Produktentwicklung im Wandertourismus


Diplomarbeit, 2008
192 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Kurzfassung

Abstract

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Vorwort

1 Zielsetzung und Vorgehensweise

2 Tourismus und Wandern
2.1 Was bedeutet „Wandern“)
2.1.1 Begriffserklärung Wandern
2.1.2 Begriffserklärung Bergwandern
2.1.3 Begriffserklärung Bergsteigen
2.1.4 Begriffserklärung Trekking
2.2 Geschichtliche Entwicklung des Wandertourismus
2.3 Institutionalisierung des Wanderns
2.3.1 Verbände und Vereine
2.3.2 Schutzhütten
2.3.3 Wege
2.4 Wandertourismus heute – eine neue Reiseform)

3 Wandern – eine Form des alternativen und umweltbewussten Reisens
3.1 Sanfter Tourismus
3.2 Naturtourismus
3.2.1 Nachhaltiger Tourismus
3.2.2 Ökotourismus

4 Beschreibung der Wandertouristen als Marktnachfrager
4.1 Zielgruppenanalyse
4.2 Urlaubsmotive und Anforderungen an das Produkt
4.2.1 Natur
4.2.2 Erlebnis
4.2.3 Sport und Aktivität
4.2.4 Gesundheit und Wellness
4.2.5 Selbstfindung
4.2.6 Ökologisches Bewusstsein
4.2.7 Individualität
4.3 Art der Informationsbeschaffung

5 Beschreibung des Reiseveranstaltermarktes
5.1 Wanderreisen als touristisches Produkt
5.1.1 Touristisches Leistungsbündel
5.1.2 Besonderheiten touristischer Produkte
5.1.3 Angebotsformen
5.1.4 Marketingstrategien
5.1.5 Marketing-Instrumente
5.2 Aktuelle Marktsituation
5.2.1 Beschreibung der Angebotstiefe
5.2.2 Beschreibung der Angebotsbreite
5.3 Produktentwicklungsvorgang bei Wanderreisen in Verbindung mit Expertenbefragungen
5.3.1 Produktentwicklungsprozess
5.3.2 Produktdefinition
5.3.3 Produktkonzeption
5.3.4 Produktgestaltung
5.3.5 Produktdesign

6 SWOT-Analyse im Bezug auf das Wandern
6.1 Schwächen und Gefahren
6.1.1 Verletzungsgefahr
6.1.2 Herzinfarktgefahr
6.1.3 Höhenkrankheit
6.1.4 Wetterabhängigkeit
6.1.5 Murenabgänge, Felsstürze und Hochwasser als Folgen der Klimaerwärmung
6.1.6 Eingeschränkter Komfort, Hygiene und Sauberkeit
6.1.7 Belastung der Bereisten
6.1.8 Verlust der Authentizität durch „Fun-Parks“
6.2 Stärken und Chancen
6.2.1 Umweltverträglichkeit
6.2.2 Ökonomische Vorteile für Betroffene des Wandertourismus
6.2.3 Individueller Nutzen durch hohen Erlebniswert im Vergleich zum geringen Geldwert
6.2.4 Erkennung von Trends

7 Best Practice-Beispiel einer Wanderreise anhand einer Alpenüberquerung vom Karwendel bis zum Gardasee
7.1 Ausgangssituation
7.2 Ausrüstung
7.3 Routenverlauf
7.4 Erfahrungsbericht
7.5 Markteinführung

8 Zusammenfassung und Fazit

Anhang A: Mitglieder des Verbands Deutscher Gebirgs- und Wandervereine e.V
Anhang B: WanderStudienreise auf Zypern mit „Studiosus“
Anhang C: Wellnesswandern in Österreich mit „Elch Adventure Tours“
Anhang D: Wandern und Tierbeobachtungen auf Madagaskar mit„Erlebnisreisen weltweit“
Anhang E: Fotowanderreise zum Polarkreis mit „Hauser Exkursionen“
Anhang F: Wandern und Jodeln in Österreich mit „Weltweitwandern“
Anhang G: Frauenwanderreise im Himalaya mit „Frauen Unterwegs“
Anhang H: Pilgerwandern auf dem Jakobsweg mit „Vuelta“
Anhang I: Schneeschuhwandern im Vinschgau mit dem „DAV Summit Club“
Anhang J: Fragebogen zur Produktentwicklung
Anhang K: Beurteilungsbogen „Hauser Exkursionen“
Anhang L: Best Practice-Beispiel einer Wanderreise über die Alpen

Literaturverzeichnis

Kurzfassung

Dem Deutschen Wanderverband zufolge ist das Wandern die beliebteste Out-door-Aktivität der Deutschen. Jede Menge Reiseveranstalter haben diesen Trend durchschaut und richten ihre Angebote gleichermaßen auf dem Markt aus. Doch im Vergleich zu den boomenden 6Oer Jahren hat der Wandertourismus ein neues Bild angenommen, das die Tendenz zur Internationalisierung sowie Trendent-wicklungen, Abenteuer und Exklusivität in sich schließt. Für die Produktent-wicklung auf dem Veranstaltermarkt bedeutet diese Veränderung Einbeziehung individueller Kundenwünsche, Spezialisierung auf Nischen, Schaffung von Zusatz-nutzen und hohe Qualität in der Dienstleistung. Dabei sollte das Erleben in authentischer Umgebung im Vordergrund stehen und das Gefühl von Selbstver-wirklichung angestrebt werden.

Schlagwörter: Wandern, Reiseveranstalter, Wandertourismus, Produktentwick-lung, Individualität, Zusatznutzen, Authentizität, Selbstverwirklichung

Abstract

According to „Deutscher Wanderverband” the most favourite outdoor activity of German population is hiking. Many tour operators have identified this growing market segment and developed various offers and packages to meet demand. But in comparison to the hiking boom in the sixties industry has created a completely new image: internationalization, adventure and exclusivity are main tendencies. In order to meet customer expectations tour operators have to react to individual needs, create additional benefits aspire high quality while developing products. At the same providers should aim for authenticity and finally customers should get the sense of achievement and self-fulfilment.

Keywords: hiking, tour operator, hiking tourism, product development, individualization, additional benefit, authenticity, self-fulfilment

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Horace Bénédict de Saussure besteigt 1787 den Mont Blanc

Abbildung 2: Historische Entwicklung des Wanderns

Abbildung 3: Berliner Hütte im Zillertal

Abbildung 4: Olpererhütte in den Zillertaler Alpen

Abbildung 5: Ökotourismus (ÖT) im Vergleich zu anderen Tourismusformen und Begriffen

Abbildung 6: Zielgruppenmodell Urlaubs- und Reisestile

Abbildung 7: Bedürfnispyramide nach Maslow

Abbildung 8: Modell der Leistungserstellung bei Dienstleistungen

Abbildung 9: Wettbewerbsmatrix nach Porter

Abbildung 10: Alpenrosen

Abbildung 11: Edelweiß

Abbildung 12: Alpenmohn

Abbildung 13: Neuigkeitsgrad eines Produktes aus der Sicht der Kunden (Markt) und des Unternehmens

Abbildung 14: Mögliche Strukturierung der Entwicklung in einem Unternehmen

Abbildung 15: Zusammenhang zwischen Merkmalsklassen und Kundenzufriedenheit

Abbildung 16: Darstellung der Wettbewerbssituation in einem Portfolio

Abbildung 17: Einordnung der bekanntesten Kreativitätstechniken

Abbildung 18: Beispiel einer einfachen Produktstruktur

Abbildung 19: Tourenverlauf vom Karwendel bis zum Gardasee

Abbildung 2 0: Profil der Tour Karwendel – Gardasee

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Segmentierung der Hütten des ÖAV

Tabelle 2: Verhalten der Touristen nach Robert Junk

Tabelle 3: Magazine zum Thema Wandern

Tabelle 4: Internetseiten zur Wandervorbereitung

Tabelle 5: Formen der Pauschalreise

Tabelle 6: Strategiesystematik

Tabelle 7: Instrumente der Preispolitik

Tabelle 8: Vergleich Wanderreiseveranstalter

Tabelle 9: Anforderungen an die Kondition der DAV Summit Club-Reisenden

Tabelle 10: Gründe für die Weiter- oder Neuentwicklung von Produkten

Tabelle 11: Kriterien zur Analyse von Wettbewerbsprodukten und unternehmen

Tabelle 12: Ausrüstungsliste für die Alpenüberquerung

Tabelle 13: Angebotskalkulation für eine Reisegruppe mit 10 Personen

Tabelle 14: 58 Mitglieder des Verbands Deutscher Gebirgs- und Wandervereine e.V.

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Vorwort

In den modernen Industrieländern gibt es seit gut hundert Jahren eine beträcht-liche Anzahl von Menschen, für die das Wandern zu den erfüllendsten und wert-vollsten Dingen des Daseins gehört. Wenn man weiß, wie intensiv und glückver-heißend z.B. das bergsteigerische Erlebnis sein kann, dann verwundert es einen stets aufs Neue, wie schwer sich Alpinisten damit tun, ihr Erleben in Worte zu fassen. Sie werden sprachlos oder verfallen in Klischees, wenn sie danach befragt werden, was ihnen das Erklimmen des Berges denn bedeute.

Nahezu jeder Mensch, der aus dem flachen Lande kommt, wird angesichts einer hoch aufragenden Bergkulisse von Empfindungen des Staunens oder der Ehr-furcht berührt. Beim Bergsteiger gesellt sich zu dieser Reaktion des bewundern Anschauens noch ein Handlungsimpuls hinzu, der lautet: Da muss ich hinauf! Der Anblick des Berges erweckt Leidenschaft. Höhe, Kälte, Steilheit und andere Unbe-quemlichkeiten schrecken den Alpinisten nicht ab, im Gegenteil, diese Erschwer-nisse erhöhen den Aufforderungscharakter des großen Berges.

Die Bergbesteigung wird für den leidenschaftlichen Alpinisten erst in jener Sekun-de voll gültig, sobald er den Fuß auf die höchste Spitze, auf den obersten Stein gesetzt hat. Dies ist ein magischer Punkt. Der Punkt der Erlösung. Wenn man dort oben steht, wird einem klar, dass man vollkommene Arbeit geleistet hat. Alles ist perfekt. Zur gleichen Zeit spürt man in sämtliche Muskelfasern hinein die Mühen des kräftezehrenden Anstiegs. Es kommt der Blick hinab in die Tiefe der Täler hinzu, der ebenfalls die Größe der Tat und des unbeschreiblichen Empfindens von Glück bezeugt.

Doch nicht das bergsteigerische Erlebnis allein, sondern die Begeisterung für das Wandern an sich bringt umfassendes Potential mit sich, das als Grundlage für einen prosperierenden Wandermarkt dient.

Eva Kulina München, im Oktober 2008

I Zielsetzung und Vorgehensweise

Die vorliegende Arbeit befasst sich mit dem Thema Wandern, wobei der Schwer-punkt auf dem Bereich der touristischen Wanderreise liegt. Im Vergleich zu den boomenden Wanderausflügen in die Alpen in den 6Oer Jahren hat sich zwischen-zeitlich viel getan. Wandern hat einen geänderten und somit neuen Stellenwert auf dem Markt eingenommen. Neben der Zielgruppe haben sich auch die Desti-nationen und die Wanderreisen selbst neu gestaltet. Im Laufe der Zeit wuchs die Zahl der Wanderreiseveranstalter immer mehr an, da inhaltsreiche sowie indivi-duell zugeschnittene Angebotsversionen von Wandertouristen nachgefragt wur-den. Welchen Weg zeitgemäße Wanderprodukte in ihrer Entwicklung gehen, soll im Kern dieser Arbeit behandelt werden. Hierbei wird insbesondere auf folgende Punkte eingegangen:

Zunächst wird in Kapitel 2 der Bezug zwischen Wandern und Tourismus erläutert. Begriffe wie „Wandern“, „Bergwandern“, „Bergsteigen“ und „Trekking“ werden darin erklärt. Außerdem soll die geschichtliche Entwicklung im Wandertourismus und die daraus resultierende Institutionalisierung dargestellt werden. Mit einem Bezug auf den heutigen Wandertourismus wird dieses Kapitel abgeschlossen.

Das 3. Kapitel gibt einen Überblick über das Wandern als alternative und umwelt-bewusste Reiseform. Es wird auf Begriffe wie „sanfter Tourismus“, „Naturtouris-mus“, „nachhaltiger Tourismus“ und „Ökotourismus“ eingegangen, indem eine Zuordnung des Wanderns zu den Begriffen stattfindet.

In Kapitel 4 erfolgt eine Beschreibung des klassischen Wandertouristen hinsicht-lich seiner Lebensgewohnheiten, Urlaubsmotive und den üblichen Verfahren sei­ner Informationsbeschaffung.

Wodurch sich der Markt der Wanderreiseveranstalter kennzeichnet und wie er sich von anderen Reisemärkten abgrenzt, beschreibt das 5. Kapitel. In diesem Ab-schnitt findet neben einer ausführlichen Erklärung über die Kennzeichen von Wanderreisen als touristisches Produkt auch eine Darstellung der aktuellen Marktsituation statt. Anhand von Experteninterviews wird anschließend der eigentliche Produktentwicklungsprozess von Wanderreisen verdeutlicht.

Mit der in Kapitel 6 aufgeführten SWOT-Analyse sollen dem Leser allgemeine Stärken, Schwächen, Chancen und Gefahren des Wanderns nahe gebracht wer-den. Durch diese Methode, die auch auf Wandern spezialisierte Reiseveranstalter als Vergleich nutzen können, bietet sich die Möglichkeit eventuell noch unge-nutzte Potentiale zum Erzielen von Wettbewerbsvorteilen und Entwicklungsmög-lichkeiten von Wanderprodukten zu erkennen.

Mit dem Best Practice-Beispiel, einer Alpenüberquerung, stellt die Verfasserin abschließend in Kapitel 7 einen Bezug von der Theorie zur Praxis her und präsen-tiert eine von ihr selbst gestaltete und realisierte Wanderreise als marktfertiges Produkt.

Die Arbeit schließt mit einer Zusammenfassung und einem Fazit.

2 Tourismus und Wandern

Das Reisen ist zu einem wichtigen Bestandteil des Lebens geworden. Es gehört fast schon automatisch zu Begriffen wie Freizeit, Ferien und Urlaub und mit zu einer der populärsten Formen von Glücksempfinden. Spaziergänge und Wande-rungen zählen allgemein zu den beliebtesten Freizeitbeschäftigungen europä-ischer Touristen. Zwei Drittel aller Inlandsurlauber sind laut Angaben des DTV (Deutscher Tourismusverband) potentielle Wandergäste. Zunehmend fühlen sich auch jüngere Gäste angesprochen. Rund die Hälfte der Wanderurlauber ist zwi-schen 20 und 39 Jahre alt.1

Nach oder während der Wanderung wünscht sich der Gast eine authentische Verköstigung aus qualitativ hochwertigen Produkten der Region. Neben Komfort-unterkünften erhofft er sich abwechslungsreiche Aktivitäten vor Ort als Alterna-tivprogramm zum Wandern. Der allgemeine Trend zum Wellness- und Gesund-heitsurlaub sowie ein hoher Anteil an einkommensstarken Individualgästen mit überdurchschnittlicher Reise- und Ausgabebereitschaft machen das Wandern zu einem touristischen Spitzenprodukt für Naturgenießer, Entdecker, Müßiggänger, Abenteurer oder Sportinteressierte.2

Immer mehr Übernachtungsbetriebe tragen das Gütesiegel „Qualitätsgastgeber Wanderbares Deutschland“, das der Deutsche Wanderverband für wanderfreund-liche Unterkünfte vergibt. Im Mai 2007 waren es 700 zertifizierte Häuser. Die teil-nehmenden Häuser müssen 21 Kern- und acht Wahlkriterien erfüllen, die vor Ort überprüft werden. Sie müssen besonders auf die Interessen von Wanderern aus-gerichtet und von DEHOGA (Deutscher Hotel- und Gaststättenverband) oder DTV klassifiziert sein, außerdem in einer attraktiven Wanderregion liegen, Trocknungs-möglichkeiten für die Ausrüstung und einen Gepäcktransport zur nächsten Unter kunft anbieten sowie über wanderkundige Mitarbeiter verfügen. Zudem müssen sie bereit sein, wandernde Gäste kurzfristig und auch nur für eine Nacht aufzu-nehmen.3

2.1 Was bedeutet „Wandern“?

Wer annimmt, Wandern wäre eine Sportart, die nicht mit der Zeit gehe, der irrt. Wanderer jedoch unterscheiden sich in gewisser Weise von den vielen anderen Sport treibenden Menschen. Sie sind „Idyllensucher“, die sich Luxus gönnen, denn: Zum Wandern braucht man Zeit. Wandern ist eindeutig eine sportliche Tätigkeit, die zu körperlichem Wohlbefinden führt. Das reine „Kilometer-Machen“ aber wird zweifellos jedes stilvolle Erlebnis verhindern, das mit dem Wandern von seinem Ursprung her verbunden war. Trekking-Höchstleistungen und „Querfeld-ein-Survival-Walks“ machen die kleinen Entdeckungen am Wegesrand unmöglich. Wandern aber braucht Zeit, viel Zeit, und statt Muskulatur eher Phantasie. Schließlich geht es doch um das Ineinanderspielen körperlich-sinnlicher, geistiger und seelischer Erfahrungen derer, die sich mit dem Rucksack auf dem Rücken in freier Natur bewegen.4 Nicht umsonst heißt es, dass jemand ein „bewanderter“ Mensch ist, wenn er in seinem Leben reiche Erfahrungen gesammelt hat und ein fundiertes Wissen aufweisen kann. Was der Mensch sich erwandert hat, das kann ihm keiner mehr nehmen. Schon Goethe sagte einst:

„Nur wo du zu Fuß warst, bist du auch wirklich gewesen.“5

2.1.1 Begriffserklärung Wandern

Das Wort „Wandern“ stammt vom althochdeutschen „wantõn“, was „wenden, verwandeln, sich ändern“ bedeutet. Aus diesem Ausdruck entwickelte sich im Laufe der Zeit „von einem Ort zum anderen ziehen“ und seit dem 18. Jahrhundert bis in die Gegenwart ist unter dem Wanderbegriff „größere Strecken in der Natur zu Fuß zurücklegen“ zu verstehen.6 Dennoch verlangt das Wort „Wandern“ in Verbindung mit dem klassischen Wanderer eine etwas ausführlichere Erklärung und wird demnach von der Verfasserin wie folgt definiert:

„Wandern ist eine sportliche Freizeitbeschäftigung, die eine Fortbe-wegung aus eigener Kraft durch das Gehen herbeiführt. Anders als beim Spazierengehen ist der Wanderer i.d.R. mit einem Rucksack, Wanderschuhen sowie mit Stöcken ausgestattet und beabsichtigt, über mehrere Stunden die Natur auf Wanderwegen zu erleben.“

Einen Rucksack trägt der Wanderer mit sich, um nach oder während des Wander-verlaufs auf Proviant zurückgreifen zu können. Zusätzliche Kleidung gehört im Falle eines Wetterumschwungs ebenso hinein. Trotz des florierenden Geschäfts in der Sportartikelbranche, die mittlerweile für jede Sportart die „passende“ Bekleidung erfunden hat, ist der Wandersektor davon verhältnismäßig wenig be-troffen, da diese Sportart grundsätzlich mit jeder bequemen Freizeitkleidung durchgeführt werden kann. Dennoch sollte beim Wandern stets auf passendes Schuhwerk geachtet werden. Das heißt, Wanderstiefel die bis über den Knöchel reichen und somit für Stabilität sorgen sind notwendig. Durch die griffige Sohle wird zusätzlich die Verletzungsgefahr reduziert. Ein Stock bzw. zwei Stöcke geben dem Wanderer die Möglichkeit seine Kräfte auch auf die Arme zu verteilen. Ge-nauso geeignet sind sie zum Balanceausgleich und Abstützen an unsicheren Stel-len.

2.1.2 Begriffserklärung Bergwandern

Bergwandern differenziert sich vom Wandern insofern, dass anstelle des flachen Geländes, wie es in den Tälern und auf der Ebene vorfindbar ist, die Berge aufge-sucht werden. Hierbei unterscheiden sich v.a. die Gegebenheiten des Weges, der zwar gebahnt ist, aber durch Unebenheiten und größere Steine einen ungleich-mäßigeren Verlauf aufweist. Die Bewegungsform des Gehens wird durch das Steigen ersetzt und steilere Anstiege verlangen mehr Kondition als beim Wan-dern. Zu den Bergwanderern zählen allerdings auch jene, die sich den Aufstieg per Pedes durch eine Seilbahn-, Sessellift- oder Gondelfahrt ersparen und auf dem Berg in etwa 1.500 - 2.000 m Höhe eine Höhenwanderung vollziehen.

2.1.3 Begriffserklärung Bergsteigen

Der Begriff „Bergsteigen“ ist nicht klar definiert und reicht vom einfachen Berg-wandern über alpines Klettern bis hin zum so genannten Höhenbergsteigen in den Regionen der Sieben- und Achttausender. Trotz alledem grenzt die Verfasse-rin den Ausdruck des Bergsteigens ein, indem sie ihn wie folgt festlegt:

„Beim Bergsteigen findet, wie beim Bergwandern, die sportliche Betätigung im Gebirge statt. Die Erschließung des Berges findet neben schmalen steilen Pfaden und befestigten Steigen z.T. auch auf unsicherem weglosem Gelände statt.“

Dies sollte nur von trittsicheren, geübten und schwindelfreien Bergwanderern begangen werden. Klettertouren und Wanderungen mit Klettersteigen schließt die Verfasserin von ihrer Arbeit aus und werden nicht als Wanderreisen gewertet. Genauso wenig fallen Extremtouren, die eine überdurchschnittliche Kondition und Technik verlangen sowie Skitouren nicht in das zu behandelnde Themen-gebiet.

2.1.4 Begriffserklärung Trekking

Das Wort „Trekking“ stammt aus dem Englischen und bedeutet „mehrtägige Wanderung einer geführten, kleinen Gruppe durch oft unwegsames Gebiet im Hochgebirge“.7 Streng genommen bezeichnet der Begriff „Trekking“ eine beson-dere Form des Wanderns, nämlich das Zurücklegen einer Strecke über längere Zeit bei gleichzeitigem Verzicht auf Übernachtungsmöglichkeiten in Gebäuden. Die Übernachtung erfolgt unter freiem Himmel, im Zelt oder in einem Biwak – bspw. einem Blachen-, Schnee- oder Steinbiwak. Heute hat sich aber der Begriff „Trek­king“ oder „Trek“ als Sammelbegriff für Wanderungen von Ort zu Ort durchge-setzt. Trekkingreisende sind mit dem Rucksack unterwegs, übernachten und verpflegen sich in Hütten und ziehen am nächsten Tag wieder weiter – vielleicht auch Monate lang.8

2.2 Geschichtliche Entwicklung des Wandertourismus

In mancherlei Hinsicht waren die Wallfahrten die Vorläufer der Wanderreisen. Die Tage der Wallfahrt waren in einer Zeit, die keinen Urlaub im heutigen Sinn kannte, auch Tage der Erholung und des Ausbrechens aus der dörflichen Sozial-kontrolle. Tatsächlich war Freizeit im 18. Jahrhundert im Wesentlichen für kirchliche Verrichtungen bestimmt, die als willkommene Unterbrechung und Abwechslung im Arbeitsleben verstanden wurden. Auf Wallfahrt zu gehen, war Bußübung und Freizeiterlebnis zugleich.

Neben dieser religiös bestimmten Fußreise gewann das Spazierengehen und Wandern immer mehr an Popularität. Eine neue bürgerliche Gehkultur wurde seit den 80ern des 18. Jahrhunderts erprobt. Über Aufklärung, Freiheit und auto-nomes Denken wurde in Begriffen des Gehens und der Geherziehung geredet. „Zu Fuße! Da ist man sein eigener Herr!“, vermeldeten die Poeten.9 Beeinflusst von Jean-Jacques Rousseau und seiner aufklärerischen Haltung „Zurück zur Natur“, fing zu dieser Zeit der Englische Adel mit der Eroberung der Alpen an und reiste v.a. ins Berner Oberland, nach Grindelwald, Zermatt und Chamonix. Die Natur wurde nicht mehr als Bedrohung, sondern in ihrer Schönheit empfunden. Die Alpen, früher als gefährliche, dämonische Region verrufen, waren auf einmal eine grandiose Erholungslandschaft.10 Als im Jahre 1786 zum ersten Mal der Mont Blanc bestiegen wurde, hat der Alpinismus begonnen. Die Erstbesteigungen des Großglockner (1800), des Ortler (1804) und der Jungfrau (1811) folgten. Repräsen-tanten der städtisch-intellektuellen Welt bezwangen die Alpen in erster Linie für wissenschaftliche Zwecke und ließen sich als Erstbesteiger feiern.11 Abb. I zeigt die Besteigung des höchsten Berges Europas durch Horace-Bénédict de Saussure und seine Seilschaft 1787. Neben der wissenschaftlichen Ausrüstung schleppten die Teilnehmer eine Unmenge von Gegenständen auf den Gipfel wie u.a. ein Bett, eine Matratze und einen Vorhang. Der hinterste Träger hat einen Kohleofen auf seinem Rücken.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Horace Bénédict de Saussure besteigt 1787 den Mont Blanc12

Einen regelrechten Boom erlebte die Begeisterung für die Alpen allerdings erst ab Mitte des 19. Jahrhunderts. Zahlreiche Artikel und Bücher wurden über das Natur-wunder Alpen veröffentlicht, und die Neugier in großen Teilen der Bevölkerung wuchs. 1857 wurde in England der erste Alpenverein gegründet. So genannte Alpenexperten reisten aus England an und führten den erstaunten Einheimischen vor, wie man ihrer Meinung nach mit den Bergen umzugehen hatte.13 Die Grün-dung des Schweizer und Deutsch-Österreichischen Alpenvereins folgte wenige Jahre darauf. Durch die sportliche Herausforderung gab es nun einen neuen Zugang zu den Alpen. 1867 war am Rigi, oberhalb des Vierwaldstätter Sees, die erste touristische Bergbahn auf einem Alpengipfel in Betrieb genommen. Die neuen Vereine kurbelten durch den Bau von Wegen und Hütten den Alpen-tourismus weiter an.14

Im späten 19. Jahrhundert erschlossen sich auch die Arbeiter das Wandern. Die große Freizeit- und Kulturorganisation „Die Naturfreunde“, machte sich seit 1895 stark für proletarisches Wandern. Ein deutlicher Anstieg in der Wandertätigkeit, die bislang nur dem Adel, Bürgertum und Beamten vorbehalten war, war zu verspüren.15 Dieser Zuwachs wurde verstärkt durch eine vollkommen neue Dimension der Mobilität, der Eisenbahn. In achteinhalb Stunden ratterte viermal täglich ein Personenzug über den Brenner von Kufstein nach Bozen. Die Fremden-verkehrsorte in den Bergen boomten.16

Die sozialen Dimensionen des Wandererlebnisses erkannten auch die National-sozialisten. Sie schufen die Organisation Kraft durch Freude (KdF) und boten günstige Wanderreisen an. Das Verbot anderer Organisationen wie Naturfreunde oder gewerkschaftliche Anbieter machte sie fast konkurrenzlos. Natürlich war der ideologische Hintergrund unverkennbar.17

Begünstigt durch den Aufbau einer sozialen Marktwirtschaft, durch die wachsen-de Motorisierung und durch die Sehnsucht nach Ruhe und Idylle nach Kriegsende, wurde in den S0er Jahren der Grundstein zum Massentourismus gelegt. Pioniere der Pauschalreisen für die breite Schicht in der Tradition des KdF waren Carl Dege-ner und Wilhelm Scharnow. Sie gründeten die erste Reiseagentur namens Touro-pa und hatten mit ihren organisierten Bahnreisen in das erste nun entstehende Tourismuszentrum, Ruhpolding im Chiemgau, einen vollen Erfolg. Weiterhin jedoch nutzte ein Großteil der Bevölkerung andere und v.a. billigere Reisemöglich-keiten wie zum Beispiel Ausflüge mit Wandervereinen.

Ab 1960 setzte eine rasante Entwicklung ein. In Südtirol stiegen die Zahlen im Vergleich zu den 30ern um das Achtfache, von drei auf 25 Mio. Touristen. Land-schaften haben sich seitdem nachhaltig verändert, viele Ortsbilder wandelten sich einschneidend.18

1980 schlugen erste Rückgänge zu Buche, da v.a. der Skitourismus den Wander-tourismus verdrängte und Tourismusverantwortliche sich nicht gezwungen sahen, zukunftsorientiert zu denken und zu handeln und Alternativen für das Sommerangebot zu finden.19 Eine weitere Erklärung für die rückläufigen Zahlen im Sommer ergab eine in Südtirol 1990 durchgeführte Gästebefragung, worin das Schlechtwetterprogramm als mangelhaft empfunden wurde.20

In Abb. 2 werden die signifikantesten Ereignisse der historischen Entwicklung bezüglich des Wanderns auf einem Blick dargestellt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung /: Historische Entwicklung des Wanderns21

2.3 Institutionalisierung des Wanderns

Ab Mitte des 19. Jahrhunderts kam es zu einer zunehmenden Institutionalisie-rung des Wanderns durch Wander- und Gebirgsvereine. Diese meist bürgerlichen und Heimat verbundenen Vereine leisteten Pionierarbeit in der Erschließung der Natur durch Wanderwege, Wegweiser, Karten, Schutzhütten und Aussichtstürme. 1864 wurde mit dem Badischen Schwarzwaldverein der erste deutsche Mittelge-birgsverein gegründet und 1896 nach einem Bergwanderunfall die erste Berg-rettungsstelle weltweit in der österreichischen Steiermark.22

2.3.1 Verbände und Vereine

a) Deutscher Wanderverband: Der Deutsche Wanderverband (DWV) ist der Dach-verband der 58 deutschen Gebirgs- und Wandervereine (s. Anhang A) mit rund 600.000 Mitgliedern. Durch ihn werden mehr als 200.000 km Wanderwege betreut, Wanderführer ausgebildet, geführte Wanderungen angeboten und viele weitere Veranstaltungen für Wanderfreunde realisiert. Der DWV schafft mit "Wanderbares Deutschland" objektive Qualitätskriterien für wandertouristische Angebote.23 Im Mai 1883 schlossen sich in Fulda 15 Vereine zum „Verband Deut-scher Touristen-Vereine“ zusammen, dem rund 11.000 Mitglieder angehörten. „Das Touristenwesen in Deutschland im allgemeinen zu fördern“ wurde als Vereinszweck formuliert. Die Mittelgebirgslandschaften, wie Spessart, Rhön und Harz, sollten erschlossen und die Bevölkerung dort durch einen ersten bescheide-nen Fremdenverkehr unterstützt werden. Die Wandervereine legten Wege an, markierten sie, boten gemeinsame Wanderungen an, gaben Wanderführer her-aus und empfahlen darin auch wanderfreundliche Gasthöfe. 1908 wurde der Verband umbenannt zum „Verband deutscher Gebirgs- und Wandervereine e.V.“. Die Zahl der Mitglieder wuchs und 1908 gehörten dem Dachverband 60 Vereine mit über 165.000 Mitgliedern an. Die Themen der jährlichen Mitgliederversamm-lungen muten auch heute noch aktuell an: Haftpflichtversicherungen, einheit- liche Wegebezeichnungen, Kulturarbeit oder die Förderung des Jugend- sowie des Schülerwanderns. Von Anfang an bauten die Wandervereine Aussichtstürme sowie Wanderhütten und -heime auf. Ferner richteten sie erste provisorische, meist nur im Sommer geöffnete Unterkünfte für die Jugend ein. Seit den 50er Jahren engagieren sich die Wandervereine für die Schaffung und Betreuung von Naturparken, die neben dem Naturschutz auch der Erholung dienen sollen.24

b) Deutsche Wanderjugend: Die deutsche Wanderjugend (DWJ) ist die outdoor-orientierte Jugendorganisation des Verbandes Deutscher Gebirgs- und Wander-vereine, kurz Deutscher Wanderverband. Deutschland hat in der DWJ eine sehr starke Jugend-Wanderorganisation, die sich aktiv für diese Outdoor-Aktivität einsetzt.25 In der DWJ sind etwa 100.000 Kinder und Jugendliche organisiert. Das Spektrum der Aktivitäten ist vielfältig und reicht von wöchentlichen Gruppen-treffen, über Freizeiten bis zu internationalen Jugendbegegnungen. Ein besonde-rer Schwerpunkt liegt im Bereich „Junges Wandern“. Die DWJ unterstützet Kinder, Jugendlichen und Gruppenleiter/-innen auf ganz unterschiedliche Art und Weise. D.h. sie sucht und entwickelt neue Ideen, Konzepte und Anregungen für Kinder, Jugendliche und auch Erwachsene, die auf verschiedenen Internetseiten und in der regelmäßig erscheinenden Zeitschrift „WALK & more“ veröffentlicht werden. Darüber hinaus bietet sie Lehrgänge und Fachtagungen für Gruppenleiter/-innen sowie Ferien- und Feizeitangebote für Kinder und Jugendliche an.26

c) Naturfreunde Deutschlands: Die Naturfreunde Deutschlands sind zwar nicht im eigentlichen Sinne ein Wanderverband, fördern aber Freizeitbeschäftigungen wie Wandern, Reisen, Heimatkunde, Wassersport und ähnliches. Angeregt wer-den soll vor allem die Lust auf Natur, aber auch Bildung und Kultur spielen eine wichtige Rolle. Insofern passt für die Naturfreunde die Definition als einer der wichtigen Wanderverbände. Deutschland und Deutschlands Natur sanft zu erle-ben ist Ziel dieses Vereins.27 Die Wurzeln der Naturfreunde liegen in der Arbeiter-bewegung im späten 19. Jahrhundert. Sie verstehen sich als „Verband für Umweltschutz, sanften Tourismus, Sport und Kultur“. In ihrer Satzung bekennen sie sich zum demokratischen Sozialismus und sind somit abzugrenzen gegenüber überwiegend bürgerlichen Gebirgs- und Wandervereinen oder den kurze Zeit später entstandenen jugendlichen Wandervögeln. Bekannt sind sie vor allem durch ihr Netz von Naturfreundehäusern, den preisgünstigen, naturnah gelege-nen Übernachtungsstätten für Einzel- und Gruppenwanderer.28

d) Alpenverein: Sechs Jahre nach der Gründung des ersten Alpenvereins (AV), dem Englischen, wurde 1863 der Österreichische und der Schweizer Verein ins Leben gerufen. Der Deutsche Alpenverein (DAV) folgte weitere sechs Jahre darauf.29 Bereits 1873 ergab sich der Zusammenschluss der beiden Gründungen zum Deutsch und Österreichischen Alpenverein (DuOeAV). Dessen Ziel war es, z.T. in Kollektivarbeit mit dem Schweizer Alpenclub, die vertikale Erde zu erschließen. Die Funktionäre und Mitglieder stammten v.a. aus dem urbanen Bildungsbürger-tum, dem Adel und der Führungsschicht der Alpentäler. Es erfüllte sich die Vision einer neuen Solidarität zwischen den Bergsteigern und der Bergbevölkerung. Die Gliederung des Alpenvereins in selbständige Sektionen schuf die ideale Struktur für die Alpenerschließung und die -präsenz des bald größten Bergsteigervereins der Welt. Die Motive dafür, die Alpen zugänglich zu machen, reichten von wissen-schaftlichem Eros, Neugier, Lebens- und Erlebnislust über romantische Sehnsüch-te und Heimatsuche bis in den irrationalen Nationalismus. Ausschlaggebend für die Erschließung waren folgende Faktoren:

- Die Kenntnis des Hochgebirges mit der Hochgebirgskartographie.
- Die Erfahrungen für das Bauen von Hütten und Wegen.
- Die Instandhaltung von Hütten und Wegen.
- Das Bewirtschaften der Hütten gemäß der Hüttenordnung.
- Die Organisation und Ausbildung der Bergführer als eigenen Berufsstand.
- Die Einrichtung des Bergrettungsdienstes.
- Die Pachtverträge mit den einheimischen Pächtern.
- Die Kooperation mit den Talgemeinden.

Die Ausbreitung des Alpinismus als neue kulturelle Begegnung hatte zur Folge, dass überall in Deutschland AV-Sektionen wie Pilze aus dem Boden schossen. Kaum gegründet bauten sie in attraktive Gebirgsgruppen ihre Schutzhäuser. Bereits zehn Jahre nach Zusammenschluss zählte der Verein rund 16.000 Mitglie-der in 91 Sektionen und verfügte schon über 69 Hütten. 1914 umfasste der noch immer elitäre Verein bereits 102.138 Mitglieder, 407 Sektionen, 323 Hütten und ein Wegenetz von rund 30.000 km. Bei den Einheimischen fand diese Alpen-eroberung mit vermehrten Dienstleistungen uneingeschränkte Zustimmung. Der rasante Zuwachs nach dem Ersten Weltkrieg auf knappe 700.000 Mitglieder bis zum Jahre 1928, hatte die Gründe, dass eine völlige Umstrukturierung vom noblen, fast geschlossenen Bürger- und Aristokratenverein zu einem Volks- und Massenverein stattgefunden hat. Neben den in den Bergen Frieden und Freiheit Suchenden kamen die Arbeitslosen, die die Erbswurstsuppe und kostenlose Lager auf die Hütten lockte. Weitere Erschließungen, Vergrößerung und Neubauten waren von Interesse. 1939 zählte der DAV 709 Stützpunkte, davon waren 450 bewirtschaftete Hütten in den Alpen. Im Jahre 1945 kam es zur Gründung des AV Südtirol (AVS), der bis heute 16 Hütten auf touristisch interessanten Standplätzen errichtet hat. Der wirtschaftliche Aufstieg betraf auch die drei Alpenvereine, deren Sektionen und Mitgliederzahlen ständig wuchsen. Ein neuer Bezug, gerade der städtischen Menschen zur Natur und ein Naturschutz- und Umweltdenken ge-wann auch im AV immer mehr an Gewicht. 1978 verabschiedete der AV in seinen Hauptversammlungen sein verbindliches Grundprogramm für Naturschutz- und Umweltplanung im Alpenraum. Er trat damit demonstrativ aus der Rolle des Er schließers in die Rolle des Schützers und Verhinderers weiterer alpiner Hütten-und Wegebauten.30

2.3.2 Schutzhütten

Wie ein flächendeckendes Netz überspannt der Alpenvereinsbesitz alle alpinen Regionen und demonstriert Alpenvereinspräsenz. 541 Schutzhütten stehen auf eigenem Grund und Boden. 460 davon befinden sich in Österreich (vgl. Tab. 1):

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1: Segmentierung der Hütten des ÖAV31

In insgesamt 32.000 Schlafplätzen der österreichischen Schutzhütten nächtigen jährlich etwa 1 Mio. Bergsteiger und Bergwanderer. Dazu kommen weitere 1,5 Mio. Tagesgäste. Ca. 2.000 Beschäftigte haben auf den Hütten einen ständigen Arbeitsplatz.

Vorläufer der Schutzhütten waren die Hospize auf wichtigen Alpenübergängen, die bis ins Mittelalter zurückgingen. Die Schutzhütte der ersten Erschließungs-phase war eine einfache Selbstversorgerhütte mit ebenerdigen Räumen wie Küche, Stube, Lager. Die Hütten waren aus Stein gemauert und teilweise mit Steinplatten gedeckt.

Die zweite Phase des Schutzhüttenwesens leitete die Bewirtschaftung ein, als der Versorgungswunsch von den Touristen auf die Gastronomieinteressen der Einhei mischen Bergführer als Hüttenpächter trifft. Die unmittelbare Folge des steigen-den Besuches waren die Hüttenerweiterungen durch Aufstockung und Zubauten.

Um 1890 folgte die dritte Phase, das alpine Schutzhaus, ähnlich dem Talgasthof: hoch gebaut, oft sogar besser ausgestattet und gastronomisch aufwändiger geführt. Die letztgenannte Funktion bekam ein Übergewicht bis zu echten Aus-wüchsen. Die Identifikation mit der eigenen Stadt und der häufig nach ihr benannten Hütte manifestierte sich auch im Schmuck der Häuser und im steigen-den Luxus. Die Berliner Hütte in den Zillertaler Alpen war seither mit ihren 180 Schlafplätzen ein Musterbeispiel für ein Nobelhaus im Hochgebirge.32 Mit ihrem dreigeschossigen Schlafhaus aus dem Jahre 1892, einer halboffene Veranda, die das Schlafhaus mit den bestehenden Bauteilen verband und in der folgenden Zeit als Kegelbahn genutzt wurde sowie ihrem beheizten Trockenraum für Schuhe und Kleidung, galt dieses Bauwerk als Hütte der Superlative. 1898 bekam das Gebäude einen eigenen Telefonanschluss, 1900 eine Dunkelkammer für die Ent-wicklung von Fotomaterial, 1906 sogar ein eigenes Postamt und 1908 eine Schuh-macherwerkstatt.33 Abb. 3 verleiht einen Eindruck dieses Hauses.

„Die Hütte ist einzigartig unter den Alpenvereinshütten – ein eindrucksvolles Zeugnis aus jener Zeit, als das deutsche Kaiserreich und dessen Hauptstadt sich mit Glanz und Gloria auch im Hoch-gebirge darstellen musste.“34

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Berliner Hütte im Zillertal35

Die Forderung der Elite der jungen Führerlosen nach der einfachen Hütte zieht seither wie ein roter Faden durch die Diskussionen in den Hauptversammlungen hüttenreicher Sektionen und des Hauptvereins. Im Zeitraum von 1987 bis 1996 wurde dieses Thema noch einmal aufgegriffen und Grundsätze für diese letzte Entwicklungsphase im Schutzhüttenbereich wie folgt festgeschrieben:

- Die Erschließung der Alpen ist beendet. Neue Hütten und Wegeanlagen werden nicht mehr errichtet.
- Auch bei notwendigen Hüttensanierungen gibt es keine Kapazitätserwei-terungen. Bei allen Baumaßnahmen gilt der Grundsatz der einfachen Hüt-te.
- Schwerpunkt aller Bau- und Organisationsmaßnahmen wird die umwelt-gerechte Energieversorgung sowie die Abwasserreinigung und die Abfall-entsorgung sein.
- Auch als Leitziel in der Bewirtschaftung gilt: Zurück zur Einfachheit ist der eigentliche Fortschritt.36

In Anlehnung an diese wegweisenden Vorschriften finden in der heutigen Zeit Wiederaufbauten des AV statt. So z.B. der Bau der Olpererhütte (Abb. 4) in den Zillertaler Bergen, die Ende Juni 2008 eröffnet wurde.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4: Olpererhütte in den Zillertaler Alpen37

Diese vom österreichischen Architekten Hermann Kaufmann entwickelte Schutz-hütte der Sektion Neumarkt in der Oberpfalz versteht sich als Visitenkarte des alpinen Natur- und Umweltschutzes. Bei der Wahl der Baustoffe wurde die Recyclebarkeit der Materialien berücksichtigt. Holz als nachwachsender Rohstoff ist CO2-neutral und trägt damit zum Klimaschutz bei. Eine Photovoltaikanlage und ein mit Rapsöl betriebenes Blockheizkraftwerk erzeugen den notwendigen Strom und das Warmwasser. Das Abwasser wird in einer vollbiologischen Klär-anlage mit Membranfiltration gereinigt. Die Anlage reinigt alle Abwässer der Hütte bis hin zu einer wieder verwendbaren hygienisierten Brauchwasserqualität. Sie ist die erste Anlage dieser Art im alpinen Bereich. Reinstes Quellwasser wird in einem neuen Behälter oberhalb der Hütte gefasst.38

2.3.3 Wege

Die Schutzhütten sind untereinander durch ein alpines Wegenetz in Äquator-länge mit Wegerechten und Erhaltungspflichten verbunden. Die so geschaffene alpine Infrastruktur ist ein Jahrhundertwerk und steht im Sinne der Bergfreiheit jedermann zur Verfügung. Die in die Milliarden gehenden finanziellen Mittel dafür sind nie addiert worden. Diese sind, genauso wie der Arbeitseinsatz, Folge ehrenamtlicher Tätigkeiten.39

Eine Bergwanderung im alpinen Gebirge durchläuft vom Tal bis zum Gipfel meh-rere Höhenstufen: Sie führt durch den Bergwald, über Alpweiden und erreicht die Zone, in der die Fichten klein und dicht gepackt mit Zweigen stehen. Sie durch-streift Latschenbereiche, Schuttfelder und vielleicht führen Schrofengelände zum Gipfel. Währenddessen folgt sie markierten Wegen, womöglich aber auch nur Steigspuren. In Einzelfällen muss der Weg komplett selbst gesucht werden. Im Frühsommer verschwindet der Weg unter Altschneeresten, die Wegabschnitte liegen versperrt. Im Herbst können Neuschnee und vereiste Passagen behindern und zu bestimmten Tages- und Jahreszeiten können Bachüberschreitungen pro-blematisch sein.40

2.4 Wandertourismus heute – eine neue Reiseform?

Heute ist eine Internationalisierungstendenz im Wandertourismus spürbar. Für den Alpenraum bedeuten diese Entwicklungen eine deutlich erhöhte Konkurrenz-situation auf dem Wandersektor.41 Doch sterben wird er nicht, der Alpinismus im traditionsreichen Bergsteigerland der Alpen. Lediglich sein Gesicht hat sich in den vergangenen Jahrzehnten stark verändert, was jedoch wohl nur den Zeitgeist widerspiegelt: Schneller, besser, mehr – und das in einem Tempo, wie man es noch vor 5$ Jahren kaum für möglich gehalten hätte.

[...]


1 Vgl. Baumbach (2007), S. 154.

2 Vgl. Baumbach (2007), S. 154.

3 Vgl. Baumbach (2007), S. 95.

4 Vgl. Knecht/Stolzenberger (1997), S. 204.

5 Goethe (1749 - 1832)

6 Vgl. Pfeiffer (1993), S. 1537.

7 Vgl. Duden (2001), S. 1009.

8 Vgl. Bundesamt für Naturschutz, http://www.bfn.de (Zugriff am 09.10.2008)

9 Vgl. Sandgruber (2003), S. 201 ff.

10 Vgl. Ludwig/Has/Neuer (1990), S. 33.

11 Vgl. Ludwig/Has/Neuer (1990), S.103.

12 Swissworld, http://www.swissworld.org (Zugriff am 30.08.2008)

13 Vgl. Krempien (2000), S. 131.

14 Vgl. Ludwig/Has/Neuer (1990), S.34.

15 Vgl. Thiel/Homrighausen (1993), S.13.

16 Vgl. Fritsche/Sulzenbacher (2004), S.70.

17 Vgl. Thiel/Homrighausen (1993), S.16.

18 Vgl. Rösch/Rohrer (2003), S. 372.

19 Vgl. Theiner/Steinhauser (2006), S.29.

20 Vgl. Rösch/Rohrer (2003), S. 376.

21 Eigene Darstellung

22 Vgl. Online-Lexikon Wikipedia, http://de.wikipedia.org (Zugriff am 23.09.2008)

23 Vgl. Wandern.de, http://www.wandern.de (Zugriff am 10.10.2008)

24 Vgl. 125 Jahre Deutscher Wanderverband, http://www.wanderverband.de (Zugriff am 10.10.2008)

25 Vgl. Wandern.de, http://www.wandern.de (Zugriff am 10.10.2008)

26 Vgl. Deutsche Wanderjugend, http://www.wanderjugend.de (Zugriff am 10.10.2008)

27 Vgl. Wandern.de, http://www.wandern.de (Zugriff am 10.10.2008)

28 Vgl. Online-Lexikon Wikipedia, http://de.wikipedia.org (Zugriff am 10.10.2008)

29 Vgl. Ludwig/Has/Neuer (1990), S. 34.

30 Vgl. Oberwalder (1998), S. 25ff.

31 Oberwalder (1998), S. 26.

32 Vgl. Oberwalder (1998), S. 25ff.

33 Vgl. Online-Lexikon Wikipedia, http://de.wikipedia.org (Zugriff am 29.08.2008)

34 BR-online, http://www.br-online.de (Zugriff am 15.07.2007)

35 Online-Lexikon Wikipedia, http://de.wikipedia.org (Zugriff am 29. 08. 2008)

36 Vgl. Oberwalder (1998), S. 29.

37 Eigene Darstellung (2008)

38 Vgl. Olpererhütte, http://www.olpererhuette.de (Zugriff am 30.08.2008)

39 Vgl. Oberwalder (1998), S. 26.

40 Vgl. Kraus/Schwiersch (2005), S. 22.

41 Vgl. Theiner/Steinhauser (2006), S. 29.

Ende der Leseprobe aus 192 Seiten

Details

Titel
Produktentwicklung im Wandertourismus
Hochschule
Hochschule München
Note
1,7
Autor
Jahr
2008
Seiten
192
Katalognummer
V131061
ISBN (eBook)
9783640366293
Dateigröße
7055 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Produktentwicklung, Wandertourismus
Arbeit zitieren
Eva Kulina (Autor), 2008, Produktentwicklung im Wandertourismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/131061

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