Autobiographische Züge in den Werken von Franz Kafka

Versuch einer Darstellung des Autorenprofils


Seminararbeit, 2007
12 Seiten, Note: gut

Leseprobe

Es wird behauptet, dass die wahre Literatur nicht darin besteht, die Fragen zu beantworten, sondern sie zu stellen. Wenn es tatsächlich so ist, so war Franz Kafka (1883-1924) der wahrste von allen Schriftstellern der Weltliteratur. Seine vieldeutigen und oft unvollendeten Texte lassen sich konsequenterweise nicht kohärent interpretieren. Aber der richtige Grund für die Probleme mit der Interpretation seiner Werke besteht darin, dass die Texte – unter Berücksichtigung ihrer universellen Aussage – sehr persönlich, manchmal sogar intim zu sein scheinen. Die Parabeln, für welche Das Urteil, Das Schloss oder Die Verwandlung sowie einige Kafkas Briefe gehalten werden, sind gewissermaßen eine künstlerische Bearbeitung der Erfahrungen ihres Autors.

Als Schreibender oszilliert er ständig zwischen dem Hang zur Autobiographie und der Tendenz zur Mythologisierung. Kafkas Werke interpretierend steht der Leser vor einer schwierigen Aufgabe – wenn er sie nur als autobiographische Zeugnisse betrachtet, verliert er ihre außergewöhnliche Aussage aus den Augen. Wenn er jedoch diese Texte nur als Parabeln über das Leben lesen will, besteht das Risiko, dass er sie einfach missversteht. Eine Parabel sollte nämlich eine klare Auslegung möglich machen. Das ist aber bei dem mehrdeutigen und hermeneutischen Werk Franz Kafkas nicht zu erwarten. Der Prozess als Kunstwerk erfüllt aber keine, nicht einmal minimale Bedingungen, um als autobiographisch gelten zu können.

Die semantische Identität des Autors und des Helden, die zugleich die Bedingung jeder Autobiographie ist, wird in Kafkas Werken nur mit Hilfe von unklaren Signalen suggeriert, die nie zu einer kohärenten Ganzheit werden. Was berechtigte beispielsweise Max Brod im Schicksal des Haupthelden eine Anspielung an Kafkas Beziehung mit Milena Janenska zu suchen? Eine solche Interpretation ist sehr leicht in Frage zu stellen, aber es ist schwierig die Tatsache zu ignorieren, dass der autobiographische Bezug tatsächlich existiert. Ähnliche Suggestionen sind fast in jedem Werk von Franz Kafka zu finden. Die Literaturkritiker, die sich mit seinen Texten befassen, übergehen jedoch sehr oft einen wichtigen Aspekt einer literarischen Autobiographie. In seinen Stellungnahmen berücksichtigen sie nämlich nicht den Leser. Sie nehmen keine Rücksicht darauf, welchen interpretatorischen Wert eine Autobiographie für den Leser haben kann. Die vorliegende Arbeit macht sich zur Aufgabe, diese Frage beantworten zu versuchen.

Auf die symbolische Relevanz vieler Eigennamen in Kafkas Texten wurde schon mehrmals hingewiesen. Sie erfüllen immer die beschreibenden Funktionen und gelten daher als wichtige Interpretationshinweise. Was die semantische Hinsicht betrifft, sind sie in zwei Gruppen zu teilen. Zur ersten gehören diese Eigennamen, die – wie im Falle des Hungerkünstlers – den Helden charakterisieren und ihm konkrete Eigenschaften zuschreiben. Zur zweiten dagegen werden diejenigen gezählt, die den Namen Kafka anbelangen und autobiographische Konnotationen haben.

In Kafkas Schaffen treten solche Namen auf, die zu den beiden Typen zugerechnet werden können und welche gleichzeitig auf zwei verschiedene Interpretationstypen verweisen. Ein hervorragendes Beispiel dafür ist Gregor Samsa aus Der Verwandlung."Samsa", wie Maurice Blanchot[1] betont, ist eine Anspielung an die hinduistische Samsara, also Seelenreise. Sie suggeriert damit den religiösen und moralischen Sinn der Degradierung eines Helden – die Verwandlung in ein niedriges Wesen ist eine Strafe für die Sünden. Die Berufung auf die religiöse Terminologie betont die universelle Aussage des Werks. Aber „Samsa“ kann auch als eine Chiffre des Namens „Kafka“ betrachtet werden. In den beiden Wörtern, an den gleichen Plätzen wird der Selbstlaut "a" wiederholt, die Buchstaben "k" werden durch "s" ersetzt, und ein Wechsel des Mitlaut "f" auf "m" scheint auch nicht zufällig zu sein.

Die sichtbarste autobiographische Suggestion in Kafkas Schaffen ist, dass er die Eigennamen benutzt, die sich sowohl mit dem Autor als auch mit dem Helden assoziieren lassen. Ihre Rolle wurde am besten in Dem Urteil erklärt. Am 11. Februar 1913 notiert er in den Tagebüchern Assoziationen, auf die er während der Korrektur des bereits zum Druck vorbereiteten Urteils gekommen ist. Diese Erklärung ist nämlich nicht nur mit persönlichen Bedeutungen gekennzeichnet, sondern wurde auch von dem Autor selbst sehr interessant interpretiert:

„Georg hat soviel Buchstaben wie Franz. In Bendemann ist "mann" nur eine für alle noch unbekannten Möglichkeiten der Geschichte vorgenommene Verstärkung von "Bende". Bende aber hat ebenso viele Buchstaben wie Kafka und der Vokal e wiederholt sich an den gleichen Stellen wie der Vokal a in Kafka Frieda hat ebensoviel Buchstaben wie Felice und den gleichen Anfangsbuchstaben, Brandenfeld hat den gleichen Anfangsbuchstaben wie Bauer und durch das Wort "Feld" auch in der Bedeutung eine gewisse Beziehung. Vielleicht ist sogar der Gedanke an Berlin nicht ohne Einfluss gewesen und die Erinnerung an die Mark Brandenburg hat vielleicht eingewirkt.“[2]

Dieser Eintrag zeugt davon, dass der Verfasser selbst nicht immer bewusst war, wie sehr Das Urteil durch seine eigenen Erlebnisse und Erinnerungen „markiert“ ist. Beim mehrmaligen Lesen hat man den Eindruck, dass im Buch viele versteckten und bisher ahnungslosen Bedeutungen enthalten sind, die in den Text ohne Autors Wissen eindringen. Die Lektüre des eigenen Werks erscheint als eine Selbsterkennung - eine Art von „innerer Erfahrung“, die ein unvollendeter Prozess ist. Es bleibt nämlich immer eine gewisse „Reserve des unausgeschöpften Sinns“ übrig, wie diese Endung "mann", eingeführt in Hinsicht auf die noch nicht gekannte Wendungen des Schicksals. Kafka möchte, dass der Leser daran glaubt, dass diese Erzählung einfach von sich selbst entstanden ist, und sich ihrer richtigen Bedeutung erst während seiner Korrektur bewusst machte. Das zitierte Tagebücher - Fragment verlangt dennoch einen kritischen Kommentar, weil es kaum zu fassen ist, dass Kafka der zahlreichen Analogien zwischen seinem Lebenslauf und dem Schicksal von Georg Bandemann nicht bewusst war, obwohl solche suggeriert wurden. Diese Notiz hatte ausdrücklich einen impressiven Charakter und ist eher als eine suggestive Autointerpretation zu lesen. Der Autor stellt ganz ernsthaft fest, dass nur seine eigene Auslegung Des Urteils rechtskräftig ist. Indem Kafka seinen eigenen Text interpretiert, nimmt er die Rolle eines idealen Lesers an. Er gibt zu verstehen, dass seine Interpretation, als eines Autors und des einzelnen Zeugens der Entstehung Des Urteils, einen unbestrittenen Wert hat.

Die Eigennamen in den Tagebüchern sind nichts anderes, als nur Realisierung einer alten literarischen Konvention, die darauf beruht, den Text auf ein Tagebuch, eine Erinnerung oder eine direkte Übermittlung zu stilisieren. Das Ziel dieser Konvention ist, die künstlerische Funktion möglichst wirklichkeitsgetreu darzustellen und sie mit einem Stempel zu versehen, der die Authentizität der beschriebenen Ereignisse bestätigt:

„Der Leser scheint, die Fragen intensiver und ihren Wert besser zu betrachten, wenn sie aus der Sicht einer authentischen Person und nicht als eine Abstraktion des fiktiven Helden erzählt werden. Es geht nicht einmal um die Wirklichkeit dessen, was in dieser oder anderer Erzählung als autobiographisch auftritt, aber um die Bedeutung und Sinn. (...) diese Bedeutung scheint dann viel mehr überzeugend zu sein, wenn sie mit einem konkreten Namen und Vornamen verseht wird.“[3]

Die Tatsache, dass im Urteil persönliche Werte signalisiert wurden, bedeutet also keinesfalls, dass für Kafka nur das maßgebend war, dass die Leser Georg Bandemann mit ihm selbst und Frieda Brandenfeld mit Felice Bauer gleichsetzen würden. Sein Vorhaben war es vor allem, einen solchen Erzählungsstil zu projektieren, der dem Leser ermöglichte, die darin enthaltenen Reflexionen als die Zeugnisse zu betrachten, die durch konkrete Personen beglaubigt werden können.

Auch eine andere Art und Weise, auf die Kafka seine Anwesenheit in eigenen Werken deutet, kann als eine richtige autobiographische Bemerkung gelten. Ihr Wesentliches besteht darin, den Parallelismus der narrativen und biographischen Strukturen hervorzuheben. Mit anderen Worten, ist dies dann der Fall, wenn ein Fakt aus dem Leben des Schriftstellers sein literarisches Äquivalent findet. Zu diesen Andeutungen wird bestimmt eine kurze Episode aus dem 7. Kapitel Des Prozesses gezählt:

„Von diesem Gesichtspunkt aus war es auch unvermeidlich, dem Advokaten die Vertretung sehr bald, am besten noch an diesem Abend, zu entziehen. Es war zwar nach seinen Erzählungen etwas Unerhörtes und wahrscheinlich sehr Beleidigendes, aber K. konnte nicht dulden, dass seinen Anstrengungen in dem Prozess Hindernisse begegneten, die vielleicht von seinem eigenen Advokaten veranlasst waren. (...)Wenn sich aber auch K. dies alles durchzuführen getraute, die Schwierigkeit der Abfassung der Eingabe war überwältigend. Früher, etwa noch vor einer Woche, hatte er nur mit einem Gefühl der Scham daran denken können, dass er einmal genötigt sein könnte, eine solche Eingabe selbst zu machen; dass dies auch schwierig sein konnte, daran hatte er gar nicht gedacht. (...) Heute wusste K. nichts mehr von Scham, die Eingabe musste gemacht werden. Wenn er im Büro keine Zeit für sie fand, was sehr wahrscheinlich war, dann musste er sie zu Hause in den Nächten machen. Würden auch die Nächte nicht genügen, dann musste er einen Urlaub nehmen. Nur nicht auf halbem Wege stehen bleiben, das war nicht nur in Geschäften, sondern immer und überall das Unsinnigste.[4]

[...]


[1] Vgl.: Blanchot, Maurice: Wokół Kafki, Warszawa 1996, S.16.

[2] Kafka, Franz: Gesammelte Werke: Tagebücher II. 1912-1914. In der Fassung der Handschrift, Fischer Verlag, Frankfurt am Main, 1994, S. 227-228.

[3] Vgl.: Dąbrowski, Mieczysław: (Auto)biografia jako tekst kultury, [w:] Przegląd Humanistyczny, 1994, Nr. 1, S. 41-57, [im Original: „Odbiorca wydaje się widzieć ostrzej kwestie, rozpoznawać lepiej ich wartość, kiedy opowiadane są z perspektywy kogoś autentycznego, a nie abstrakcji w postaci bohatera fikcjonalnego. Gdyż nawet nie chodzi o prawdziwość tego, co w takiej czy innej narracji autobiograficznej się pojawia, lecz o znaczenie, sens tego opowiadania (...) znaczenie to wydaje się być dobitniejsze i bardziej przekonujące wtedy, kiedy jest podstemplowane konkretnym imieniem i nazwiskiem.” ]

[4] Kafka, Franz: Der Prozess, DTV Verlag, München 1998, S.103.

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Details

Titel
Autobiographische Züge in den Werken von Franz Kafka
Untertitel
Versuch einer Darstellung des Autorenprofils
Note
gut
Autor
Jahr
2007
Seiten
12
Katalognummer
V131170
ISBN (eBook)
9783640367047
ISBN (Buch)
9783640367368
Dateigröße
501 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Autobiographische, Züge, Werken, Franz, Kafka, Versuch, Darstellung, Autorenprofils
Arbeit zitieren
Renata Lapinska (Autor), 2007, Autobiographische Züge in den Werken von Franz Kafka, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/131170

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