Ein Vergleich von Carlo Collodis Pinocchio mit der gleichnamigen Disneyverfilmung


Seminararbeit, 2007
23 Seiten, Note: 2

Leseprobe

Inhalt

1. Die Verfilmung von Walt Disney
1.1. Die Literaturverfilmung allgemein
1.2. Die Verfilmung Pinocchios durch Walt Disney

2. Vergleich beider Werke anhand ausgewählter Sequenzen
2.1. Die „Geburt“ Pinocchios
2.2. Darstellung des Vaters Geppetto
2.3. Pinocchios Aufeinandertreffen mit der Grille
2.4. Die blaue Fee
2.5. Pinocchio soll zur Schule
2.6. Bekanntschaft mit Fuchs und Katze
2.7. Pinocchio im Puppentheater
2.8. Ist Pinocchio tot?
2.9. Wer lügt ...
2.10. Im „Schlaraffenland“
2.11. Die Rettung des Vaters
2.12. Pinocchio wird ein richtiger Junge

3. Und die Moral von der Geschicht’

4. Bibliographie

1. Die Verfilmung von Walt Disney

1.1. Die Literaturverfilmung allgemein

„ ... erstens ist jedes Buch unverfilmbar und zweitens nur so lange, bis es verfilmt wird.“1

„Eine Literaturverfilmung ist ein auf einem literarischen Werk basierender Film.“2

Mit anderen Worten wurden und werden viele Filme der Literatur entlehnt; sie dient ihnen oft als Vorbild. Zum einem was die Handlung betrifft, vor allem aber auch was die Erzählweise angeht, da sich der Film meist literarischer Muster bedient, die dann entsprechend umgestaltet werden. Wie in einem Buch gibt es auch im Film einen Erzähler, der natürlich weder mit dem Drehbuchautor noch mit dem Regisseur identisch ist. Dieser ist in der Lage verschiedene Erzählperspektiven einzunehmen, so kann er eine fiktive Figur sein oder auch von einem der Schauspieler dargestellt werden.

Allgemein stehen dem Film im Gegensatz zur Literatur mehr Mittel der Gestaltung zur Verfügung, wie etwa die Anordnung der Bilder, Sprache (auch Geräusche) und die Musik. ‚Das bedeutet aber auch, dass sich die Aufmerksamkeit des Rezipienten teilen muss, da die Informationsaufnahme sowohl auf visueller, als auch auf auditiver Ebene erfolgt. Es entsteht ein Spannungsfeld zwischen den Bildern und dem Ton, das reduziert werden muss. Damit beides miteinander verarbeitet werden kann, werden assoziative Verknüpfungen hergestellt, und so können beide auf den Rezipienten einwirkende Reize zu einem bedeutungsvollen Ganzen zusammengeführt werden.’3 Der Film muss also dahingehend von der Literatur unterschieden werden, dass er eine ‚größere Ähnlichkeit zwischen Signifikant und Signifikat aufweist. Die Wörter unterscheiden sich erheblich mehr, von den Gegenständen, die sie bezeichnen, als die Bilder (im Film).’4 „Das photographische Bild eines Hauses in einem Film ist dem referentiellen Gegenstand Haus sehr viel ähnlicher als die Buchstabenkombination „Haus“ in einem literarischen Text, es ist nahezu identisch.“5 Bei einer filmischen Adaption eines literarischen Werkes sollte es möglichst auf angemessene Umsetzung von dessen Aussage und Wirkung ankommen, wodurch ein Vergleich beider Medien möglich wird. Der Text und die Sprache können adäquat verwendet werden, um sich der literarischen Vorlage anzunähern. „Da ein Film kürzer und knapper erzählt werden muss, als es beispielsweise ein Roman zulässt, werden oft Handlungsstränge weggelassen oder vereinfacht. Genauso gut kann es vorkommen, dass wichtige Personen oder Dialoge, die in einem Buch vorkommen, in der Drehbuchversion erst gar nicht erscheinen.“6 Zusammenfassend ist zu sagen, dass es stets darauf ankommt wie der Regisseur seine Schwerpunkte setzt und natürlich auch wie er das literarische Werk interpretiert.

1.2. Die Verfilmung Pinocchios durch Walt Disney

7

Walter Elias Disney, besser bekannt als Walt Disney war ein sehr

berühmter amerikanischer Filmproduzent. „Mit seinen Figuren,

Filmen und Themenparks war er eine der prägenden und meist

geehrten Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts.“8 Das Disney-Studio

kaufte für diverse Filme die Rechte von verschiedenen literarischen

Vorlagen, darunter vor allem Kinderbücher. Deren Originalgeschichten wurden von Disney umgeschrieben, um sie zum einen den amerikanischen Werten anzupassen und zum anderen um seine eigenen Ideen zu verwirklichen.9 So verfuhr er auch mit Pinocchio, welcher sein zweites Meisterwerk nach Schneewittchen und die sieben Zwerge werden sollte. ‚Zusammen mit seinem Team wurde die ursprüngliche Geschichte Carlo Collodis gründlich verändert’10 So wurde beispielsweise der Schauplatz in die Gegend um Tirol verlegt11 und auch Geppetto avancierte vom einfachen Holzschnitzer zu einem sehr talentierten Uhren- und Spielzeugmacher. Pinocchio selbst zu gestalten war etwas schwierig; zunächst sollte sein Charakter gemäß dem Buch beibehalten werden (als wild, frech, gehässig), doch war Disney nicht der Ansicht, dass das Publikum eine solche Figur mögen würde. Darum wurde er letztendlich etwas naiv dargestellt, wie ein kleines Kind. Dementsprechend wurde auch sein Aussehen „vermenschlicht“. „Pinocchio had to project the likeable qualities of a little boy while remaining a wooden puppet […]”12 Das einzigste äußerliche Merkmal, das ihn als Puppe kenntlich machte waren seine Arme und Beine.

So besitzen nämlich alle nicht menschlichen Figuren in Pinocchio lediglich drei Finger und einen Daumen und tragen Handschuhe. Gut umgesetzt wurde dieser Effekt bei Pinocchios Verwandlung in einen richtigen Jungen, da er an sich herab schaut und erstaunt bemerkt nun fünf Finger zu haben und keine Handschuhe mehr. Auch die blaue Fee wurde angepasst denn „the Blue Fairy had to be a beautiful woman, yet ethereal and not a ‘glamour girl’.”13 Näheres zu den einzelnen Figuren werde ich während des Vergleichs beider Medien erläutern.

Die Uraufführung von Disneys Pinocchio war am 07. Februar 1940. Insgesamt kostete dieser Film 2,5 Millionen Dollar und gehörte somit zu den teuersten Filmen jener Zeit. Nicht zuletzt war das dem Einsatz einer Multiplan-Kamera „zu verdanken“, mit der die einzelnen räumlichen Dimensionen abgegrenzt werden konnten (was eigentlich nur mit einer echten Kamera durch Scharf- und Unscharfabgrenzung möglich war). „Unter all seinen Filmen schätzte Walt Disney PINOCCHIO am meisten – und doch war dieser Klassiker des Animationsfilms ursprünglich an der Kinokasse weniger erfolgreich“14, was zum einen mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges zusammenhing, aber auch durch die schlechte Publicity seitens der italienischen Faschisten geschah. „ Mit Argwohn verfolgten [sie], wie Walt Disney « ihr » hölzernes Bengele «amerikanisierte». Sie schoben sogar den Neffen des Autors Carlo Collodi vor, der über diplomatische Verbindungen Disneys Produktion verbieten sollte. Aber sie konnten nicht verhindern, dass Pinocchio Disneys persönlicher Lieblingsfilm wurde.“15 Die Kritiker hingegen waren sich größtenteils einig und lobten Disneys Meisterwerk, was auch dazu führte, dass man den Film heute zu den 100 besten Filmen aller Zeiten zählt. Auch auf musikalischer Ebene war Pinocchio sehr erfolgreich; er bekam für den Song When you Wish upon a Star 1941 einen Oscar. 1944 wurde der Film schließlich in das National Film Registry aufgenommen, in dem nur als besonders wertvoll anzusehende US-Filme verzeichnet sind.

In Deutschland wurde Pinocchio erst im März 1951 uraufgeführt, da durch den Kriegs-ausbruch der Filmexport nach Deutschland unterbrochen wurde. „Es existieren zwei deutsche Synchronfassungen. Die deutsche Originalversion entstand anlässlich der deutschen Erstaufführung [...]. Die zweite Synchronisation entstand für die Wiederaufführung 1973 [...], in [dieser] wurde der düstere und beängstigende Charakter des Films insbesondere auch in der Musik- und Geräusch-Mischung deutlich abgeschwächt, verwässert und „kindgerechter“ gestaltet. [...] Die Fassung von 1951 ist seit den 1970er-Jahren offiziell aus dem Verkehr gezogen und darf nicht mehr verwendet werden. Alle VHS- und DVD-Veröffentlichungen enthalten [demnach] nur die zweite Synchronisation von 1973.“16 Auch deutsche Kritiker waren begeistert; so hieß es im Lexikon des internationalen Films: „Nach Schneewittchen und die sieben Zwerge konnte Walt Disney seinen zweiten abendfüllenden Zeichentrickfilm ganz nach eigenen Vorstellungen realisieren. Collodis moralische Initiationsgeschichte vom „hölzernen Bengel“ wird mit visueller Fantasie, Witz und Musikalität erzählt. In einer Kaskade von Rhythmen, Tönen und Farben, die sich mit der Stimmung wandeln, folgt eine gelungene Überraschung auf die andere. Eine der liebenswürdigsten Schöpfungen des Genres von großer formaler Geschlossenheit. Schon die Eröffnungssequenz, die scheinbar ins Innere eines Bildes (ent-)führt, bestimmt die Suggestionskraft des Films, die zuweilen beklemmende Intensität erreicht.“17

2. Vergleich beider Werke anhand ausgewählter Sequenzen

Ich werde nun das Originalwerk und Disneys Version von Pinocchio miteinander vergleichen. Zu diesem Zweck habe ich wichtige Sequenzen und Ereignisse ausgesucht, um anhand derer zu ermitteln was Disney verändert, weggelassen oder sogar hinzugefügt hat. Die konkrete Darstellung der einzelnen Figuren wird ebenso von Bedeutung sein.

2.1. Die „Geburt“ Pinocchios

Im Buch beginnt die Geschichte damit, dass ein sprechendes Holzstück auf ungeklärte Weise beim Tischler Meister Ciliegia landet. Dieser ist sehr erschrocken über die Fähigkeiten dieses Holzes, nämlich zu lachen und zu weinen und schenkt es deshalb seinem Freund Geppetto, einem Holzschnitzer. Diese Sequenz wurde in Disneys Version weggelassen, stattdessen ist Geppetto, wie schon erwähnt ein Spielzeugmacher und zu Anfang des Film gerade dabei eine ganz normale Marionette aus Holz fertig zu stellen. Auch im Buch beschließt Geppetto sich eine Holzpuppe zu schnitzen, die singen und tanzen kann. So macht er sich voller Freude an die Arbeit und sucht für das Holz den Namen Pinocchio aus, da er eine gleichnamige Familie gekannt hatte und ihm der Name sicher Glück bringt. Geppetto ist auch in der Verfilmung derjenige der den Namen aussucht, doch es wird nicht geklärt, warum er diesen Namen für die Holzpuppe wählt. Er findet seine Marionette gut gelungen und wünscht sich in der Nacht vom Wunschstern, dass diese Puppe doch ein richtiger Junge sein möge. Sein Wunsch wird von der guten Fee erhört, weil Geppetto ein herzensguter Mensch ist; so erwacht die Puppe zum Leben. Im Buch ist Pinocchio von Anfang an lebendig und zeigt sich nicht von seiner besten Seite. Er ist frech, ungeduldig, hungrig und nur auf sich bedacht; schließlich läuft er sogar seinem Vater weg. Währenddessen erscheint Disneys Pinocchio wie ein liebens-würdiges und naives kleines Kind, das sehr wissbegierig ist. Da Pinocchio aus Holz ist, kann Feuer ihm in beiden Medien sehr gefährlich werden. Beides Mal unterschätzt er das Feuer, denn im Buch legt er seine Füße an das Kohlenbecken, damit sie trocknen (er war zuvor nass geworden), was zur Folge hatte, dass seine Füße am nächsten Morgen abgebrannt waren, sodass er nicht mehr laufen konnte. Im Film wurde das Element Feuer so umgesetzt, dass Pinocchio versucht mit den Fingern eine angezündete Kerze anzufassen, dabei beginnt sein Finger zu brennen und er schaut ganz interessiert zu und ist sich der Gefahr nicht bewusst. In beiden Medien ist Geppetto derjenige der hilft, indem er Pinocchio neue Füße schnitzt bzw. den brennenden Finger schnell ins Wasser (genauer: ins Goldfischglas) taucht.

2.2. Darstellung des Vaters Geppetto

Collodis Geppetto ist ein alter und sehr armer Mann, dies ist anhand verschiedener Faktoren zu erkennen. Auf der einen Seite an der Größe seines Wohnraumes und der spärlichen Zimmereinrichtung, auf der anderen Seite daran, dass er seinen Mantel verkaufen muss, um Pinocchio ein Schulbuch kaufen zu können und des weiteren daran, dass er kaum etwas zu Essen hat (er bringt zum Beispiel nur drei Birnen mit nach Hause, da er sich nicht mehr leisten kann, und gibt diese sogar noch Pinocchio). Auch die Trickfilmfigur Geppetto ist ein älterer Mann, erkennbar an seinem weißen Haar (im Bild ersichtlich).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten18

Es lässt sich jedoch kein Hinweis auf Armut feststellen, zwar hat er einbescheidenes Zuhause doch scheint es ihm nicht schlecht zu gehen. Dies beweist auch eine Szene in der Geppetto

abends nach Pinocchios erstem Schultag auf diesen wartet. Er hat ein sehr üppiges, warmes

[...]


1 Hurst, Matthias: Erzählsituationen in Literatur und Film. Ein Modell zur vergleichenden Analyse von literarischen Texten und filmischen Adaptionen. Tübingen: Niemeyer Verlag, 1996, S. V.

2 http://de.wikipedia.org/wiki/Literaturverfilmung

3 Vgl.: Ebd., S. 114.

4 Vgl.: Ebd., S. 89.

5 Vgl.: Ebd., S. 89-90.

6 http://de.wikipedia.org/wiki/Literaturverfilmung

7 http://img.stern.de/_content/19/72/197213/Disney-dpa_250.jpg (Walt Disney; *1901; †1966)

8 http://de.wikipedia.org/wiki/Walt_Disney

9 Vgl.: Ward, Annalee R.: Mouse Morality. The Rhetoric of Disney Animated Film. Austin: University of Texas Press, 2002.

10 Vgl.: Reitberger, Reinhold: Walt Disney in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Reinbek: Rowohlt Verlag, 1979, S.82.

11 Vgl.: Dedola, Rossana: Pinocchio e Collodi. Mailand: Mondadori, 2002, S.7.

12 Maltin, Leonard: Of mice and magic. A history of American animated cartoons. New York: Plume, 1987, S. 58. (Pinocchio sollte die liebenswerten Eigenschaften eines kleinen Jungen aufweisen indem er aber trotzdem eine Holzpuppe blieb)

13 Ebd., S. 58. (Die blaue Fee sollte eine schöne Frau sein, außerdem ätherisch und kein Glamour-Girl)

14 Giesen, Rolf: Lexikon des Trick- und Animationsfilms. Berlin: Schwarzkopf & Schwarzkopf, 2003, S. 330.

15 Ebd., S. 331.

16 http://de.wikipedia.org/wiki/Pinocchio_(1940)

17 http://de.wikipedia.org/wiki/Pinocchio_(1940)

18 www.duckipedia.de/Pinocchio (Geppetto spielt mit dem noch nicht lebendigen Pinocchio)

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Ein Vergleich von Carlo Collodis Pinocchio mit der gleichnamigen Disneyverfilmung
Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg  (Romanistik)
Veranstaltung
Pinocchio, Cuore und andere postunitarische Identitätskonstruktionen
Note
2
Autor
Jahr
2007
Seiten
23
Katalognummer
V130903
ISBN (eBook)
9783640399765
ISBN (Buch)
9783640399680
Dateigröße
864 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Pinocchio, Italienisch, Collodi, Verfilmung, Disney
Arbeit zitieren
Alida Koch (Autor), 2007, Ein Vergleich von Carlo Collodis Pinocchio mit der gleichnamigen Disneyverfilmung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/130903

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