Kindlers Literaturlexikon weist in seinem Artikel über Voltaires Candide darauf hin, dass dieser Roman „viel gelesen, belacht, verdammt, gelobt“ (Kindlers) worden sei, dass seine Rezeptionsgeschichte also ambivalent verlaufen sei. „Leichthin“, schreibt Walter Mönch in seinem Vortrag über Voltaire und Leibniz, „wird die Meinung geäußert und nachgesprochen, dieser berühmteste Roman Voltaires sei eine geistvoll verkleidete Widerlegung des Leibnizschen Optimismus, dem zu folge wir in der denkbar besten aller Welten lebten“ (Walter Mönch). Mönch weist auf die Differenzen hin, die Voltaire und Leibniz trennen, die zeitliche und damit geistesgeschichtliche Distanz aufgrund unterschiedlicher historischer Entwicklungen in zwei grundverschiedenen Nationen. Er deutet an, dass dieser Lektüreansatz möglicherweise zu kurz greift...
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Voltaire: streitbarer Autor
3 Pangloss ist/ist nicht Leibniz
4 Leitmotiv: Es bewegt sich nichts
5 verhüllte Enthüllung
6 Schein und Sein
7 übernommene und überkommene Missverständnisse
8 Der Garten
9 Conclusion
10 Bibliographie
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht Voltaires Roman Candide nicht primär als theoretische Widerlegung des Leibnizschen Optimismus, sondern fokussiert auf die Kritik an gesellschaftlicher Untätigkeit und die Rezeptionsgeschichte des Werkes. Es wird der Frage nachgegangen, inwiefern die Erzählstrategie als verschleierte Form der zeitgenössischen Gesellschaftskritik und als Appell zur aktiven Lebensgestaltung zu verstehen ist.
- Die kritische Auseinandersetzung mit dem metaphysischen Optimismus
- Die Analyse des Motivs der Untätigkeit im Kontext des 18. Jahrhunderts
- Die Funktion der Erzählperspektive und Ironie als distanzierendes Mittel
- Die Interpretation des "Gartens" als Metapher für eigenverantwortliches Handeln
- Die Autoimago Voltaires innerhalb des literarischen Textes
Auszug aus dem Buch
Pangloss ist/ist nicht Leibniz
„Der «Leibniz» in Voltaires Roman“, schreibt Holmsten, „ist Pangloss, Lehrer der Metaphysico-theologo-cosmolonilogie“, Lehrer also einer Phantasiewissenschaft, mit der die Figur als „le plus grand philosophe de la province, et par conséquent de toute la terre“ (Candide, S. 47) ironisch eingeführt wird. Wäre ein solcher Angriff auf einen Menschen, den Voltaire nie getroffen hatte, nicht als völlig überzogen zu bewerten und einigermaßen untypisch für den von vielen Königshäusern als klugen Kopf hoch geschätzten Mann? Wäre der gleiche Angriff auf einen jener Leibniz-Leser und –missversteher, die sich dennoch auf die – wenn auch falsch verstandene – Philosophie berufen und bequem im Leben einrichten, nicht dagegen sehr angemessen?
Die Figur Pangloss, die zu allem etwas zu sagen weiß und die damit dem honnêteté-Ideal zu Voltaires Zeit entspricht, wird von der Erzählinstanz eingeführt als „précepteur“ (Candide, S. 46), der am Schluss der Geschichte von einer Professorenkarriere „dans quelque université d’Allmagne“ (Candide, S. 163) träumt und in der Zwischenzeit bedient er sich verschiedener Philosophen und deren Philosophien, um seinem Namen des „Allredners“ gerecht zu werden. Es ist nicht nur die Philosophie eines Leibniz, die er zitiert, sondern mindestens auch die von Rousseau (Candide, S. 99: „Ah! que dirait maître Pangloss s’il voyait comme la pure nature est faite?“) und von Descartes (Candide, S. 160: „le plein et la matière subtile“). Und: Selbst als Pangloss am Ende zugibt, selbst nicht mehr Recht an diesen Optimismus zu glauben, zitiert er Leibniz noch immer, denn Leibniz könne sich unmöglich geirrt haben und er, Pangloss, dürfe sich als Philosoph nicht widersprechen, meint er (vgl. Candide, S. 160). Es geht hier um Sturheit, um ein Nicht-Abrücken Wollen von einmal gefassten Positionen und um Gerede. Das „contaient“, „raisonnaient“, „disputaient“ (Candide, S. 160) und „philosopher à plus que jamais“ (Candide, S. 164) verkommt zu leerem Gerede und gipfelt in der Langeweile der Untätigkeit.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die ambivalente Rezeptionsgeschichte von Candide und stellt verschiedene literaturwissenschaftliche Deutungsansätze gegenüber.
2 Voltaire: streitbarer Autor: Dieses Kapitel zeigt, wie Voltaires biografische Erfahrungen und Konflikte seine satirische Schreibweise und seine direkte Reaktion auf zeithistorische Ereignisse prägten.
3 Pangloss ist/ist nicht Leibniz: Die Untersuchung der Figur Pangloss verdeutlicht, dass die Satire weniger Leibniz persönlich als vielmehr dessen oberflächliche Interpreten und die allgemeine Intellektuellen-Untätigkeit trifft.
4 Leitmotiv: Es bewegt sich nichts: Der Fokus liegt auf der Entwicklung der Titelfigur vom naiven Anhänger zum desillusionierten Beobachter, wobei die eklatante Untätigkeit trotz moralischen Wissens als zentrales Motiv hervortritt.
5 verhüllte Enthüllung: Es wird analysiert, wie Voltaire durch Anonymität und narrativen Fiktionen seine Kritik an französischen Zuständen tarnt, während er gleichzeitig durch ironische Brechungen das Eigentliche enthüllt.
6 Schein und Sein: Dieses Kapitel arbeitet das Spannungsfeld zwischen Heuchelei und Realität heraus, das sich sowohl in der Erzählweise als auch in der Charakterisierung der Figuren manifestiert.
7 übernommene und überkommene Missverständnisse: Hier wird der Umgang der Figuren mit der leibnizschen Philosophie als bloße Phrasendrescherei entlarvt, die in der Suche nach Utopien wie Eldorado scheitert.
8 Der Garten: Das Kapitel interpretiert den "Garten" nicht als Rückzugsort, sondern als notwendigen Raum für nützliches, aktives Handeln als Antwort auf die menschliche Misere.
9 Conclusion: Die Schlussbetrachtung fasst die Aufforderung des Werkes zusammen, nicht untätig zu bleiben, sondern die Welt durch eigenes Handeln mitzugestalten.
Schlüsselwörter
Voltaire, Candide, Leibniz, Optimismus, Aufklärung, Satire, Untätigkeit, Gesellschaftskritik, Garten, Erzählstrategie, Ironie, Philosophie, Rezeptionsgeschichte, Literaturwissenschaft, Handlungsfähigkeit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert Voltaires Candide hinsichtlich seiner satirischen Stoßrichtung und argumentiert, dass der Roman nicht primär eine philosophische Abhandlung widerlegt, sondern eine gesellschaftskritische Aufforderung zum Handeln darstellt.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zu den zentralen Themen gehören die Kritik an philosophischer Untätigkeit, die Rolle der literarischen Ironie, das Verhältnis von Schein und Sein sowie die Interpretation des berühmten Schlussbildes vom "Garten".
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, dass der Zweck des Romans in der Kritik an einer untätigen Intellektuellenschicht liegt, die philosophische Ideale zur Rechtfertigung eigener Passivität nutzt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die den Primärtext mit zeitgenössischen biografischen Daten Voltaires und einer Auswahl fachwissenschaftlicher Sekundärliteratur vergleicht.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine sukzessive Analyse verschiedener Aspekte des Romans, von der Rolle Voltaires als Autor über das Leitmotiv der Untätigkeit bis hin zur symbolischen Bedeutung einzelner Figuren und Episoden.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich maßgeblich durch Begriffe wie Voltaire, Optimismuskritik, Gesellschaftskritik, Untätigkeit und Handlungsaufforderung beschreiben.
Inwiefern spielt der "Garten" eine besondere Rolle für die Schlussfolgerung?
Der "Garten" wird als Metapher für eigenverantwortliche Tätigkeit interpretiert, die es dem Individuum ermöglicht, den Widrigkeiten des Lebens und der gesellschaftlichen Lethargie aktiv entgegenzuwirken.
Wie bewertet die Autorin Voltaires satirischen Angriff auf Leibniz?
Die Autorin argumentiert, dass Voltaire Leibniz selbst vermutlich gar nicht in seiner philosophischen Tiefe angreifen wollte, sondern vielmehr jene "Leibniz-Leser" ins Visier nahm, die dessen Philosophie instrumentalisierten, um ihr eigenes Nichthandeln zu legitimieren.
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- Ariela Sager (Author), 2008, Rendre la vie supportable, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/132138