Einen fiktionalen Roman als ein rein fiktives Konstrukt eines Autors zu betrachten, erscheint wohl nicht nur für jeden Literaturwissenschaftler die einzig richtige Herangehensweise an ein solches Werk zu sein. Doch genau mit diesem Selbstverständnis spielt Ian McEwan in seinem Roman Atonement, in dem er durch die Figur der Briony mit dem mimetischen Konzept bricht, und den Leser zutiefst erschreckt. Am Ende des eigentlichen Romans erfährt der Leser, der bis zu diesem Zeitpunkt von einem heterogetisch extradiegetischen Erzähler, der in der Geschichte nicht vorkommt, ausgehen musste, dass eine der Hauptfiguren des Romanes, Briony Tallis, die Erzählerin dieser Geschichte ist. Die Wirkung dieses ungewöhnlichen Bruches wird noch durch die Tatsache verstärkt, dass Briony während des ganzen Romanes mit einer von ihr selbst hervorgebrachten Lüge zu kämpfen hat, die schlussendlich auch der Grund für das Schreiben der Geschichte war. Briony war also durch die Geschichte hindurch die Person, die innerhalb der Erzählung am wenigsten glaubwürdig war. Plötzlich muss der Leser des ganzen zuvor gelesenen Roman nochmals neu überdenken, nichts scheint mehr stimmig zu sein, und eine starke Verwirrung setzt ein.
Was aber bezweckt McEwan durch dieses Spiel mit der Fiktion, welche Bedeutung hat für ihn die Wirklichkeit? Ist sie für ihn nicht wichtig, oder versucht er dadurch den Leser auf eine besondere Art und Weise zum Nachdenken anzuregen. Die folgende Arbeit befasst sich mit der Absicht McEwans, die hinter diesem Bruch mit der traditionellen Erzählweise zu Suchen ist und versucht, eine mögliche Sichtweise McEwans von Fiktion und Wirklichkeit im Roman herauszuarbeiten.
Hierzu erfolgt zunächst eine Betrachtung der unterschiedlichen Textarten die Mc-Ewan in Atonement verwendet, und auch auf die verschiedenen Erzählweisen soll kurz eingegangen werden. Im weiteren Verlauf wird das Verhältnis von Illusion und Wirklichkeit innerhalb des Romans aufgezeigt und die Funktion der Person Briony dargestellt.
Inhaltsverzeichnis
1. EINLEITUNG
2. TEXTARTEN IN ATONEMENT
3. WECHSEL DER ERZÄHLWEISEN
3.1 DER ERZÄHLER
3.2 FOKALISIERUNGSWECHSEL
4. DAS VERHÄLTNIS VON ILLUSION UND WIRKLICHKEIT ALS ROTER FADEN
5. DIE FIGUR DER BRIONY ALS MITTEL DER VERWIRRUNG?
6. ZUSAMMENFASSUNG
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Absicht Ian McEwans in seinem Roman Atonement, durch gezielte Brüche mit der traditionellen Erzählweise die Wahrnehmung des Lesers in Bezug auf Fiktion und Wirklichkeit zu hinterfragen. Es wird analysiert, wie der Autor durch narrative Strategien, den Einsatz unterschiedlicher Textarten und die Figur der Briony Tallis eine bewusste Verwirrung des Lesers erzeugt, um ein reflektierteres Verständnis für die Konstruktion von Literatur zu fördern.
- Analyse der verschiedenen in Atonement verwendeten Textarten
- Untersuchung des Wechsels der Erzählweisen und Fokalisierung
- Die Rolle der Illusion als zentraler roter Faden des Romans
- Die Funktion der Briony Tallis als Erzählerin und Täuschungsinstanz
- Kritische Auseinandersetzung mit dem Konzept der Wirklichkeit im fiktionalen Kontext
Auszug aus dem Buch
Die Figur der Briony als Mittel der Verwirrung?
Wie im vorherigen Abschnitt deutlich wurde, hat McEwan eigentlich schon den ganzen Roman hindurch dem Leser immer wieder Möglichkeiten geboten, über Illusion und Wirklichkeit auch innerhalb eines Romans nachzudenken, ihm somit schon vorher die Möglichkeit zu einem kritischen Umgang mit Fiktion angeboten, aber dennoch erkennet der Leser diese versteckten Hinweise erst durch das Aufdecken der Briony als eigentliche Erzählerin. Zunächst mag es so erscheinen als wolle der Autor die Figur der Briony nur als Mittel der Verwirrung benutzten, was ihm auch gelingt, da der Leser auf Seite 349 durchaus erst einmal mit großer Verwirrung reagiert, aber die Absicht McEwans geht wohl noch ein ganzes Stück weiter.
Der Bruch mit der traditionellen Erzählweise macht deutlich, wie stark der Leser doch in dem Roman gefangen ist, der Schock zeigt, wie gerne der Leser Fiktion als Realität ansehen möchte, ansonsten dürfte es schließlich für den Leser keinen Unterschied machen, on McEwan den Roman in seinem Schreibzimmer verfasst hat, und hinter der fiktiven Figur des Erzählers steht, oder Briony, in beiden Fällen handelt es sich um rein fiktionale Konstrukte, der Roman müsste also völlig gleich gelesen werden, eben einfach als ein Konstrukt eines Autors, der aus Sicht eines Erzählers schreibt. Atonement bietet zwar schon durch die Verwendung der verschiedenen Textarten eine Bruch mit der traditionellen Erzählweise, aber erst durch Briony und den erzählerischen Kunstgriff ist McEwans Parodie wirklich geglückt, und zwingt den Leser dazu über sein ganz persönliches Verständnis und seinen Umgang mit Fiktion nachzudenken, wobei sicherlich eine gewisse Warnung an den Leser erfolgt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. EINLEITUNG: Die Einleitung führt in die Problematik ein, wie McEwan durch den Bruch mit dem mimetischen Konzept und der Entlarvung der Erzählerin Briony den Leser verunsichert und zum Nachdenken über Fiktion anregt.
2. TEXTARTEN IN ATONEMENT: Dieses Kapitel betrachtet die kollagenhafte Zusammenstellung verschiedener Textarten wie Briefe, Gedankenflüsse und authentische Beschreibungen, die den Reichtum an Interpretationsmöglichkeiten aufzeigen.
3. WECHSEL DER ERZÄHLWEISEN: Es wird die narratologische Struktur analysiert, wobei besonders die Funktion des heterodiegetischen Erzählers und der Wechsel der Fokalisierung hervorgehoben werden.
3.1 DER ERZÄHLER: Dieser Unterpunkt befasst sich mit der Identität des Erzählers und dem Wechsel von einer heterodiegetischen Erzählweise zu einem homodiegetischen Ich-Erzähler am Ende des Romans.
3.2 FOKALISIERUNGSWECHSEL: Die Analyse konzentriert sich auf den Wechsel zwischen Nullfokalisierung und interner Fokalisierung, um Einblicke in die Gedankenwelt der Figuren zu gewinnen.
4. DAS VERHÄLTNIS VON ILLUSION UND WIRKLICHKEIT ALS ROTER FADEN: Das Kapitel erläutert, wie das Leben in der Illusion bei den Hauptfiguren als verbindendes Element durch den gesamten Roman verläuft.
5. DIE FIGUR DER BRIONY ALS MITTEL DER VERWIRRUNG?: Es wird untersucht, wie die Aufdeckung der Briony als Erzählerin den Leser schockiert und eine Reflexion über den eigenen Umgang mit Fiktion erzwingt.
6. ZUSAMMENFASSUNG: Die Zusammenfassung resümiert, dass McEwan durch seine unkonventionellen Methoden den Spielraum für den Leser erweitert und die starre Trennung zwischen Fiktion und Wirklichkeit aufhebt.
Schlüsselwörter
Ian McEwan, Atonement, Fiktion, Wirklichkeit, Briony Tallis, Erzählweise, Illusion, Mimetisches Konzept, Heterodiegetischer Erzähler, Unreliable Narrator, Fokalisierung, Literaturwissenschaft, Konstruktion, Romananalyse, Narratologie
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit Ian McEwans Roman Atonement und untersucht, wie der Autor durch narrative Brüche das Verhältnis zwischen Fiktion und Wirklichkeit thematisiert.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Themen sind der Einsatz unterschiedlicher Textarten, der Wechsel von Erzählweisen und Fokalisierungen sowie das wiederkehrende Motiv der Illusion im Roman.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, herauszuarbeiten, warum McEwan mit traditionellen Erzählstrukturen bricht und welche Absicht er damit im Hinblick auf das Leserbewusstsein verfolgt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin stützt sich auf erzähltheoretische Ansätze, insbesondere von Gérard Genette und M. Martinez, um die narrativen Strukturen des Textes präzise zu analysieren.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden die Textsorten, die Rolle des Erzählers, die Fokalisierungswechsel sowie die Figur der Briony als Täuschungsinstanz detailliert untersucht.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Analyse?
Begriffe wie "unreliable narrator", "Fokalisierung", "mimetisches Konzept" und "Illusion" stehen im Zentrum der wissenschaftlichen Argumentation.
Warum spielt die Figur der Briony eine so zentrale Rolle für die Verwirrung des Lesers?
Briony wird als diejenige entlarvt, die die Geschichte geschrieben hat, nachdem sie den Leser zuvor durch ihre Perspektive in eine Täuschung über die wahre Natur der Erzählung gelenkt hat.
Inwiefern beeinflusst der Anhang des Romans das Verständnis der Geschichte?
Der Anhang offenbart, dass die im Hauptteil erzählte Liebe zwischen Cecilia und Robbie eine Fiktion innerhalb der Fiktion ist, was den Wahrheitsanspruch des Erzählten auflöst.
Kann man Atonement als reinen Geschichtsroman einordnen?
Die Arbeit argumentiert, dass der Roman zwar historische Elemente nutzt, aber durch den metanarrativen Kunstgriff des Autors eher als eine Parodie auf die Lesegewohnheiten und die Erwartung an Realität in der Fiktion zu verstehen ist.
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- Sonja Keller (Author), 2003, Ian McEwans Sicht von Wirklichkeit und Fiktion am Beispiel 'Atonement', Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/132215