Passivität und Aktivität im Verhalten von Lulu in Frank Wedekinds "Erdgeist"

Femme fatale?


Hausarbeit, 2008

19 Seiten, Note: 2-


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Der Charakter Lulu in der Sekundärliteratur
2.1. Allgemein
2.2. Kindlichkeit und sexuelle Attraktivität
2.3. Rollenverhalten
2.4. Bewusstheit und berechnendes Verhalten
2.5. Passivität und Aktivität; Opfer und Täter

3. Untersuchung von Lulus Verhalten in drei Szenen des Dramas
3.1. Lulu im Gepräch mit Schwarz ( Zweiter Aufzug, Erster Auftritt)
3.2. Lulu im Gespräch mit Escerny ( Dritter Aufzug, Fünfter Auftritt)
3.3. Lulu im Gespräch mit Schön ( Dritter Aufzug, Zehnter Auftritt)

4. Vergleich der Untersuchung der Szenen aus dem Drama mit dem Charakterbild Lulus in der Sekundärliteratur

5. Persönliche Stellungnahme

6. Literatur

1. Einleitung

„Sie glauben nicht nur, dass ich ein bestrickendes Menschenkind bin;

Sie glauben auch, daß ich ein herzensgutes Geschöpf bin.

Ich bin weder das eine noch das andere.

Das Unglück für Sie ist nur, daß sie mich dafür halten.“[1]

„Ich habe noch niemanden gemalt,

bei dem der Gesichtsausdruck so ununterbrochen wechselte.“[2]

Lulu- was oder wer ist sie? Wie immer wieder in der Forschung betont wird, ist sie als Person schwer zu fassen - nicht nur für die Männer, die sie in dem Drama von Frank Wedekind verführt. Häufig wird in der Forschung die Frage gestellt, ob es sich bei Lulu um eine Femme fatale handelt. Dabei bedienen sich viele Wissenschaftler dem Vergleich mit anderen „typischen“ Femme-fatale-Gestalten wie Helena oder Nana.

Mir wird es in meiner Hausarbeit nicht darum gehen, herauszustellen, ob es sich bei Lulu tatsächlich um eine Femme fatale handelt. Ich möchte mich vielmehr damit beschäftigen, wie sie sich gegenüber den Männern des Dramas verhält, sodass sie ihr –sogar bis zu ihrem Tod oder bis zur Verzweiflung- verfallen. Ein wichtiger Punkt scheint mir dahingehend ihr Verhalten, das aus ihren Charaktereigenschaften wie aus ihren Bedürfnissen nach Nähe und Anerkennung herrührt.

Ich werde in dieser Hausarbeit zwei Szenen aus dem Drama von Frank Wedekind auf Lulus Verhalten hin untersuchen. Dabei wird eine der Leitfragen sein, wann sich Lulu passiv, wann aktiv in der Kommunikation mit zwei Männern aus dem Drama verhält.

- Wann kommen die Männer auf sie zu, wann übernimmt sie die Initiative?
- Wann ist sie das Opfer? Wann hat sie in den Interaktionen die Oberhand? Wie wird dies sprachlich von Wedekind gestaltet?
- Welche sprachlichen Äußerungen macht sie?
- Wie reagiert sie auf sprachliche Äußerungen ihrer „Gegenspieler“?
- Gibt es Unterschiede in ihrem Verhalten der unterschiedlichen Männer gegenüber?
- Wie kann man sie aufgrund ihres Verhaltens charakterisieren?

Es wird mir darum gehen sie zu charakterisieren, wobei das Hauptaugenmerk auf den hierarchischen „Spielereien“ mit den Männern liegen soll. Die Untersuchung ihrer sprachlichen Äußerungen soll dabei im Vordergrund stehen.

Dazu werde ich zunächst einen Überblick über die in der Forschung gängigen Charakterisierungen geben. Danach folgt eine Analyse zweier Szenen aus dem Drama mit den oben aufgeführten Leitfragen. In einem weiteren Schritt werde ich die Charakterisierungen aus der Forschung mit meinen eigenen Ergebnissen vergleichen. Eine persönliche Stellungnahme schließt die Hausarbeit ab.

2. Der Charakter Lulu in der Sekundärliteratur

2.1. Allgemein

Lulu ist ein Findelkind ohne Mutter und Vater. Sie wurde von Schön aufgelesen und großgezogen. Im Drama wird sie in unterschiedlichen Rollen dargestellt: Sie ist Ehefrau, Modell für ein Bildnis, Schauspielerin, Tänzerin und Hure. Sie wird von Dr. Schön als Mädchen von der Straße aufgelesen, macht sie zu seiner Geliebten, verheiratet sie mit seinem Freund Dr. Goll, später mit Schwarz, dem Maler, den sie noch während der Ehe mit Goll verführt. Später wird sie die Frau von Schön, währen sie ihn mit Freunden betrügt (vgl. Kindlers Lexikon, S.462).

2.2. Kindlichkeit und sexuelle Attraktivität

In der Sekundärliteratur wird immer wieder darauf hingewiesen, dass Lulu den Gegensatz von Kindlichkeit und sexueller Attraktivität in sich vereint. Auf der einen Seite ist sie verspielt, unschuldig, triebhaft, ehrlich, ungekünstelt und naturhaft. Auf der anderen Seite wird sie als Frau gesehen, hat einen freien Umgang mit Sexualität und lebt ihre Sinnlichkeit (vgl. Hilmes 1990, S.156). Sie vereint in sich „Erotik, Schönheit und kindliche Unbefangenheit“ (Mildner, 1980, S.22). Mildner sieht in ihrer Kindlichkeit ein „unentbehrliches Attribut“ (Mildner 1980, S.22) für Lulus sexuelle Attraktivität und die von ihr ausgehende Faszination. Der Grund kann darin liegen, dass kindlich-unfertiges den Männern Bewegungsfreiheit bietet (vgl. Florack 2006, S.24). Lulu ist durch ihre Kindlichkeit gut als Projektionsfläche für die Männer geeignet. Sie können sich ihr überlegen fühlen, ihre Eigenarten bei ihr ausleben, da sie diese in ihrer Kindlichkeit hinnimmt und nicht kritisiert. Fängt allerdings ein Mann an, sie in ihrer Sinnlichkeit zu beschneiden oder sie einzusperren, wie z.B. Dr. Schön, der sie wie in einem goldenen Käfig hält, wendet sie sich von ihm ab und lässt sich von einem neuen Mann finden. Dabei zerstört sie die Träume der Männer und somit auch die Männer selbst, denn diese können es nicht tolerieren, dass sie nicht ihnen ganz allein gehört, bzw. ihr Eigentum ist. Lulu ist unbändige, wandelbare Natur (vgl. Mildner 2006, S.85) mit lebensvoller Ursprünglichkeit ( Stroszeck 1978, S.217) , die die Männer zugrunde richtet. Aber nicht weil sie dies mit Absicht tut, sondern aus ihrer Natur heraus.

2.3. Rollenverhalten

In der Sekundärliteratur wird von verschiedenen Autoren immer wieder auf die Unbestimmbarkeit des Charakters der Lulu (Emrich 1968, S.206ff; Bayerdörfer 1978, S.205). Dies lässt sich auf der einen Seite durch ihre verschiedenen Rollen erklären, die sie während des Dramas annimmt. Sie spielt verschiedene gesellschaftliche Rollen, da sie sich während ihres Lebens in unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten aufhält, in denen sie unterschiedliche Rollen spielt (Ehefrau, Geliebte, Freundin, Hure usw.). Auch den Männern des Dramas gegenüber, mit denen Sie intime Beziehungen pflegt, nimmt sie verschiedene, heterogene (vgl. Stroszeck 1978, S. 82/83) Rollen an:

„Jedem zeigt sie sich anders. Jedem spielt sie eine andere Rolle vor,

je nachdem was von ihr verlangt wird.“ (Emrich 1978, S.212)

Bayerdörfer spricht sogar von einer „marionettenhaften Figur“ (Bayerdörfer 1978, S.217) und einer „elastischen Projektionsfläche“, auf die die Männer ihre Wünsche – Besitzstreben und idealisierte Wesensüberhöhung- projizieren (Bayerdörfer 1978, S.226).

Lulu wehrt sich nicht gegen diese Wesenszuschreibungen. Sie verhält sich passiv und fügt sich in die von ihr erwarteten Rollenerwartungen:

„Sie kämpft nicht dagegen an und versucht auch nicht im Aushandeln zu Erwartungen, die an sie herangetragen werden, Veränderungen zu erreichen, sondern akzeptiert zunächst die Gegebenheiten in kindhaft-spielerischer Weise“ (Florack 2006, S.35/36).

Dabei bewahrt sie sich die Freiheit, sich von den Rollenzuschreibungen wieder zu lösen, was dazu beiträgt, dass ihr Charakter oder ihre „Identität“ schwer zu greifen ist. Sie schlüpft in die von ihr erwarteten Rollen wie in verschiedene Kleider, die sie zur gegebenen Zeit wieder ablegen kann:

„Sie erscheint als Frau, die sich von den Projektionen der Männer zwar lösen kann, was der Zeitungsverleger Schön für ihre >wahre Natur< hält, die aber dennoch auch immer wieder von diesen Bildern eingeholt wird, da sie sich selbst keine andere Identität gibt als die ihr von den Männern jeweils zugeschriebene.“ (Gutjahr 1989, S.65)

Dies wird auch durch ihre verschiedenen Namen deutlich, die sie von den Männern erhält: Lulu, Mignon, Nelly, Eva ( vgl. Emrich 1978, S.206) Florack sieht darin nicht das Prinzip der Urgestalt des Weibes, sondern die „Urgestalt eines Projektionsprinzips“ (Florack 2006, S.38). Nach Florack wird Lulu durch die verschiedenen Projektionen und Vorstellungen von „Frau“ zu einer Urgestalt von Frau zusammengefügt.

Auch in ihren gesellschaftlichen Rollen ist sie schwer zu greifen. Dadurch, dass sie alle Stufen der Gesellschaft durchläuft „ohne sich an eine einzige zu binden“ (Bayerdörfer 1978, S. 207) kann sie als Außenseiterin gesehen werden. Auch dies trägt dazu bei, dass sie durch einen bestimmten gesellschaftlichen Status zu charakterisieren ist:

„Denn nur dann, wenn sich der Mensch vollends mit seiner gesellschaftlichen Rolle identifiziert, ist er nur noch gesellschaftliches Wesen, hat seine Natur gänzlich verloren, ist nichts anderes mehr als gesellschaftlicher Schein. Verstellung ist in der Gesellschaft die einzige Möglichkeit, Natur zu bewahren.“ (Emrich 1968, S.212).

2.4. Bewusstheit und berechnendes Verhalten

Nach Emrich ist Lulu daher ein naturhaftes, nicht von der Gesellschaft gebändigtes Wesen, das seinem eigenen Lustprinzip, den eigenen moralischen Vorstellungen folgt. Ihre Moral sind dabei ihre sinnlichen Bedürfnisse. Ihr Charakter ist durch „Verstellung und Offenheit“ ( Emrich 1968, S.212) geprägt. Wobei zu fragen wäre, ob sich Lulu, die augenscheinlich keine einzige Identität hat, sich verstellt, oder ob sie in den verschiedenen Rollen diese Identität „ist“.

Vielfach wird in der Sekundärliteratur diskutiert, ob sich Lulu dieser Tatsachen bewusst ist, ob sie ihre Handlungen hinterhältig plant. Besonders Bayerdörfer untersucht dies im Gegensatz zur früheren Fassung, in der Lulu eine Frau mit Bewusstheit, starkem Willen, Gefühlskälte, Selbsbeherrschung, Rationaliätt, Selbstgefälligkeit und Machtanspruch ist (vgl. Bayerdörfer S. 189ff). Sie setzt ohne Rücksicht ihren Willen durch. Dies ist in der zweiten Fassung, die in dieser Hausarbeit untersucht wird, so nicht mehr wieder zu finden. Sie ist eine Mischung aus „Verstellung und Offenheit“ (Emrich 1968, S.212). Florack, Bayerdörfer und Emrich sehen in ihr ein unbewusstes, unreflektiertes Wesen. Emrich sieht darin den Grund, warum sie ihrem Gegenüber verfällt. Lulu ist männerfixiert, spontan, augenblicksbezogen, „weder rational bestimmt noch berechnend“ (Florack 1995, S.20). Ihr Verhalten ist quasi instinktiv, kindlich unschuldig (vgl. Hilmes 1990, S.158). Florack beschreibt Lulus Bewusstheit in dem folgenden Zitat in treffender Weise:

[...]


[1] Wedekind, S.71

[2] Wedekind, S.11

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Passivität und Aktivität im Verhalten von Lulu in Frank Wedekinds "Erdgeist"
Untertitel
Femme fatale?
Hochschule
Technische Universität Hamburg-Harburg  (Institut für Germanistik 2)
Veranstaltung
"Eros und Kultur in der Literatur um 1900"
Note
2-
Autor
Jahr
2008
Seiten
19
Katalognummer
V130956
ISBN (eBook)
9783640367856
ISBN (Buch)
9783640368167
Dateigröße
476 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Ihre Fragestellung ist kompakt und berührt die Fragestellungen des Seminars. Die Analyse der ausgesuchten Textstellen hat mir gut gefallen. Auch in der Forschungsliteratur haben Sie sich umgesehen. Kontexte berühren sie aber kaum.
Schlagworte
Femme fatale, Frank Wedekind, Erdgeist, Lulu, Charakterisierung, männliches Projektionsprinzip
Arbeit zitieren
Ursula Mock (Autor), 2008, Passivität und Aktivität im Verhalten von Lulu in Frank Wedekinds "Erdgeist", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/130956

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Passivität und Aktivität im Verhalten von Lulu in Frank Wedekinds "Erdgeist"



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden