Zunächst soll in der vorliegenden Arbeit der Frage nachgegangen werden, auf welche Bereiche sich das Ausfüllen der Leerstellen in Oberlins Bericht durch Büchner erstreckt und ob diese Ergänzungen eines faktualen Berichtes aus der Realität, im Sinne einer büchnerschen Idealismuskritik, erlaubt sind und welche Form von Ergänzungen nicht. Hier ist vor allem das Kunstgepräch zu beachten, denn die Diskussion über den Idealismus in Zusammenhang mit dem Verhalten von Lenz bildet eine Parallele zu der Leerstellentheorie insofern, als der Idealismus eine idealisierte, d.h. ergänzte, Wirklichkeit zum Kunstgegenstand macht und dem von Lenz präferierten Realismus gegenüberstellt. Lenz lehnt dieses Idealisieren ab, verhält sich aber „im praktischen Leben gerade so […], wie es die im Kunstgespräch angegriffenen Dichter tun, ‚welche die Wirklichkeit verklären wollen‘.“ Diese Diskrepanz zwischen Lenzens theoretischer Meinung und seinem praktischen Verhalten öffnet den Blick für Büchners Kritik an der Kunst der „idealistischen Periode“. Im zweiten Teil werden die von Dotzler vorgeschlagenen Leerstellentypen auf Büchners Lenz angewendet, um einerseits zu überprüfen, ob diese Typen auch auf einen anderen Text anwendbar sind, als auf Goethes Werther, aus dem sie erarbeitet wurden, und zum anderen, um einige neue Leerstellen aufzuzeigen, die nun Büchner seinerseits in der Kausa Lenz lässt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Leerstellen und Unbestimmtheiten in den Fallbeschreibungen des Lenz
2.1. Durch Büchner ausgefüllte Leerstellen in Oberlins Bericht
2.2. Die Leseraktivierung durch neue Leerstellen im Lenz
2.2.1. Leerstellen auf schriftmaterialer Ebene
2.2.2. Formen elliptischer Rede
2.2.3. Leerstellen, die durch das Ergänzen von Sachverhalten auszufüllen sind
2.2.4. Unbesetzte Stellen in einem System von Plätzen
3. Fazit
4. Literaturverzeichnis
4.1 Primärquellen
4.2 Sekundärquellen
4.3 Gelesene, nicht zitierte Quellen
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Anwendung der Leerstellentheorie nach Wolfgang Iser und Roman Ingarden auf Georg Büchners Erzählung "Lenz". Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Büchner den faktualen Bericht von Pfarrer Oberlin durch eigene literarische Ergänzungen in einen fiktionalen Text transformiert und dabei neue Leerstellen erzeugt, die den Leser zur aktiven Sinnstiftung anregen.
- Analyse des Zusammenspiels zwischen Realität und literarischer Fiktion.
- Anwendung der Leerstellentypen nach Bernhard J. Dotzler auf den Text "Lenz".
- Untersuchung von Büchners Idealismuskritik durch die Linse der Leerstellentheorie.
- Erforschung der Leseraktivierung und hermeneutischer Prozesse bei der Lektüre.
- Betrachtung der Figurenkonstellation als unbesetztes System von Plätzen.
Auszug aus dem Buch
2.2.1. Leerstellen auf schriftmaterialer Ebene
Im Lenz nimmt das Begreifbarmachen der Leere unübersehbar viel Raum ein. Schon zu Beginn der Novelle, auf dem Weg nach Waldbach, begegnet man mit Lenz dem „Nichts“ und der „Leere“. Beschrieben werden die beiden Lexeme mit Begriffen, die das Fehlen von Etwas markieren, also etwa durch „einsam“ und „allein“, für das Fehlen von Gesellschaft; durch die Wendung „alles so still“ für das Fehlen von hörbaren Geräuschen; durch „grau“ für das Fehlen von (bunter) Farbe und schließlich „finster“ für das Fehlen von Licht, wodurch das Erkennen von Gegenständen und deren Konturen unmöglich wird, denn „Himmel und Erde verschmolzen in Eins“, „die Finsternis verschlang Alles“.
Auch im Folgenden werden die Leere und das Nichts immer durch Umstände beschrieben, die die sinnliche Wahrnehmung ausschalten oder betäuben, wie die Kälte, also das Fehlen von Wärme. Aber auch ein übersinnliches Konzept wird herangezogen, um dem Leser die Leere begreifbar zu machen, nämlich der „Atheismus“ der die Existenz Gottes verneint und die Religion damit ihre lebenssinnstiftende Funktion verliert, so dass für Lenz „Alles leer und hohl“ wird.
Für Lenz sind solche Vorstellungen des Nichts sehr gefährlich. Sie sind „etwas das Menschen nicht ertragen können“ und je „leerer, je kälter, je sterbender er sich innerlich fühlte, desto mehr drängte es in ihn, eine Glut in sich zu wecken“, es entsteht ganz automatisch ein Drang, die „schreckliche Leere zu füllen“. Aber sein, im ersten Teil dieser Arbeit dargelegter, Mechanismus des Umdeutens und Auffüllens der Wirklichkeit, sowie die Methode, die Realität durch Schmerzen wieder fühlbar zu machen, funktionieren zuletzt nicht.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Theorie der Leerstellen ein und erläutert die Bedeutung dieser Konzepte für die literarische Interaktion zwischen Text und Leser bei der Analyse von Büchners Lenz.
2. Die Leerstellen und Unbestimmtheiten in den Fallbeschreibungen des Lenz: Dieser Abschnitt analysiert, wie Büchner durch das Besetzen von Leerstellen aus einer faktualen Vorlage ein Kunstwerk schafft und welche Rolle dies für seine Idealismuskritik spielt.
2.1. Durch Büchner ausgefüllte Leerstellen in Oberlins Bericht: Es wird untersucht, wie Büchner Oberlins faktualen Bericht über Lenz literarisch bearbeitet, erweitert und durch eine interne Fokalisierung neu gestaltet.
2.2. Die Leseraktivierung durch neue Leerstellen im Lenz: Dieser Teil befasst sich mit der theoretischen Einordnung von Leerstellen und deren Funktion für die Aktivierung des Lesers bei der Interpretation.
2.2.1. Leerstellen auf schriftmaterialer Ebene: Die Untersuchung zeigt, wie Büchner durch sprachliche Zeichen und Lexeme das Phänomen der Leere und des Nichts für den Leser sichtbar macht.
2.2.2. Formen elliptischer Rede: Hier wird analysiert, wie Büchner durch die Verwendung elliptischer Sprechweisen in Lenzens Kommunikation neue Leerstellen für den Leser erzeugt.
2.2.3. Leerstellen, die durch das Ergänzen von Sachverhalten auszufüllen sind: Das Kapitel differenziert zwischen beredten und stummen Leerstellen anhand der rätselhaften Vergangenheit der Figur Lenz.
2.2.4. Unbesetzte Stellen in einem System von Plätzen: Der Fokus liegt auf der Figurenkonstellation und der Dreiecksbeziehung, die als unbesetzte Plätze den Leser zur aktiven Deutung herausfordern.
3. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass Büchner durch das Füllen der Leerstellen der Realität ein Kunstwerk generiert, ohne jedoch den Fehler der idealistischen Figuren zu wiederholen, die Wirklichkeit selbst verändern zu wollen.
4. Literaturverzeichnis: Auflistung der verwendeten Primär- und Sekundärquellen sowie weiterführender Literatur.
Schlüsselwörter
Leerstellentheorie, Georg Büchner, Lenz, Wolfgang Iser, Roman Ingarden, Unbestimmtheit, Realität, Idealismuskritik, Leseraktivierung, Literaturwissenschaft, Interpretation, Fiktionalisierung, Interaktion, Hermeneutik, Solipsismus.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit prinzipiell?
Die Arbeit analysiert die Erzählung "Lenz" von Georg Büchner auf Basis der literaturwissenschaftlichen Leerstellentheorie, um das Verhältnis von Faktizität und Fiktion zu beleuchten.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Transformation eines historischen Berichts in ein literarisches Werk, die Funktion von Leerstellen im Text sowie die Kritik am Idealismus.
Was ist die Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage befasst sich damit, wie Büchner durch das Ausfüllen von Leerstellen aus faktualen Handlungen ein eigenständiges Kunstwerk erschafft und dabei neue Leerstellen für den Rezipienten konstruiert.
Welche wissenschaftliche Methode wird angewendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse durchgeführt, welche die theoretischen Ansätze von Wolfgang Iser, Roman Ingarden und Bernhard J. Dotzler konsequent auf das Primärwerk "Lenz" anwendet.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von Erfüllungen der Leerstellen in der Vorlage, die Systematik der Leerstellentypen (schriftmaterial, elliptisch, inhaltlich) sowie das Platzsystem der Figuren.
Welche Schlagworte charakterisieren das Werk?
Wichtige Schlagworte sind Leerstellen, Idealismuskritik, Solipsismus, Interaktion zwischen Leser und Text sowie die literarische Transformation von Realität.
Wie unterscheidet der Autor zwischen stummen und beredten Leerstellen?
Beredte Leerstellen exponieren ihre Ergänzungsbedürftigkeit im Textverlauf, während stumme Leerstellen einer tiefergehenden, individuellen Interpretation durch den Leser bedürfen.
Inwiefern ist das Verhalten der Figur Lenz solipsistisch?
Laut der Analyse von Büchners Kritik deutet Lenz die Außenwelt in seiner subjektiven Einbildung zunehmend so um, dass die Grenze zwischen Realität und individueller Projektion verschwimmt.
- Arbeit zitieren
- Florian Zerhoch (Autor:in), 2017, Anwendung der Leerstellentheorie auf Georg Büchners "Lenz". Leer, leerer, Lenz, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1309020