Die vorliegende Arbeit untersucht die Frage, wie es literarische Lektüre vermag, Einfluss auf die Identitätsentwicklung im Jugendalter zu nehmen. Aus diesen Erkenntnissen werden die didaktischen Konsequenzen für den Literaturunterricht, insbesondere der Hauptschule, erörtert und in abschließende methodische Überlegungen übertragen.
Inhaltsverzeichnis
0. Einleitung
1. Identitätsentwicklung im Jugendalter
1.1 Begriffsklärungen
1. 2 Ausgewählte Theorien zur Identitätsentwicklung
1.2.1 Der psychosoziale Ansatz von Erikson
1.2.2 Der psychoanalytische Ansatz von Blos
1.2.3 Der symbolische Interaktionismus: Mead und Krappmann
1.2.4 Patchwork-Identität
1.3 Zusammenfassung und Ausblick
2. Die Bedeutung des Lesens im Jugendalter
2.1 Kommunikationswissenschaftliche Ansätze
2.2 Lesebiographische Forschung
2.2.1 Lektüre als Refugium für das Unerledigte
2.2.2 Substitution, Projektion und Empathie
2.3 Geschlechtsspezifische Unterschiede im Leseverhalten
2.4 Zusammenfassung und Ausblick
3. Exkurs zum Verhältnis von Text und Leser
3.1 Wolfgang Isers Überlegungen zum Lesevorgang
3.2 Lesen als Flow-Erlebnis
4. Schullektüre, Literaturunterricht und Identitätsbildung
4.1 Schullektüre vs. Privatlektüre?
4.2 Literaturdidaktische Positionen zur Wirkung von Lektüre auf Identitätsbildung
4.2.1 Jürgen Kreft als erster Vertreter einer identitätsorientierten Literaturdidaktik
4.2.2 Die identitätsorientierte Literaturdidaktik um Kaspar H. Spinner
4.2.2.1 Stufen des Textverstehen
4.2.2.2 Literarische Lektüre als „Probe-Handeln“
4.2.2.3 Empathie und Fremdverstehen
4.2.2.4 Imaginationsfähigkeit
4.3. Literatur als Übergangsraum
4.3.1 Geschlechtsspezifische Unterschiede beim Übergangslesen
4.4 Literarisierung als Aneignung von Alterität
4.5 Zusammenfassung und Ausblick
5. Methodische Überlegungen
5.1 Methoden zur Leseförderung
5.2 Methoden des identitätsorientierten Umgangs mit Literatur
5.3 Methoden zur geschlechtsspezifischen Differenzierung im Literaturunterrichts
5.4 Versuch einer Zusammenführung
6. Resümee
Zielsetzung und Themen
Das Hauptziel dieser wissenschaftlichen Hausarbeit ist es, den Einfluss von literarischer Lektüre auf die Identitätsbildung im Jugendalter zu untersuchen und Konsequenzen für den Literaturunterricht, insbesondere mit Blick auf die Hauptschule, abzuleiten. Die Forschungsfrage fokussiert darauf, wie Jugendliche literarische Texte zur Bearbeitung ihrer Identität nutzen und welche didaktischen Ansätze diesen Prozess unterstützen können.
- Theoretische Grundlagen der Identitätsentwicklung (Erikson, Blos, Mead, Keupp)
- Empirische Erkenntnisse zum Leseverhalten Jugendlicher und geschlechtsspezifische Unterschiede
- Rezeptionsästhetische Überlegungen zum Verhältnis von Text und Leser
- Didaktische Konzepte zur Förderung von Identitätsbildung im Literaturunterricht
- Methodische Ansätze der Leseförderung und des identitätsorientierten Unterrichts
Auszug aus dem Buch
1.2.1 Der psychosoziale Ansatz von Erikson
Eriksons psychosoziale Entwicklungstheorie erweitert und modifiziert die auf Sigmund Freud zurückgehende psychoanalytische Theorie durch das Hinzuziehen der Sozialanthropologie und der vergleichenden Erziehungslehre. Im Gegensatz zu Freud beschäftigte sich Erikson nicht mit den Bedingungen der neurotischen Psyche, sondern entwickelte ein Stufenmodell, das den Aufbau einer stabilen Ich-Identität durch Bewältigung spezifischer Identitätskrisen in den psychosozialen Wachstumsstadien erklärt (vgl. Thomas/Feldmann 1994, 97). Besonders interessant für diese Arbeit sind die Bedingungen, unter denen ein Individuum im Stadium der Adoleszenz zum Aufbau einer Ich-Identität gelangt.
Für Erikson drückt der Terminus Identität eine wechselseitige Beziehung zwischen Individuum und Gesellschaft aus, da der Begriff „sowohl ein dauerndes inneres Sich-Selbst-Gleichsein wie ein dauerndes Teilhaben an bestimmten gruppenspezifischen Charakterzügen umfaßt“ (Erikson 1998, 124). In dieser Definition wird deutlich, dass ein Mensch Ich-Identität erlangt hat, wenn er eine kontinuierliches Gefühl für sich selbst und seinem Platz in der jeweiligen Gesellschaft hat und beides akzeptiert.
Nach Erikson dauert der Prozess der Identitätsbildung ein Leben lang und beginnt bereits im Säuglingsalter. Die im Laufe der Kindheit gemachten Identifikationen und Erfahrungen mit bestimmten Vorbildern, vor allem der Eltern, sollen zum Abschluss der Adoleszenz teils aufgegeben, teils mit neu erworbenen Identifikationen verbunden werden. Identität ist am Ende der Adoleszenz dann nicht die Summe der gemachten Identifikationen, sondern ein neu zusammengesetztes und einzigartiges Ganzes. Dieser spezifische Zuwachs an Persönlichkeitsreife ist anschließend nötig, um für die Aufgaben des Erwachsenenlebens gerüstet zu sein (vgl. Erikson 1998, 123).
Zusammenfassung der Kapitel
0. Einleitung: Die Arbeit begründet das Interesse am Thema Identitätsbildung durch Lektüre, leitet die zentrale Forschungsfrage her und grenzt den Untersuchungsgegenstand auf das Jugendalter ein.
1. Identitätsentwicklung im Jugendalter: Dieses Kapitel definiert zentrale Begriffe und stellt wichtige theoretische Ansätze zur Identitätsentwicklung von Erikson, Blos, Mead, Krappmann und Keupp vor.
2. Die Bedeutung des Lesens im Jugendalter: Hier werden quantitative und qualitative Studien zum Leseverhalten Jugendlicher ausgewertet, wobei insbesondere geschlechtsspezifische Unterschiede beleuchtet werden.
3. Exkurs zum Verhältnis von Text und Leser: Dieser Abschnitt widmet sich rezeptionsästhetischen Fragen, insbesondere den Überlegungen von Wolfgang Iser und dem Flow-Erleben als Anreiz für intensives Lesen.
4. Schullektüre, Literaturunterricht und Identitätsbildung: Die Diskrepanz zwischen Privat- und Schullektüre wird thematisiert und didaktische Positionen (Kreft, Spinner, Abraham, Maiwald) werden kritisch verglichen.
5. Methodische Überlegungen: Es werden konkrete methodische Vorschläge zur Leseförderung und zur Umsetzung eines identitätsorientierten Literaturunterrichts unter Berücksichtigung geschlechtsspezifischer Differenzierungen gemacht.
6. Resümee: Die Arbeit fasst zusammen, dass Literatur ein wertvolles Instrument zur Identitätsbildung sein kann, warnt aber vor einer einseitigen Pädagogisierung im Unterricht.
Schlüsselwörter
Identitätsbildung, Jugendalter, Literaturdidaktik, Schullektüre, Leseverhalten, Lesesozialisation, Empathie, Rezeptionsästhetik, Identitätsdiffusion, Adoleszenz, Literaturunterricht, Fremdverstehen, Imaginationsfähigkeit, Patchwork-Identität, Leseförderung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht den Beitrag, den literarische Lektüre zur Identitätsbildung von Jugendlichen leisten kann, und analysiert, wie diese Potenziale in den Literaturunterricht integriert werden können.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die zentralen Felder umfassen Identitätstheorien, die Lesesozialisation von Jugendlichen, rezeptionsästhetische Grundlagen und die didaktische Konzeption eines identitätsorientierten Literaturunterrichts.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, den Einfluss von Literatur auf die Persönlichkeitsentwicklung im Jugendalter zu ergründen und methodische Wege aufzuzeigen, wie Literaturunterricht diese Entwicklung fördern kann, ohne dabei die Lust am Lesen zu untergraben.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Literaturarbeit, die auf Basis bestehender entwicklungspsychologischer, soziologischer und literaturdidaktischer Forschung Ansätze strukturiert, verknüpft und kritisch bewertet.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in theoretische Grundlagen, eine empirische Bestandsaufnahme zum Leseverhalten, einen rezeptionsästhetischen Exkurs und eine ausführliche didaktische Diskussion verschiedener Ansätze zur Identitätsbildung durch Literatur.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die zentralen Begriffe sind Identitätsbildung, Jugendalter, Literaturdidaktik, Lesesozialisation und Empathie.
Wie unterscheidet sich die Sichtweise von Spinner und Maiwald in Bezug auf das "Lehren" von Literatur?
Während Spinner den Fokus stark auf die kognitive Lernpsychologie und die Förderung von Identitäts-Fähigkeiten durch produktive Verfahren legt, verfolgt Maiwald einen systematischeren Ansatz, der Jugendliche stufenweise an komplexere Literatur heranführen will, um "Alteritätserfahrungen" zu ermöglichen.
Warum wird die Schullektüre von vielen Jugendlichen negativ bewertet?
Die Arbeit zeigt, dass die Schule oft durch eine "objektivierende und kognitiv ausgerichtete" Art der Textbearbeitung einen tiefen Graben zur motivierten Privatlektüre reißt, was zu einer Abwehrhaltung bei den Schülern führt.
- Quote paper
- Ute Hofmann (Author), 2002, Lektüre als Beitrag zur Identitätsentwicklung im Jugendalter, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/13079