Vor dem Hintergrund der heilpädagogischen Paradigmendiskussion werden in dieser Arbeit Fragen nach theoretischen und praxisrelevanten Erträgen des Empowerment-Konzepts für die WfbM untersucht.
Das Empowerment-Konzept wird im Kontext einer kritischer Bildungstheorie erörtert, die den emanzipativen Gehalt von Bildung hervorhebt und eine gesellschaftskritische sowie sozialpolitische Perspektive einnimmt. In diesem Zusammenhang wird die Frage nach dem Potential von Bildungsangeboten für die Initiierung von Empowerment-Prozessen im Umfeld der WfbM diskutiert: Die WfbM hat die Aufgabe, Menschen mit Behinderungen „angemessene berufliche Bildung“ (§ 136 Abs. 1 SGB IX; vgl. auch § 4 WVO) anzubieten und ihnen zu ermöglichen, „ihre Persönlichkeit weiter zu entwickeln“ (§ 136 Abs. 1 SGB IX; vgl. auch § 5 WVO), es wird daher untersucht, in welcher Form entsprechende Bildungsangebote in der WfbM ‚Kristallisationskeime‘ für Empowerment-Prozesse sein können.
Diese Arbeit versteht sich als ein praxisbezogener Beitrag zur heilpädagogischen Paradigmendiskussion im Umfeld der WfbM: Indem das grundlegende Bildungsverständnis der WfbM, das berufsqualifikations- und arbeitsmarktbezogene Aspekte betont und auf die Ausbildung funktionaler beruflicher Qualifikationen zielt (vgl. BA/BAG:WfbM 2002, 10ff), in Anschluss an die Bildungstheorie der kritisch-konstruktiven Erziehungswissenschaft um den emanzipativen Gehalt von Bildung erweitert wird, eröffnen sich in Hinblick auf die Paradigmendiskussion Ansätze zur Weiterentwicklung der WfbM. Im Rahmen einer Empowerment-Praxis können Bildungsangebote als „lebensweltkritische Kategorie“ (Theunissen/Plaute 1995, 168) den behinderten Beschäftigten Erfahrungsräume für Selbstwirksamkeit und Gestaltungskraft i. S. v. Emanzipation, Selbstbestimmung und Mitbestimmung eröffnen und damit ‚Kristallisationskeime‘ für Empowerment-Prozesse sein, auch in einem weitgehend fremdbestimmten Umfeld wie der WfbM.
Inhaltsverzeichnis der Diplomarbeit
1 Einführung
1.1 Problemaufriss
1.2 Fragestellung, Thesen, Vorgehensweise, Zielsetzung
2 Das Empowerment-Konzept
2.1 Theoretische Verortung
2.1.1 Erste Annäherung
2.1.2 Empowerment im Sinne von Selbstbemächtigung
2.1.3 Empowerment als professionelles Unterstützungskonzept
2.1.4 Empowerment: Grundüberzeugungen/Menschenbild
2.2 Ebenen und Elemente von Empowerment-Prozessen
2.2.1 Subjektzentrierte Ebene
2.2.2 Gruppenbezogene Ebene
2.2.3 Institutionelle Ebene
2.2.4 Politische/Gesellschaftliche Ebene
2.3 Empowerment und Bildung
2.3.1 Zur Bedeutung des Bildungsbegriffs
2.3.2 Bildung von Menschen mit Behinderung
2.3.3 Empowerment-Konzept und Bildungstheorie
2.3.4 Perspektiven für die Erwachsenenbildung
2.4 Kritische Anmerkungen
2.4.1 Konzeptionelle und begriffliche Unschärfen
2.4.2 Überforderung des Subjekts
2.4.3 Fehleinschätzung von Fähigkeiten und Bedürfnissen
2.4.4 Praktische Umsetzung unpräzisiert
2.4.5 Unzureichende Reflexion gesellschaftlicher Bedingungen
2.4.6 Gesellschaftliche und politische Instrumentalisierung
2.5 Zusammenfassung: Einschätzung und Bewertung
3 Die Werkstatt für behinderte Menschen (WfbM)
3.1 Historische Entwicklungslinien
3.1.1 Das System der Behindertenhilfe in Deutschland
3.1.2 Zur Entwicklung der WfbM
3.2 Zur Bedeutung der WfbM
3.3 WfbM und Bildung
3.3.1 Überblick
3.3.2 Berufliche Bildung und Weiterentwicklung der Persönlichkeit
3.3.3 Organisation von Bildung in WfbM
3.4 Die WfbM als Ort von Empowerment
3.4.1 Sozialgesetzbuch Neuntes Buch (SGB IX)
3.4.2 Wunsch- und Wahlrecht
3.4.3 Persönliches Budget
3.4.4 Werkstättenmitwirkungsverordnung (WMVO)/Werkstattrat
3.5 Zusammenfassung
4 Das Projekt WerkstattZeitung
4.1 Grundlagen
4.1.1 Lebensweltbezug
4.1.2 Projektorientierung
4.2 Konzeption
4.2.1 Beteiligte Institutionen
4.2.2 Situationsbeschreibung
4.2.3 Zielgruppe
4.2.4 Ziele
4.3 Die WerkstattZeitung: Empowerment-Prozesse
4.3.1 Subjektzentrierte Ebene
4.3.2 Gruppenbezogene Ebene
4.3.3 Institutionelle Ebene und politische/gesellschaftliche Ebene
4.4 Fazit
4.4.1 Zur praktischen Umsetzung
4.4.2 Perspektiven
5 Schlussbetrachtungen
Zielsetzung & Thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht das Potenzial von Bildungsangeboten in Werkstätten für behinderte Menschen (WfbM) als Ausgangspunkt für Empowerment-Prozesse, wobei insbesondere der emanzipatorische Gehalt von Bildung im Kontext der heilpädagogischen Paradigmendiskussion erörtert wird.
- Kritische Analyse des Empowerment-Konzepts und dessen Übertragbarkeit auf die Heilpädagogik.
- Untersuchung der Struktur und des Bildungsauftrags innerhalb der WfbM.
- Analyse projektorientierter Bildungsangebote am Praxisbeispiel der "WerkstattZeitung".
- Reflexion über Möglichkeiten und Grenzen der institutionellen Umsetzung von Empowerment.
- Diskussion über das Spannungsfeld zwischen ökonomischen Anforderungen und emanzipatorischen Bildungszielen.
Auszug aus dem Buch
2.1.1 Erste Annäherung
Empowerment kann mit Selbstbemächtigung , Selbstbefähigung oder Stärkung der Eigenkräfte wörtlich übersetzt werden (vgl. Herriger 2006, 1). Es scheint also nicht abwegig, dass Galuske in seiner Einführung in die Methoden der Sozialen Arbeit mit dem Empowerment-Konzept zunächst eine „neue Runde der Selbsthilfedebatte eingeläutet (Galuske 2007, 265) sieht. Das erweist sich jedoch als zu kurz gegriffen, wenn er auf die historischen Wurzeln im Umfeld der schwarzen Bürgerrechtsbewegung in den USA, in der Debatte um Kommunitarismus, den Erfahrungen der Selbsthilfebewegung und der neuen sozialen Bewegungen (Ökologie-, Frauen-, Friedensbewegung usw.) sowie den Forschungen zu Bedingungen, Strukturen, Chancen und Grenzen sozialer Netzwerke und sozialer Unterstützungssysteme verweist (vgl. ebd., 260).
In einem Ordnungsversuch dieses Wurzelgeflechts stellt Herriger „vier Zugänge zu einer Definition von Empowerment (Herriger 1997, 5) heraus, die vielfältige Schnittstellen und fließende Übergänge aufweisen (vgl. ebd., 12ff):
1. Empowerment ist „ein konflikthafter Prozess der Umverteilung von Macht, in dessen Verlauf Menschen oder Gruppen von Menschen aus einer Position relativer Machtunterlegenheit austreten und sich ein Mehr an Macht, Verfügungkraft und Entscheidungsvermögen aneignen (ebd., 12; Hervorhebung entfernt), und fokussiert die strukturell ungleiche Verteilung von politischer Macht und Einflussnahme. In dieser Tradition sieht Herriger die radikal-politischen Bewusstwerdungskampagnen durch Erziehungs- und Alphabetisierungsprogramme (Freire), politische Gemeinwesenarbeit und radical community organization (Alinsky), die Frauenbewegung und feminist-empowerment-praxis (Bookman/Morgen; Brown), lokalpolitische Bürgerinitiativen und öffentlichkeitswirksame Kampagnen für die Beachtung von Interessen ethnischer Minderheiten und die Independent-Living-Bewegung von Menschen mit Behinderung (DeJong/Batavia; Theunissen/Plaute).
Zusammenfassung der Kapitel
Einführung: Der Abschnitt skizziert den Problemaufriss hinsichtlich des Paradigmenwechsels in der Behindertenhilfe und definiert das Ziel, den emanzipativen Gehalt von Bildung als Empowerment-Prozess in WfbM zu untersuchen.
Das Empowerment-Konzept: Dieses Kapitel erläutert die theoretischen Grundlagen, Ebenen und kritischen Anmerkungen zum Empowerment-Ansatz sowie dessen Verschränkung mit bildungstheoretischen Diskursen.
Die Werkstatt für behinderte Menschen (WfbM): Hier werden historische Entwicklungslinien der WfbM nachgezeichnet und ihre Rolle als zentraler Lebensort sowie ihr Bildungsauftrag kritisch analysiert.
Das Projekt WerkstattZeitung: Das Kapitel stellt die "WerkstattZeitung" als praktisches Beispiel für Empowerment-orientierte Erwachsenenbildung vor und evaluiert dessen Umsetzung und Potenziale.
Schlussbetrachtungen: Eine abschließende Zusammenfassung der Ergebnisse, die das Potenzial für einen Paradigmenwechsel in der WfbM unter Empowerment-Perspektive hervorhebt.
Schlüsselwörter
Empowerment, WfbM, Behindertenhilfe, Selbstbestimmung, Bildungstheorie, Emanzipation, WerkstattZeitung, Projektorientierung, Teilhabe, Erwachsenenbildung, Empowerment-Prozesse, heilpädagogische Praxis, Behindertenpädagogik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der vorliegenden Arbeit im Kern?
Die Diplomarbeit befasst sich mit der Frage, wie durch bildungsorientierte Projekte in Werkstätten für behinderte Menschen (WfbM) Empowerment-Prozesse initiiert werden können, die über die reine berufliche Qualifizierung hinausgehen.
Welche Themenfelder stehen im Zentrum?
Zentrale Schwerpunkte sind die theoretische Fundierung von Empowerment, der gesetzliche und strukturelle Rahmen der WfbM sowie die praktische Anwendung von projektorientiertem Lernen am Beispiel der WerkstattZeitung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Bildungsangebote als „lebensweltkritische Kategorie“ genutzt werden können, um behinderten Menschen mehr Selbstbestimmung und Mitsprache in ihrem Arbeitsalltag zu ermöglichen.
Welche methodischen Ansätze werden genutzt?
Die Arbeit basiert auf einer fundierten Literaturanalyse zur kritisch-konstruktiven Erziehungswissenschaft und Heilpädagogik sowie einer fallbeispielhaften Vorstellung des Projekts „WerkstattZeitung“.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Herleitung des Empowerment-Begriffs, die Analyse der historischen und gegenwärtigen Strukturen der WfbM und die detaillierte Darstellung des Modellprojekts „WerkstattZeitung“.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit?
Die zentralen Charakteristika sind Empowerment, Emanzipation, Teilhabe, Selbstwirksamkeit und der kritische Blick auf die marktkonforme Ausrichtung der Werkstätten.
Welche spezifische Rolle spielt die „WerkstattZeitung“ im Dokument?
Sie dient als konkretes Praxismodell, um zu demonstrieren, wie redaktionelle Arbeit behinderten Menschen ermöglicht, sich journalistisch zu betätigen, soziale Netzwerke zu bilden und ihre Interessen in der Öffentlichkeit zu vertreten.
Wie bewertet der Autor das Spannungsfeld in der WfbM?
Der Autor weist auf den tiefgreifenden Konflikt zwischen dem erwerbswirtschaftlichen Verwertungsdruck der Werkstätten und dem heilpädagogischen Anspruch hin, behinderte Menschen zu Selbstbestimmung und Persönlichkeitsentfaltung zu befähigen.
- Quote paper
- Marco Ferchland (Author), 2008, Projektorientierte Bildungsangebote in der WfbM als Ausgangspunkt für Empowerment-Prozesse, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/131065