Anhand der Sportpalastrede von Reichspropagandaminister Joseph Goebbels stellt sich diese Arbeit die Frage, wie es einer kleinen Gruppe von Nationalsozialisten gelang, ein ganzes Volk von einem totalen Vernichtungskrieg zu überzeugen, der auch vor Völkermord nicht Halt machte. Es wird herausgestellt, welche konkreten Merkmale politischer Sprache innerhalb der Sportpalastrede zum Tragen kommen und inwiefern diese typisch für den nationalsozialistischen Sprachgebrauch auf politischer Ebene gewesen sind.
Auch wird dabei herausgearbeitet, wie ein solcher Sprachgebrauch dazu führen kann, ein ganzes Volk von seiner wahnsinnigen Ideologie zu überzeugen. Als historisches Phänomen hat eine solche politische Kommunikation jedoch bisher nur wenig Aufmerksamkeit verbuchen können. So behandelt Peter von Polenz in seiner "Deutschen Sprachgeschichte vom Spätmittelalter bis zur Gegenwart" vornehmlich die neuere Sprachgeschichte, während Armin Burkhardt sogar von einer Geschichtsvergessenheit zu sprechen vermag, was die Notwendigkeit einer historischen Betrachtung politolinguistischer Bereiche noch verstärkt. Jens Kegel und Iring Fetcher aber, widmen sich ausschließlich der Untersuchung dieser Rede und kommen überein, dass die Rede neben mehreren Adressatengruppen auch mehrere Zielsetzungen verfolgt.
Systematische Untersuchungen zur politischen Sprache finden bereits seit Ende der 1960er Jahre statt. Seitdem sind sie auch fester Bestandteil innerhalb der germanistischen Linguistik. Bei der Untersuchung von Kommunikationsstrukturen, die sich auf einer politischen Ebene bewegen, kommt man nicht umhin, auch die dunkle Zeit der nationalsozialistischen Ära zu beleuchten, die in erster Linie für die Beeinflussung der Menschen über sprachliches Handeln steht.
Das bekannteste Beispiel einer solchen Massensuggestion ist die sogenannte Sportpalastrede von Reichspropagandaminister Joseph Goebbels, die am 18. Februar 1943 im Berliner Sportpalst gehalten wurde. Einzuordnen ist diese Rede unmittelbar nach der Niederlage in Stalingrad und kurz vor der Aufrüstung zum totalen Krieg.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Politische Sprache zur Zeit des Nationalsozialismus
2.1 Politolinguistik
2.2 Politischer Sprachgebrauch im Nationalsozialismus
3. Anwendung politischer Sprache innerhalb der „Sportpalastrede“
3.1 Historischer Kontext der „Sportpalastrede“
3.2 Merkmale politischer Sprache innerhalb der „Sportpalastrede“
4. Fazit
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die rhetorischen und sprachlichen Mechanismen, die Joseph Goebbels in seiner „Sportpalastrede“ vom 18. Februar 1943 einsetzte, um die Bevölkerung für eine Radikalisierung des Krieges und den „totalen Krieg“ zu mobilisieren. Die Arbeit analysiert dabei, wie durch spezifische politolinguistische Mittel eine Massensuggestion erzeugt wurde, um angesichts der sich abzeichnenden Kriegswende in Stalingrad ideologischen Rückhalt zu sichern.
- Politolinguistische Grundlagen und Begriffsdefinitionen.
- Merkmale der politisch-nationalsozialistischen Sprache und Rhetorik.
- Historischer Kontext der „Sportpalastrede“ im Rahmen des Zweiten Weltkrieges.
- Analyse der pseudo-dialogischen Strukturen und der manipulativen Massenbeeinflussung.
- Untersuchung der religiös aufgeladenen Rhetorik und des Führer-Kults.
Auszug aus dem Buch
3.2 Merkmale politischer Sprache innerhalb der „Sportpalastrede“
„Auch Goebbels‘ formal virtuose Sportpalastrede vom 18.12.1943, die zumindest bei NS-nahen, nach der Niederlage von Stalingrad in ihrer Siegeszuversicht schwankend gewordenen Teilen der deutschen Bevölkerung persuasiv höchst wirksam war, leidet an einem drastischen Defizit an struktureller Dialogizität – allerdings nicht auf den ersten Blick.“ Vor allem das Frage-Antwort-Spiel zwischen dem Redner und seinem Publikum am Ende der Reden lässt auf den ersten Blick keinen Zweifel an der Dialogizität. Dennoch lässt sich hier besonders deutlich der Unterschied zwischen struktureller Dialogizität und Pseudo-Dialogizität feststellen.
Eine strukturelle Dialogizität würde eine institutionelle Garantie und eine in der Rede deutlich werdende Chance auf freie unbedrohte Gegenrede verlangen. Diese ist in der „Sportpalastrede“ doppelt ausgeschaltet. Zum einen war es lebensgefährlich sich regimekritisch zu äußern, insbesondere innerhalb eines öffentlichen Raumes. Zum anderen erfolgte die Zusammensetzung des Publikums per „Einladung“ durch das Propagandaministerium, welchem Goebels vorstand. Dadurch wurde eine politische Homogenität geschaffen. Folglich kann auch die Aufzählung der Gruppenpluralität nicht jenen Querschnitt der Gesellschaft darstellen, den Goebbels in seiner Aufzählung von Teilnehmergruppen zu suggerieren versucht.
Die innere Form der Rede lässt ebenfalls keine abweichenden Meinungen zu. Bei der augenscheinlichen Dialogizität in Form eines Fragekatalogs handelt es sich um eine säkularisierte, leicht abgewandelte Variante des katholischen Taufgelöbnisses bzw. der Erneuerung des Taufversprechens, bei dem ebenfalls zehn Entscheidungsfragen gestellt wurden. Folglich handelt es sich hier keinesfalls um frei beantwortbare Entscheidungsfragen, sondern um rituelle Stichworte, die rituelle Kollektivbekenntnisse zur Antwort haben.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Dieses Kapitel führt in das Thema der politischen Sprache im Nationalsozialismus sowie in die zentrale Bedeutung der „Sportpalastrede“ als Fallbeispiel für Massensuggestion ein.
2. Politische Sprache zur Zeit des Nationalsozialismus: Hier werden die Grundlagen der Politolinguistik sowie die Besonderheiten des nazistischen Sprachgebrauchs, wie etwa der Propaganda- und Ideologiewortschatz, theoretisch beleuchtet.
3. Anwendung politischer Sprache innerhalb der „Sportpalastrede“: Dieses Kapitel setzt sich mit dem historischen Kontext sowie den konkreten linguistischen und rhetorischen Strategien auseinander, die Goebbels zur Beeinflussung des Publikums nutzte.
4. Fazit: Das Fazit fasst die rhetorischen Glanzleistungen und die manipulative Natur der Rede zusammen und bestätigt deren Eignung als Paradebeispiel nationalsozialistischer Sprachgestaltung.
Schlüsselwörter
Politolinguistik, Nationalsozialismus, Sportpalastrede, Joseph Goebbels, Propaganda, Massensuggestion, totaler Krieg, Manipulationsmacht, Appellfunktion, Rhetorik, Ideologievokabular, Führer-Kult, Rassendiskurs, Stalingrad, Politische Kommunikation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die sprachwissenschaftlichen Aspekte der politischen Kommunikation im Nationalsozialismus am Beispiel der berühmten „Sportpalastrede“ von Joseph Goebbels aus dem Jahr 1943.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den Schwerpunkten zählen die theoretische Einordnung der Politolinguistik, der Sprachgebrauch zur NS-Zeit sowie die Analyse eines spezifischen historischen Textes hinsichtlich seiner persuasiven Wirkung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die sprachlichen Merkmale herauszuarbeiten, durch die es gelang, ein ganzes Volk von einer radikalen und destruktiven Ideologie zu überzeugen bzw. zur Zustimmung zum „totalen Krieg“ zu bewegen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin stützt sich auf politolinguistische Analysemethoden, um die persuasive Funktion der Rede, deren argumentative Struktur und die Verwendung von ideologisch aufgeladenem Vokabular zu untersuchen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil liegt der Fokus zunächst auf der theoretischen Fundierung der Politolinguistik und dem NS-Sprachgebrauch, gefolgt von einer detaillierten historischen und sprachlichen Analyse der Sportpalastrede selbst.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Politolinguistik, Massensuggestion, Propaganda, Totaler Krieg und persuasive Rhetorik.
Warum wird im Dokument nicht von einer echten Dialogizität gesprochen?
Die Autorin argumentiert, dass das Frage-Antwort-Spiel in der Rede lediglich eine „Pseudo-Dialogizität“ darstellt, da das Publikum handverlesen war und freie Gegenrede durch Repression unterbunden wurde.
Welche Rolle spielt die pseudoreligiöse Rhetorik in der Rede?
Sie dient dazu, politische Katastrophen wie Stalingrad als mythische Opfer darzustellen und Begriffe wie „heilig“ oder „teuflisch“ zu nutzen, um die Gegner zu diffamieren und die eigene Ideologie emotional aufzuladen.
- Citar trabajo
- Nina-Sophie Bank (Autor), 2021, Politische Sprache zur Zeit des Nationalsozialismus. Goebbels' "Sportpalastrede" vom 18.02.1943, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1316033