Bei dieser Arbeit handelt es sich um eine umfangreiche Rezension der Dissertation von Sabine Mehlmann mit dem Titel "Unzuverlässige Körper. Zur Diskursgeschichte des Konzepts geschlechtlicher Identität".
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Problematisierung des Verhältnisses von sex und gender
2.1 Konstruktivistische Wende in der Frauen- und Geschlechterforschung
2.2 Konzept des "doing gender" bei Hirschauer
2.3 Konzept der performativen Identität bei Butler
3. Expansion der Diskursivierung der Sexualität in den Wissenschaften vom Sex
3.1 Figur des 'Urnings' bei Ulrichs
3.2 Historische Formierung der Sexualpathologie
4. Diskursexplosion zum Thema Homosexualität
4.1 Ätiologie abweichenden Sexualverhaltens
4.2 Erwerbtheorien und Entkopplung von Körpergeschlecht und sexueller Orientierung
5. Unzuverlässige Körper. Zur Diskursgeschichte des Konzepts geschlechtlicher Identität
5.1 Otto Weininger und das Modell der Zellgeschlechter
5.2 Sigmund Freud und die psychosexuelle Entwicklung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die historischen Entstehungsbedingungen der Entkopplung von anatomisch-biologischem Geschlecht ("sex") und Geschlechtsidentität ("gender"). Dabei wird die wissenschaftshistorische Genese dieser Konzepte analysiert, um zu ergründen, wann psychologische Identitätskonzepte entstanden sind, die psychische Geschlechterdifferenzen nicht mehr unmittelbar auf körperliche Ursachen zurückführen.
- Historische Genese der Trennung von sex und gender
- Konstruktion und Normierung von Zweigeschlechtlichkeit
- Diskursgeschichte der Sexualpathologie
- Wandel von biologischen zu psychologischen Begründungsmustern
- Kritische Analyse von Theorien bei Hirschauer, Butler, Krafft-Ebing, Weininger und Freud
Auszug aus dem Buch
Unzuverlässige Körper. Zur Diskursgeschichte des Konzepts geschlechtlicher Identität
Im fünften und letzten Kapitel, das den Titel des Buches trägt, wendet sich Mehlmann Otto Weininger (1880-1903) und Sigmund Freud (1856-1939) zu, anhand derer Theorien sie die Entkopplung des psychischen Geschlechts von anatomisch-physiologischen Kausalitäten beschreibt. Ihre interessante These zu Beginn lautet, dass die binäre geschlechtliche Struktur durch die Verlagerung von einer biologischen hin zu einer psychologischen Begründung von Geschlecht restabilisiert wird.
Weininger entwirft ein anatomisches "Modell unzähliger Zellgeschlechter, die [...] nicht nur graduell und lokal, sondern auch temporär variieren" können; dabei ist weder eine zeitliche noch räumliche Zuteilung möglich. In Anlehnung an Hirschfeld sieht er jeden Menschen als von Anfang an bisexuell veranlagt, bleibt aber grundsätzlich auch der heterosexuellen Matrix verhaftet: Die Pole bilden, wenn auch imaginär, das 'Vollweib' und der 'Vollmann'. Nichtsdestotrotz bricht er mit anatomischen Erklärungsversuchen vollkommen und verlagert seine Begründung einer strengen bipolaren Zweigeschlechtlichkeit auf die Ebene des Psychischen. Die basale Voraussetzung seiner misogynen Begründung ist ein jeweils anderes Verhältnis von Mann und Frau zum Sexualleben, genauer der Erregbarkeit. Während der Mann nur gelegentlich sexuell erregt und darüber hinaus auch ein Kulturwesen ist, ist "das Weib [...] nichts als Sexualität". Während der Mann "noch ein Dutzend anderer Dinge" kennt, geht das Weib "im Geschlechtsleben [...] vollkommen auf".
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Forschungsfrage nach den Entstehungsbedingungen der Entkopplung von sex und gender ein und skizziert den wissenschaftshistorischen Kontext.
2. Die Problematisierung des Verhältnisses von sex und gender: Dieses Kapitel diskutiert die konstruktivistische Wende und kontrastiert aktuelle Theorien wie "doing gender" und den performativen Ansatz von Judith Butler.
3. Expansion der Diskursivierung der Sexualität in den Wissenschaften vom Sex: Das Kapitel befasst sich mit der Historisierung der Sexualpathologie und der Einführung des 'Urnings' als Paradigmenwechsel.
4. Diskursexplosion zum Thema Homosexualität: Hier steht die Debatte um die Ätiologie abweichenden Verhaltens sowie der Streit zwischen Anlage- und Erwerbtheoretikern im Zentrum.
5. Unzuverlässige Körper. Zur Diskursgeschichte des Konzepts geschlechtlicher Identität: Das letzte Kapitel analysiert bei Weininger und Freud, wie die Verschiebung auf eine psychologische Argumentation zur Restabilisierung der Zweigeschlechtermatrix beiträgt.
Schlüsselwörter
Geschlecht, Geschlechtsidentität, Gender Studies, sex, gender, Zweigeschlechtlichkeit, Sexualpathologie, Homosexualität, Konstruktivismus, Psychologie, Biologie, Diskursgeschichte, Anatomie, Identitätsbildung, Normierung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die historische Entwicklung der Trennung von biologischem Geschlecht (sex) und sozialer Geschlechtsidentität (gender) in wissenschaftlichen Diskursen des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts.
Welche zentralen Themenfelder stehen im Mittelpunkt der Untersuchung?
Die Arbeit fokussiert sich auf die Konstruktion von Geschlechtlichkeit, die Problematisierung von Homosexualität und den Wandel von biologisch-medizinischen hin zu psychologischen Deutungsmodellen.
Was ist die primäre Forschungsfrage von Sabine Mehlmann?
Die Autorin geht der Frage nach, unter welchen historischen Bedingungen psychologische Konzepte geschlechtlicher Identität entstanden sind, die psychische Differenzen nicht mehr unmittelbar auf Körperlichkeit zurückführen.
Welche wissenschaftliche Methodik kommt zum Einsatz?
Die Autorin wendet einen diskursgeschichtlichen und dekonstruktivistischen Ansatz an, um wissenschaftliche Texte aus verschiedenen Disziplinen zu analysieren und deren Einbettung in Machtstrukturen freizulegen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit inhaltlich behandelt?
Der Hauptteil beleuchtet die Entwicklung vom spätantiken Ein-Geschlechter-Modell über die Evolutionstheorie Darwins bis hin zu den Theorien von Ulrichs, Krafft-Ebing, Weininger und Freud.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren diese Arbeit?
Zu den zentralen Begriffen zählen sex, gender, Konstruktivismus, Diskursgeschichte, Normalität, Abweichung, Degenerationstheorien und psychosexuelle Entwicklung.
Wie bewertet die Rezension die Rolle Sigmund Freuds in dieser Arbeit?
Die Rezension hebt den Erkenntnisgewinn hervor, dass Freud – entgegen zunächst innovativ erscheinender Ansätze – durch die Verlagerung auf eine psychologische Begründung eher die bürgerlich-patriarchale Norm stabilisiert hat.
Welche Kritik äußert die Rezension an der Vorgehensweise der Autorin?
Die Rezension kritisiert die mangelnde Transparenz bei der Auswahl der Quellen und merkt an, dass die "historische Leerstelle" durch die Arbeit nur ansatzweise geschlossen werden konnte.
Welches Bild des "Urnings" wird im Buch thematisiert?
Die Arbeit beschreibt die Figur des 'Urnings' (nach Karl-Heinz Ulrichs) als einen Paradigmenwechsel, der Sexualität und Fortpflanzung entkoppelt, dabei aber innerhalb einer heterosexuellen Matrix verharrt.
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- Adam Seitz (Autor), 2007, Unzuverlässige Körper. Zur Diskursgeschichte des Konzepts geschlechtlicher Identität, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/130793