Ian McEwans Sicht von Wirklichkeit und Fiktion am Beispiel 'Atonement'


Seminararbeit, 2003

10 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Textarten in Atonement

3. Wechsel der Erzählweisen
3.1 Der Erzähler
3.2 Fokalisierungswechsel

4. Das Verhältnis von Illusion und Wirklichkeit als roter Faden

5. Die Figur der Briony als Mittel der Verwirrung?

6. Zusammenfassung

Bibliographie

1. Einleitung

Einen fiktionalen Roman als ein rein fiktives Konstrukt eines Autors zu betrachten, erscheint wohl nicht nur für jeden Literaturwissenschaftler die einzig richtige Herangehensweise an ein solches Werk zu sein. Doch genau mit diesem Selbstverständnis spielt Ian McEwan in seinem Roman Atonement, in dem er durch die Figur der Briony mit dem mimetischen Konzept bricht, und den Leser zutiefst erschreckt. Am Ende des eigentlichen Romans erfährt der Leser, der bis zu diesem Zeitpunkt von einem heterogetisch extradiegetischen Erzähler, der in der Geschichte nicht vorkommt, ausgehen musste, dass eine der Hauptfiguren des Romanes, Briony Tallis, die Erzählerin dieser Geschichte ist. Die Wirkung dieses ungewöhnlichen Bruches wird noch durch die Tatsache verstärkt, dass Briony während des ganzen Romanes mit einer von ihr selbst hervorgebrachten Lüge zu kämpfen hat, die schlussendlich auch der Grund für das Schreiben der Geschichte war. Briony war also durch die Geschichte hindurch die Person, die innerhalb der Erzählung am wenigsten glaubwürdig war. Plötzlich muss der Leser des ganzen zuvor gelesenen Roman nochmals neu überdenken, nichts scheint mehr stimmig zu sein, und eine starke Verwirrung setzt ein.

Was aber bezweckt McEwan durch dieses Spiel mit der Fiktion, welche Bedeutung hat für ihn die Wirklichkeit? Ist sie für ihn nicht wichtig, oder versucht er dadurch den Leser auf eine besondere Art und Weise zum Nachdenken anzuregen. Die folgende Arbeit befasst sich mit der Absicht McEwans, die hinter diesem Bruch mit der traditionellen Erzählweise zu Suchen ist und versucht, eine mögliche Sichtweise McEwans von Fiktion und Wirklichkeit im Roman herauszuarbeiten.

Hierzu erfolgt zunächst eine Betrachtung der unterschiedlichen Textarten die McEwan in Atonement verwendet, und auch auf die verschiedenen Erzählweisen soll kurz eingegangen werden. Im weiteren Verlauf wird das Verhältnis von Illusion und Wirklichkeit innerhalb des Romans aufgezeigt und die Funktion der Person Briony dargestellt.

2. Textarten in Atonement

Schon in der Auswahl der Textarten zeigt sich ein gewisse Ablehnung McEwans gegen ein striktes mimetisches Konzept, vielmehr bietet der Autor eine kollagenhafte Zusammenstellung verschiedenster Textarten, eine Darstellung eines Reichtums an Möglichkeiten, mit denen der Leser konfrontiert wird.

Zu Beginn des Romans handelt es sich um eine reine Erzählung, die Personen werden dargestellt, und es wird deutlich, dass zwei Menschen und ihre Liebe zueinander ein wichtiger Bestandteil sind. Der Einschub eines Gedankenflusses von Emily auf Seite 63, in dem sie über ihr Leben, über ihre Vergangenheit, ihren Stand in der Familie und über ihre Zukunft nachdenkt, stellt eine erste Änderung in der Textart dar. Diese Form des Gedankenflusses erscheint immer wieder aus der Sicht der verschiedenen Figuren. Im weiteren Verlauf des ersten Buches schreibt Robbie einen Brief an Cecilia, der zwar nicht als komplett fertiger Brief dargestellt wird, dennoch hält die Textart des Briefes an dieser Stelle Einzug, indem der Prozess des Verfassens mit den einzelnen Abschnitten die dabei entstehen dargestellt wird. Der Leser bekommt den Brief in gestückelter Form zu lesen, und kennt so am Ende den gesamten Inhalt des Briefes.

Das zweite Buch beginnt mit einer 10 Seiten langen, sehr authentisch wirkenden Kriegsbeschreibung aus der Sicht Robbies, und auf den Seiten 288ff erfolgt eine weiter Beschreibung der Kriegszustände in den Krankenhäusern. In einem weiteren Brief werden über mehrere Seiten hinweg die Reaktionen und Anmerkungen einer Verlegerin auf Brionys Roman dargestellt, wobei auch hier ein historischer Hintergrund erscheint, indem zum Beispiel der Text nach Meinung der Verfasserin des Briefes „...owed a little too much to the techniques of Mrs Woolf“[1] Hier wird eindeutig auf die als reale Person existierende Schriftstellerin Virginia Woolf bezug genommen. Eine letzte neue Textart ist im Anhang zu finden, mit der Überschrift London 1999[2]. Hier spricht die Erzählerin, die erst kurz zuvor auf eine für den Leser schockierende Art und Weise durch die zwei Buchstaben BT auf Seite 349 als die eigentliche Erzählerin entlarvt wird, selbst.

Durch diese Vielschichtigkeit bietet McEwan schon hier ein Breite an verschiedenen Interpretationsmöglichkeiten des Textes an, schon in dieser Betrachtungsweise wird deutlich, dass es für ihn nicht die eine Form von Wirklichkeit gibt, vielmehr bietet er dem Leser verschiedene Formen von Wirklichkeit und Fiktion nebeneinander an.

[...]


[1] Ian McEwan, Atonement, London (2001), Vintage, S.312.

[2] Ian McEwan, Atonement, S.351.

Ende der Leseprobe aus 10 Seiten

Details

Titel
Ian McEwans Sicht von Wirklichkeit und Fiktion am Beispiel 'Atonement'
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Englische Philologie)
Veranstaltung
Einführung in die Literaturwissenschaft
Note
2,0
Autor
Jahr
2003
Seiten
10
Katalognummer
V132215
ISBN (eBook)
9783640381128
Dateigröße
448 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ian McEwan, Englisch, Atonement, Literaturanalyse
Arbeit zitieren
Sonja Keller (Autor), 2003, Ian McEwans Sicht von Wirklichkeit und Fiktion am Beispiel 'Atonement', München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/132215

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