Der Mitbegründer der Actor-Network-Theory, der französische Ethnologe und Wissenschaftsforscher Bruno Latour, stellt in "Die Hoffnung der Pandora" (2000) Überlegungen zu der Unterscheidung von Glaube und Wissen an. Dieser Text geht dem von Latour gestalteten Begriff des "Faitiche" auf den Grund. Konstruiert aus den Vorlagen "Fait" (Fakt) und Fétiche (Fetisch), soll dieser die Barrieren unter ihnen aufbrechen. Latour postuliert, dass auch das vermeintliche "Wissen" der Wissenschaften Glaubensfragen unterliege, und vermeintliche Glaubensfragen keinesfalls einer dem Glaubenden vom Skeptiker unterstellten mystischer Überzeugung unterlägen. Auf welcher theoretischen Grundlage Latour diese Behauptungen anstellt und welche pragmatischen Konsequenzen diese zur logischen Folge haben könnten, ist Sujet dieser Arbeit.
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Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Die Darstellung des „Faitiche“
2.1 Der moderne Agnostiker
2.2 Die Begriffe „Fakt“ und „Fetisch“
2.3 Einführung des „Faitiche“
3 Das Konzept des „Faitiche“ in der Praxis
4 Kritik an These und Argumentation Latours
5 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den von Bruno Latour geprägten Begriff des „Faitiche“ und analysiert dessen Potenzial, die in der Moderne festgeschriebene Trennung zwischen wissenschaftlichen Fakten und religiösen Fetischen zu überwinden.
- Analyse des „Faitiche“-Konzepts als Verbindung von Fakt und Fetisch
- Untersuchung der Rolle des modernen Agnostikers in Latours Theorie
- Diskussion der praktischen Anwendbarkeit und der politischen Konsequenzen
- Kritische Auseinandersetzung mit der Argumentationsweise und den Thesen Latours
Auszug aus dem Buch
2.1 Der moderne Agnostiker
Aufbauend auf der Auseinandersetzung mit der Überwindung der Trennung von Subjekt und Objekt widmet sich Latour nun dem Phänomen des Glaubens. Seiner Ansicht nach ist die religiöse Komponente das noch fehlende Glied in der von der ANT angestrebten Flexibilität im Umgang mit Entitäten der Theorie und Praxis; Subjekten und Objekten. In diesem Kapitel führt Latour den Begriff des „Faitiche“ ein, der eine Brücke schlägt zwischen Annahmen der Wissenschaft und des Glaubens.
Einleitend zu seiner These gibt Latour die Geschichte eines jungen Inders wieder, wie sie Ezechiel und Mukherjee in „Another India: An Anthology of Contemporary Indian Fiction and Poetry“ erzählen. Darin will Jagannath, Mitglied einer höher gestellten Kaste, den unberührbaren, als heiliges Bildnis Gottes angesehenen Stein der Familie von Sklaven durch deren Berührung entweihen. Ziel dieser Tat soll sein, den Sklaven wie auch seiner Familie klar vor Augen zu führen, dass von dem Stein keine Macht ausgeht, und dessen Berühren folgenlos bleibt. Doch er selbst zögert letztlich aus Erfurcht vor seinem eigenen Vorhaben, zwingt sich und die Sklaven aber dennoch zu dessen Durchführung. Nachdem das heilige Objekt vor den Augen seiner Verwandten und der geistlichen Führungsperson durch Berührung entweiht wurde, dämmern ihm erst die Folgen seiner Tat, die für ihn den Verlust seiner Menschlichkeit nach sich zog. Was genau dies zu bedeuten hat, soll im nachfolgenden Kapitel noch behandelt werden.
Latour nimmt diese Anekdote als Grundlage für die Formulierung seiner Kritik am, wie er es nennt, „Bildersturm“. Damit ist die Zerstörung von Idolen und heiligen Objekten durch den agnostischen Modernisten gemeint, der die Feststellungen der Wissenschaft als gegebene Tatsachen hinnimmt und sie als Argumente gegen den Glauben einsetzt. Dabei benutzt er die wissenschaftlichen Fakten als „Hammer“, wie
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Einführung in die Person Bruno Latour, die Actor-Network-Theory und die Zielsetzung der Arbeit, das Konzept des „Faitiche“ zu beleuchten.
2 Die Darstellung des „Faitiche“: Analyse von Latours Thesen zum Glauben, dem modernen Agnostiker und der theoretischen Herleitung der Begriffe Fakt, Fetisch und Faitiche.
2.1 Der moderne Agnostiker: Untersuchung der agnostischen Haltung gegenüber Religion und der kritischen Analyse des Bildersturms durch Latour.
2.2 Die Begriffe „Fakt“ und „Fetisch“: Differenzierung der Begriffe Fakt und Fetisch in Latours Argumentation und ihre Verortung im menschlichen Geist.
2.3 Einführung des „Faitiche“: Darlegung der Zusammenführung von Fakt und Fetisch zum „Faitiche“ und die damit verbundene Aufhebung der Trennung von Wissenschaft und Religion.
3 Das Konzept des „Faitiche“ in der Praxis: Diskussion der konkreten Anwendung des Konzepts sowie der daraus resultierenden politischen und gesellschaftlichen Implikationen.
4 Kritik an These und Argumentation Latours: Kritische Reflexion der Argumentationskette, der Vereinfachung menschlicher Grundeinstellungen und der Widersprüchlichkeit in Latours Thesen.
5 Fazit: Zusammenfassende Bewertung des „Faitiche“ als Lösungsansatz zur Überwindung der Trennung zwischen Wissenschaft und Glauben.
Schlüsselwörter
Bruno Latour, Faitiche, Fakt, Fetisch, Actor-Network-Theory, Wissenschaft, Glaube, Agnostizismus, Moderne, Säkularisierung, Konstruktivismus, Bildersturm, Realismus, Relativismus, Kulturwissenschaft
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit im Kern?
Die Arbeit analysiert den Begriff des „Faitiche“, den Bruno Latour entwickelt hat, um die starre Trennung zwischen wissenschaftlichen Fakten und religiösen Glaubensvorstellungen zu überbrücken.
Welche zentralen Themenfelder behandelt der Text?
Die zentralen Felder sind die Erkenntnistheorie, das Verhältnis von Wissenschaft und Religion, die Soziologie der Moderne sowie die kritische Reflexion des Konstruktivismus.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage lautet, inwieweit Latours Konzept des „Faitiche“ dazu geeignet ist, die Trennung von Fakten und Fetischen aufzuheben und welche praktischen Konsequenzen sich daraus ergeben.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit angewandt?
Die Arbeit basiert auf einer tiefgehenden Textanalyse und kritischen Auseinandersetzung mit dem Werk von Bruno Latour, insbesondere mit „Die Hoffnung der Pandora“.
Was wird im Hauptteil der Arbeit detailliert behandelt?
Der Hauptteil beleuchtet die Begriffe Fakt und Fetisch, die Rolle des modernen Agnostikers, die theoretische Herleitung des „Faitiche“ sowie eine kritische Würdigung von Latours Argumentationsstruktur.
Welche Schlüsselwörter beschreiben diese Publikation am besten?
Zu den wichtigsten Begriffen gehören Bruno Latour, Faitiche, Fakt, Fetisch, Actor-Network-Theory, Wissenschaft und Glaube.
Wie bewertet die Autorin die Anwendbarkeit von Latours Konzept?
Die Autorin äußert Skepsis hinsichtlich der praktischen Umsetzbarkeit, da das Konzept eine radikale Neubewertung etablierter kultureller und politischer Bewertungsrahmen erfordern würde.
Warum spielt die Anekdote des indischen „Bilderstürmers“ eine so wichtige Rolle?
Die Geschichte dient Latour als Ausgangspunkt, um die zerstörerische Haltung des modernen Agnostikers gegenüber religiösen Objekten und Glaubenssätzen kritisch zu hinterfragen.
- Quote paper
- Magister Anna Zacharias (Author), 2007, Bruno Latour: Der "Faitiche", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/131360