Der Satiriker Juvenal und seine Satiren


Hausarbeit (Hauptseminar), 2009

18 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Theoretische Ansätze zur Satire

2. Aufzählung von Wesensmerkmalen der Satire zur Erfassung des Satirischen bei Juvenal

3. Satirische Sprach- und Gestaltungsmerkmale bei Juvenal

4. Biografie

5. Die Sozialkritik Juvenals

6. Zum Verständnis derjuvenalischen Satire

7. Zur satirischen Sprach- und Gestaltungskunst Juvenals

8. Die 5.Satire
8.1. Inhalt der5. Satire
8.2. Die Beziehung von Patron und Klient im alten Rom
8.3. Aufbau der 5. Satire

Literaturverzeichnis

1. Theoretische Ansätze zur Satire

Die Satire wurde in der modernen Literaturtheorie lange Zeit vernachlässigt. 1932 bezeichnet Georg Lukács in seinem Buch „Zur Frage der Satire“ die Satire als ,Stiefkind’ der Literaturtheoretiker:[1] „Die Satire ist ein Stiefkind der bürgerlichen Literaturtheorie in Deutschland gewesen.“ Der Protestcharakter der Satire wird oft beschworen: Jürgen Brummack ist der Meinung, dass der Begriff der Satire von irritierender Vielschichtigkeit sei.[2]

In der deutschen Fassung des Aufsatzes von Carl Joachim Claasen (1988), „Die Satire - das vielgesichtige Genos“, heisst es:„Das Genos der Satire zeigt sich weiterhin nicht bereit, sich gleichsam einfangen und in eine knappe und leicht handhabbare Definition pressen zu lassen.“[3] Außerdem wird der Satire als literarischer Form oft eine fehlende ästhetische Dimension vorgeworfen[4], die lange Zeit zu ihrer Geringschätzung beitrug.[5] In jüngster Zeit wächst das wissenschaftliche Interesse an der Satire.

Im folgenden Abschnitt werde ich zur Veranschaulichung einige neuere Ansätze aus dem 20. Jahrhundert skizzieren.

Das Satiremodell von Wolfgang Weiß aus dem Jahre 1982, lässt sich aufJuvenals Verssatiren beziehen: Nach Weiß, auf den sich Christine Schmitz bezieht, „ist die spezifische Schreibweise der Satire in einer Sprechsituation fundiert, in der der Sprecher beim Adressaten die Vertrautheit mit der politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Situation, über die er redet, als gegeben voraussetzt.“[6]

Laut Schmitz, spricht Weiß, der sich auf Hempfers[7] Schreibweisen-Modell stützt, von der „tendenziellen“ Schreibweise des Autors, die sich nach Hempfers Aussage mit der historisch-empirischen Wirklichkeit derjeweiligen Gesellschaft befasst. „Die Auseinandersetzung mit den Ausschnitten der Wirklichkeit erfolgt in der tendenziellen Schreibweise immer negativ wertend, verurteilend.“[8]

Nach Wolfgang Weiß, auf den sich Schmitz bezieht, werden „Normen irgendwelcher Art in Satiren nur eingeführt, um dem Leser eine abwertende Perspektive auf das satirische Ziel zu vermitteln.“[9]

Laut Mahler, auf den sich Schmitz bezieht, „erscheint das Satirische als eine Konversationsmaximen absichtlich verletzende, unaufrichtige, aber in ihrer Unaufrichtigkeit vom Hörer gleichwohl durchschaute Sprechhaltung.“[10]

Jürgen Brummack stellte in seinen theoretischen Betrachtungen zur Satire 1971 fest: „Satire ist ästhetisch sozialisierte Aggression.“[11] Christine Schmitz vertritt die gleiche Ansicht wie Brummack: Das Moment der Aggressivität wird von den meisten Lesern als das entscheidende Charakteristikum der Juvenalischen Satire empfunden.[12]

Dabei „lässt sich die aggressive Schärfe Juvenals als inszenierte Aggression und somit als suggestives Darstellungsmittel als Teil der satirischen Strategie verstehen.“[13]

2. Aufzählung von Wesensmerkmalen der Satire zur Erfassung des Satirischen bei Juvenal

Das Moment der Aggressivität ist eines von vier Wesensmerkmalen, welche Christine Schmitz[14] als die Basis des Satirischen in Juvenals Satiren bezeichnet. Das zweite Wesensmerkmal „für die Bestimmung des Satirischen ist das Wirklichkeitsverhältnis.“[15] Die Literaturform Satire bietet dem Leser nur einen Ausschnitt der Wirklichkeit dar. Sie ist nicht unbedingt realistisch im historisch­empirischen Sinne und gibt die Wirklichkeit ggf. gebrochen oder verzerrt dar. Dem Leser gegenüber versucht sie allerdings eine realistische Sichtweise der Realität darzustellen.[16]

Juvenal lässt sich nicht einfach in ein konventionelles, positiv moralisch ausgerichtetes Satireverständnis einengen.[17] Ulrich Knoche, auf den sich Schmitz bezieht, hat bereits 1966 erkannt, dass Juvenal „keineswegs vom moralischen Standpunkt aus kritisiert“[18]: „Seine Entrüstung entzündet sich an Widersprüchen zwischen dem, was seiner Meinung nach einer Standesperson zukommt, und der Wirklichkeit, wie er sie sieht, nicht aber gründet die Entrüstung auf einer durchgeführten Morallehre.“[19] Ein in sich konsistentes Gesamtbild der Wertmaßstäbe lässt sich anhand der einzelnen Normen nicht zusammenfügen.[20] Juvenal setzt sich nicht für konventionelle Normen und Werte ein, sondern zitiert sie nur bei Bedarf und benutzt sie oft als idealisierte Gegenbilder der aktuellen Wirklichkeit. Aufdiese Art und Weise treten zum Beispiel die Gegensätze zwischen Vergangenheit und Gegenwart besonders drastisch hervor.[21] Die korrupte und verdorbene Gegenwart lässt sich umso schlimmer darstellen, je schöner und ehrenvoller die Vergangenheit Roms und das Leben in den Landstädten in allen Facetten beschrieben wird.[22]

Als letzter besonders hervorzuhebender Aspekt ist die Eigenleistung des Rezipienten beim Lesen satirischer Texte zu nennen. Da die Intention des Satirikers nur „durchschimmert“, aber nicht explizit wird, hängt es vom einzelnen Leser ab, wie er die Satire versteht und interpretiert. Dieses Phänomen trifft nicht nur auf den zeitgenössischen Leser, sondern auch auf alle späteren Leser zu. Die Darstellungsweise soll den Leser überzeugen und für eine bestimmte Sichtweise der gesellschaftlichen Wirklichkeit gewinnen oder ihm die Missstände aufzeigen, um ihn aufzuwiegeln.[23]

Christine Schmitz verweist in ihrem Buch „Das Satirische in Juvenals Satiren“ auf Gustav AdolfSeeck, derfolgenden Definitionsversuch formuliert[24]: „Die Satire ist ein literarischer Diskreditierungsversuch, bei dem Indignation und / oder Spott und Art und Form der Darstellung als suggestive Mittel eingesetzt werden, um die unbewusste Zustimmung des Lesers zu erreichen.“[25]

Christine Schmitz ist der Meinung, dass Juvenal mit seinen Satiren nicht auf die bloße Zustimmung seiner Leser abzielt, sondern vielmehr eine Verunsicherung der Leser beabsichtigt.[26]

3. Satirische Sprach- und Gestaltungsmerkmale bei Juvenal

Der satirische Stil Juvenals ist nur unzureichend untersucht. Die Sprachgewalt, die Anschaulichkeit und Treffsicherheit Juvenals werden von vielen Kritikern hervorgehoben.[27] „Wir bewundern die Kraft seiner Sprache und die nicht zu übertreffende Anschaulichkeit seiner Schilderungen“, schreibt Vollmer, derVerfasser des 1917 erschienen RE-Artikels überJuvenal zur6. Satire, Sp. 1045, den Schmitz in ihrem Buch „Das Satirische in Juvenals Satiren“ erwähnt.[28] Laut Schmitz[29] bescheinigt Knoche Juvenal in seiner Einleitung zu seiner Übersetzung der Satiren Juvenals 1951 dem Autor „eine vollendete Beherrschung der Ausdrucks- und Darstellungsmittel.“[30] Weiter heißt es: „Und in der Tat, es hat wohl kaum ein römischer Dichter eine solche Fülle einprägsamer, gewiss meist düsterer Bilder und heute noch lebendiger Sentenzen geprägt, wie gerade Juvenal, während an seiner Art zu komponieren mancherlei zu tadeln ist.“[31]

Hans Jakob Urech setzt sich in seiner Dissertation 1999 mit dem Thema „Hoher und niederer Stil in den Satiren Juvenals“[32] auseinander. Dabei stellt er Untersuchungen zur Stilhöhe von Wörtern, Wendungen und ganzen Textpassagen an, die einen auffälligen Stilwechsel beinhalten.[33] Diese abrupten Stilwechsel sind ein wesentliches Merkmal des satirischen Stils Juvenals.

Im gleichen Jahr setzt sich J.G.F. Powell in seiner Arbeit „Stylistic Registers in Juvenal“[34] eher theoretisch mit Juvenals Stil auseinander. Dabei lehnt er die Bezeichnung „grand“ und „high“ zur Charakterisierung seines Schreibstils ab.[35] „Mit Recht hebt er hervor, dass sich Juvenal nur vorübergehend des hohen oder erhabenen Stils bediene, und auch nur, um diesen nach dem überraschenden Aufstieg in die höhere Sprachsphäre ebenso abrupt wieder zu verlassen.

[...]


[1] Lukács, Georg: Zur Frage der Satire, Internationale Literatur 2 (1932) S. 136- 153, wieder abgedruckt in: B. Fabian (Hrsg.), SATVRA. Ein Kompendium moderner Studien zur Satire (Olms Studien, 39), Hildesheim; New York 1975, S. 425

[2] Vgl.: Brummack, Jürgen: Zu Begriff und Theorie der Satire, Deutsche Vierteljahresschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte 45 (1971) (Sonderheft Forschungsreferate)

[3] Classen, Carl Joachim: Satire - The Elusive Genre sO 63 (1988) S. 95 - 121(dt. Fassung: Die Satire - das vielgesichtige Genos. In: Carl Joachim Classen. Die Welt der Römer: Studien zu ihrer Literatur, Geschichte und Religion. Unter Mitwirkung von Hans Bernsdorff hrsg. von MeinolfVielberg (Untersuchungen zur antiken Literatur und Geschichte, 41 ), Berlin; New York 1993, S. 261

[4] Vgl.: Schmitz, Christine: Das Satirische in Juvenals Satiren. Untersuchungen zur antiken Literatur und Geschichte. Hrsg. von Gustav-Adolf Lehmann, Heinz-Günther Nesselrath und Otto Zwierlein, Bd. 58. Berlin, New York: Walterde Gruyter Verlag, S. 5f.

[5] Vgl.: Gaier, Ulrich: Satire. Studien zu Neidhart, Wittenwiler, Brant und zur satirischen Schreibart, Tübingen 1967. Einleitung S. 1- 6 und Könneker, Barbara: Satire im 16. Jahrhundert: Epoche, Werke, Wirkung (Arbeitsbücher zur Literaturgeschichte), München 1991. S. 16

[6] Schmitz, Christine: Das Satirische in Juvenals Satiren. S. 8

[7] Vgl.: Hempfer, Klaus W.: Schreibweise. In: Müller, Jan-Dirk (Hrsg.): Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft, Bd. III, Berlin, New York 2003, S. 391

[8] Schmitz, Christine: Das Satirische in Juvenals Satiren. S. 8

[9] Schmitz, Christine: Das Satirische in Juvenals Satiren. S. 9

[10] Schmitz, Christine: Das Satirische in Juvenals Satiren. S. 9

[11] Brummack, Jürgen: Zu Begriff und Theorie der Satire. S. 282

[12] Vgl.: Schmitz, Christine: Das Satirische in Juvenals Satiren. S. 10

[13] Schmitz, Christine: Das Satirische in Juvenals Satiren. S. 10

[14] Vgl.: Schmitz, Christine: Das Satirische in Juvenals Satiren. S. 10ff.

[15] Schmitz, Christine: Das Satirische in Juvenals Satiren. S. 10

[16] Vgl.: Schmitz, Christine: Das Satirische in Juvenals Satiren. S. 8

[17] Vgl.: Schmitz, Christine: Das Satirische in Juvenals Satiren. S. 11

[18] Schmitz, Christine: Das Satirische in Juvenals Satiren. S. 11

[19] Schmitz, Christine: Das Satirische in Juvenals Satiren. S. 11

[20] Vgl.: Schmitz, Christine: Das Satirische in Juvenals Satiren. S. 11

[21] Vgl.: Schmitz, Christine: Das Satirische in Juvenals Satiren. S. 11

[22] Vgl.: Schmitz, Christine: Das Satirische in Juvenals Satiren. S. 11

[23] Vgl.: Schmitz, Christine: Das Satirische in Juvenals Satiren. a. a. O.: S. 12

[24] Vgl.: Schmitz, Christine: Das Satirische in Juvenals Satiren. a. a. O.: S. 3

[25] Seeck, Gustav Adolf: Die römische Satire und der Begriff des Satirischen, A&A 37 (1991), S. 20

[26] Vgl.: Schmitz, Christine: Das Satirische in Juvenals Satiren. S. 3

[27] Vgl.: Schmitz, Christine: Das Satirische in Juvenals Satiren. S. 12

[28] Vgl.: Schmitz, Christine: Das Satirische in Juvenals Satiren. S. 12

[29] Vgl.: Schmitz, Christine: Das Satirische in Juvenals Satiren. S. 12f.

[30] Knoche, Ulrich: Juvenal, Satiren, übertragen und mit Anmerkungen versehen, München 1951, S. 17

[31] Knoche, Ulrich: Juvenal, Satiren, München 1951, S. 17

[32] Urech, Hans Jakob: Hoher und niederer Stil in den Satiren Juvenals. Untersuchung zur Stilhöhe von Wörtern und Wendungen und inhaltliche Interpretation von Passagen mit auffälligen Stilwechseln (Europäische Hochschulschriften, Reihe XV Klassische Sprachen und Literaturen, 80), Bern; Berlin; Bruxelles; Frankfurt a. M.; New York, Wien 1999

[33] Vgl.: Schmitz, Christine: Das Satirische in Juvenals Satiren. S. 14 f.

[34] Vgl.: Powell, J.G.F.: Stylistic Registers in Juvenal, PBA93 (1999) S. 311-334

[35] Vgl.: Schmitz, Christine: Das Satirische in Juvenals Satiren. S. 15

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Der Satiriker Juvenal und seine Satiren
Hochschule
Bergische Universität Wuppertal
Veranstaltung
Satire im Mittelalter
Note
1,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
18
Katalognummer
V131685
ISBN (eBook)
9783640375387
Dateigröße
423 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Satiriker, Juvenal, Satiren
Arbeit zitieren
Sedighe Ahmadseresht (Autor:in), 2009, Der Satiriker Juvenal und seine Satiren, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/131685

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