Der Diskurs des Konstruktivismus hat über seine Ursprungsbereiche Biologie und Psychologie hinaus weite Kreise gezogen. So weite, dass in letzter Konsequenz die primäre Aufgabe der Literaturwissenschaft, die Interpretation, radikal in Frage gestellt wurde. Denn wenn es nicht mehr um die totale Erkenntnis der Wirklichkeit geht, wie sie die Philosophen über 2000 Jahre gesucht haben, sondern nun Problemlösungsstrategien interessant werden, die nicht den Anspruch erheben, einzige richtige Strategie zu sein sondern eine zum Ziel führende, dann stellt sich die Berechtigung der Frage nach der einen richtigen Interpretation eines literarischen Werkes automatisch. Es konstituiert sich nun eine empirische Literaturtheorie, die das literarische Werk nicht mehr per se als bedeutungstragendes Medium sieht, sondern das Werk überhaupt erst zur Literatur und interesant wird, wenn über es gesprochen und geschrieben wird.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Der Radikale Konstruktivismus
1.1. Darstellung der Problematik
1.2. Der Radikale Konstruktivismus
1.3. Wissenschaft und Literaturwissenschaft aus konstruktivistischer Sicht
2. Die Empirische Literaturwissenschaft
2.1. Die Nikol-Konzeption Empirische Literaturwissenschaft
2.2. Die Empirische Literaturwissenschaft
2.2.1. Das Literatur-System und Handlungsrollen
2.2.2. Der literarische Text im Anwendungsbereich der Empirischen Literaturwissenschaft
2.2.3. Arbeit am Text
2.2.4. Arbeit im Feld
2.3. Kritik an der Interpretation
Schluss
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Auswirkungen des radikalen Konstruktivismus auf die Literaturwissenschaft, insbesondere die Infragestellung traditioneller Interpretationsverfahren und die Etablierung eines empirischen Wissenschaftsverständnisses.
- Erkenntnistheoretische Grundlagen des radikalen Konstruktivismus
- Kritik an der traditionellen hermeneutischen Interpretation
- Konzept der empirischen Literaturwissenschaft (ELW)
- Analyse von Literaturprozessen und Handlungskonstellationen
Auszug aus dem Buch
2.2.1. Das Literatur-System und Handlungsrollen
Das Besondere an der Konzeption der ELW besteht zunächst darin, dass ein literarischer Text per se gar nicht mehr besteht, sondern erst da eine Rolle spielt, „wo er tatsächlich in Handlungen von Aktanten vorkommt. […] Nur in solchen Text-Handlungs-Konstellationen „lebt“ ein Text als literarischer Text, weil ihm Aktanten Bedeutungen zuordnen, ihn bewerten, ihn für „schön“ oder „wichtig“ halten.“45 Menschliche Handlungen stehen also von nun an im Zentrum des literaturwissenschaftlichen Interesses. Zum Verständnis soll kurz erläutert werden, wie Handlungen sich spezifizieren lassen. Ausgehend von allen menschlichen Handlungen lassen sich kommunikative Handlungen unterteilen, also alle, die über das Medium Kommunikation erfolgen. Wiederum ein Teil dieser Handlungen werden ästhetisch kommunikativ bezeichnet. Und zuletzt sei das Handeln genannt, das nun von empirisch literaturwissenschaftlichem Interesse ist: Das literarisch-kommunikative Handeln.46 In diesem Bereich nun unterscheiden Hauptmeier/Schmidt vier Handlungsrollen. Die Produktion, die Vermittlung, die Rezeption und die Verarbeitung literarischer Texte.47 Diese Reihenfolge erfolgt keineswegs willkürlich. „Die Produktion geht der Vermittlung voraus und bedingt diese; die Vermittlung geht der Rezeption voran und bedingt sie; die Vermittlung liegt vor der Rezeption und bedingt diese, und die Rezeption geht der Verarbeitung voraus und bedingt sie.“48
Die Kopplung dieser literarischen Handlungen nennt Schmidt „Literaturprozesse“, die Gesamtheit aller Literaturprozesse ist das „Literatur-System“.49 Strikt zu trennen wären im Literatur-System nun die nicht-wissenschaftliche Teilnahme am Literatursystem, also den literarischen Handlungen, und der Analyse des Literatur-Systems, also der wissenschaftlichen Beschäftigung mit literarischen Handlungen.50 Die wissenschaftliche Aufgabenstellung einer ELW bestünde also nun darin, diese Literaturprozesse (Produktion, Vermittlung…) zu beschreiben und zu erklären, empirische Verfahren aus den Sozialwissenschaften anzuwenden
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Der Autor stellt die Relevanz konstruktivistischer Theorien für die Literaturwissenschaft dar und hinterfragt die Legitimität der traditionellen Interpretation.
1. Der Radikale Konstruktivismus: Dieses Kapitel erläutert die erkenntnistheoretischen Grundlagen, wonach das Subjekt die Welt selbst konstruiert und objektive Erkenntnis unmöglich ist.
2. Die Empirische Literaturwissenschaft: Das Kapitel führt das Konzept der ELW als Alternative ein, die auf Theorizität, Empirizität und Applikabilität basiert und die Interpretation zugunsten einer Analyse von Handlungsrollen aufgibt.
Schluss: Der Autor fasst zusammen, dass die ELW zwar eine radikale theoretische Alternative bietet, die vollständige Abschaffung der Interpretation jedoch kritisch zu hinterfragen bleibt.
Schlüsselwörter
Radikaler Konstruktivismus, Literaturwissenschaft, Empirische Literaturwissenschaft, Interpretation, Hermeneutik, Literatur-System, Handlungsrollen, Konstruktion, Viabilität, Ästhetik-Konvention, Polyvalenz-Konvention, Text-Handlungs-Konstellation, ELW, Wissenschaftstheorie, Niklas Luhmann
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Folgen der konstruktivistischen Erkenntnistheorie für die Literaturwissenschaft und stellt den Übergang zur empirischen Literaturwissenschaft dar.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den Schwerpunkten gehören der radikale Konstruktivismus, die Kritik an der traditionellen Hermeneutik und die Vorstellung empirischer Methoden in der Literaturwissenschaft.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage ist, welche Konsequenzen ein konstruktivistisches Denken für die Literaturwissenschaft hat und ob die traditionelle Interpretation durch ein empirisches Programm ersetzt werden sollte.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Auseinandersetzung mit wissenschaftstheoretischen Modellen und der Fachliteratur zur empirischen Literaturwissenschaft.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil behandelt die theoretischen Grundlagen des Konstruktivismus, das Modell der NIKOL-Konzeption, den Begriff der Literaturprozesse und die Kritik am Interpretationsbegriff.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Radikaler Konstruktivismus, Empirische Literaturwissenschaft, Interpretation, Literatur-System und Handlungsrollen charakterisiert.
Warum lehnt die empirische Literaturwissenschaft das Interpretieren ab?
Weil sie aus konstruktivistischer Sicht keinen objektiven Maßstab für eine „richtige“ Interpretation zulässt und stattdessen die wissenschaftliche Beobachtung von Handlungen anstrebt.
Welche Rolle spielt der „literarische Text“ in diesem neuen Konzept?
Er ist nicht mehr das primäre Objekt der Deutung, sondern ein notwendiger Gegenstand innerhalb von Text-Handlungs-Konstellationen.
Was bedeuten die Begriffe Ästhetik- und Polyvalenz-Konvention?
Diese Konventionen beschreiben, wie Rezipienten literarischen Texten subjektive Bedeutungen zuweisen und warum Mehrdeutigkeit ein wesentliches Merkmal literarischer Prozesse ist.
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- Simon Wordtmann (Author), 2008, Folgen des Konstruktivismus für die Literaturwissenschaft, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/132245