"Tatsachen muß man kennen, bevor man sie verdrehen kann" – so lautet ein verbreitetes Zitat des Schriftstellers Samuel Longhorne Clemens, besser bekannt unter dem Pseudonym Mark Twain. Tatsächlich wird Twains Roman "The Adventures of Huckleberry Finn" nicht nur attestiert, dass dieser der am besten bekannte Roman in der amerikanischen Literaturgeschichte ist, sondern gleichermaßen ein Meisterwerk darstellt, dem die moderne amerikanische Literatur in ihrer Gesamtheit entstammt. Umso suggestiver mutet es daher an, dass John H. Wallace im Rahmen eines ethnischen bzw. rassenbezogenen Diskurses über den Roman den Vorwurf artikuliert, Huckleberry Finn sei "rassistischer Schund". Tatsächlich bedient sich Twain des Begriffs "nigger" hier auffallend häufig. Insofern scheint die Frage nach der korrekten Behandlung von afroamerikanischer Ethnizität bei weitem einer der zentralsten Aspekte im Hinblick auf den Roman zu sein. Über diese allgemeine Fragestellung hinaus beschäftigt sich die vorliegende Arbeit im Kern mit folgender Problematik: Ist die Romanfigur „Jim“ eher als stereotypischer Afroamerikaner nach der Facon weißer Amerikaner ("minstrel stereotype") zu begreifen oder kann Jim seinem Wesen nach als menschliches Individuum ("human figure") charakterisiert werden? Ausgehend davon steht die These, dass die Dichotomie zwischen "minstrel stereotype" und "human figure" letztlich dazu dient Jim in der Gesamtheit seiner romanfigürlichen Konzeption als Mensch zu verstehen, im Mittelpunkt der Betrachtungen.
Die Ausführungen arbeiten die zentrale Problemstellung nach chronologisch-systematischen Gesichtspunkten auf. Zunächst soll eine Skizzierung einiger einschlägiger literaturhistorischer und gesellschafts- bzw. polit-historischer Aspekte den Argumentationsverlauf in einen übergreifenden Rahmen fassen. Im Anschluss wird der Begriff "minstrel stereotype" einer genauen Untersuchung unterzogen: Nach einer einführenden Übersicht über den Sachverhalt der Minstrelsy wird eine einheitliche Definition des "minstrel stereotype" erarbeitet, um daran die diesbezüglichen Charaktereigenschaften der Person Jim im Roman messen zu können. Darauf aufbauend erfolgt eine Betrachtung Jims nach Kriterien menschlich positiven Verhaltens, wobei der Gegenüberstellung von „minstrel stereotype“ und "human figure" Rechnung getragen wird. Ingesamt fußen die Ausführungen auf der englischen Ausgabe des Romans.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Hauptteil
II.1. Historischer Hintergrund des Romans
II.1.1. Literaturhistorische Aspekte
II.1.2. Gesellschafts- & polit-historische Aspekte
II.2. Der „minstrel stereotype“
II.2.1. Definition
II.3. Der Charakter „Jim“ im Roman
II.3.1. Jim als „minstrel stereotype“
II.3.2. Jim als „human figure“
III. Zusammenfassung / Resümee
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Romanfigur „Jim“ in Mark Twains „The Adventures of Huckleberry Finn“ auf ihre Ambivalenz zwischen rassistischen Stereotypen der damaligen Zeit und individueller Menschlichkeit. Die zentrale Forschungsfrage lautet, ob Jim primär als „minstrel stereotype“ zu begreifen ist oder ob er als ein vollwertiges menschliches Individuum („human figure“) charakterisiert wird, wobei die Dichotomie zwischen diesen Polen als erzählerisches Mittel zur Gesellschaftskritik analysiert wird.
- Die literaturhistorische Einordnung des Romans im Kontext des amerikanischen Realismus.
- Die Analyse gesellschafts- und polit-historischer Rahmenbedingungen im Amerika des 19. Jahrhunderts.
- Die Definition und Untersuchung des „minstrel stereotype“ und dessen Manifestation in der Figur Jims.
- Die kritische Auseinandersetzung mit der Rassismusthematik und dem Sprachgebrauch im Roman.
- Die Untersuchung Jims in seiner Rolle als Vaterfigur und moralische Instanz für Huckleberry Finn.
Auszug aus dem Buch
II.3. Der Charakter „Jim“ im Roman
Im Vorfeld einer spezifizierenden Analyse der Person Jim bedarf es zuerst einer Feststellung der grundsätzlichen Informationen, die der Leser über Jim erhält um darauf aufbauend die charakteristischen Eigenheiten jener Romanfigur klar hervorheben zu können. Die nahe liegende Frage lautet also: Was wissen wir von Jim?
Diesbezüglich ist zunächst die Erzählperspektive, in der der Roman abgefasst ist, von Bedeutung. Twain vermittelt dem Rezipienten die Dinge des Romans in ihrer Gesamtheit wie Huck sie sieht, sprich aus der personalen Erzählperspektive. Vor diesem Hintergrund merkt Peter Messent richtig an, dass es Hucks Stimme ist, die den Informationsgehalt in Bezug auf Jim kontrolliert und der Leser dahingehend keinen direkten Zugang zu Jims Gedanken hat. Insofern ist alles, was der Leser über Jim erfährt in Abhängigkeit von Huck zu verstehen. Lediglich die Dialoge, in denen Jim zu Wort kommt, lassen auf Jims Motive schließen, wobei auch hier zu beachten ist, dass Huck das Medium darstellt, durch welches Informationen über Jim zum Empfänger gelangen. In diesem Zusammenhang wird schließlich die ambivalente Konstruktion des Charakters Huck im Hinblick auf Jim als Charakter relevant.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Einführung in die Problematik der Romanfigur Jim und Darstellung der zentralen These, dass die Dichotomie zwischen Stereotyp und Menschlichkeit ein Mittel zur Charakterisierung ist.
II. Hauptteil: Detaillierte Analyse des historischen und literarischen Kontexts sowie die Untersuchung der Figur Jim anhand der Konzepte „minstrel stereotype“ und „human figure“.
II.1. Historischer Hintergrund des Romans: Kontextualisierung von Twains Werk durch die Einflüsse seiner Kindheit in Missouri und die Bedeutung der Sklaverei als zentrales Thema.
II.1.1. Literaturhistorische Aspekte: Einordnung Twains in den amerikanischen Realismus und die Tradition der „local color“-Literatur sowie des „tall tale“.
II.1.2. Gesellschafts- & polit-historische Aspekte: Diskussion über die Auswirkungen des Sezessionskrieges, die Rekonstruktionsphase und die Etablierung der „Jim Crow Laws“.
II.2. Der „minstrel stereotype“: Herleitung des Begriffs „Jim Crow“ aus der Minstrelsy und dessen Bedeutung als rassistisches Instrument.
II.2.1. Definition: Erarbeitung einer wissenschaftlich anwendbaren Definition des „minstrel stereotype“ basierend auf sozialpsychologischen Ansätzen.
II.3. Der Charakter „Jim“ im Roman: Analyse der Erzählperspektive und der Abhängigkeit der Darstellung Jims von der Sichtweise Huckleberry Finns.
II.3.1. Jim als „minstrel stereotype“: Untersuchung der Textstellen, in denen Jim den rassistischen Stereotypen seiner Zeit entspricht.
II.3.2. Jim als „human figure“: Aufzeigen der menschlichen und vaterfigürlichen Qualitäten Jims, die den rassistischen Stereotypen entgegenstehen.
III. Zusammenfassung / Resümee: Fazit über die Komplexität der Darstellung Jims, die als Gesellschaftskritik Twains verstanden werden kann und den Vorwurf des Rassismus gegen den Roman entkräftet.
Schlüsselwörter
Mark Twain, Huckleberry Finn, Jim, Minstrelsy, minstrel stereotype, human figure, Rassismus, Sklaverei, Jim Crow Laws, amerikanischer Realismus, Literaturgeschichte, Stereotypisierung, Rassentrennung, Identität, Soziale Verantwortung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die vielschichtige Darstellung des Sklaven Jim in Mark Twains Roman „The Adventures of Huckleberry Finn“ und analysiert das Spannungsfeld zwischen rassistischen Stereotypen und einer individuellen, menschlichen Charakterzeichnung.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die literarhistorische Einordnung in den Realismus, der historische Kontext der Sklaverei und der Jim-Crow-Ära sowie die psychologische Konstruktion von Vorurteilen innerhalb der Erzählstruktur.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es aufzuzeigen, dass Jim entgegen der Annahme eines rein rassistischen Abbildes ein komplexes, menschliches Individuum ist, dessen „Minstrel-Maske“ von Twain als Gesellschaftskritik demaskiert wird.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine chronologisch-systematische Analyse, die literaturwissenschaftliche Quellen mit sozialpsychologischen Definitionen kombiniert, um eine fundierte Definition von Stereotypen auf den Roman anzuwenden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in den historischen Rahmen, die Definition des Begriffs „minstrel stereotype“ und eine detaillierte Textanalyse, in der Jim sowohl in seiner stereotypen Funktion als auch als menschliche Vaterfigur betrachtet wird.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Schlüsselbegriffe sind Mark Twain, „minstrel stereotype“, „human figure“, Sklaverei, Jim Crow Laws, Realismus und soziale Emanzipation.
Inwiefern beeinflusst Huck die Wahrnehmung von Jim?
Da der Roman aus Hucks personaler Perspektive erzählt wird, erfahren Leser Informationen über Jim stets durch dessen Filter, was sowohl eine Abhängigkeit als auch eine moralische Entwicklung Hucks im Umgang mit Jim zur Folge hat.
Wie demaskiert Twain den „minstrel stereotype“?
Durch die burleske Darstellung Jims im Schlussteil des Romans, etwa in der Kostümierungsszene, entlarvt Twain die Absurdität der Minstrel-Klischees und stellt diesen Jims echtes, moralisches Verhalten gegenüber.
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- Felix Kretz (Author), 2006, Die Dichotomie zwischen "minstrel stereotype" und "human figure" der Romanfigur Jim in Mark Twains "The Adventures of Huckleberry Finn", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/131332