Die wissenschaftliche Diskussion darüber, welches Maß an Nähe beziehungsweise Distanz der Forschenden zum Gegenstand im Forschungsprozess angemessen ist, ist keinesfalls neu. Bereits zum Ende des vorletzten Jahrhunderts bezichtigte der afroamerikanische Soziologe Du Bois, amerikanischer Pionier in Sachen soziologischer Empirie, seine weißen, männlichen Berufskollegen eine Car-Window-Soziologie zu betreiben. Der vorbeischweifende, oberflächliche Blick aus dem Fenster ihres Autos genügte, um darauf basierend Soziologie auszuüben und Du Bois sah darin unter anderem die Ursache für die Reproduktion von ideologischem und institutionellem Rassismus. Weit über 100 Jahre später ist Empirie längst fragloses Kernelement der Sozialforschung, aber die Frage über die legitime Tiefe des Eindringens ins Feld wird aktuell immer noch kontrovers diskutiert und ihre Beantwortung hängt stark vom jeweiligen Forschungsgegenstand und der jeweiligen Tendenzen landesspezifischer Wissenschaftskultur ab.
Wie unscharf und widersprüchlich die Konstrukte Nähe und Distanz gehandhabt und definiert werden, soll hier beginnend mit der Kritik an Nähe am bestimmten Fall und von da aus auf allgemeinerer Ebene problematisiert werden.
Dabei wird angelehnt an Du Bois Einschätzung, Wissenschaft ohne Empirie reproduziere Rassismus, die Überlegung angestellt, dass auch Wissenschaft mit Empirie aus einem Mangel an (Selbst-)Reflexion der Forschenden das Potenzial birgt, Klassismus zu perpetuieren. Denn Diskriminierung ist zwar heterogen geformt, diesen heterogenen Formen sind jedoch grundlegende Mechanismen der Differenzkonstruktion gemeinsam, „die für die Herstellung, Begründung und Rechtfertigung von Grenzziehungen und Hierarchien folgenreich sind“. Die Relevanz dieser Wahl speist sich daraus, dass Klassismus in der Wissenschaft zwar zunehmend thematisiert wird, im Vergleich zu Sexismus und Rassismus aber als relativ unterrepräsentiert gilt, gleichzeitig diesem jedoch der stärkste Wirkungsanteil an Bildungsdiskriminierung attestiert wird.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Ein Soziologe auf Abwegen
3. Mangel an begrifflicher Konzeptionalisierung
4. Scheinevidente Dichotomien
5. Idealtypen und Ausgrenzung
6. Transfer auf die Wissenschaft
7. Relativierung, Lösungswege und Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht kritisch das Spannungsverhältnis zwischen Nähe und Distanz im sozialwissenschaftlichen Forschungsprozess und hinterfragt die Annahme einer neutralen, distanzierten Objektivität. Dabei wird argumentiert, dass eine unreflektierte Distanz zur Reproduktion von Klassismus führen kann, und es werden Ansätze für eine reflexivere Forschungspraxis diskutiert.
- Kritik an der Dichotomie von Nähe und Distanz in der Sozialforschung
- Die Rolle vorurteilsbehafteter Präkonstruktionen im Forschungsprozess
- Einfluss von Klassismus und symbolischer Gewalt auf die Wissenschaft
- Die Bedeutung der leiblichen Perspektive und "fleischlicher Soziologie" (nach Wacquant)
- Reflexivität als notwendiger Ausweg aus der Illusion distanzierter Objektivität
Auszug aus dem Buch
Ein Soziologe auf Abwegen
Obwohl Loïc Wacquant bereits am ersten Tag an seiner neuen Universität in Chicago dringlichst davon abgeraten wird, je auch nur einen Fuß in die dortigen Armutsviertel zu setzen, bricht er mit diesem Distanzgebot und lässt genau diese zum Ziel seiner passioniert-teilnehmenden Feldstudie werden (vgl. Hegner 2013: 1-4; Wacquant 2005: 447). In einem der zu meidenden Bezirke gibt er sich als aktiver Teilnehmer dem Geschehen eines Boxvereins hin und nimmt nach einigen Jahren sogar an einem offiziellen Wettkampf teil. Diese Habitustransformation verursacht am Ende einen handfesten Rollenkonflikt, denn er lebt sich mit Leib und Seele in eine Kultur ein, die auf vielerlei Arten enorm von der seinen abweicht.
Dabei ist er als Sozialforscher für die Akteur*innen des Feldes ebenfalls erstmal ein „alien“ (Wacquant 2005: 447), das einer „terra incognita“ (ebd.:449) entstammt (vgl. Hegner 2013:1; Wacquant 2003; Wacquant 2005: 454). Sein daraus entstandenes Buch „Leben für den Ring: Boxen im amerikanischen Ghetto“ (2003) erfreut sich größter Beliebtheit, ist in acht Sprachen verfügbar und gilt als diskurssetzend (vgl. Hegner 2013: 1ff.). Angeregt durch diese Erfahrung erweitert er anschließend Bourdieus Habitus Konzept, indem er mit einer fleischlichen Soziologie den Körper unverrückbar miteinbezieht: Der Körper als Verständnis- und Wahrnehmungsinstrument, als Medium des Bewusstseins; der Körper als intelligente und fühlende, sozial konstruierte und über Generationen mit symbolischer Macht aufgeladene Assemblage (vgl. Hegner 2013: 8, 31ff.; Wacquant 2005: 454; Wacquant 2014: 96ff.).
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Einführung in die Problematik des Verhältnisses von Nähe und Distanz in der Sozialforschung unter Bezugnahme auf historische und aktuelle Debatten.
Ein Soziologe auf Abwegen: Analyse des Fallbeispiels Loïc Wacquant und dessen körperbasierter Forschungsmethode als Ausgangspunkt für die Erweiterung des Habitus-Konzepts.
Mangel an begrifflicher Konzeptionalisierung: Darlegung der theoretischen Unterbestimmtheit der Begriffe Nähe und Distanz und deren Notwendigkeit der Rückbesinnung auf die Situiertheit der Forschenden.
Scheinevidente Dichotomien: Kritik an der künstlichen Trennung von Forschungssubjekt und -objekt sowie die Dekonstruktion der naturwissenschaftlichen Objektivitätsideale in den Sozialwissenschaften.
Idealtypen und Ausgrenzung: Untersuchung der Mechanismen des Klassismus und der symbolischen Gewalt durch die Dominanz bestimmter Bildungs- und Habitustypen.
Transfer auf die Wissenschaft: Anwendung der Erkenntnisse auf den wissenschaftlichen Betrieb selbst und die Bedeutung von körperlicher Wahrnehmung für Sympathie und Antipathie.
Relativierung, Lösungswege und Fazit: Plädoyer für eine reflexivere Forschungspraxis, die Irritationen zulässt und die eigene Position im Prozess transparent macht.
Schlüsselwörter
Nähe, Distanz, Soziologie, Objektivität, Klassismus, Reflexivität, Habitus, Wacquant, Bordieu, Sozialforschung, Bildungsdiskriminierung, Situiertheit, Sinnkonstruktion, Feldforschung, Ethnografie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der kritischen Auseinandersetzung der methodischen Forderung nach distanzierter Objektivität in der Sozialforschung und deren problematischen Folgen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Die zentralen Themen sind das Verhältnis zwischen Forscher und Forschungsgegenstand, der Einfluss des eigenen sozialen Milieus (Habitus) auf die Forschung sowie die Problematik von Klassismus innerhalb der Wissenschaft.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, die Vorstellung der distanzierten Objektivität als "prekäre Illusion" zu entlarven und Wege aufzuzeigen, wie Nähe und eigenes Erleben methodisch kontrolliert und reflexiv in den Forschungsprozess integriert werden können.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Auseinandersetzung, die qualitative Ansätze, insbesondere die Bourdieu’sche Habitustheorie und körpersoziologische Strömungen (fleischliche Soziologie), zur Analyse der Forschungspraxis heranzieht.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die unterkonzeptualisierten Begriffe Nähe und Distanz, kritisiert die Trennung von Forschungsobjekt und -subjekt und untersucht, wie unreflektierte Situiertheit der Forschenden klassistische Bildungsdiskriminierung innerhalb der Wissenschaft verstärken kann.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Reflexivität, Klassismus, Habitus, Nähe/Distanz-Verhältnis und die Dekonstruktion sozialwissenschaftlicher Objektivität charakterisiert.
Welche Rolle spielt Loïc Wacquant in der Untersuchung?
Wacquant dient als prominente Fallstudie, dessen "fleischliche Soziologie" zeigt, wie ein radikaler Ansatz der Nähe methodisch neue Erkenntnisse ermöglicht, aber gleichzeitig die Grenzen des herkömmlichen Objektivitätsbegriffs aufzeigt.
Warum wird "Car-Window-Soziologie" im Kontext der Arbeit kritisiert?
Der Begriff dient als Sinnbild für eine oberflächliche, distanzierte Forschung, die das Risiko birgt, Vorurteile zu reproduzieren und die tatsächlichen Lebenswelten der Beforschten zu verfehlen oder abzuwerten.
- Arbeit zitieren
- Antje Drozella (Autor:in), 2022, Wissenschaftliche Objektivität als prekäre Illusion. Klassismus in Bildungssystem und Forschung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1311499