Folgen des Konstruktivismus für die Literaturwissenschaft


Hausarbeit, 2008

19 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Der Radikale Konstruktivismus
1.1. Darstellung der Problematik
1.2. Der Radikale Konstruktivismus
1.3. Wissenschaft und Literaturwissenschaft aus konstruktivistischer Sicht

2. Die Empirische Literaturwissenschaft
2.1. Die Nikol-Konzeption Empirische Literaturwissenschaft
2.2. Die Empirische Literaturwissenschaft
2.2.1. Das Literatur-System und Handlungsrollen
2.2.2. Der literarische Text im Anwendungsbereich der Empirischen Literaturwissenschaft
2.2.3. Arbeit am Text
2.2.4. Arbeit im Feld
2.3. Kritik an der Interpretation

Schluss

Literaturverzeichnis

Einleitung

Ein neuer `radikaler` Konstruktivismus macht von sich reden. Einige aufregende Formulierungen kommen druckfrisch aus der Presse – und schon gilt die Sache als etabliert. So schnell muß es heute gehen. Man erfährt etwas über das Eingeschlossensein des Gehirns und über die Autopoiesis des Lebens. Man wird darüber belehrt, daß man nichts sehen kann, was man nicht sehen kann. Man wird über Sachverhalte unterrichtet, die man immer schon gewußt hat – aber in einer Weise, die das Gewußte in ein neues Licht versetzt und neue Anschlussüberlegungen ermöglicht, die viel radikalere Konsequenzen haben, als bisher für möglich gehalten wurde.[1]

In dieser Weise macht Niklas Luhmann auf ein neues Theoriespektrum aufmerksam, das im zweiten Drittel des 20. Jahrhunderts entwickelt wurde und später auch nachhaltige Folgen für die Literaturwissenschaft haben sollte. Genau um diesen Diskurs soll es in meiner Arbeit gehen. Ich werde – ausgehend von den wissenschafts- und erkenntnistheoretischen Grundlagen des radikalen Konstruktivismus – erläutern, welche Folgen konstruktivistisches Denken für die Literaturwissenschaft hat. Dabei wird vor allem auch die Problematik des Hauptaufgabenbereichs der Literaturwissenschaft, die Interpretation, zum Thema dieser Arbeit. Diesbezüglich soll untersucht werden, ob die traditionelle Interpretation literarischer Texte überhaupt mit einer konstruktivistischen Literaturwissenschaft vereinbar ist oder ob sie grundsätzlich aus dem Aufgabenfeld der Literaturwissenschaften ausscheidet. Hierauf basierend sollen die Vorschläge erläutert werden, mit denen Vertreter des radikalen Konstruktivismus die traditionelle Literaturwissenschaft absetzen und eine empirische Literaturwissenschaft mit folgendem Anspruch konstituieren wollen: „Theorizität, Empirizität und Applikabilität.“[2] Was unter diesen Begriffen jeweils verstanden wird, soll ebenfalls erklärt werden.

Des Weiteren möchte ich herausarbeiten, welche Rolle der literarische Text im Anwendungsbereich der empirischen Literaturwissenschaft spielt und wie konkrete Forschung an ihm aussehen soll.

Als Motto soll Luhmanns Eingangszitat dienen, das sich – in Verbindung mit meiner Fragestellung – als roter Faden durch die Arbeit zieht.

1. Der Radikale Konstruktivismus

1.1. Darstellung der Problematik

„Daß es mit dem Begriff des Wissens, wenn man ihn etwas genauer betrachtet, als wir das im alltäglichen Gebrauch zu tun pflegen, gewisse Schwierigkeiten hat, haben bereits die Vorsokratiker festgestellt.“[3] Später klagte auch Platon, dass „so viele […] nicht das Heilmittel besitzen, daß sie wissen wie sich die Dinge in der Wirklichkeit verhalten.“[4] Und dieses Klagen setzte sich fort, bis ins 21. Jahrhundert. Die ganze Problematik besteht also augenscheinlich darin, dass es eine Wirklichkeit geben soll, die man durch Weisheit und Wissen erlangen oder sich ihr zumindest nähern kann. „Die Tatsache, dass viele heutige Wissenschaftler, was die Erkenntnislehre betrifft, noch tief im 19. Jahrhundert stecken und die Hoffnung nähren, durch ihre Forschung nach und nach ein absolut wahres Bild der Welt zu enthüllen, ist kaum ein Beweis dafür, dass so eine Möglichkeit besteht.“[5] Von Glasersfeld, einer der Mitbegründer des radikalen Konstruktivismus, macht mit diesen Worten klar, als was sich der Konstruktivismus versteht: „als eine Theorie des Wissens, nicht als eine Theorie des Seins.“[6] Wie diese Theorie nun genau verstanden werden will, soll Gegenstand der folgenden Abschnitte sein. Im Grundsätzlichen sollte hiermit das Hauptproblem skizziert sein, das der radikale Konstruktivismus behandeln und lösen will. Auf diesem Gedanken basierend fußt nun eine Empirische Literaturwissenschaft, die Hauptmeier als „gegenwärtig wichtigste[n] Kandidat“ bezeichnet und „den es darauf zu prüfen gilt, ob er die Neuheit seines Wissenschaftskonzeptes auch so in seiner Anwendungsorientierung verwirklichen kann.“[7] Die empirische Literaturwissenschaft, hervorgegangen aus dem Methodenstreit der 70er Jahre[8], macht es sich zur Aufgabe, literaturwissenschaftliche Fragestellungen und Probleme – wie es der Name schon verrät – empirisch anzugehen und mündet letztendlich, was durchaus als revolutionärer Gedanke in der Literaturwissenschaft bezeichnet werden kann, in der Abschaffung der Interpretation literarischer Texte.

1.2. Der Radikale Konstruktivismus

Doch bevor von einer Empirischen Literaturwissenschaft (im Folgenden bezeichnet als ELW) die Rede sein kann, müssen die erkenntnis- und wissenschaftstheoretischen Grundlagen verstanden sein, auf denen sie basiert. Schauen wir zunächst im Duden nach, was generell unter Konstruktivismus verstanden wird: „Lehre, die ein herleitendes, methodisch konstruierendes Vorgehen vertritt und darauf basierend verschiedene, u.a. erkenntnistheoretische Schlüsse zieht.“[9] Der radikale Konstruktivismus ist diesbezüglich noch extremer. Er geht grundsätzlich von dem Bestehen lebender und autopoietischer Systeme aus, also Systemen, die sich selbst erhalten, wandeln und erneuern können. Diese Systeme sind, wie schon Luhmann eingangs feststellte „organisationell geschlossen.“[10] Durch ihre Struktur- bzw. Zustandsdeterminiertheit hängen ihre „Operationen von dem jeweiligen Zustand vor jeder Operation ab.“[11] Des Weiteren sind autopoietische Systeme selbstreferentiell und beziehen sich „im Prozeß der Aufrechterhaltung ihrer Organisation ausschließlich auf sich selbst.“[12] Diese Erklärungen entstammen den Ideen des chilenischen Biologen Humberto R. Maturana, der mit seiner Theorie autopoietischer Systeme die neurobiologischen Grundlagen des radikalen Konstruktivismus entwickelt hat.[13] Ich denke, dass im Rahmen dieser Hausarbeit nicht alle erkenntnis- und wissenschaftstheoretischen Grundlagen, die vor allem in der Biologie, der Kybernetik und in der Psychologie[14] zu finden sind, dezidiert aufgeführt werden können. Wichtig, und für ein Verständnis der ELW unabdingbar, sind meines Erachtens jedoch die Ausführungen des Philosophen Ernst v. Glasersfeld, die im Folgenden dargestellt seien.

Der radikale Konstruktivismus stellt zunächst grundlegend in Frage, dass wir die ontische Welt oder die „wirkliche“ Wirklichkeit“, die die Erkenntnistheorien der Philosophen seit jeher zu erfassen suchen, erkennen können. Mithin wird eine ontische Welt, in der „lebende kognitive Systeme existieren, […] in konstruktivistischen Philosophien nicht bestritten; nur sind Aussagen über die „objektive“ Beschaffenheit dieser Wirklichkeit nicht möglich.“[15] Die Konsequenz, die sich für erkenntnistheoretische Aufgabenstellungen daraus ergibt, bestünde darin, „die Suche nach Kenntnissen über die Außenwelt aufzugeben“[16]. Würde dies geschehen, dann wäre „der Weg frei für eine konstruktivistische Erkenntnistheorie.“[17]

Heutige Vertreter der realistischen Wahrnehmungslehre sprechen von „Informationen, die von den Sinnen aufgespürt und befördert“[18] werden. Diese Informationen sollen also aus der Außenwelt in die Innenwelt der aufnehmenden Menschen gelangen, also von A nach B vermittelt werden. Doch mit dieser „Vermittlerrolle ist auch schon das ganze, unlösbare Problem der Wahrhaftigkeit […] eingebaut, denn niemand wird je imstande sein, die Wahrnehmung eines Gegenstandes mit dem postulierten Gegenstand selbst, der die Wahrnehmung verursacht haben soll, zu vergleichen.“[19] Geschlossenheit hat nun mal zur Folge, dass ein kognitives System aus der Außenwelt nichts so aufnehmen kann, wie es in ihr beschaffen ist. Stattdessen konstruiert das kognitive System seine Welt selber. Das würde das Ende des Dualismus von Subjekt und Objekt dahingehend bedeuten, dass das Subjekt nicht mehr das „Was“ in seiner ontischen Gegebenheit erkennen kann.

Alle Zugangsweisen kommen in einem grundlegenden Punkt zu demselben Ergebnis: Es empfiehlt sich, von Was-Fragen auf Wie-Fragen umzustellen; denn wenn wir in einer Wirklichkeit leben, die durch unsere kognitiven und sozialen Aktivitäten bestimmt wird, ist es ratsam, von Operationen und deren Bedingungen auszugehen statt von Objekten oder von „der Natur.[20]

Doch welche Operationen sind gemeint? Grundsätzlich geht von Glasersfeld davon aus, dass „menschliches Handeln in dem Sinne zielstrebig ist, dass es positive Ergebnisse zu wiederholen und negative zu vermeiden trachtet.“[21] Diese Grundeinstellung führt zu einem Begriff, den von Glasersfeld der traditionellen Erkenntnislehre als Alternative entgegenhält, und der erklärt, wie man trotz „informeller Geschlossenheit zu einer Erfahrungswirklichkeit von so bemerkenswerter Stabilität“ gelangen kann, „wie die, in der unser alltägliches Leben sich abspielt“[22]: der „Viabilität“[23]. Mit diesem Begriff sind auch das Gangbare und das Passen gemeint, die uns zu erfolgreichem Handeln und Operieren befähigen. Nicht mehr das „Was“ also ist Gegenstand der Erkenntnis, sondern das „Wie“ in Bezug auf Handlungsmöglichkeiten. Denn „ein Wissen, das es uns ermöglicht, in der Welt unseres Erlebens Ziele zu erreichen, die wir uns selber setzen, reicht vollauf aus, um Wissenschaft, Philosophie und Kunst zu rechtfertigen.“[24]

Gebhard Rusch bringt mit folgendem Satz auf den Punkt, um welchen grundsätzlichen Sichtwechsel es dem Radikalen Konstruktivismus es zunächst geht:

[...]


[1] Niklas Luhmann, Soziologische Aufklärung 5. Konstruktivistische Perspektiven, Opladen/Wiesbaden: Westdeutscher Verlag 1990, S. 31.

[2] Helmut Hauptmeier; Siegfried J. Schmidt: Einführung in die empirische Literaturwissenschaft. Braunschweig/Wiesbaden: Vieweg 1985, S. 25.

[3] Ernst von Glasersfeld: Konstruktion der Wirklichkeit und des Begriffs der Objektivität. In: Heinz von Foerster u.a.: Einführung in den Konstruktivismus. München: Piper Verlag 1998, S.9.

[4] Platon: Politeia. Der Staat. Nach der Übersetzung von Wilhelm Siegmund Teuffel. http://www.opera-platonis.de/Politeia3.html (entnommen am 17.03.2008).

[5] Von Glasersfeld: Konstruktion der Wirklichkeit, S. 17

[6] Ernst von Glasersfeld: Radikaler Konstruktivismus. Ideen, Ergebnisse, Probleme. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 2002, S. 187.

[7] Helmut Hauptmeier: Probleme einer Angewandten Literaturwissenschaft. In: Achim Barsch u.a. (Hrsg.): Arbeitsgruppe NIKOL. Angewandte Literaturwissenschaft. Braunschweig/Wiesbaden: Vieweg 1986, S.6.

[8] Hierzu ausführlicher: Michael Fla>

[9] Duden. Das Fremdwörterbuch. Mannheim: Bobliographisches Institut & F.A. Brockhaus AG 2007, S. 556.

[10] Siegfried. J. Schmidt (Hrsg.): Der Diskurs des Radikalen Konstruktivismus. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1987, S.25.

[11] Ebd.

[12] Ebd.

[13] Ausführlich hierzu: Humberto R. Maturana: Kognition. In: Schmidt (Hrsg.): Der Diskurs des Radikalen Konstruktivismus. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1987, S.89-119.

[14] Vgl. Siegfried J. Schmidt: Der Radikale Konstruktivismus: Ein neues Paradigma im interdisziplinären Diskurs. In: Schmidt (Hrsg.): Der Diskurs des Radikalen Konstruktivismus. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1987, S.11-89.

[15] Hauptmeier: Angewandte Literaturwissenschaft, S.19

[16] Fla>

[17] Ebd., S.56.

[18] V. Glasersfeld: Konstruktion der Wirklichkeit, S. 12

[19] Ebd.

[20] Siegfried J. Schmidt: Einige Vorschläge zur Ausdifferenzierung des konstruktivistischen Diskurses. In: Dorothee Kimmich u.a. (Hrsg.):Texte zur Literaturtheorie der Gegenwart. Stuttgart: Reclam 1996, S.368.

[21] V. Glasersfeld: Radikaler Konstruktivismus, S.187.

[22] V. Glasersfeld: Radikaler Konstruktivismus, S.190.

[23] V. Glasersfeld: Konstruktion der Wirklichkeit, S.24.

[24] Ebd., S.39

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Folgen des Konstruktivismus für die Literaturwissenschaft
Hochschule
Universität Bremen
Veranstaltung
Literatur und Konstruktion
Note
1,3
Autor
Jahr
2008
Seiten
19
Katalognummer
V132245
ISBN (eBook)
9783640381272
ISBN (Buch)
9783640502684
Dateigröße
479 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Konstruktivismus, Radikaler Knstruktivismus, Literaturwissenschaft, Literaturtheorie, Interpretation, Empirische Literaturwissenschaft
Arbeit zitieren
Simon Wordtmann (Autor), 2008, Folgen des Konstruktivismus für die Literaturwissenschaft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/132245

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