Die geschichtswissenschaftliche Filminterpreation behandelt den Film "Spur der Steine", dessen Aufführung bereits kurz nach der Uraufführung trotz anfänglicher politischer Unterstützung seitens des DDR-Regimes verboten wurde. Der Film wurde 1966 unter der Regie von Frank Beyer im Auftrag der Deutschen Film AG (DEFA) basierend auf dem 1964 erschienenen, gleichnamigen Bestseller-Roman von Erik Neutsch produziert und nach seiner Premiere abge-setzt. Er behandelt die Liebesbeziehung dreier Akteure auf einer Großbaustelle der DDR zum Ende der 1950er Jahre, die gegen Plansoll und Missstände ankämpfen und letztlich an moralischen Grundfesten der sozialistischen Republik scheitern.
Nach der Vorstellung von Autor, Regisseur und Hauptdarstellern wird zunächst die künstlerisch/technische Dimension des Films beleuchtet und dann im Kern die Wirkungsgeschichte des Films im historisch/gesellschaftlichen Kontext der Filmentstehung analysiert. Dabei stehen die Jugendbewegung der DDR seit dem Mauerbau, der Wandel der Kulturpolitik in Folge des VI. Parteitages der SED und der Einfluss des Machtwechsels in der Sowjetunion im Zentrum der Betrachtung, bevor die Auswirkungen des XI. Plenum des Zentralkomitees der SED vom 16. bis 18. Dezember 1965 nachgezeichnet werden, welche die kurze Phase der Liberalisierung der Kulturpolitik nach dem VI. Parteitag der SED 1963 schlagartig und radikal beendeten. Dies führte zum wesentlichsten Einschnitt in der bisherigen Kulturpolitik der DDR und wird daher weithin in der Literatur als „Kultureller Kahlschlag“ bezeichnet, der letztlich zum Verbot des Films "Spur der Steine" führte.
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Inhaltsverzeichnis
1. Inhaltsangabe
2. Vorstellung des Autors: Erik Neutsch
3. Vorstellung des Regisseurs: Frank Beyer
4. Künstlerisch/technische Dimension des Films
4.1 Vorstellung der Schauspieler
4.2 Darstellerische Merkmale und Anspielungen
5. Historisch/gesellschaftlicher Kontext der Filmentstehung
5.1 Vom Mauerbau zum Jugendkommuniqué
5.2 Wandel der Kulturpolitik in Folge des VI. Parteitages der SED
5.3 Einfluss des Machtwechsels in der Sowjetunion
5.4 XI. Plenum des ZK der SED im Dezember 1965
6. Wirkungsgeschichte des Films
7. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den DEFA-Spielfilm "Spur der Steine" von Frank Beyer unter geschichtswissenschaftlichen Aspekten, um die Ursachen für dessen Verbot im Kontext der kulturpolitischen Entwicklungen der DDR der 1960er Jahre zu analysieren.
- Analyse der inhaltlichen und filmischen Gestaltung des Werks
- Betrachtung der Biografien von Autor Erik Neutsch und Regisseur Frank Beyer
- Einordnung des Films in den kulturpolitischen Kontext zwischen 1961 und 1965
- Untersuchung der Auswirkungen des XI. Plenums auf die DEFA-Filmkultur
- Dokumentation der Wirkungsgeschichte und Rezeption des Films
Auszug aus dem Buch
4.2 Darstellerische Merkmale und Anspielungen
Der 900-Seiten-Umfang des Romans zwang die Autoren, den Stoff in der Rahmenhandlung des Parteiverfahrens darzustellen. So wird dem Betrachter immer wieder vor Augen geführt, dass sich alle Vorgänge, selbst die rein emotionale Angelegenheit der Liebesaffäre Horraths und der Klee, ausschließlich unter Einfluss und enger Betrachtung der Parteileitung ereignen. Aus Szenen, in die der Betrachter gerade eben noch gespannt versunken ist, wird er durch einen scharfen Schnitt in die Szenerie des Parteiverfahrens versetzt. Der stete Parteieinfluss wird dadurch für den Zuschauer förmlich spürbar gemacht.
Der Kameramann Günter Marczinkowsky, der bis in die 1980er Jahre den Bildstil von Beyers Filmen geprägt hat und mit ihm 1958 bei ihrem ersten gemeinsamen Projekt „Eine erste Liebe“ bereits die DDR-Zensur erfuhr, weiß durch geschickte Kameraführung die Szenerie der Großbaustelle weniger als riesige Industrieanlage, denn eher als schnöde Wüstenlandschaft darzustellen. Bestückt mit Ballas Draufgänger-Brigade, erkennt Nikolaus Gatter in seinem Vorwort zum Roman darin die „Bildsprache der als imperialistisch verpönten amerikanischen Westernfilme“.
Der Film ist durchzogen von gelegentlichen Anspielungen, die in leicht stichelnder Art sowohl Kritik an der Filmpolitik der DEFA, als auch an der Politik der SED äußern. Als Balla Kati Klee durch das Fenster ihrer anfänglichen, puristischen Unterkunft auf der Baustelle durch das Fenster anspricht um eine Verabredung ins Kino mit der jungen Frau zu erreichen, lächelt er verschmitzt und sagt: „Mit Ihnen würde ich sogar in ´nen DEFA-Film gehen!“ Diese Anspielung auf „die verordnete Öde des DDR-Durschnittskinos“ konnte sich seinerzeit nur Beyer sich leisten, da er aufgrund des Erfolgs mit „Nackt unter Wölfen“ die besonderen Gunst Walter Ulbrichts genoss.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Inhaltsangabe: Es wird die Handlung des Films beschrieben, die sich um den Konflikt zwischen dem Parteisekretär Werner Horrath, dem Brigadier Hannes Balla und der Ingenieurin Kati Klee dreht.
2. Vorstellung des Autors: Erik Neutsch: Dieser Abschnitt beleuchtet den Lebensweg des Romanautors und seine enge Verbundenheit mit der SED-Politik sowie seine Rolle als sozialistischer Literat.
3. Vorstellung des Regisseurs: Frank Beyer: Hier wird die Biografie von Frank Beyer skizziert, insbesondere seine Ausbildung und seine künstlerische Laufbahn bei der DEFA.
4. Künstlerisch/technische Dimension des Films: Es werden die Rollenbesetzung, insbesondere Manfred Krug, sowie die gestalterischen Mittel und die gesellschaftskritischen Anspielungen im Film analysiert.
5. Historisch/gesellschaftlicher Kontext der Filmentstehung: Dieses Kapitel verortet den Film im historischen Rahmen zwischen Mauerbau 1961 und dem Kahlschlag-Plenum 1965.
6. Wirkungsgeschichte des Films: Hier wird der Weg vom anfänglichen Erfolg zur Zensur und dem späteren Kultstatus nach der Wende 1989 dargestellt.
7. Fazit: Die Arbeit fasst zusammen, dass der Film als zeitgeschichtliches Dokument die Widersprüche einer sozialistischen Gesellschaft aufzeigt und den Sieg des Parteiapparates über die künstlerische Autonomie verdeutlicht.
Schlüsselwörter
Spur der Steine, Frank Beyer, DDR, DEFA, SED, Kulturpolitik, Zensur, XI. Plenum, 1965, Werner Horrath, Hannes Balla, Kati Klee, Filmanalyse, Sozialismus, Zeitgeschichte
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht den DEFA-Spielfilm "Spur der Steine" von 1966 als ein zeitgeschichtliches Dokument, welches die gesellschaftlichen Spannungen und die rigide Kulturpolitik der DDR in den 1960er Jahren widerspiegelt.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Fokus stehen die Filmanalyse, die politische Biografie des Regisseurs und des Autors sowie die historischen Bedingungen, die schließlich zum Verbot des Films führten.
Welches primäre Ziel verfolgt der Autor?
Das Ziel ist es, die Ursachen für das Aufführungsverbot des Films im Kontext des kulturpolitischen Umschwungs durch das XI. Plenum des ZK der SED im Dezember 1965 zu ergründen.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zur Anwendung?
Es handelt sich um eine geschichtswissenschaftliche Filminterpretation, die den Film auf Basis von Sekundärliteratur, zeitgenössischen Quellen und filmhistorischen Kontextanalysen untersucht.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Vorstellung der Akteure, eine technische Filmanalyse, eine historische Einordnung der DDR-Kulturpolitik der 1960er Jahre und eine Untersuchung der Wirkungsgeschichte des Werks.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Publikation?
Wichtige Begriffe sind unter anderem DEFA, Zensur, Kulturpolitik, XI. Plenum, Spur der Steine und sozialistische Realität.
Welche Rolle spielte das XI. Plenum des ZK der SED für diesen Film?
Das Plenum markierte das Ende der kurzen liberalen Phase und führte direkt zum Verbot von "Spur der Steine", da die Parteiführung den Film als staatsfeindlich einstufte.
Warum wird der Film auch als "Kaninchen-Film" bezeichnet?
Die Bezeichnung bezieht sich auf eine Reihe kritischer Gegenwartsfilme, die nach 1965/66 verboten wurden, angeführt von Kurt Maetzigs "Das Kaninchen bin ich".
Wie bewertet die Arbeit die Rolle von Frank Beyer?
Die Arbeit würdigt Beyer als Regisseur, der durch geschickte filmische Mittel versuchte, die Zensur zu umgehen und ein realistisches Bild der DDR-Gesellschaft zu zeichnen.
Welche Bedeutung hat der Film aus heutiger Sicht?
Er dient als wichtiges Zeitzeugnis, das die Diskrepanz zwischen individuellem Streben und staatlicher Parteidisziplin im geteilten Deutschland eindrucksvoll dokumentiert.
- Citation du texte
- Kai Hoberg (Auteur), 2008, Geschichtswissenschaftliche Filminterpretation: Frank Beyer - Spur der Steine (DDR 1966), Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/131149