Lulu- was oder wer ist sie? Wie immer wieder in der Forschung betont wird, ist sie als Person schwer zu fassen - nicht nur für die Männer, die sie in dem Drama von Frank Wedekind verführt. Häufig wird in der Forschung die Frage gestellt, ob es sich bei Lulu um eine Femme fatale handelt. Dabei bedienen sich viele Wissenschaftler dem Vergleich mit anderen „typischen“ Femme-fatale-Gestalten wie Helena oder Nana.
Mir wird es in meiner Hausarbeit nicht darum gehen, herauszustellen, ob es sich bei Lulu tatsächlich um eine Femme fatale handelt. Ich möchte mich vielmehr damit beschäftigen, wie sie sich gegenüber den Männern des Dramas verhält, sodass sie ihr –sogar bis zu ihrem Tod oder bis zur Verzweiflung- verfallen. Ein wichtiger Punkt scheint mir dahingehend ihr Verhalten, das aus ihren Charaktereigenschaften wie aus ihren Bedürfnissen nach Nähe und Anerkennung herrührt.
Ich werde in dieser Hausarbeit zwei Szenen aus dem Drama von Frank Wedekind auf Lulus Verhalten hin untersuchen. Dabei wird eine der Leitfragen sein, wann sich Lulu passiv, wann aktiv in der Kommunikation mit zwei Männern aus dem Drama verhält.
- Wann kommen die Männer auf sie zu, wann übernimmt sie die Initiative?
- Wann ist sie das Opfer? Wann hat sie in den Interaktionen die Oberhand? Wie wird dies sprachlich von Wedekind gestaltet?
- Welche sprachlichen Äußerungen macht sie?
- Wie reagiert sie auf sprachliche Äußerungen ihrer „Gegenspieler“?
- Gibt es Unterschiede in ihrem Verhalten der unterschiedlichen Männer gegenüber?
- Wie kann man sie aufgrund ihres Verhaltens charakterisieren?
Es wird mir darum gehen sie zu charakterisieren, wobei das Hauptaugenmerk auf den hierarchischen „Spielereien“ mit den Männern liegen soll. Die Untersuchung ihrer sprachlichen Äußerungen soll dabei im Vordergrund stehen.
Dazu werde ich zunächst einen Überblick über die in der Forschung gängigen Charakterisierungen geben. Danach folgt eine Analyse zweier Szenen aus dem Drama mit den oben aufgeführten Leitfragen. In einem weiteren Schritt werde ich die Charakterisierungen aus der Forschung mit meinen eigenen Ergebnissen vergleichen. Eine persönliche Stellungnahme schließt die Hausarbeit ab.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der Charakter Lulu in der Sekundärliteratur
2.1. Allgemein
2.2. Kindlichkeit und sexuelle Attraktivität
2.3. Rollenverhalten
2.4. Bewusstheit und berechnendes Verhalten
2.5. Passivität und Aktivität; Opfer und Täter
3. Untersuchung von Lulus Verhalten in drei Szenen des Dramas
3.1. Lulu im Gepräch mit Schwarz ( Zweiter Aufzug, Erster Auftritt)
3.2. Lulu im Gespräch mit Escerny ( Dritter Aufzug, Fünfter Auftritt)
3.3. Lulu im Gespräch mit Schön ( Dritter Aufzug, Zehnter Auftritt)
4. Vergleich der Untersuchung der Szenen aus dem Drama mit dem Charakterbild Lulus in der Sekundärliteratur
5. Persönliche Stellungnahme
6. Literatur
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das Verhalten der Protagonistin Lulu in Frank Wedekinds Drama "Erdgeist" im Hinblick auf ihre Rollengestaltung in der Kommunikation mit männlichen Gegenspielern, um zu analysieren, wann sie als passive oder aktive Akteurin auftritt.
- Analyse der Charaktereigenschaften von Lulu anhand aktueller Sekundärliteratur.
- Untersuchung spezifischer Gesprächsszenen mit den Männern Schwarz, Escerny und Schön.
- Untersuchung des Verhältnisses von Passivität und Aktivität sowie Täter- und Opferrollen.
- Vergleich der theoretischen Charakterbilder mit dem tatsächlichen Verhalten im Dramentext.
- Reflektion über die Machtverhältnisse in den Interaktionen zwischen den Geschlechtern.
Auszug aus dem Buch
3.3. Lulu im Gespräch mit Schön ( Dritter Aufzug, Zehnter Auftritt)
In dieser Szene zwingt Lulu Schön, seiner seit drei Jahren Verlobten zu schreiben, dass er sie nicht heiraten kann, weil er ihrer nicht würdig ist. Diese Szene ist davon geprägt, dass Lulu am Ende der Szene die Führung Schöns übernimmt. Schön wird schwach, was Lulu zu ihrem Vorteil ausnutzt.
Am Anfang der Szene agiert Schön in der Weise, dass er Lulu immer wieder hinterfragt. Dies unterscheidet ihn im Gegensatz zu Schwarz und Escerny in den oben analysierten Szenen. Er stellt sie in Frage („Albernes Geschwätz“ S. 69; „Verschone mich mit deinen Witzen“ S.70; „Ich weiß zu gut, daß du unverwüstlich bist“ S.70), was sich auch daran zeigt, dass er misstrauisch ist und ausspuckt (S.69). Lulu reagiert am Anfang noch mit Unterwerfung („Sie tun mir den größten Gefallen, wenn Sie mich darauf hinweisen, was meine Stellung ist“ S.68). Sie macht sich zudem selber schlecht („meine Schamlosigkeit“ S.69; „ Ich wüsste nicht, daß ich je einen Funken Achtung vor mir gehabt hätte.“) und stellt sich in Abhängigkeit Schöns, indem sie ihm ihre Dankbarkeit dafür erweist, dass er sie von der Straße aufgelesen hat („ich weiß sehr wohl, was aus mir geworden wäre, wenn Sie mich nicht davor bewahrt hätten“ S.69; „ Ihren veredelnden Einfluß“ S.70). Zudem gesteht sie ihm im weiteren Verlauf des Gesprächs, dass in ihrem Leben alles das gemacht hat, was er ihr befohlen hat („Sie haben mir befohlen, Dr. Goll zu heiraten. Ich habe Dr. Goll gezwungen, mich zu heiraten. Sie haben mir befohlen, den Maler zu heiraten. Ich habe gute Miene zum bösen Spiel gemacht.“ S.70), woraufhin sie anfängt sein Verhalten zu kritisieren („Warum heiraten sie nicht?“S.70). Sie verlangt von ihm gedemütigt zu werden vgl. S.71), von ihm geschlagen zu werden (vgl. S.72).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Fragestellung ein, ob Lulu als Femme fatale zu verstehen ist, und legt den Fokus auf ihr aktives und passives Verhalten in der Kommunikation mit Männern.
2. Der Charakter Lulu in der Sekundärliteratur: Dieses Kapitel gibt einen Überblick über verschiedene wissenschaftliche Perspektiven auf Lulu, wobei Themen wie ihre Kindlichkeit, ihre Rollenunbestimmtheit und ihre Naturhaftigkeit beleuchtet werden.
3. Untersuchung von Lulus Verhalten in drei Szenen des Dramas: In diesem Hauptteil erfolgt die praktische Analyse anhand ausgewählter Szenen mit den Charakteren Schwarz, Escerny und Schön, um die Interaktionsdynamik konkret zu untersuchen.
4. Vergleich der Untersuchung der Szenen aus dem Drama mit dem Charakterbild Lulus in der Sekundärliteratur: Hier werden die Ergebnisse der Szenenanalyse mit den theoretischen Ansätzen aus Kapitel 2 abgeglichen, um Übereinstimmungen und Widersprüche herauszuarbeiten.
5. Persönliche Stellungnahme: Die Verfasserin reflektiert abschließend ihre eigenen Beobachtungen zum Charakter Lulu und zur zeitlosen Relevanz der dargestellten Macht- und Geschlechterspielchen.
6. Literatur: Auflistung der verwendeten Sekundär- und Primärquellen zur Untersuchung.
Schlüsselwörter
Lulu, Erdgeist, Frank Wedekind, Femme fatale, Kommunikation, Rollenverhalten, Passivität, Aktivität, Machtverhältnisse, Geschlechterrollen, Projektion, Theater, Literaturanalyse, Identität, Sinnlichkeit
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert das Verhalten der Hauptfigur Lulu in Frank Wedekinds Drama "Erdgeist", insbesondere ihre Kommunikation mit verschiedenen männlichen Partnern.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind das Wechselspiel von Passivität und Aktivität, die Rollen der Frau, Machtstrukturen in Beziehungen und die psychologische Dynamik von Projektion und Verführung.
Was ist die Forschungsfrage?
Die Hauptfrage ist, wie sich Lulu in der Kommunikation gegenüber Männern verhält, wann sie Initiative zeigt oder passiv agiert und wie diese sprachliche Gestaltung durch den Autor erfolgt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse durchgeführt, die auf der Auswertung von Fachliteratur basiert und durch eine gezielte Untersuchung von drei ausgewählten Szenen aus dem Primärtext ergänzt wird.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Aufarbeitung des Lulu-Charakters in der Forschung und eine konkrete Szenenanalyse der Interaktionen mit Schwarz, Escerny und Schön.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie "Lulu", "Geschlechterrollen", "Machtverhältnisse", "Passivität" und "Projektion" beschreiben.
Warum spielt die Szene mit Dr. Schön eine besondere Rolle?
Schön ist der einzige Mann, der Lulu durchschaut und den sie als Ziehvater kennt; daher ist die Machtdynamik hier komplexer und führt zu einer aktiven Machtübernahme durch Lulu.
Wie unterscheidet sich Lulus Verhalten gegenüber Schwarz und Escerny?
Gegenüber Schwarz verhält sie sich eher gelangweilt und träge, während sie in der Interaktion mit Escerny eher kokett agiert und gespielte Hilflosigkeit einsetzt.
Inwiefern beeinflussen die Männer Lulu?
Die Männer projizieren ihre eigenen Wünsche und Phantasien auf Lulu, wodurch diese oft nur auf die Erwartungen reagieren muss, ohne eine feste Identität nach außen zu tragen.
- Citar trabajo
- Ursula Mock (Autor), 2008, Passivität und Aktivität im Verhalten von Lulu in Frank Wedekinds "Erdgeist", Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/130956