Die vorliegende Arbeit befasst sich mit einer Möglichkeit der empirischen Erfassung beruflicher Wirklichkeiten des Notsanitäters, mit ihren objektiven und subjektiven Anforderungen, durch Anwendung einer berufswissenschaftlichen Perspektive. Bevor die bestehenden Diskrepanzen der bisherigen Ausgestaltung von Lernortkooperation und Lehr-/Lernarrangements angegangen werden können, bedarf es aus Sicht der Autorin vorerst einer qualitativen Grundlagenforschung, um das Fundament zu klären, auf dem weitere Schritte zur Entwicklung beruflicher Handlungskompetenz an den Lernorten Berufsfachschule, Lehrrettungswache und Innerklinik aufbauen können. Da sich Kompetenzentwicklung zumeist an Lernzielen aus festgeschriebenen Curricula orientiert, soll zunächst ein Kompetenzverständnis zugrunde gelegt werden. Lernfelder strukturieren die Lernziele und sind dabei nicht fächerorientiert angeordnet, sondern idealerweise an beruflichen Handlungssituationen ausgerichtet. Daraus lässt sich schlussfolgern, dass auch eine Kompetenzentwicklung an berufscharakterisierenden Geschäfts- und Arbeitsprozessen orientiert sein sollte.
Dies rückt den Fokus auf die Zieldimension der beruflichen Handlungskompetenz als Ausgangspunkt für die Ausrichtung beruflicher Handlungsfelder und Situationen, um Lernziele zu formulieren. Es ergibt sich, dass für das jeweilige Berufsfeld, in diesem Fall das des Notsanitäters, zu klären ist, welche Kompetenzen vorhanden sein müssen, um bestehende oder erwartbare berufliche Anforderungen bewältigen zu können. Hierzu eignet sich als zentrale Kategorie das sogenannte Arbeitsprozesswissen, dessen empirischer Nutzen im Verlauf erläutert wird. Die weiterführende Herleitung einer Struktur- und Niveaumodellierung ist erforderlich, um die Ergebnisse aus der angestrebten qualitativ-berufswissenschaftlichen Forschung zielführend verorten zu können. Bisher ist, empirisch nachvollziehbar, keine umfassende Analyse des Berufsfeldes des Notsanitäters hinsichtlich der berufsspezifischen Arbeitsaufgaben, Prozesse und Wissensstrukturen erfolgt. Hierzu wird eine Matrix unter dem Anspruch adaptiert, die im Rahmen dieser Arbeit erlangten, berufswissenschaftlichen Forschungsergebnisse aus dem Beruf des Notsanitäters zu strukturieren und zu modellieren, um Implikationen für die berufliche Bildung abzuleiten. In
Kapitel 2 wird die grundlegende Problemstellung der fehlenden empirischen Fundierung beruflicher Curricula und damit der fehlenden Grundlage einer Verbindung von Theorie und Praxis ausführlicher entfaltet, um daraus die Zielsetzungen und Fragestellungen der vorliegenden Arbeit abzuleiten. Hieran anschließend werden die theoretischen Hintergründe der Struktur- und Niveaumodellierungen in Kapitel 3 beschrieben, bevor in den Kapiteln 5 bis 7 die Forschungsschritte der durchgeführten Sektoranalyse, Fallstudien und Arbeitsprozessanalysen erläutert und die Ergebnisse dargestellt werden. Aus den Arbeitsprozessanalysen werden wiederum Arbeitsaufgaben identifiziert, die in Kapitel 8 beschrieben werden. Darauffolgend werden diese in einem Experten-Facharbeiter-Workshop (EFW) unter der Zielsetzung einer Berufsfeldbeschreibung validiert und hinsichtlich ihrer Anforderungsniveaus eingeschätzt. Die Darstellung erfolgt in Kapitel 9. Abschließend erfolgen Schlussfolgerungen für die Gestaltung beruflicher Bildungsprozesse in der Ausbildung zum Notsanitäter in den Kapiteln 10 und 11. Die Arbeit schließt in Kapitel 12 mit einer Methodenreflexion, sowie einem Fazit und Ausblick in Kapitel 13. Es erfolgt keine isolierte Darstellung eines methodischen Teils. Das methodische Vorgehen wird sinnlogisch mit den einzelnen Forschungsschritten verbunden und durch die theoretischen Vorüberlegungen begründet.
Jeder Lernort hat mit voller Berechtigung in seiner Ausrichtung verschiedene Perspektiven, dennoch erscheint es der Autorin sinnhaft und zielführend, das gemeinsame Ziel der erfolgreich absolvierten Ausbildung und damit der Befähigung zur Ausübung des Berufs des Notsanitäters mit der vorliegenden Arbeit zu würdigen und Möglichkeiten aufzuzeigen, wie eine empirisch basierte Berufsfeldanalyse im Sinne einer gemeinsamen Berufsphilosophie eine notwendige Annäherung der Berufsfachschule und der beruflichen Wirklichkeit anbahnen könnte.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Problemstellung und Zielsetzung
2.1 Problemstellung
2.2 Kompetenz als zentrales Ziel beruflicher Bildung
2.3 Berufsbezogene Kompetenzdimensionen
2.4 Wie kann eine Empirie gelingen?
2.5 Der Wissensbegriff als Basis berufswissenschaftlicher Forschung
2.6 Berufliche Arbeitsaufgaben als Struktureinheit
2.7 Notwendigkeit einer Modellierung
3 Entwicklung einer Struktur- und Niveaumodellierung
3.1 Handeln und seine Bedingungen
3.1.1 Interne Bedingungen
3.1.2 Externe Bedingungen
3.1.3 Das Handeln
3.1.4 Ergänzende Differenzierungen
3.2 Erweiterung um Niveaustufen
3.3 Ergänzende Adaptionen
3.4 Niveaustufen der internen Bedingungen
3.5 Niveaustufen der externen Bedingungen
4 Zielsetzung und Forschungsdesign
5 Sektoranalyse
5.1 Zielsetzung und Vorstellung des Instruments
5.2 Durchführung
5.2.1 Allgemeine Bezugsklassifikationen
5.2.2 Entwicklung des RD
5.2.3 Entwicklung von Berufsstrukturen
5.2.4 Etablierung von Berufsbildern
5.2.5 Strukturierung der beruflichen Tätigkeit
5.3 Ergebnisse der Sektoranalyse
5.4 Vorstrukturierung durch Begriffe des Prozessmanagements
5.5 Einordnung in Kern- und Unterstützungsprozesse
6 Fallstudien
6.1 Zielsetzung und Vorstellung des Instruments
6.2 Durchführung
6.3 Ergebnisse
7 Arbeitsprozessanalysen
7.1 Zielsetzung und Vorstellung des Instruments
7.2 Arbeitsbeobachtungen
7.3 Handlungsorientiertes Expertengespräch
7.4 Gliederung der Leitfragen
7.5 Bildung von Leitfragen
7.6 Dokumentation der Arbeitsprozessanalysen
8 Identifikation von Arbeitsaufgaben
8.1 Durchführung
8.2 Ergebnisse
9 Experten-Facharbeiter-Workshop
9.1 Zielsetzung und Vorstellung des Instruments
9.2 Durchführung
9.3 Ergebnisse
10 Systematisierung und Ergebnisse
11 Implikationen für die berufliche Bildung
11.1 Die Passung von Klafkis Grundgedanken
11.2 Stufen der Kompetenzentwicklung
11.3 Entwicklung vom Anfänger zum Experten
11.4 Relatives Expertentum
11.5 Aufgabentypen, Wissensformen und Bewältigung
11.6 Zuordnung zu Entwicklungsstufen und Ausbildungsabschnitten
11.7 Verbindung der beruflichen Implikationen und der Berufsfeldmatrix
12 Methodenreflexion
12.1 Reflexion des Verfahrens
12.2 Reflexion mit Hilfe qualitativer Gütekriterien
12.3 Reflexion mit Hilfe berufswissenschaftlicher Gütekriterien
13 Fazit und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, inwiefern eine empirisch geleitete Berufsfeldanalyse zur Professionalisierung der Notfallsanitäter-Ausbildung beitragen kann, indem sie die Diskrepanz zwischen curricularen Vorgaben und der tatsächlichen beruflichen Wirklichkeit aufdeckt und theoretisch modelliert. Ziel ist es, eine Struktur- und Niveaumodellierung zu entwickeln, die als Basis für die gezielte Kompetenzentwicklung im Rettungsdienst dient.
- Empirische Erfassung beruflicher Wirklichkeiten im Rettungsdienst
- Entwicklung und Validierung einer Struktur- und Niveaumatrix
- Identifikation und Kategorisierung von NotSan-Arbeitsaufgaben
- Implikationen für die lernfeldorientierte Ausbildung im Rettungsdienst
Auszug aus dem Buch
2.6 Berufliche Arbeitsaufgaben als Struktureinheit
Eine isolierte Erfassung einzelner Komponenten könnte unweigerlich zu einer verkürzten Betrachtung beruflicher Kompetenz führen. Unterschiedliche Situationen beinhalten verschiedene Anforderungen und ein weit gefasster Wissens- und Könnensbegriff lässt sich, wie dargestellt, im Handlungsvollzug einschließen. Damit bleibt berufliche Handlungskompetenz in ihrer Gesamtheit gewürdigt und wird nicht dauerhaft in Einzelfacetten zerlegt, um die Eindimensionalität analytischer Konstrukte zu überwinden (vgl. Franke, 2005, S. 140). Daraus ergeben sich folgende handlungsleitende Fragestellungen: - Wie bewältigen Experten berufliche Handlungssituationen? - Wie entwickelt sich diese berufliche Kompetenz? - Wie können diese Kompetenzen erkannt und erfasst werden?
Diese Fragen beziehen sich direkt auf die Handlung im beruflichen Arbeitsprozess und fokussieren die Sicht des Subjektes (vgl. Becker, 2010, S. 57). Forscher sind also darauf angewiesen, sich ins Feld zu begeben. Dieses wird repräsentiert durch das jeweilige berufliche Handlungsfeld, im Sinne einer Domäne. Eine Domäne ist im Allgemeinen dadurch gekennzeichnet, dass sich jemand „herrschaftlich“ und kompetent beruflich betätigen kann. Das Tun ist dabei an komplexe Situationen und die Anforderungen beruflicher Arbeitsaufgaben gebunden. Das Arbeitsprozesswissen der jeweiligen Facharbeiter ist also domänengebunden und kann anhand der Beschreibung von beruflichen Arbeitsaufgaben präzisiert werden (vgl. ebd., S. 58). Für der Erschließung von Domänen/berufliche Handlungsfeldern sind die Betrachtung der Person, das berufliche Handeln und der Handlungsgegenstand und deren Zusammenhänge notwendig, der durch diese charakteristischen Arbeitsaufgaben abgebildet wird. Sie haben einen subjektbezogenen Prozesscharakter, da beruflich Handelnde anhand von Arbeitsaufgaben Prozessschritte durchlaufen und ein Ergebnis herbeiführen. Sie bearbeiten die Arbeitsaufgabe, nutzen Werkzeuge und Methoden in einem organisationalen Rahmen, um den Arbeitsgegenstand einem Ergebnis zuzuführen. Diese domänenspezifischen Prozesse sind situativ sach- und sinnzusammenhängend eingebunden. Der Handelnde ist mit einem Arbeitsprozess konfrontiert und muss sich mit Gegenständen der Facharbeit auseinandersetzen (vgl. ebd., S. 59-60). Die Bewältigung von Arbeitsaufgaben unter der Anwendung von Arbeitsprozesswissen ereignet sich als Performanz, die beobachtbar ist und Rückschlüsse auf die inkorporierten Wissensbestände und Kompetenzen zulässt (vgl. Spöttl, 2010, S. 165). Eine Korrespondenz zu den vorgestellten Dimensionen der beruflichen Kompetenz ist erkennbar.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die Diskrepanz zwischen theoretischer Ausbildung und beruflicher Realität im Notfallsanitäter-Alltag und begründet die Notwendigkeit einer empirischen Berufsfeldanalyse.
2 Problemstellung und Zielsetzung: Hier werden die Herausforderungen der Kompetenzorientierung in Curricula analysiert und das Ziel einer fundierten empirischen Grundlagenforschung definiert.
3 Entwicklung einer Struktur- und Niveaumodellierung: Dieses Kapitel führt theoretische Modelle zum Handeln und Kompetenzerwerb ein sowie die Matrix-Struktur zur Modellierung von Niveaustufen.
4 Zielsetzung und Forschungsdesign: Es wird der methodische Ansatz der berufswissenschaftlichen Feldforschung dargelegt, um das Berufsfeld empirisch greifbar zu machen.
5 Sektoranalyse: Das Kapitel bietet eine strukturierte Bestandsaufnahme des Rettungsdienstsektors unter Berücksichtigung rechtlicher und organisatorischer Rahmenbedingungen sowie Berufsstrukturen.
6 Fallstudien: Hier wird der Zugang zur realen Arbeitswelt beschrieben, um arbeitsprozessnahe Daten in ausgewählten Betrieben zu erheben.
7 Arbeitsprozessanalysen: Dieses Kapitel erläutert die methodische Vorgehensweise bei der Erfassung von Arbeitsprozesswissen mittels Beobachtung und handlungsorientiertem Expertengespräch.
8 Identifikation von Arbeitsaufgaben: Es wird die Vorgehensweise beschrieben, aus den Analysen konkrete Arbeitsaufgaben zu identifizieren, die als Basis für die weitere Modellierung dienen.
9 Experten-Facharbeiter-Workshop: Das Kapitel dokumentiert die Validierung der identifizierten Aufgaben durch Facharbeiter, um eine konsentierte Berufsfeldbeschreibung zu erzielen.
10 Systematisierung und Ergebnisse: Die gewonnenen Erkenntnisse werden zusammenfassend in die entwickelten Kategorien und Strukturmodelle überführt.
11 Implikationen für die berufliche Bildung: Es erfolgt die Ableitung pädagogischer Schlussfolgerungen für die Ausbildung zum Notfallsanitäter, basierend auf den erfassten Kompetenzniveaus.
12 Methodenreflexion: Eine kritische Evaluierung der angewandten Forschungsmethoden hinsichtlich wissenschaftlicher Gütekriterien.
13 Fazit und Ausblick: Abschließende Betrachtung der Forschungsergebnisse und Empfehlungen für weiterführende Studien oder curriculare Anpassungen.
Schlüsselwörter
Notfallsanitäter, Berufsfeldanalyse, Kompetenzmodellierung, Arbeitsprozesswissen, berufliche Bildung, Handlungskompetenz, Rettungsdienst, Curriculumsentwicklung, Leitsätze, Experten-Facharbeiter-Workshop, Ausbildung, Fallstudien, Praxisanleitung, Professionalisierung, Qualifikation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Masterthesis befasst sich mit der empirischen Analyse des Berufsfeldes „Notfallsanitäter“. Ziel ist es, eine wissenschaftlich fundierte Grundlage für die Ausbildung zu schaffen, indem berufliche Wirklichkeiten durch eine strukturierte Modellierung besser verstanden und in die curriculare Gestaltung integriert werden.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die berufliche Handlungskompetenz, die Analyse von Arbeitsprozessen im Rettungsdienst, die Entwicklung von Struktur- und Niveaumodellen für Kompetenzanforderungen sowie die Verbesserung der Lernortkooperation.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist es, eine empirisch basierte Berufsfeldbeschreibung zu erstellen, die als Fundament für eine zielgerichtete Kompetenzentwicklung dient. Es soll geklärt werden, welche beruflichen Anforderungen tatsächlich bestehen und wie diese in Niveaustufen für die Ausbildung übersetzt werden können.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin wählt eine qualitativ-berufswissenschaftliche Feldforschung. Diese umfasst Sektoranalysen, Fallstudien in Betrieben, detaillierte Arbeitsprozessanalysen mittels Arbeitsbeobachtung und handlungsorientierten Fachinterviews sowie einen Experten-Facharbeiter-Workshop (EFW) zur Validierung der Daten.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil erstreckt sich von der theoretischen Fundierung der Kompetenz- und Handlungsbegriffe über die konkrete Erhebung der Sektordaten und Fallstudien bis hin zur Identifikation von Arbeitsaufgaben und deren Einordnung in die neu entwickelte Matrix.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen gehören Notfallsanitäter, Arbeitsprozesswissen, Kompetenzmodellierung, berufliche Bildung, Rettungsdienst, Lernfeldorientierung und Handlungskompetenz.
Gibt es spezifische Unterschiede bei der Ausbildung unterschiedlicher NotSan-Typen?
Ja, die Arbeit differenziert zwischen Ausbildungsformen (dreijährig vs. ergänzungsgeprüft) und beleuchtet im Kapitel zu den Berufsstrukturen, wie durch Gesetzesänderungen (vom RettAssG zum NotSanG) unterschiedliche Qualifikations- und Erfahrungswege im Rettungsdienst entstanden sind.
Wie geht die Autorin mit dem Problem der mangelnden Datentransparenz durch die Pandemie um?
Die Autorin thematisiert die pandemiebedingte Erschwernis bei der Datenerhebung offen und begründet, warum trotz fehlender flächendeckender aktueller statistischer Daten ein gewinnbringender qualitativer Einblick durch die gewählte Feldforschung möglich war.
Warum ist das Modell von Engeström für diese Arbeit relevant?
Das Modell wird herangezogen, um die systemischen Beziehungen eines beruflichen Handlungssystems abzubilden. Es verdeutlicht die Interdependenz von Subjekt, Arbeitsgegenstand und räumlichen/sozialen Faktoren, ergänzt die Analyse jedoch um die notwendige Struktur- und Niveaumatrix der Autorin.
- Citation du texte
- Julia Schröder (Auteur), 2021, Berufsfeldanalyse Notfallsanitäter. Die Interdependenz eines Berufes und seiner Ausbildung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1322449