Eine Betrachtung der realen Bruttoinlandsprodukte im europäischen Vergleich bescheinigt Deutschland ein geringes wirtschaftliches Wachstum in den letzten fünfzehn Jahren. Dies lässt auf eine problematische Anpassung deutscher Unternehmen auf globale Marktanforderungen schließen. Eine Untersuchung der Firmen, die sich im globalen Wettbewerb bewegen, ist daher angebracht. Ihnen wird in der Literatur eine transnationale Strategie empfohlen, um sich in globalen Industrien zu behaupten. Ein Charakteristikum dieser Unternehmen ist der intraorganisationale Austausch zwischen der Zentrale und den Niederlassungen. In diesem Kontext wird in dieser Arbeit auf Letztere als Quelle von Konzepten, die für das gesamte Unternehmen zu einem Wettbewerbsvorteil führen können, hingewiesen. Insbesondere das Personalwesen ist aufgrund des direkten Einflusses auf die Mitarbeiter von hoher Bedeutung. Die Übertragung von Konzepten aus den Niederlassungen in die Zentrale wird in der Literatur als Reversive Diffusion bezeichnet. Diesen Mechanismus genauer betrachtend, werden firmenspezifische, praktikspezifische und kontextspezifische Faktoren, die Reversive Diffusion unterstützen, in dieser Arbeit herausgearbeitet. Im Rahmen einer Kontextfaktorenanalyse findet die Anwendung auf deutsche Unternehmen und ihre englischen Niederlassungen statt. Hierbei wird das deutsche National Business System als reguliert und langfristig beschrieben. Das deutsche Personalwesen wird als bürokratisch, reaktiv und beratend dem strategischen und individualistischen angelsächsischen Human Resource Management gegenübergestellt. Eine kulturelle Analyse beider Länder stellt eine zumeist große Ähnlichkeit heraus, erklärt aber auch die massiven Unterschiede im National Business System und Human Resource Management. Der wirtschaftliche Erfolg und das international hohe Ansehen des englischen Human Resource Managements führt zu einer Dominanz der englischen Volkswirtschaft gegenüber der deutschen. Dieses Verhältnis der Länder zueinander vereinfacht die Reversive Diffusion aus englischen Niederlassungen in deutsche Zentralen. Es kommt somit zu einer Annäherung der deutschen Unternehmen an angelsächsische Konzepte innerhalb des deutschen Kontexts, was zu einer deutschen Version des Human Resource Management führt. Reversive Diffusion ist für diese Form der Internationalisierung deutscher Unternehmen besonders geeignet, da es die schrittweise Einführung bereits im Unternehmen geprüfter Konzepte ermöglicht.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Intraorganisationaler Austausch in transnationalen Unternehmen
2.1 Strategische Ausrichtung der Unternehmen
2.2 Personalwesen in transnationalen Unternehmen
3 Reversive Diffusion als Form des intraorganisationalen Austausches
3.1 Firmenspezifische Faktoren
3.1.1 Reife des Unternehmens
3.1.2 Bereitschaft des Unternehmens
3.1.3 Transferwege
3.2 Praktikspezifische Faktoren
3.3 Kontextfaktoren
3.3.1 National Business System
3.3.2 Dominanz – Effekt
3.3.3 Kulturelle Distanz
4 Kontextfaktoren in England und Deutschland
4.1 National Business Systems beider Länder
4.2 Dominanz der jeweiligen Volkswirtschaften
4.3 Kulturelle Distanz beider Länder
5 Internationalisierung deutscher Unternehmen
5.1 Annäherung an das angelsächsische HRM
5.2 Eine deutsche Version des SIHRM
5.3 Reversive Diffusion als Mittel der Internationalisierung
6 Abschließende Bemerkungen
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, wie deutsche Unternehmen durch den Mechanismus der "Reversiven Diffusion" aus ihren englischen Niederlassungen ihre Internationalisierungsstrategien anpassen und sich an globale Marktanforderungen angleichen können, ohne ihre spezifisch deutschen Merkmale vollständig aufzugeben.
- Analyse des intraorganisationalen Austauschs in transnationalen Unternehmen.
- Untersuchung der Faktoren, die Reversive Diffusion unterstützen oder hemmen.
- Vergleich der National Business Systems und Kulturen von England und Deutschland.
- Bewertung der Internationalisierung deutscher Unternehmen durch selektive Übernahme angelsächsischer HRM-Konzepte.
- Entwicklung einer hybriden Form des Strategic International Human Resource Management (SIHRM).
Auszug aus dem Buch
3.1.1 Reife des Unternehmens
Unternehmen, die im Ausland nicht nur Verkaufsniederlassungen, sondern ganze Geschäftsbereiche angesiedelt haben, besitzen mehr Möglichkeiten für die Übertragung von Praktiken aus dem Ausland in die Zentrale. Insbesondere wenn Firmen durch Zukäufe ausländischer Firmen wachsen, ist ein Nährboden für Reversive Diffusion geschaffen (Edwards 1998: 697). Diese so genannten ‚brownfield sites’ sind zugekaufte Unternehmen, die eine ideale Quelle für Reversive Diffusion bieten, da sie firmenfremde Praktiken verfolgen und jahrelang ihr eigenes HRM System hatten (Edwards 1998: 697; Ferner, Varul 2000b: 133; Rosenzweig, Nohria 1994: 237; Taylor, Beechler, Napier 1996: 976). Eine ‚greenfield site’, das heißt eine selbst neu aufgebaute Niederlassung, hat eine größere Ähnlichkeit mit der Zentrale und bietet somit weniger Möglichkeiten zur Übertragung. Weiterhin kann als Faktor die geographische Streuung der Firma genannt werden (Edwards 2000: 126). Je verstreuter das Unternehmen weltweit ist, desto mehr wird es von den internationalen Märkten und seinen ausländischen Niederlassungen beeinflusst. Der Einfluss der internationalen Vertretungen ist daher größer, was wiederum die Wahrscheinlichkeit der Reversiven Diffusion erhöht. Der Einfluss der Größe des Unternehmens für die Übertragung von Praktiken ist in der Literatur widersprüchlich. Für die RD scheint dieser Faktor keinen Einfluss zu haben und wird daher nicht näher behandelt.
Edwards (2000) sagt voraus, dass die beschriebenen Charakteristika, die die Reversive Diffusion begünstigen, in Zukunft weiter verbreitet sein werden, da sich mehr Firmen in die Richtung eines geozentrischen, transnationalen Unternehmens entwickeln werden um in globalen Industrien zu bestehen. Somit werden die Firmen international reifer und erleichtern somit RD. Dies unterstreicht erneut die Relevanz des Themas der RD, da sie in Zukunft an Bedeutung gewinnen wird (Edwards 2000: 126).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die wirtschaftlichen Herausforderungen deutscher Unternehmen durch die Globalisierung und führt in die "Convergence-Divergence"-Debatte sowie die Relevanz der Reversiven Diffusion ein.
2 Intraorganisationaler Austausch in transnationalen Unternehmen: Dieses Kapitel definiert transnationale Unternehmen als integrierte Netzwerke und erläutert den Stellenwert des intraorganisationalen Wissens- und Innovationstransfers für Wettbewerbsvorteile.
3 Reversive Diffusion als Form des intraorganisationalen Austausches: Hier werden die Definitionen der Reversiven Diffusion sowie firmenspezifische, praktikspezifische und Kontextfaktoren (NBS, Dominanz, Kultur) systematisch hergeleitet.
4 Kontextfaktoren in England und Deutschland: Dieses Kapitel vergleicht das regulierte deutsche National Business System mit dem liberalen englischen System und analysiert kulturelle Distanzen sowie volkswirtschaftliche Dominanzeffekte.
5 Internationalisierung deutscher Unternehmen: Der Hauptteil untersucht die praktische Annäherung deutscher Unternehmen an angelsächsische HRM-Modelle und diskutiert die Entstehung eines hybriden, deutsch-angelsächsischen "SIHRM"-Modells.
6 Abschließende Bemerkungen: Das Fazit fasst zusammen, dass Reversive Diffusion ein geeignetes, schrittweises Mittel zur Internationalisierung bietet, warnt jedoch vor einer undifferenzierten Übernahme angelsächsischer Konzepte.
Schlüsselwörter
Reversive Diffusion, Internationalisierung, Transnationale Unternehmen, Personalwesen, Human Resource Management, SIHRM, National Business System, Deutschland, England, Kulturelle Distanz, Unternehmensstrategie, Wissensmanagement, Anglo-Saxonization, Globalisierung, Wissensfluss.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Masterarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der Internationalisierung deutscher Unternehmen und der Frage, wie diese durch die "Reversive Diffusion" – also den Rücktransfer von Managementkonzepten aus ausländischen Niederlassungen in die Zentrale – moderner und wettbewerbsfähiger werden können.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zentrale Themen sind die strategische Ausrichtung transnationaler Unternehmen, die Rolle des Personalwesens (HRM) als Wissensquelle sowie der Einfluss nationaler Wirtschafts- und Kultursysteme auf die Übertragbarkeit von Managementpraktiken.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage untersucht, inwiefern die Reversive Diffusion aus englischen Niederlassungen ein geeignetes Mittel zur Internationalisierung und Modernisierung deutscher Unternehmen darstellt.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet die Arbeit?
Es handelt sich um eine literaturgestützte, theoretische Analyse. Die Autorin systematisiert verschiedene Management-Faktoren und wendet diese auf den Vergleich zwischen Deutschland und England an.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert zum einen die theoretischen Bedingungen für die Reversive Diffusion (Firmeneigenschaften, Transferwege) und vergleicht zum anderen die institutionellen sowie kulturellen Rahmenbedingungen in England und Deutschland, um die Eignung Englands als "Testgelände" für innovative Praktiken zu belegen.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Reversive Diffusion, SIHRM (Strategic International Human Resource Management), National Business System und den Prozess der "Anglo-Saxonization" des deutschen Personalmanagements geprägt.
Warum wird England als das bevorzugte Gastland für deutsche Firmen analysiert?
England wird aufgrund seines deregulierten, marktorientierten Wirtschaftssystems und seiner hohen internationalen Vernetzung als idealer Ort ("Test-bed") angesehen, an dem transnationale Unternehmen innovative Praktiken erproben können, die später in der Zentrale implementiert werden.
Zu welchem Schluss kommt die Autorin hinsichtlich der deutschen Internationalisierung?
Die Autorin kommt zu dem Schluss, dass es keine vollständige Kopie des angelsächsischen Modells gibt, sondern die Entstehung eines hybriden "SIHRM"-Modells, das angelsächsische Flexibilität mit deutschen kulturellen Werten und institutionellen Gegebenheiten verbindet.
- Quote paper
- Janine Lücke (Author), 2009, Reversive Diffusion als Mittel der Internationalisierung deutscher Unternehmen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/131101