Das Bilderverbot hat von seinem Ausgangspunkt im Dekalog eine interessante und differenzierte Rezeptionsgeschichte in Christentum, Judentum sowie im Islam erfahren. Wie Immanuel Kant bereits anmerkte, ist es zentral im Judentum und Islam.
„ Vielleicht gibt es keine erhabenere Stelle im Gesetzbuch der Juden, als das Gebot: Du sollst dir kein Bildnis machen, noch irgend ein Gleichnis, weder dessen was im Himmel, noch auf der Erden, noch unter der Erden ist u.s.w. Dieses Gebot allein kann den Enthusiasm erklären, den das jüdische Volk in seiner gesitteten Epoche für seine Religion fühlte, wenn es sich mit anderen verglich, oder denjenigen Stolz, den der Mohammedanism einflößt.“
Aus religionswissenschaftlicher Perspektive ist es spannend, Islam und Judentum (und damit auch die alttestamentarische Überlieferung) zu vergleichen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Das Bilderverbot im Alten Testament
2.1. Das Bilderverbot im Dekalog
2.2.Bilderverbot im Alten Testament außerhalb des Dekalogs
2.3. Die Entstehungszeit des Bilderverbots
3. Das Bilderverbot im antiken Judentum
4. Islamische Deutung: das Bilderverbot im Islam
4.1. Das Bilderverbot im Islam: Datierung und Problematik
4.2. Das Bilderverbot in den Haditsammlungen
4.3. Bilderverbot und internationale Konflikte mit dem Islam: die Buddahstatuen von Bamiyan und der Karikaturenstreit
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht das Bilderverbot im Judentum und im Islam sowie dessen religionsgeschichtliche Hintergründe und Rezeptionsgeschichte. Dabei liegt der Fokus auf der Analyse der biblischen sowie islamischen Überlieferungen, um Gemeinsamkeiten und Unterschiede in der Interpretation und praktischen Umsetzung dieses Verbots innerhalb beider Religionen vergleichend herauszuarbeiten.
- Historische Herleitung des Bilderverbots im Dekalog und im Alten Testament.
- Die Entwicklung und der Stellenwert der Bilderkritik im antiken Judentum.
- Religionswissenschaftliche Analyse der islamischen Haditsammlungen in Bezug auf die ikonophobe Haltung.
- Untersuchung der Differenzen zwischen normativen Forderungen und der tatsächlichen kunsthistorischen Praxis.
- Konfliktpotenzial des Bilderverständnisses anhand aktueller Beispiele wie dem Karikaturenstreit.
Auszug aus dem Buch
3. Das Bilderverbot im antiken Judentum
Dass der Tempel leer war, zeigt sich auch in der Profangeschichte. Wie Tacitus in Historiae, lib. V cap.9 vermerkt, musste Pompeius feststellen, dass das Allerheiligste leer war. Dies lässt die Juden im Vergleich zu ihrer Umwelt als gottloses Volk erscheinen, denn die Römer und Griechen fragten sich, was die Juden verehren konnten, wenn nicht Götterstatuen ihres Gottes. Die Rabbinen der Spätantike standen in der biblischen Tradition, der zufolge Bilderverehrung als Verrat am mosaischen Bund galt und werteten Götzendienst zusammen mit Mord und Inzest als eine der drei Kardinalsünden. Doch die praktische Umsetzung des zweiten Gebots bereitete den Gelehrten Probleme. Zwei Fragen kommen hierbei auf: -darf ich ein Bild für andere anfertigen, wenn ich es nicht verehre? Wann verehre ich ein Bild? Bereits Philo von Alexandria, der bedeutende Philosoph des antiken Judentums, äußert sich in seiner Schrift De Decalogo in § 14-15 zum Bilderverbot „ So wollen wir denn das erste und heiligste Gebot in uns befestigen, Einen für den höchsten Gott zu halten und zu verehren; die Lehre der Vielgötterei darf nicht einmal das Ohr des in Reinheit und ohne Falsch die Wahrheit suchenden Mannes berühren. Wenn nun auch jene, die Diener und Verehrer der Sonne, des Mondes, des ganzen Himmels und der Welt und ihrer vorzüglichsten Teile sind, als ob es Götter wären, sündigen - ….- da sie die Untergebenen mehr als den Herrscher verehren, so vergehen sie sich doch so schwer nicht wie die anderen, die sich Holz und Stein, Silber und Gold und ähnliche Stoffe, wie es einem jeden gefällt, zurecht schnitzen und dann den Erdball mit Guss- und Schnitzwerken und sonstigen von Menschenhand gefertigten Götzenbildern anfüllten, deren Meisterinnen Bildhauerkunst und Malerei sind, die damit dem Menschenleben einen großen Schaden zugefügt haben.“
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die differenzierte Rezeptionsgeschichte des Bilderverbots ein und skizziert die religionswissenschaftliche Relevanz eines Vergleichs zwischen Judentum und Islam.
2. Das Bilderverbot im Alten Testament: Das Kapitel erläutert die biblischen Grundlagen des Verbots, das primär gegen die Verehrung von Kultbildern und nicht gegen die Kunst als solche gerichtet ist.
2.1. Das Bilderverbot im Dekalog: Hier wird der Text der Dekalog-Überlieferungen analysiert, wobei das Verbot als Instrument gegen den Polytheismus und zur Sicherung der Alleinverehrung Jahwes gedeutet wird.
2.2.Bilderverbot im Alten Testament außerhalb des Dekalogs: Diese Untersuchung zeigt, dass weitere Verbote im Alten Testament spezifisch die Anfertigung von Götterbildern sowie die Zerstörung fremder Heiligtümer adressieren.
2.3. Die Entstehungszeit des Bilderverbots: Das Kapitel diskutiert die exegetischen Debatten zur exilischen Entstehung des Verbots und beleuchtet die Rolle archäologischer Funde.
3. Das Bilderverbot im antiken Judentum: Es wird dargelegt, wie die Rabbinen im Kontext der antiken Umwelt zwischen der Anfertigung von Bildern zu Schmuckzwecken und der verbotenen religiösen Verehrung unterschieden.
4. Islamische Deutung: das Bilderverbot im Islam: Dieses Kapitel stellt fest, dass der Koran kein allgemeines Bilderverbot enthält, dieses sich jedoch später in der islamischen Überlieferung entwickelte.
4.1. Das Bilderverbot im Islam: Datierung und Problematik: Die Analyse konzentriert sich auf die Entwicklung des ikonophoben Trends nach dem Tod Mohammeds.
4.2. Das Bilderverbot in den Haditsammlungen: Hier wird die theologische Begründung dargelegt, nach der die Darstellung von Lebewesen eine unzulässige Anmaßung göttlicher Schöpferkraft darstellt.
4.3. Bilderverbot und internationale Konflikte mit dem Islam: die Buddahstatuen von Bamiyan und der Karikaturenstreit: Das abschließende Kapitel analysiert moderne Spannungsfelder und die Bedeutung des Bilderverständnisses für interkulturelle Konflikte.
Schlüsselwörter
Bilderverbot, Dekalog, Judentum, Islam, Kultbilder, Hadit, Monotheismus, Religionswissenschaft, Bildersturm, Karikaturenstreit, Ikonophobie, Jahwe, Götzendienst, Exegese, Religionsgeschichte.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der vorliegenden wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit behandelt die Entwicklung und religiöse Bedeutung des Bilderverbots in den Traditionen des Judentums und des Islams sowie deren gegenseitige Beeinflussung und historische Kontextualisierung.
Welche thematischen Kernbereiche werden in der Untersuchung abgedeckt?
Die Arbeit fokussiert auf biblische Texte, die rabbinische Tradition, islamische Haditsammlungen sowie die kunsthistorische und politische Rezeption, einschließlich aktueller Konfliktfälle.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, ein differenziertes Verständnis für das Verbot bildlicher Darstellungen in beiden Religionen zu schaffen und zu zeigen, wie sich religiöse Normen in der Praxis unterschiedlich manifestieren.
Welche wissenschaftliche Methodik wurde zur Analyse herangezogen?
Es handelt sich um eine religionswissenschaftliche und exegetische Untersuchung, die Textanalysen der heiligen Schriften mit historischen Quellen und archäologischen Befunden verknüpft.
Was steht im Zentrum des Hauptteils der Arbeit?
Der Hauptteil gliedert sich in die alttestamentarische Begründung, die rabbinische Interpretation sowie die islamische Auslegung des Bilderverbots, ergänzt durch historische Fallbeispiele.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich der Inhalt charakterisieren?
Zentrale Begriffe sind das Bilderverbot, der Dekalog, Ikonophobie, der Monotheismus und die verschiedenen kulturellen Reaktionen auf bildliche Darstellungen in religiösen Kontexten.
Wie unterscheiden sich die biblischen und islamischen Begründungen des Bilderverbots?
Während im Alten Testament die Vermeidung von Götterbildern zur Sicherung des Alleinverehrungsanspruchs Jahwes im Vordergrund steht, argumentiert der Islam primär mit dem Verbot, göttliche Schöpfung (insbesondere das Einhauchen des Lebensodems) nachzuahmen.
Inwiefern hat der Karikaturenstreit die Relevanz des Themas unterstrichen?
Der Karikaturenstreit hat verdeutlicht, dass das Bilderverbot in der modernen globalisierten Welt ein hochsensibles politisches und religiöses Thema bleibt, dessen mangelnde Kenntnis zu schweren interkulturellen Konflikten führen kann.
- Citation du texte
- Michael Ulrich (Auteur), 2007, Das Bilderverbot in Judentum und Islam, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/130857