Creative Class, Place Branding & Competitive identities

Today, the world is one market. The rapid advance of globalization means that every country, every city and every region must compete with every other for its share of the world's consumer, tourists, investors, students, entrepreneurs, international sporting and cultural events, and for the attention and respect of the international media, of other governments, and the people of other countries.1

Städte sehen sich zunehmend einem verstärkten Standortwettbewerb ausgesetzt. Im Zuge des technologischen Fortschritts und der Globalisierung sind Menschen heute mobiler denn je und haben Zugang zu globalen Informationsflüssen, die Informationen über die Qualitäten von Städten weit über den regionalen Horizont verbreiten.

Die Identifikation mit urbanen Metropolen hat die Orientierung an Nationalstaaten abgelöst. Städte bilden vielmehr eine eigene Diskurssphäre in einer globalen Öffentlichkeit und avancieren zu Global Cities.2

Die bewusste Wahl des Ortes wird heute immer wichtiger, denn schließlich ist der Ort selbst, neben dem Arbeitsplatzangebot, ein wichtiges Element zum persönlichen Glück, zur Selbstverwirklichung und Identifikation.3

Städte bemühen sich darum einzigartig zu sein und eine Marke des Ortes als Ausweis der unverwechselbaren Identität und Lebensqualität zu kommunizieren. Konkurriert wird vor allem um die sogenannte Creative Class4, weil man sich mit deren Ansiedlung Kreativität, Vielfältigkeit und Innovationskraft für die Stadt und damit Investitionsanreize und Gründungspotential für Unternehmen, wie auch Attraktivität für weitere hochqualifizierte Wissensarbeiter erhofft. Mittels des sogenannten Place Branding versuchen Städte ein positives Stadtimage zu kreieren und den Rezipienten darin „zu lehren, die Stadt in einer bestimmten Art und Weise zu sehen."5 In Rankings werden Städte als Marken verglichen. Als Einflussfaktoren gelten beispielsweise Status/Präsenz, Lage, Lebendigkeit , Ausstattung, Menschen und zukünftiges Potential6.

Die Wettbewerbsfähigkeit der Städtischen Identität wird unter dem Begriff competitive identity7 als Aufgabenfeld der städtischen Verwaltung subsumiert. Es geht um die Herausarbeitung von städtischen Schlüsselqualifikation, Eigenheiten und Profilschärfe. Mit häufig spezialisierten und privaten Tochterfirmen für das Stadtmarketing versuchen städtische Verwaltungen ein authentisches Bild der Eigenschaften einer Stadt zu kommunizieren. Städtische Identität stellt hier eine Mischung aus physischen Substanzen und ihrer Geschichte, Bevölkerungsprofilen, Traditionen und Ritualen des Stadtlebens dar, aus denen das Stadtmarketing als Beobachter schöpfen kann und diese als besonders attraktiv zusammen gestelltes /mage der Stadt ,,verkauft". Das Stadtmarketing kommuniziert eine Definition städtischer Identität, die beschreibt, was eine Stadt ausmacht und mit welcher Erwartung man einer Stadt begegnen kann.

Gerade diese Beobachterrolle, die eine Ablesbarkeit einer städtischen Identität voraussetzt, erscheint problematisch, ist sie doch von einer Marketingstrategie, den Interessen von einzelnen Akteuren, und der Ansprache verschiedener Zielgruppen des Stadtmarketings geleitet. Kann das die Identität einer ganzen Stadt sein? Schließlich wirken die von dem Stadtmarketing kreierten Bilder einer Stadtidentität nicht nur als Bild zur Generierung von Aufmerksamkeit in der Ferne, sondern transportieren gleichzeitig das Selbstverständnis der Stadtidentität an die städtische Bevölkerung. In der Überlegung aber, dass diese Binnenkommunikation auch dazu dienen soll, dass eine städtische Bevölkerung als Kommunikator mit dem vom Stadtmarketing geschaffenen Vokabular eine städtische Identität auch gegenüber Fremden und damit potentiellen Neustädtern ausweisen soll, wird das Problem zum Paradoxon. Die Vermittlung einer authentischen Identifikation mit einer Stadt wird dann nämlich häufig zum Ausspruch eines Widerspruchs zu der von dem Stadtmarketing geschaffenen Identitätskonstruktion. Eine Identifikation mit einer Stadt schließt gerade ein, den eigenen individuellen Bezug in Beobachtung, Überprüfung und häufig auch Abgrenzung zu dem kreierten Stadtimage zu erklären. Beispielsweise sind touristische Attraktionen oder namenhafte Firmensitze zwar benutzbar in der Darstellung gegenüber Fremden um auszudrücken, welche Eigenschaften und Angebote eine Stadt aufweist, dies hat aber wenig damit zu tun, mit welchen Elementen des alltäglichen Stadtlebens sich ihre eigene Identifikation mit der Stadt als Stadtbewohner generiert. Von der Vermittlung einer authentischen Identität durch das Stadtmarketing, im Sinne einer gelebten oder auch im Alltagsleben wahrnehmbaren Identitätskonstruktion der Stadtbevölkerung kann deshalb nicht die Rede sein. Ist es überhaupt möglich von der Identität einer Stadt zu sprechen?

1.2 Die Verbindung von Identität und Steuerung mit dem Stadtmarketing

Stadtmarketing will im Standortwettbewerb Menschen zur Übersiedlung überzeugen, dadurch, dass es eine Identitätsfassung einer Stadt erzeugt und kommuniziert, die für diese als Versprechen gilt, warum der Zuzug durch ein besonderes Angebot an Identifikation mit der Stadt attraktiv ist. Das Stadtmarketing sieht sich deshalb konfrontiert mit einem Steuerungsproblem: Wie kann eine Identität erzeugt werden, wenn diese Identität eben nicht ein Image ist, das von der Stadtverwaltung entworfen bzw. im besten Fall gut beobachtet werden kann? Was ist dann eine Stadtidentität? Wie konstituiert, entwickelt und reproduziert sich Stadtidentität? Wer sind die Akteure in den Prozessen der Identitätskonstitution? Aber auch der Kontext „Stadt" bleibt nicht unproblematisch stehen, wirkt doch der Begriff einer Stadt als abgrenzbares Territorium überholt angesichts einer heute global vernetzten und grenzenloser interagierenden Gesellschaft.8 Was ist also „die Stadt" in der Konstituierung von Identität heute?

Diese Leitplanken einer Erörterung des Problems „/dentitat und Stadtmarketing" machen offensichtlich, dass die inhaltlichen Ausrichtung bzw. das Selbstverständnis des Stadtmarketings unmittelbar mit der Frage der Steuerung von Identität im städtischen Kontext zusammenfällt. Weil Stadtmarketing in Teilen ihres Aufgabenfeldes als die Kommunikation von städtischer Identität verstanden werden kann, ist es notwendig zu klären, wie Stadtmarketing Bezug nehmen kann auf welche Form von Identität ihrer Stadt. Ist die Form einer städtischen Identität einmal vorgestellt, lässt sich daraus auch ableiten, in welcher Weise sie für das Stadtmarketing eingesetzt werden kann, denn nach wie vor ist das Problem präsent, dass Stadtmarketing sich die Identität einer Stadt im Standortwettbewerb zu Nutze zu machen müssen glaubt.

1.3 Forschungsfrage

Aus diesem Kalkül einer offensichtlichen Schwierigkeit mit Identität im Stadtmarketing umzugehen, hinsichtlich des Inhalts von Identität, der Frage nach den Konstituierungsprozessen, als auch der Frage nach der Steuerung von Identität ergibt sich die aus der Perspektive des Stadtmarketings motivierte Forschungsfrage:

Was bedeutet die Identität einer Stadt
und welche Implikationen hat dies für das Stadtmarketing?

Die Untersuchung dieser Fragestellung soll nicht nur Erkenntnisse liefern, in welcher Weise man von der Identität einer Stadt sprechen kann, sondern im Umkehrschluss das Selbstverständnis eines identitätsorientierten Stadtmarketings auf den Prüfstand stellen und durch einen aufgeklärten Identitätsbegriff neu formulieren.

1.4 Einordnung in Forschung und Praxis

Die Klärung der Frage, was die Identität einer Stadt bedeutet und wie Stadtmarketing auf eine städtische Identität im Standortwettbewerb zurück greifen kann, situiert sich interdisziplinär in einem Schnittpunkt einer ganzen Reihen von wissenschaftlichen Disziplinen und Forschungstraditionen.

Zum einen handelt es sich bei dem Topos Stadt um das zentrale Untersuchungsfeld soziologischer, humangeografischer oder kulturwissenschaftlicher Forschungen, zum anderen ist die Frage nach der Konstitution von Identität einer Stadt ein aktuell sehr intensiv diskutiertes Thema der Stadtsoziologie (siehe Kapitel 2.1), da sie eine Antwort auf das Spezifische von Stadt zu finden versucht angesichts einer Deterritorialisierung des Raumes.

Die in dieser Arbeit vorgeschlagene netzwerktheoretisch formulierte Konstituierung von Identität deutet einerseits auf den steigenden Einfluss der Netzwerktheorie hin und versucht andererseits eine der aktuellsten netzwerktheoretisch formulierten Sozialtheorien von Harrison C. White (Identity & Control - siehe Kapitel 3) auf einem neuen und für die Praxis anschlussfähigem Untersuchungsfeld fruchtbar zu machen. Gerade weil White die Netzwerktheorie von einem formal abstraktem zu einem phänomenologischen Niveau übersetzt hat, bietet es sich an, den abstrakt komplexen aber alltäglich erlebbaren Gegenstand einer Stadtidentität netzwerktheoretisch zu beleuchten. Der gewählte theoretische Zugriff auf Stadt und Stadtidentität mit der Betrachtungsweise der Netzwerktheorie beinhaltet außerdem die Vermutung, besonders anschlussfähig an aktuelle relationale Modelle von Identität und auch Raum zu sein.

Wie eingangs bereits ausgeführt wurde, weist die Untersuchung der Konstituierung von Stadtidentität eine sehr hohe praktische Relevanz, genauer gesagt eine Notwendigkeit für das Stadtmarketing auf, nicht zuletzt auch deshalb, weil empirische Untersuchungen erhebliche Diskrepanzen zu Tage gefördert haben (siehe Kapitel 2.2.3).

1.5 Eingrenzung des Untersuchungsgebiets

Ein Zweig der Forschung zu Identität und Städten beschäftigt sich unter den Begriffen Raumidentität, Regionalbewusstsein und Heimatverbundenheit mit der Vorstellung von Identitäten, die vor allem durch den Raum konstituiert werden. Zwar soll ein Effekt von Gebäuden und ihren Anordnungen bzw. Stadtstrukturen auf die Konstitution von Identität nicht abgesprochen werden, jedoch wird in dieser Arbeit vermutet und untersucht, dass Kommunikation das Mittel zur Konstitution von Identitäten darstellt. Der Raum kommt hier so nur als Referenz oder Strukturierung von Kommunikation zur

Geltung, nicht als Motivation zur Identitätskonstitution. Zudem ist die Forschungsfrage geleitet vom Interesse an einem neuen Verständnis von Stadtmarketing in Bezug auf ihre Vorstellung von Stadtidentität. Stadtmarketing schließt insofern die Raumfrage aus, als das sie für diese Untersuchung nicht als städtebauliche Entwicklungseinheit gesehen wird sondern als Kommunikator von Stadteigenschaften. Mit Verweis auf die Raumsoziologie wird sich an späterer Stelle klären, in wie weit aber Raum - hier auch im Sinne einer physikalische Umwelt - als Referenzrahmen für das Sprechen über Identität in die Untersuchung einzubeziehen ist.

Rücksicht wird in dieser Untersuchung nicht genommen, wie Identität wieder auf die Raumschaffung wirkt. Eine derartige Kreisbewegung von der Identifikation mit einer Stadt, dementsprechende Einflüsse auf das Schaffen von Räumen, die wiederum die Identität einer Stadt ausmachen könnten werden ausgespart bzw. subsumiert insofern, als dass es immer um die Kommunikation von Identität geht, ob sie durch Wechselwirkung mit Raumschaffungsprozesse oder Wahrnehmung physischer Strukturen entstanden sind oder nicht.

In Abgrenzung zur Psychologie werden die genauen psychischen Vorgänge von Prozessen zur Identitätskonstitution nicht analysiert. Insofern wird nicht auf die psychischen Prozesse beispielsweise von Raumwahrnehmung eingegangen, da das in dieser Untersuchung favorisierte soziologische Konzept seinen Schwerpunkt auf die Kommunikation zwischen relational positionierten soziologischen Entitäten setzt.

Auch wenn die Arbeit Stadtmarketing in seiner Herausforderung des Standortwettbewerbs untersucht, wird nicht auf die organisationssoziologischen Aspekte des Marketings eingegangen z.B. wie man das Interesse von Touristen oder Investoren für eine Stadt gewinnt. Die hierfür notwendige Komplexitätsreduktion durch das Stadtmarketing für die prägnante Positionierung einer Stadt mittels Werbung und Kommunikation stellt viel mehr das Problem in dieser konventionellen Sicht von Stadtmarketing dar. Demzufolge wird in dem Feld Stadtmarketing auf den Aspekt der Erfassung von Stadtidentität und seinen Implikationen eingegangen.

Das Untersuchungsgebiet grenzt sich auf eine primär soziologische Betrachtung von Stadt und Stadtidentität ein, die aber Suchbewegungen anknüpfender Disziplinen aufzeigt als legitimierende Heranführung eines strukturell netzwerktheoretischen und inhaltlich auf die Kommunikation fokussierten Theorieanschluss. Motivation dieser Vorgehensweise ist die Dekonstruktion der Steuerungsproblematik und die essentialistische Betrachtung von Stadtidentität im Stadtmarketing.

1.6 Aufbau der Untersuchung

Aus dem dargelegten Problemaufriss und der Fragestellung sowie der bereits angedeuteten Herangehensweise ergeben sich unmittelbar Vorgehensweise und Aufbau der vorliegenden Arbeit.

So wird in Kapitel 2 der bereits problematisierte Untersuchungsgegenstand durch eine Zusammenschau von Literatur hinsichtlich des Gegenstands Stadt und der Identität in Stadt und Stadtmarketing in seiner Vielfältigkeit aber auch Verlegenheit herausgearbeitet und Prämissen sowie Forschungsergebnisse für den Anschluss an eine netzwerktheoretische Formulierung unterstrichen. Die durchgeführten narrativen Experteninterviews mit dem Stadtforscher Bastian Lange und dem Stadtmarketingexperten Ares Kalandides geben hierfür pointierte Einblicke in die jeweiligen Forschungs- und Praxismilieus.

In Kapitel 3 wird anschließend die Netzwerktheorie nach Harrison White ausgebreitet und die Grundbegriffe und Motive seiner Theorie erläutert. Informiert durch die netzwerktheoretische Vorstellung von Identität wird in Kapitel 4 nun der Versuch unternommen die Netzwerktheorie von White auf den Kontext der Stadtidentität zu übertragen und anzuwenden.

Zum Übertrag einer netzwerktheoretischen Fassung von Stadtidentität auf die Praxis des Stadtmarketings dokumentiert Kapitel 5 mit dem aktuellen Fallbeispiel Graz-Reininghaus noch einmal, wie in der Praxis eine Suchbewegung nach einer Stadtidentität vollzogen wird und wie sich die Lücke einer Vorstellung von Identität in diesem Stadtentwicklungsprozess auswirkt. Gestützt wird diese Beobachtung durch narrative Experteninterviews mit Roland Koppensteiner, CEO der Entwicklungs-gesellschaft Asset One und Michael Sammer, Prozessmitdenker und Gründer der Reininghaus-Gesellschaft.

Die Theorieentwicklung aus Kapitel 4 und Praxisbeobachtung in Kapitel 5 wird in Kapitel 6 zusammengeführt. Zunächst wird ein neues Selbstverständnis des Stadtmarketings formuliert und mit einigen programmatischen Dimensionen neuer Aufgabenfelder des Stadtmarketings veranschaulicht. Anschließend daran wird eine solche Vorstellung von Stadtmarketing am Fall Graz Reininghaus erprobt und mit einem Ausblick zu aktuellen Entwicklungstendenzen des Internets auf zukünftige Potentiale aufmerksam gemacht.

Das Kapitel 7 fasst abschließend die Ergebnisse der Arbeit zusammen, formuliert eine mögliche Antwort zur Forschungsfrage und eröffnet in einer kritischen Würdigung neue Fragen für anschließende Forschungsarbeiten.

2 Literatur & Diskurs

2.1 Stadt als Gegenstand

2.1.1 Schwierigkeit mit der Begrifflichkeit von Stadt

Betrachtet man die Stadtsoziologie als jene Disziplin, die vielleicht am ehesten Auskunft darüber geben können sollte, was die Stadt als Forschungsgegenstand ausmacht, wie eine Stadt begrifflich zu fassen sei, so ist es erstaunlich, wie wenig die Stadtsoziologie sich über ihren eigenen Gegenstand einig ist.9 Eine Herausforderung dabei ist die Vielfalt der Themen, d.h. es lassen sich kaum Probleme finden, die nicht „an und in den Städten imaginiert worden wären."10 Henri Lefèbvre als ein Klassiker seiner Disziplin bemerkte dazu treffend: „Das Urbane gewinnt kosmische Bedeutung, umfasst die ganze Welt".11 Die andere Schwierigkeit des Gegenstands liegt in der Definition eines Singulars von „der Stadt" als allgemeingütige Vorstellung von Stadt, denn vielmehr wurde der „Singular ,Stadt' systematisch in Frage gestellt."12 In einer möglichen Fassung der Vorstellung und Bestimmung einer Stadt wird offenbar, wie unscharf der Begriff zwar mit Selbstverständlichkeit alltäglich verwendet wird, eine Definition darüber, was eine Stadt ausmacht, was seine Qualitäten sind aber nur schwer beantwortet werden kann:

„But when it comes to fixing the se qualities into some kind of robust definition, we find it hard to capture the qualities we see and feel into statements we can agree about. Where is the city? Where are its cores and boundaries? What qualities does it have and how are these distributed within it? Who does the city belong to and who has the

power to shape its trajectory? (...J How can we grasp what a city is and could be? If13

Nachfolgend werden deshalb einige Bilder und Modelle von Stadt aufgegriffen, um einerseits die Vielfältigkeit des Diskurses zum Gegenstand Stadt darzustellen, als auch andererseits eine Hinführung zu Prämissen für die Auffassung von Stadt dieser Arbeit und daraus resultierend eine Platzierung in dem stadtsoziologischen Diskurs zu entwickeln.

2.1.2 Klischees von Städten — der Blick von außen

Zunächst sei angeführt, dass Städte als Gegenstand vielfach mit projizierten Bildern14 verknüpft sind, die als Klischees scheinbar etwas über den Charakter der Stadt aussagen. So ist es das New York mit seinen dampfenden Gullys und gelben Taxikolonnen, das „Paris der Eifersucht und Erotik" aber auch „Münchens barocke Pracht" und „Frankfurts noble Bürgerhäuser neben ,Mainhattans' neuer Banken-Skyline", die als Bilder die „Vorstellung eines Ortes oder einer Stadt mehr prägen als deren Realität".15

Doch was macht die Realität, den Gegenstand der Städte tatsächlich aus? Ist die Stadt ein Gegensatz der Zivilisiertheit gegenüber provinzialischer Barbarei?16 Lässt sie sich beschreiben mit dem europäischen Idealbild eines Zentrums mit Peripherie?17 Oder steht die Stadt viel mehr in Gefahr als soziale Einheit zu zersplittern?18 Ist die Stadt vor allem ein Ort an dem sich Unbekannte begegnen könnten?19 Oder definiert sich eine Stadt in dem Umgang mit Differenzen als Struktur durch Mischung wie auch Segregation von heterogenen sozialen Gruppen20 ? Wird die Realität der Stadt heute eher durch globale Ströme (z.B. von Migranten oder Kapital) bestimmt, d.h. erleben wir eine Globalisierung der Städte?21 Was ist „die Stadt"?

2.1.3 Die Stadt als Prozess

Eben weil das Angebot reicht von der „Patchwork City, der Network City und der Virtual City über die Edge City, die Dual City und Divided City zur Stadt ohne Eigenschaften, der postmodernen Stadt und der Erlebnisstadt"22, argumentiert Schroer, dass man vor allem Stadt als Prozess23 verstehen sollte, da es „Fragmentierung, Privatisierung, Segregation usw. nicht schlicht gibt. Vielmehr gibt es Entwicklungsprozesse innerhalb der Stadt zu beobachten, die mit diesen Termini belegt werden."24 Schroer folgt hier der Einsicht Featherstones, „dag die Stadt ein Prozeß ist, daß Orte Prozesse sind und nicht eine einzige, unveränderliche Identität haben: der Raum stellt nicht eine statische Realität dar, sondern eine Wirklichkeit, die durch Interaktionen, Erfahrungen, Erzählungen, Bilder und Darstellungen verschiedener Gruppen aktiv hervorgebracht und verändert wird".25

Ist aber erst einmal die Stadt vorgestellt, nicht als feststehende Einheit oder als Beschreibung nur bestimmter Phänomene, so bleibt dennoch unklar von welchem Wirkungshorizont in geografisch räumlicher Hinsicht man bei der Stadt als Prozess ausgehen kann. Anschließend daran muss geklärt werden, wie sich Stadt fixiert und auf welcher Ebene man Stadt abgrenzen kann.

2.1.4 Stadt ist kein Territorium

" When are men , living in the same place, to be regarded as a single city- what is the limit? Certainly not the wall of the city, for you might surround all Peloponnesus with a wall. Like this, we may say, is Babylon, and every city that has the compass of a nation rather than a city; Babylon, they say, had been taken for three days before some part of the inhabitants became aware of the fact ."26

Ausgangspunkt für eine Begrenzung von Stadt im Sinne von räumlichen Strukturen ist das kritisierte Modell eines Raumcontainers, der Stadt territorial fixiert. Wie aber in neueren kulturgeographischen und soziologischen Raumtheorien betont wird, ist vielmehr ein Raum und hier der Stadtraum ein soziales Konstrukt, das relational und physisch entkoppelt zu denken sei.27 „The new, relational ways of thinking about city dynamics and sociospatial-temporal linkages emphasise the multiplicity of relational nets which weave across city space, connecting people and forms to all kinds of other places, near and far in geographical space."28 Doreen Massey schlägt vor, Orte nicht als „areas with boundaries around" vorzustellen, sondern als „articulated movements in networks of social relations and understandings."29

Nachdem Stadt nicht mehr in territorialen Grenzen und geografischen Dimensionen zu fassen ist, stellt sich die neue Frage, wie dann jedoch der Mechanismus der Lokalisierung von Städten erfolgen kann. Gibt es keine festen Grenzen, erscheint es zunächst schwierig noch von einer Stadt als spezifischen Ort zu sprechen, der sich lokal verankern lässt. Gerade angesichts der Thematik des Standortwettbewerbs ist das Sprechen von Orten und damit auch Lokalitäten unumgänglich. Zumal in einem globalisierten Standortwettbewerb das Lokale dem Globalen gegenüber gestellt scheint. Und „fiir das Lokale steht ,die Stadt'."30

2.1.5 Lokalisieren von Orten und Bedeutung des Lokalen

Löw zufolge lokalisieren wir Räume an Orten darüber, dass wir in der Erinnerung Objekte und Menschen mit konkreten Orten verschmelzen. Solche Erinnerungen fließen in die Konstitution von Räumen im Alltag ein.31 Sie verweist dabei auf Maurice

Halbwachs32 und Jan Assman33, die feststellten, dass sich das Gedächtnis prinzipiell an Orten (beispielsweise dem eigenen Stadtteil) orientiert.

Liefert Löw Auskunft darüber, wie Räume an Orten lokalisiert werden, so weist Berking noch einmal deutlich auf die Bedeutung und Rolle von Orten und der daraus erwachsenen Wirkungsmächtigkeit in Bezug auf einen spezifischen Ort hin. Berking beantwortet die FrageU warum cplace matters^ in dieser Weise:

„ Die Produktion von Lokalität als jener Horizont der Vertrautheit und des Bekanntseins ist eine tagtäglich zu erbringende kulturelle Praxis, an der sich lokale Identitätsformationen und symbolischen Universen besonders anschaulich studieren ! asst . "34

Interessant dabei ist diese kulturelle Praxis oder den lokalen Kontext als eine Form von verborgener Eigenlogik35 zu beschreiben, die Städte spezifisch macht in ihren chabitualisierten Regeln^36:

„ Erkennbar werden diese Praxisformen dann am Individuum in Form von bestimmten Wahrnehmungs-, Bewertungs- und Handlungsschemata. Auf der Ebene der Stadt wiederum geben die sich als ortsspezifische Wahrnehmungs-, Bewertungs- und Handlungsschemata. Kurz: es zeigen sich eigenlogische Prozesse städtischer Vergesellschaftung. "37

In gewisser Weise ist dies auch eine Neuanknüpfung und Aktualisierung der Chicagoer SchuleU die in dem stadtsoziologischen Klassiker cThe City^ die Stadt als Okologie beschrieben hat. Denn ähnlich wie die Eigenlogik verweist die Chicagoer Schule um ParkU Burgess und McKenzie daraufU dass cAll social facts are located in contexts^.38 Gemeint ist hier, dass die Stadt selbst einen Kontext markiert, der ähnlich der Ökologie in der Pflanzenwelt ein Eigenleben an in Wechselwirkung stehenden Kräften darstellt:

„[...] the city has an internal organization which may be termed an ecological organization, by which we mean the spatial distribution of population and institutions and the temporal sequence of structure and function following from the operation of selective, distributive, and competitive forces tending to produce typical results wherever they are at work."39

Insofern ist der Ort eine Lokalitat cwith sentiments, traditions, and a history of its own.[...] the life of every locality moves on with a certain momentum of its own[...]40

Nun lässt sich allerdings auch nicht bestreiten, dass die Globalisierung und neue Kommunikationsmedien dazu führen, dass Menschen sich weniger mit ihrem lokalen Ort verbunden fühlen41, „man in der unmittelbaren Nachbarschaft auf Unterschiede trifft, während am anderen Ende der Welt etwas Vertrautes auftaucht."42 Das dies aber kein Wiederspruch zur Lokalität sein muss, führt Doreen Massey eindrücklich vor Augen. Denn was nach der Auflösung von Raum übrig bleibt, wenn er relational gedacht wird, ist „nicht mehr als die Summe von Beziehungen, Verbindungen und Praktiken, und diese sind absolut alltäglich und verankert und können sich durchaus Ober die ganze Welt erstrecken."43 Lokalität und Ort sind dabei aber nicht als Gegensatz zum globalen Raum und auch nicht als „gegebene, eingegrenzte Einheiten" zu fassen, „sondern als andauerndes Projekt, dessen Identität sich in Beziehungen und Praktiken bildet."44

Abschließend zu einer begrifflichen Heranführung der Stadt ist zu klären, wenn von Prozessen und der Positionierung von Lokalen bzw. einer Eigenlogik und Eigendynamik von Städten zu sprechen wäre, wie Stadt als Akteur aufzufassen ist. Wer ist „die Stadt"?

2.1.6 Die Stadt als Akteur?

Auffällig ist, dass der Begriff Stadt gebraucht wird, wenn eigentlich Stadtverwaltung gemeint ist45, oder aber es wird unter Stadt eine Gesellschaft vorgestellt, die in globale Zusammenhänge verwoben ist ~„Global City")46, oder mit Begriffen wie „fragmented City", „dual city" oder „quartered city" auf eine vormalige Einheit als Singular hinweist.47 Das wirklich entscheidende daran ist aber nicht nur das Sprechen von einer Einheit, sondern das Städte häufiger verglichen werden mit Akteuren als „handelnde Einheiten, die miteinander konkurrieren, gewinnen oder verlieren, politische Ziele verfolgen, erfolgreich sind oder scheitern".48 So weist auch Saskia Sassen mit Formulierungen wie „[Globalization] has created a new strategic role for major cities"49 auf eine Einheit von Städten hin, die einen strategischen Ort repräsentieren, „doch die strategische Rolle spielen die Menschen in ihr"50. FOr „die Menschen" stehen in der Praxis Lobbygruppen, die eine Wettbewerbspolitik fordern, oder Akteure, die sich beispielsweise für die medienwirksame Ausrichtung der Olympischen Spiele in einer Stadt einsetzen.51 Die Stadt selbst, ist kein Akteur, kein Subjekt das handelt.52

[...]


1 Anholt 2007a, S. 1

2 vgl. Sassen 2001

3 vgl. Florida 2008

4 vgl. Florida 2005

5 Stöber 2007, S. 50

6 vgl. Anholt 2007b

7 vgl. Anholt 2007a

8 vgl. Appadurai 1995; Castells 2000; Berking 2006

9 vgl. Lange 14.11.2008, S. 1; zur Geschichte und Entwicklung der Stadtsoziologie vgl. Eckardt 2004 oder Häußermann, Kemper 2005; Häußermann et al. 2004

10 Berking, Löw 2005, S. 9

11 Lefèbvre, Roeckl 1976 zitiert nach Eckardt 2004, S. 24

12 Berking, Löw 2005, S. 13

13 Healey 2002, S. 1779

14 vgl. Fröhlich 2007

15 Göschel 2006, S. 265

16 vgl. Siebel 2000

17 vgl. Kollhoff 1999

18 vgl. Häußermann 1998; vgl. Touraine 31.05.1996

19 vgl. Baecker 2004b, S. 207

20 vgl. Löw 2002; Siehe auch die Definition der Stadt nach Wirth 1969, S. 148

21 vgl. Berking, Faber 2002; oder Sassen 2001 mit dem Begriff „Global City"

22 Schroer 2005, S. 333-334

23 vgl. Schroer 2005

24 Schroer 2007, S. 248

25 Featherstone 1999, S. 182 zitiert nach Schroer 2007, S. 251

26 Aristoteles (350 BC) in seinem Werk Politik Buch 3, Kapitel 3 vgl. Aristotle, McKeon 1941, S. 1179

27 vgl. Löw 2007; Massey et al. 1999; Pile 1999; Graham, Healey 1999

28 Healey 2002, S. 1778

29 Massey 1996, S. 67

30 Marcuse 2006, S. 201

31 vgl. Löw 2007, S. 199

32 vgl. Halbwachs 1941

33 vgl. Assmann 1997

34 Berking 2002, S. 55

35 Berking, Löw 2008

36 Lange 14.11.2008, S. 3

37 ebd.

38 Abbot 1997, S. 1152

39 Park et al. 1967, S. 187

40 ebd., S. 6

41 Albrow 1997

42 Clifford 1988, S. 14 zitiert nach David Morley 2002, S. 60

43 Massey 2006, S. 28

44 ebd., S. 28

45 Marcuse 2006, S. 213

46 Sassen 2001

47 Marcuse 2006, S. 208

48 ebd., S. 203

49 Sassen 2001, S. 3 zitiert nach Marcuse 2006, S. 204

50 Marcuse 2006, S. 204

51 ebd., S. 203 oder vgl. Gibson 2005, S. 260

52 vgl. Sven Regener zu Stadtvierteln als Subjekte: Bartels, Lippitz 24.08.2008

Ende der Leseprobe aus 61 Seiten

Details

Titel
Identität & Stadtmarketing - Eine netzwerktheoretische Formulierung städtischer Identität und identitätsorientierten Stadtmarketings
Hochschule
Zeppelin University Friedrichshafen
Note
1,3
Autor
Jahr
2008
Seiten
61
Katalognummer
V130779
ISBN (eBook)
9783640360604
ISBN (Buch)
9783640360314
Dateigröße
1765 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Stadtmarketing, Netzwerktheorie, Harrison C. White, Identität, Leitbildprozesse, Graz-Reininghaus, Bastian Lange, Ares Kalandides, Place Branding, Competitive Identity, Creative Class, Narrative Identitäten, Switching, Story-telling, Tracing, Networking, Netdoms, Semantic Web
Arbeit zitieren
Jonas Kwaschik (Autor), 2008, Identität & Stadtmarketing - Eine netzwerktheoretische Formulierung städtischer Identität und identitätsorientierten Stadtmarketings, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/130779

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