Neue Musik im Musikunterricht - Pierre Boulez und die serielle Musik


Examensarbeit, 2009
64 Seiten, Note: 2,5

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Vorwort

2. Begrundung der Unterrichtseinheit

3. Informationen zur Klasse 11b

4. Bezug zum Bildungsplan

5. Sachanalyse

6. Methodische und didaktische Voruberlegungen

7. Innovation

8. Planung
8.1. Organisation
8.2. Obergeordnete Ziele der Unterrichtseinheit
8.3. Vorgehen
8.4. Oberblick uber die Unterrichtseinheit
8.5. Unterrichtsplanung

9. Durchfuhrung
9.1. Erste Stunde „Boulez-Presseschau“
9.2. Zweite Stunde „Nullpunkt eines neuen Beginns“
9.3. Dritte Stunde „Boulez in Donaueschingen“
9.4. Vierte Stunde „Abkehr vom Fetischismus der Zahl“
9.5. Funfte Stunde „Le marteau sans maitre“
9.6. Sechste Stunde „Le marteau sans maitre 2“
9.7. Siebte Stunde „Serielle Musik am Computer"
9.8. Achte Stunde „Der Zufall in der Musik“

10. Erkenntnisse aus der Unterrichtseinheit
10.1. Thema und Auswahl der Stucke
10.2. Unterrichtsplanung
10.3. Vernetzter Musikunterricht
10.4. Personliche Erkenntnisse - Schlusskommentar

11. Literatur- und Medienverzeichnis

1. Vorwort

Neue Musik liegt weit auRerhalb der Lebenswelt von Jugendlichen und der Gesellschaft uberhaupt. Nur wenige Eingeweihte wissen, dass es neben der aktuellen Musikkultur, die uns tagtaglich im Radio begegnet, noch eine Weiterentwicklung der „klassischen“ Musik gibt. Lediglich aus dem Bereich der Filmmusik weiR man, dass der Beruf des klassischen Komponisten noch existiert.

Die Jugendlichen sind meist „Experten“ auf dem von ihnen favorisierten Gebiet der aktuellen Musik. Dass die gegenwartig populare Musik nicht die „klassische“ Musik abgelost hat, wissen die wenigsten. Die zeitgenossische Musik fristet ein Nischendasein und wird auch im Unterricht gemieden. Weil sie zu schwer oder zu kompliziert ist? Oder weil die Schuler/Schulerinnen damit nicht zu Recht kommen? Ich sehe gerade im Unwissen der Jugendlichen ob dieser Existenz einer Neuen Musik, die an die Tradition der klassischen Musik anknupft, sich jedoch gleichzeitig von ihr distanziert, eine Chance. Die Jugendlichen sind nicht vorgebildet und damit nicht voreingenommen. Sie sind wie unbeschriebene Blatter, die mit dem richtigen Federstrich beschrieben werden konnen. Der richtige Federstrich ist dabei von entscheidender Wichtigkeit. Er entscheidet namlich daruber, wie die Schuler/Schulerinnen in Zukunft uber diese Musik denken werden.

Von den Klassik-Liebhabern wird die Musik nach Arnold Schonberg meist ignoriert. Fuhrende Solisten wie Anne-Sophie Mutter oder Hilary Hahn unterstutzen die Komponisten der jungeren Generationen und packen zu einem Bach-Violinkonzert ein Violinkonzert von Sofia Gubaidulina oder zu einem Sibelius-Violinkonzert eines von Schonberg mit auf ihre CD. Mich wurde interessieren wie viele der Kaufer die CDs wirklich zu Ende horen.

Die Unterrichtseinheit uber Pierre Boulez hat mir gezeigt, dass Schuler/Schulerinnen durchaus an Randphanomenen wie der zeitgenossischen Musik interessiert sind. Das Interesse geht sogar soweit, dass sie freiwillig an einem Konzertbesuch der Donaueschinger Musiktage teilnehmen, bei dem drei Urauffuhrungen neuer Musik stattfinden. Der Besuch eines derartigen Konzerts wirft Fragen auf, fordert zur Stellungnahme, bildet Meinungen und gehort in den Bereich des „richtigen Federstrichs“. Denn ohne diesen Zugang, uber ein Konzert-Erlebnis, ware die vorliegende Unterrichtseinheit sicherlich nicht mit so viel Interesse aufgenommen worden.

Dazu hat auch das Umfeld dieses Neue Musik-Festivals in Donaueschingen beigetragen. Die Zuhorer der Donaueschinger Musiktage entsprechen namlich nicht dem stereotypen Bild des Klassik-Horers, sondern sind tendenziell junger und kommen aus der breiten Gesellschaft. Sie bringen sogar ihre Kinder mit ins Konzert. Dies zeigt den Schulern/Schulerinnen, dass da ein gesellschaftliches Ereignis stattfindet, dass Gleichaltrige anzusprechen scheint. Jedenfalls haben sie nicht das Gefuhl, dass sie als Fremdkorper zwischen Abonnenten in einer Auffuhrung von Tosca sitzen.

Die Neue Musik hat mich seit meinem Studium immer wieder fasziniert. Dabei ist mir eines klar geworden. Diese Musik beansprucht eine andere Horeinstellung und fordert den interpretierenden Musiker in anderer Weise als zum Beispiel Musik aus der Klassik. Wenn man sich aber in die Hintergrunde dieser Musik vertieft, offnen sich einem plotzlich die Ohren dafur. Diese Faszination mochte ich in die Schule tragen und ansatzweise vermitteln, auch damit in Zukunft zeitgenossischen Komponisten ein Publikum erhalten bleibt und die Neue Musik eine groRere Verbreitung findet.

2. Begrundung der Unterrichtseinheit

Die Unterrichtseinheit uber Pierre Boulez fordert die Schuler/Schulerinnen in besonderer Weise. Sie werden mit Musik konfrontiert, die ihnen eher unbekannt ist. Ober Hintergrundinformationen werden sie an die Musik herangefuhrt und bilden sich eine personliche Meinung. Der kritische Umgang mit zeitgenossischer Musik bildet eines der Ziele der Unterrichtseinheit. Die Schuler/Schulerinnen erkennen, dass es eine Musikkultur neben ihrer taglich rezipierten gibt. Ein Bezug zur Lebenswelt der Jugendlichen ist daher eher im Kontrast dazu zu sehen. Ich verstehe den Musikunterricht als Bildungsangebot, welches die Personlichkeit der Schuler/Schulerinnen erweitern und bilden soll. Dazu gehort die Rezeption von Neuer Musik neben der aktuellen Pop-Musik, welche heute ohnehin uberrezipiert wird.

Um den Schulern/Schulerinnen den Einstieg in die serielle Musik zu erleichtern, wurde der Unterrichtseinheit uber Pierre Boulez eine kurzere Einheit uber Arnold Schonberg vorangestellt. Da sich Boulez selbst vielfach auf Schonberg bezieht, war ein thematischer Obergang leicht herzustellen. Mit dem Vorwissen zu Kompositionstechnik und -asthetik bei Schonberg waren die Schuler/Schulerinnen auf den Umgang mit Neuer Musik vorbereitet.

3. Informationen zur Klasse 11b

Die Klasse 11 b des Schuljahres 2008/2009 des Gymnasiums am Deutenberg in Villingen-Schwenningen ist auf das Fach Musik bezogen sehr heterogen. Lediglich 7 von 27 Schulern/Schulerinnen spielen ein Instrument. Die Klasse weist ein starkes Obergewicht an Schulern (21) gegenuber Schulerinnen (6) auf. Sie wurde aus zwei Klassen, Klasse 10b und 10c, zu Beginn des Schuljahres neu gebildet. Dies hat zur Folge, dass sich die Schuler/Schulerinnen nur teilweise untereinander kennen.

Das Leistungsgefalle innerhalb der Klasse ist groR. Es gibt eine groRere Gruppe von Interessierten und Engagierten, der eine kleinere Gruppe gegenubersteht, die sich im Unterricht eher unbeteiligt zeigt. Die Musiker/Musikerinnen unter den Schulern/Schulerinnen sind in besonderer Weise am Musikunterricht beteiligt, wobei durchaus auch Schuler/Schulerinnen, die kein Instrument spielen, regelmaRig zum Unterrichtsgeschehen beitragen.

Die Bereitschaft der Schuler/Schulerinnen zum selbststandigen Arbeiten und zur Auseinandersetzung mit schwierigen Unterrichtsthemen ist insgesamt groR. Hervorzuheben ist noch das uberdurchschnittlich gute musikalische Niveau der Musiker/Musikerinnen der Klasse.

Der Umgang zwischen den Schulern/Schulerinnen ist freundlich und respektvoll.

Drei Schuler haben am Anfang des Schuljahres Storungen und Ablenkungen verursacht, die jedoch mit einer Anderung der Sitzordnung abgestellt werden konnten.

Der ansonsten einstundig stattfindende Unterricht wurde im Rahmen der Dokumentation auf zwei Unterrichtsstunden pro Woche erweitert. Die Stunden fanden dienstags in der sechsten und freitags in der dritten Stunde statt. Die Unterrichtseinheit erfolgte dementsprechend ungefahr innerhalb eines Monats, wobei eine Woche Herbstferien vor den letzten drei Stunden lagen.

4. Bezug zum Bildungsplan

Die Unterrichtseinheit „Neue Musik im Musikunterricht - Pierre Boulez und die serielle Musik“ bezieht sich auf die Lehrplaneinheit 4: Musik im 20. Jahrhundert des alten Bildungsplans von 1994. Der Bildungsplan prazisiert dazu die Aufgabe des Musikunterrichts in Klasse 11 folgendermaRen:

„Anhand der exemplarischen Beschaftigung mit den groRen Stilepochen erhalten die Schulerinnen und Schuler Einblick in musikhistorische Entwicklungen. Sie lernen epochentypische Werke in moglichst groRen Ausschnitten kennen und erarbeiten ihre charakteristischen Merkmale.“[1]

Durch die Beschaftigung mit serieller Musik von Pierre Boulez erhalten die Schuler/Schulerinnen den vom Bildungsplan geforderten Einblick in die Entwicklung der Musik des 20. Jahrhunderts. Mit den Werken Structures pour deux pianos und Le marteau sans maitre von Pierre Boulez lernen die Schuler/Schulerinnen epochentypische Werke der seriellen Musik kennen und erarbeiten deren charakteristische Kompositionsmerkmale durch theoretische und insbesondere praktische Tatigkeit. Dem Bereich des Klassenmusizierens wird zur Vertiefung der theoretischen Kenntnisse dem Bildungsplan entsprechend Genuge getan. Auch dem Besuch einer Veranstaltung, in diesem Fall dem Besuch des Eroffnungskonzerts der Donaueschinger Musiktage 2008, wird „angemessene Zeit“[2] eingeraumt.

Die inhaltlichen Aspekte der Lehrplaneinheit 4: Musik im 20. Jahrhundert wie „Emanzipation des kompositorischen Denkens“[3] im Zusammenhang mit einer Betrachtung des Traditionsverstandnisses und „Neue Klange und Strukturen:

Material, Form, Ausdruck“[4] in kompositionsasthetischer und -technischer Hinsicht werden durch die Unterrichtseinheit uber Pierre Boulez in vollem MaRe abgedeckt.

Ein Bezug zu den Bildungsstandards des neuen Bildungsplanes von 2004 kann uber die Kompetenzbereiche „Musik gestalten“, „Musik horen und verstehen“ und „Musik reflektieren“[5] ebenfalls hergestellt werden. Die Unterrichtseinheit beruhrt bei der Erarbeitung des Stoffes die drei genannten Kompetenzbereiche in einer sich erganzenden und vernetzenden Art und Weise. Wie oben schon angedeutet, werden theoretische Kenntnisse durch praktische Erfahrungen wie Musik horen und selbst gestalten zum besseren Verstandnis und zur Reflektion daruber vertieft.

5. Sachanalyse

Bei der folgenden Sachanalyse handelt es sich um eine kurze Einfuhrung in die Thematik „Pierre Boulez und die serielle Musik“. Dabei geht es nicht um eine vollstandige sachanalytische Betrachtung, sondern um die Darstellung von Hintergrundinformationen zum besseren Verstandnis der Unterrichtseinheit.

Pierre Boulez (geb. 1925) gehort zu den bedeutendsten Vertretern und Theoretikern der zeitgenossischen Musik, insbesondere im Bereich der seriellen Musik. Boulez war um die funfziger Jahre ein Vorreiter der seriellen Kompositionsmethode. Anknupfend an Messiaen und Schonberg entwickelte er zu dieser Zeit die serielle Musik. Die Structures la (1952) aus den Structures pour deux pianos stellen Boulez' erstes seriell komponiertes Stuck dar. Das Material entlehnte Boulez dem Stuck Mode de valeurs et d'intensites seines Lehrers Messiaen. Beinahe zeitgleich lieR sich Karlheinz Stockhausen, ebenfalls ein Komponist serieller Musik, durch dasselbe Stuck zu seriellen Versuchen anregen.

Die Anschaulichkeit des Stuckes Structures la, in dem Tonhohen, Tondauern, Dynamik und Artikulation bzw. Klangfarbe reihentechnisch organisiert sind, pradestiniert zur Werkbetrachtung im Unterricht. Die Behandlung der totalen Reihenorganisation in diesem Klavierwerk kann thematisch direkt an die Kompositionsmethode der Zwolftontechnik Schonbergs angeschlossen werden, da Boulez bei der Organisation des Materials ebenfalls mit der Zahl zwolf gearbeitet hat. Dabei hat Boulez die Gestalten Grundreihe und Umkehrung der Tonhohenreihe wie Schonberg durch Transposition erweitert und in einer Zahlentabelle veranschaulicht. Ober diese Tabelle ist das Stuck, welches lediglich aus der strengen Reihenorganisation des Materials besteht, praktisch automatisch entstanden.

Das kompositionsasthetische Problem dieser streng seriellen Musik hat Boulez in seiner Tatigkeit als Schriftsteller reflektiert. In „Wille und Zufall“[6] und „Werkstatt- Texte“[7] (siehe Aufsatz „Alea“) auRert sich Boulez zur Problematik der totalen Reihenorganisation der seriellen Musik. Die Determination der musikalischen Parameter fuhrte zur Ausdruckslosigkeit der Musik. Musik ist „mathematisch“ geworden. Dabei war Boulez mit dem Ziel angetreten, eine neue musikalische Sprache zu entwickeln und die alten musikalischen Kategorien wie z. B. Thema, Motiv, Periode usw. hinter sich zu lassen. Nun stand er jedoch vor kompositionsasthetischen Problemen, die Fragen zum Ausdruck und der Horbarkeit eines solchen Stuckes wie den Structures aufwarfen.

Die kompositorische Reaktion auf dieses Problem stellt das Werk Le marteau sans maitre (1953/54) fur instrumentales Ensemble und Altstimme nach Gedichten des franzosischen Surrealisten Rene Char dar, welches Boulez schon kurze Zeit nach den Structures verfasste. Dieses Stuck ist wesentlich freier komponiert als das Stuck fur zwei Klaviere. Die serielle Technik wird durch aleatorische Elemente erweitert.

Der Interpret erhalt mehr Freiheit und „alte“ Formen, beispielsweise die Kontrapunktik in L'artisanat furieux, scheinen wieder auf. Le marteau sans maitre ist bis dato auch Boulez' erfolgreichste Komposition.

In der Gegenuberstellung der beiden genannten Werke lasst sich Boulez kompositorische Entwicklung anschaulich nachvollziehen. Das Bestreben die serielle Technik zu perfektionieren und deren immanente Probleme zu losen, hat Boulez stets mit dem Ziel der Entwicklung einer neuen musikalischen Sprache vorangetrieben.

6. Methodische und didaktische Voruberlegungen

In der Unterrichtseinheit „Neue Musik im Musikunterricht - Pierre Boulez und die serielle Musik“ finden verschiedene didaktische Ansatze Verwendung. Diese lassen sich begrifflich im asthetischen, semantischen, affektiven und experimentellen Sinne unterscheiden. Die Vernetzung dieser unterschiedlichen Ansatze bildet die Grundlage der methodisch-didaktischen Konzeption der Unterrichtseinheit.

Zum affektiven Bereich gehort das ablenkende Verfahren, bei dem die Schuler/Schulerinnen uber Umwege zum eigentlichen Gegenstand gefuhrt werden. Bei der vorliegenden Unterrichtseinheit werden den Schulern/Schulerinnen zunachst einmal Informationen zur Personlichkeit von Pierre Boulez in Form von Zeitungsartikeln, die Neugier wecken sollen, gegeben. Die Person Pierre Boulez ist fur diese Methode gut geeignet, da sie in der Vergangenheit schon des Ofteren fur provokative Schlagzeilen gesorgt hat. Bevor Boulez' Musik in den Vordergrund geruckt wird, bekommen die Schuler/Schulerinnen biographische Hintergrundinformationen, durch die eine Identifikation mit der Person des Komponisten hergestellt und Interesse an der Unterrichtseinheit geweckt wird. Dabei wird zugleich eine Erwartungshaltung gegenuber der Musik von Boulez aufgebaut. Jedenfalls ware eine direkte Konfrontation mit der schwierig zu horenden seriellen Musik nicht ratsam. Daher zunachst eine Methode, die von der Musik ablenkt und die Personlichkeit in den Mittelpunkt ruckt.

Ein weiteres ablenkendes Verfahren, diesmal in Kombination mit der Methode des Vergleichens, wird bei der Aufgabe des Zeichnens zur Musik eingesetzt. Die Schuler/Schulerinnen horen die Structures I a aus den Structures pour deux pianos und fertigen wahrenddessen, mit der Vorgabe nur Striche zu verwenden, eine assoziative Zeichnung zum Stuck an. Die Schuler/Schulerinnen konzentrieren sich beim Horen auf das Zeichnen, wobei sie sich (noch) kein Urteil uber die Musik bilden, welches sonst vielleicht dazu fuhren konnte, dass sie sich ihr gegenuber verschlieRen. Wichtig ist dabei, dass die Schuler/Schulerinnen ihre Ergebnisse mit dem Bild vergleichen, welches Boulez mit dem Stuck selbst assoziiert hat. Hier findet eine andere Art der Identifikation statt, namlich die des selbst Produzierten - Zeichnungen der Schuler/Schulerinnen - mit der assoziativen Vorlage von Boulez zum Stuck.

Das ablenkende Verfahren wird in der gesamten Unterrichtseinheit durch die Verwendung von Zeitungsartikeln und Zitaten uber Boulez und dessen Werke immer wieder angewendet. Dadurch wird eine Erwartungshaltung aufgebaut, die zu einer erhohten Bereitschaft der Schuler/Schulerinnen fuhrt, sich mit ihnen fremder Musik zu beschaftigen.

Der asthetische Ansatz soll bei den Schulern zu einer Diskussion uber den Unterrichtsgegenstand fuhren. Die Analyse der Structures pour deux pianos wirft die Frage nach der Horbarkeit auf und offenbart zugleich ein asthetisches Problem, namlich das der Ausdruckslosigkeit der Musik. Die Suche nach einer Losung, die einem problemorientierten Ansatz eigen ist, fordert das selbststandige asthetische Urteilen uber eine Komposition und weckt Neugier auf die Losung des Problems, welches im Fall der Structures pour deux pianos bei Boulez zu einem grundlegenden kompositorischen Wandel gefuhrt hat.

Der semantische Ansatz findet mit der Methode des Vergleichens bei dem Stuck Le marteau sans maftre in zweierlei Hinsicht gebrauch: erstens im Vergleich von Alt und Neu, der sich auf die polyphone Satztechnik und das imitatorische Verfahren von Nr. III L'artisanat furieuxbezieht und zweitens im Vergleich von Wort und Ton im Bezug auf die besondere Behandlung der Gedichtvorlage durch Boulez, ebenfalls bei Nr. III L 'artisanat furieux.

Dem semantisch-affektiven Ansatz ist die Beschreibung der Wirkung eines Stuckes zu zuordnen, welche fur den Umgang mit unbekannter Musik wichtig ist. Die Schuler/Schulerinnen sollten dabei die Moglichkeit haben sich frei zur Horerfahrung eines Stuckes auRern zu konnen. Der Lehrer sollte dabei keine letzte Instanz darstellen, die uber die Qualitat eines Stuckes entscheidet. Zuruckhaltung des Lehrers fuhrt bei den Schulern/Schulerinnen zu Offenheit und Unvoreingenommenheit bei der Beurteilung von Horerfahrungen und lasst eine Reflektion zu.

Die Vernetzung und damit Wiederholung des Unterrichtsstoffes in „neuem Kleide“ ist fur die Vertiefung und Festigung der erworbenen Kenntnisse von groRer Bedeutung. Deshalb werden die theoretischen Erkenntnisse gegen Ende der Unterrichtseinheit mit praktischen Aufgaben wie einer Kollektiv-Improvisation, dem Komponieren am Computer und der Auffuhrung eines Stuckes vernetzt. Diese experimentellen Ansatze ermoglichen daruber hinaus auch eine profunde Identifikation mit dem Unterrichtsstoff.

Ein weiterer Ansatz zur besseren Identifikation mit dem Unterrichtsgegenstand ist der Besuch einer Auffuhrung. Die Schuler/Schulerinnen erleben Pierre Boulez als Komponist und Dirigent beim Eroffnungskonzert der Donaueschinger Musiktage 2008. Sie erfahren, dass die Musik von Boulez in der heutigen Gesellschaft rezipiert und reflektiert wird. Diese affektive Erfahrung ist womoglich die wichtigste Komponente in der Reihe der didaktischen Voruberlegungen zur Unterrichtseinheit.

Die Auswahl der Stucke zur Einheit uber Boulez geschah aus verschiedenen Grunden. Die Structures pour deux pianos verdeutlichen auf exemplarische Weise die strenge Form der seriellen Kompositionstechnik. Dieses Stuck ist geradezu eine „Material-Schau“ der seriellen Musik und besonders als Einstieg in die Thematik geeignet. Daruber hinaus provozieren die Structures durch ihre „Trockenheit“ und regen zur Diskussion an. Le marteau sans maitre stellt quasi die Reaktion auf die „Trockenheit“ der Structures dar. Zugleich veranschaulicht das Stuck die kompositorische Entwicklung Boulez' innerhalb einer kurzen Zeit. Die Abkehr vom streng seriellen Denken und die Einbeziehung des Zufalls (Aleatorik) lassen sich bei Le marteau sans maitre gut nachvollziehen.

7. Innovation

Neue Musik im Musikunterricht ist nur selten Bestandteil des Curriculums. „Im unterrichtlichen Umgang erscheint Neue Musik haufig als ein Sonderbereich.[8]

Freilich sollte es keine Innovation darstellen, wenn Neue Musik unterrichtet wird, doch so scheint es im Schulalltag auszusehen. Der Grund dafur ist vermutlich auf die Vermittlungsschwierigkeiten dieses Themas zuruckzufuhren.

Der Zugang zur Neuen Musik ist jedenfalls fur das Gelingen des Unterrichts entscheidend. Bisher dominierten haufig „kognitive Zugriffe“[9], die vom Horen ausgingen und in Analysen mundeten.

Mit der Unterrichtseinheit „Neue Musik im Musikunterricht - Pierre Boulez und die serielle Musik“ wird genau der umgekehrte Weg verfolgt. Die Schuler/Schulerinnen erhalten zunachst einmal eine Reihe von Hintergrundinformationen zum Komponisten, den Stucken usw. Danach erst horen sie die Kompositionen, mit einem Vorwissen, dass ihnen die Moglichkeit gibt, das Gehorte einzuordnen. Das ist an sich noch keine besondere Innovation. Die Innovation liegt in der Vernetzung von verschiedenen Zugriffen. D. h. „in der Verbindung von Analyse, Reflexion und Selbsttun“[10]. Die Schuler/Schulerinnen eignen sich zunachst grundlegendes Wissen an, um dieses Wissen zu reflektieren und schlieRlich praktisch zu verwenden. Im Detail haben die Schuler/Schulerinnen theoretische Kenntnisse zum Komponisten Boulez und zur seriellen Musik durch exemplarische Werke erworben. Diese Kenntnisse wurden problematisiert und reflektiert. Zum Schluss wurden sie handlungsorientiert angewendet: durch eine Kollektiv-Improvisation, durch das Komponieren eines seriellen Stuckes am Computer und durch die Auffuhrung des aleatorischen Werkes Five von John Cage.

Die Innovation im theoretischen Teil liegt im problemorientierten Zugriff. Die Schuler/Schulerinnen erhalten uber Zitate von Boulez Einblick in dessen kompositorische Gedanken z. B. zu den Problemen der seriellen Musik. Ein weiterer problemorientierter Aspekt ist die Auseinandersetzung mit den Problemen der Neuen Musik im Allgemeinen: dem neuen Kunstverstandnis, der neuen Horeinstellung und der Rezeptionsschwierigkeiten.

Die Handlungsorientierung ist in dieser Unterrichtseinheit einer der wichtigsten Bestandteile. Der Erfahrungsraum, der dabei aufgebaut wird, schafft „durch das eigene musikalische Gestalten Vertrautheit im Umgang mit Neuer Musik"[11]. Die zeitgenossische Musik bietet viel Potenzial zur musikalischen Gestaltung:

„Besonders die radikale Materialbeschrankung, die Parameterakzentuierung oder der Einbezug gestalterischer Spielraume bieten hierzu die notwendigen Impulse."[12] Gerade das Thema der seriellen Musik eignet sich in exemplarischer Weise fur solche Gestaltungsaufgaben. Die Aufgabe ein serielles Stuck am Computer zu komponieren, nimmt den Gedanken der radikalen Materialbeschrankung und Parameterakzentuierung in beispielhafter Weise auf. Gestalterische Spielraume werden durch die Kollektiv-Improvisation und die Auffuhrung von Five entdeckt.

Nicht zuletzt stellt der Besuch einer Auffuhrung von zeitgenossischer Musik eine Innovation dar. Die Schuler/Schulerinnen lernen durch den Besuch des Eroffnungskonzertes der Donaueschinger Musiktage 2008 den Komponisten und Dirigenten Pierre Boulez auf besondere Weise kennen. Sie erleben das Umfeld eines Neue Musik-Festivals und die Urauffuhrung von drei zeitgenossischen Werken. Mit dieser auRerunterrichtlichen Veranstaltung wird den Schulern/Schulerinnen vor Augen gefuhrt, dass eine lebendige Neue Musik-Kultur existiert. Diese Erfahrung bereichert den Unterricht bezuglich der Motivation der Schuler/Schulerinnen in hohem MaRe. Eine Nachbesprechung des Konzertbesuchs bringt eine neue, vollig vom Unterrichtsalltag entfernte, Atmosphare in den Unterricht.

Auch dieser Bereich wird durch die Kollektiv-Improvisation frei nach Enno Poppes Altbau, das eines der drei Urauffuhrungen in Donaueschingen dargestellt hat, im Unterricht vernetzt. Aus der Horerfahrung dieses Stuckes sollen die Schuler/Schulerinnen in improvisatorischem Umgang mit einem entlehnten Motiv aus Altbau musikalisch experimentieren.

8.1. Organisation

Neben der allgemeinen Organisation der Unterrichtseinheit, stand vor allem die Organisation des Konzertbesuches bei den Donaueschinger Musiktagen 2008 im Vordergrund. Bereits am Ende des letzten Schuljahres mussten, wegen groRer Nachfrage, die ermaRigten Schulerkarten erworben werden. Da der Termin des Eroffnungskonzerts der Donaueschinger Musiktage fest stand, musste die Unterrichtseinheit dementsprechend zeitlich darauf abgestimmt werden.

Der im Fach Musik planmaRig nur einstundig laufende Unterricht der Klasse 11 b wurde durch entgegenkommende Unterstutzung der Schulleitung des Gymnasiums am Deutenberg in Villingen-Schwenningen wahrend der Unterrichtseinheit „Neue Musik im Musikunterricht - Pierre Boulez und die serielle Musik“ auf zwei Stunden pro Woche erweitert. Dabei wurde ich von einem Fachlehrer der Klasse 11 b, der mir unkompliziert eine seiner Unterrichtsstunden zur Verfugung stellte, unterstutzt.

8.2. Ubergeordnete Ziele der Unterrichtseinheit

Die Schuler/Schulerinnen lernen durch die Begegnung mit der Personlichkeit Pierre Boulez einen wichtigen Komponisten der Neuen Musik kennen. Sie erfahren daruber hinaus, dass Boulez der Stromung der seriellen Musik angehort und aleatorische Einflusse in seiner Musik auffindbar sind. Das Erlebnis der Auffuhrung eines Werkes von Pierre Boulez unter dessen eigener Leitung und die praktische Auseinandersetzung mit dem Thema der seriellen und aleatorischen Musik stellen die handlungsorientierten Ansatze der Unterrichtseinheit dar. Diese sprechen einerseits die gestalterischen Kompetenzen der Schuler/Schulerinnen an, andererseits vertiefen sie zuvor erworbene kognitive Kenntnisse. Das Verstandnis von Neuer Musik wird uber einen problemorientierten Ansatz, der zum kritischen Denken uber Musik anregt, vermittelt.

Sowohl im praktisch orientierten als auch im theoretischen Bereich wird die Reflexion uber Musik mit in das Unterrichtsgeschehen einbezogen. Die Schuler/Schulerinnen auRern ihre Eindrucke zur Musik und setzen sie in Beziehung zu Hintergrundwissen. Die Arbeit in Gruppen- (Mind-Map, Kollektiv-Improvisation, Auffuhrung von Five) und Partnerarbeit (Serielle Komposition) und der Konzertbesuch fordern die Gemeinschaft der Klasse in sozialer Hinsicht. Nicht zuletzt machen die Schuler/Schulerinnen die Erfahrung, dass Neue Musik interessant sein kann.

8.3. Vorgehen

Fur die exemplarische Behandlung einer Stromung der Neuen Musik habe ich mich dazu entschlossen einen Komponisten, in diesem Fall Pierre Boulez, naher im Bezug auf sein Werk zu betrachten. Die Stucke Structures pour deux pianos und Le marteau sans maitre von Boulez sind aus verschiedenen Grunden fur die Unterrichtseinheit gewahlt worden. Die extreme kompositorische Position der Structures wird bereits bei Le marteau von Boulez verlassen. Die streng serielle Kompositionsmethode wird durch aleatorische Einflusse „aufgeweicht“. Die Zeit zwischen beiden Stucken stellt eine Gelenkstelle im Schaffen Boulez' dar. Boulez' Abkehr vom streng seriellen Denken ist vielfach dokumentiert, sogar vom ihm selbst, da er sich auch als Schriftsteller betatigt hat.

Die Personlichkeit Boulez begleitet die Schuler/Schulerinnen uber die gesamte Unterrichtseinheit. Zu Beginn der Einheit erhalten sie biographische Informationen uber Boulez. Bei den Werkbetrachtungen wird stets auch die Ansicht Boulez' zu den Kompositionen thematisiert (uber Zitate und Audio-Kommentare). Die Schuler/Schulerinnen erleben Boulez als Dirigenten im Konzert und erfahren etwas uber die Beziehung Boulez' zu den Donaueschinger Musiktagen. In der Stunde uber John Cage wird Boulez im Kontrast zu Cage angesprochen.

Die Personlichkeit Pierre Boulez stellt somit den roten Faden der Unterrichtseinheit dar.

8.4. Uberblick uber die Unterrichtseinheit

1. Stunde: „Boulez-Presseschau“

Vier Zeitungsartikel uber Boulez werden mit der Methode Lawine behandelt. Ein gemeinsames Mind-Map (Tafel) fasst die wichtigsten Punkte zur Personlichkeit Boulez zusammen. AnschlieRend wird Boulez noch uber eine historische Systematik verortet.

2. Stunde: „Nullpunkt eines neuen Beginns“

Musik nach 1950 (kurze geschichtliche Einordnung), danach Einfuhrung in das serielle Fruhwerk Structure I a uber Boulez-Zitate aus „Wille und Zufall“. In Beziehung setzen mit Paul Klees Bild „Monument an der Grenze des Fruchtlandes“. Analyse des Stuckes und Reflektion.

3. Stunde: „Boulez in Donaueschingen“

Allgemeine Informationen zu Donaueschingen und zur Beziehung Boulez - Donaueschingen. Kritischer und provozierender Zeitungsartikel von 1958 zur Auffuhrung einer Komposition von Boulez in Donaueschingen.

Konzertbesuch - Eroffnungskonzert der Donaueschinger Musiktage 2008 mit dem SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg unter der Leitung von Pierre Boulez.

4. Stunde: „Abkehr vom Fetischismus der Zahl“

Nachbesprechung des Konzertbesuchs. Boulez' Abwendung von der streng seriellen Musik anhand von Textstellen aus „Alea“ und „Wille und Zufall“. Erneute Ruckbesinnung auf die Structure I a aus neuem Blickwinkel (Diskussion) unterfuttert durch einen kurzen Audio- Kommentar von Boulez zur Kritik an der seriellen Musik.

5. Stunde: „Le marteau sans maitre“

Analyse des Stuckes Le marteau sans maitre. Aspekte: Text, Imitationstechnik, Ausdruck, Intension, Wort-Ton-Beziehung.

6. Stunde: „Le marteau sans maitre 2“

Reflektion uber die kompositorische Entwicklung Boulez' von den Structures zu Le marteau sans maitre anhand eines Zeitungsartikels. AnschlieRend ein praktischer Teil - Kollektiv-Improvisation.

7. Stunde: „Serielle Musik am Computer“

Komponieren eines seriellen Stuckes mit einem Notationsprogramm.

8. Stun de: „Der Zufall in der Musik“

Vergleich von Boulez und Cage. Auffuhrung des Stuckes Five aus den „Number Pieces" von John Cage.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

[...]


[1] Bildungsplan fur das allgemein bildende Gymnasium 1994, S. 583

[2] ebd.

[3] ebd.

[4] ebd.

[5] Bildungsplan fur das allgemein bildende Gymnasium 2004, S. 277/278

[6] Boulez, Pierre: Wille undZufall: Gesprache mit Celestin Deliege und Hans Meyer, Stuttgart: Belser, 1977.

[7] Boulez, Pierre: Werkstatt-Texte, Berlin: Propylaen-Verlag, 1972.

[8] Jank, Werner (Hrsg.): Musik-Didaktik, Berlin 2007, S. 195

[9] Jank, Werner (Hrsg.): Musik-Didaktik, Berlin 2007, S. 194

[10] WiRkirchen, Hubert: Neue Musik im Unterricht in: Helms (Hrsg.): Handbuch der Schulmusik, Regensburg 1985, S.296

[11] Jank, Werner (Hrsg.): Musik-Didaktik, Berlin 2007, S. 199

[12] ebd.

Ende der Leseprobe aus 64 Seiten

Details

Titel
Neue Musik im Musikunterricht - Pierre Boulez und die serielle Musik
Hochschule
Universität Konstanz  (Staatliches Seminar für Didaktik und Lehrerbildung (Gymnasien) Rottweil)
Note
2,5
Autor
Jahr
2009
Seiten
64
Katalognummer
V132116
ISBN (eBook)
9783640376858
ISBN (Buch)
9783640377725
Dateigröße
5927 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schriftliche Dokumentation einer Unterrichtseinheit
Schlagworte
Neue Musik, Pierre Boulez, Serielle Musik, Donaueschinger Musiktage, Musik nach 1950, Structures pour deux pianos, Alea, Le marteau sans maître, Kollektiv-Improvisation, Komposition, John Cage, Five, Number Pieces, Aleatorik, Serielle Musik am Computer, Wille und Zufall
Arbeit zitieren
Thomas Grasse (Autor), 2009, Neue Musik im Musikunterricht - Pierre Boulez und die serielle Musik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/132116

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