„Wir müssen als Grundlage für das Gymnasium das Deutsche nehmen; wir sollen nationale
junge Deutsche erziehen und nicht junge Griechen und Römer.“ Diese Worte machen
deutlich, was Kaiser Wilhelm II. von den Schulen erwartet, beziehungsweise, was er als
Voraussetzung jeden Unterrichts ansieht. Der Schule kamen in jeder Zeit wichtige
gesellschaftliche Funktionen zu. In der Zeit des deutschen Kaiserreiches zwischen 1871 und
1918 muss man diese allerdings kritisch beleuchten und hinterfragen. Veränderte sich die
Schule in der aufkommenden Industriegesellschaft und wenn ja, auf welche Weise? Welches
Ziel stand in der schulischen Bildung des Kaiserreichs im Mittelpunkt?
Die vorliegende Arbeit beginnt zunächst mit einem Kapitel zur Klärung der
Begriffsdefinitionen von Sozialisation, Erziehung und Unterricht. Anschließend ist die Schule
in der Klassengesellschaft Gegenstand der Betrachtung. Dabei wird auch ein genauerer Blick
auf die höheren Schulen und die Volksschulen geworfen. Der größte Abschnitt wird dann die
Ziele des Unterrichts im Kaiserreich behandeln, wobei ein Blick auf Anweisungen durch den
deutschen Kaiser und Schulbücher aus der Kaiserzeit geworfen wird. Abschließend erfolgt
noch ein kurzer Blick auf das Militär und seine Interessen am Schulwesen.
Die Literatur zum Thema ist vielseitig. Allerdings beschränken sich viele Monographien und
Aufsätze auf schulgeschichtliche Aspekte. Aus diesem Bereich wurde hier das Werk von
Bruno Hamann verwendet, der eine übersichtliche Einführung in alle wesentlichen Aspekte
der einzelnen Schulformen in knapper Form gibt. Daneben gibt es aber auch zahlreiche
Arbeiten, die sich explizit mit Themen beschäftigen, die für diese Arbeit geeignet waren. An
dieser Stelle sei nur auf zwei Bücher verwiesen. Zum einen „Erzieherisches Denken und
Handeln“ von Hans Rauschenberger und zum anderen „Die Bildung der Nation“ von
Hellmut Becker und Gerhard Kluchert. Beide beschäftigen sich intensiv mit Fragen der
Wechselbeziehungen zwischen Schule und Gesellschaft und den Intentionen, die die Schule
im Kaiserreich verfolgte.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Zu den Begriffen Erziehung, Sozialisation und Unterricht
3. Die Schule in der Klassengesellschaft
3.1. Die höhere Bildung
3.2. Die niedere Bildung
4. Lernziel: Untertan
5. Das Militär und die Schule der Kaiserzeit
6. Schlussbetrachtung
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die gesellschaftliche und herrschaftliche Funktion des Schulwesens im deutschen Kaiserreich zwischen 1871 und 1918. Dabei liegt der Fokus auf der Frage, wie die Schule zur Ideologisierung der Jugend und zur Erziehung zum staatstreuen Untertanen instrumentalisiert wurde, während sie gleichzeitig den Anforderungen einer zunehmend industrialisierten Gesellschaft gerecht werden musste.
- Theoretische Abgrenzung der Begriffe Erziehung, Sozialisation und Unterricht
- Analyse der Schule als Institution in einer klassenorientierten Gesellschaft
- Untersuchung der ideologischen Instrumentalisierung der Schule (Kaiser- und Staatstreue)
- Die Rolle des Militärs im Bildungswesen
- Untersuchung von Lesebüchern als primäres Mittel der politischen Indoktrination
Auszug aus dem Buch
4. Lernziel: Untertan
„Schon längere Zeit hat Mich der Gedanke beschäftigt, die Schule in ihren einzelnen Abstufungen nutzbar zu machen, um der Ausbreitung sozialistischer und kommunistischer Ideen entgegenzuwirken. In erster Linie wird die Schule durch Pflege der Gottesfurcht und der Liebe zum Vaterlande die Grundlage für eine gesunde Auffassung auch der staatlichen und gesellschaftlichen Verhältnisse zu legen haben. […] Sie muß die neue und die neueste Zeitgeschichte mehr als bisher in den Kreis der Unterrichtsgegenstände ziehen und nachweisen, daß die Staatsgewalt allein dem Einzelnen seine Familie, seine Freiheit, seine Rechte schützen kann, und der Jugend zum Bewußtsein bringen, wie Preußens Könige bemüht gewesen sind, in fortschreitender Entwickelung die Lebensbedingungen der Arbeiter zu heben… .“ (Kabinettsordre Kaiser Wilhelms II. zur Bekämpfung sozialitischer und kommunistischer Ideen durch die Schule, 1889)
Wilhelm II. machte hier sehr deutlich klar, was er von der Schule erwartete: die Erziehung der Jugend zur Staatstreue. Die Schule wurde zur ideologischen Indoktrination durch den Staat genutzt – sie sollte nicht nur Exerzieranstalt für Lernwissen sein, sondern neben der Familie ebenfalls Ein- und Unterordnung, Respekt, Vaterlandsliebe und Opferbereitschaft lehren.
Ein gutes Beispiel dafür, wie sich die Gesellschaft, hier speziell die herrschende Klasse, beziehungsweise der Herrscher, die Schule zu Nutze machten. Das Hauptaugenmerk wurde nicht auf den Kompetenzerwerb der Schüler gerichtet, sondern es wurde darüber nachgedacht und beraten, wie man die einzelnen Schulfächer am besten ausgestalten sollte, um den gewünschten Effekt zur Stabilisierung der Gesellschaft und zur Sicherung der eigenen Herrschaft zu erzielen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung stellt die Forschungsfrage nach den gesellschaftlichen Funktionen der Schule im Kaiserreich und gibt einen Überblick über die methodische Vorgehensweise sowie die verwendete Literatur.
2. Zu den Begriffen Erziehung, Sozialisation und Unterricht: Dieses Kapitel klärt theoretisch die Begrifflichkeiten und arbeitet die Unterschiede zwischen unbewusster Sozialisation und geplanter, zielgerichteter Erziehung im institutionellen Rahmen der Schule heraus.
3. Die Schule in der Klassengesellschaft: Es wird analysiert, wie das Schulsystem in der Industriegesellschaft zwischen dem Anspruch auf Bildung und der sozialen Selektion stand, wobei insbesondere die Trennung in höhere und niedere Bildung beleuchtet wird.
3.1. Die höhere Bildung: Dieser Abschnitt beschreibt die Rolle des Gymnasiums als exklusive Kaderschmiede für die Elite und die aufkommenden Modernisierungszwänge durch die Industrie.
3.2. Die niedere Bildung: Hier wird das niedere Schulwesen als auf Gleichförmigkeit, Ordnung und Unterordnung ausgerichtetes System für die Arbeiter- und Bauernschicht charakterisiert.
4. Lernziel: Untertan: Das Kernkapitel untersucht anhand von Kabinettsordren und Schulbüchern, wie der Unterricht zur gezielten ideologischen Indoktrination und Erziehung zur Staatstreue genutzt wurde.
5. Das Militär und die Schule der Kaiserzeit: Dieses Kapitel beleuchtet die Militarisierung des Schulwesens und die Interessen des Militärs an der Schule zur Sicherung des Offiziersnachwuchses und der Wehrpflichtigen.
6. Schlussbetrachtung: Das Fazit fasst zusammen, dass die Schule im Kaiserreich als Instrument zur Herrschaftssicherung fungierte, während sie gleichzeitig die Schüler auf die Anforderungen einer modernisierten Arbeitswelt vorbereiten musste.
Schlüsselwörter
Deutsches Kaiserreich, Schule, Erziehung, Sozialisation, Untertan, Staatstreue, Indoktrination, Klassengesellschaft, Bildungswesen, Militarisierung, Volksschule, Gymnasium, Industriegesellschaft, Lehrplan, Unterrichtsziele.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit der Rolle und den Funktionen des Schulsystems im deutschen Kaiserreich (1871–1918) und untersucht, wie dieses zur gesellschaftlichen und herrschaftlichen Stabilisierung genutzt wurde.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die zentralen Themen sind das Verhältnis von Schule und Klassengesellschaft, die ideologische Erziehung zur Staatstreue, die Rolle des Militärs im Schulwesen und die Bedeutung der höheren versus der niederen Bildung.
Was ist die primäre Forschungsfrage des Autors?
Die Forschungsfrage konzentriert sich darauf, wie sich die Schule in der aufkommenden Industriegesellschaft veränderte und welches Ziel der schulischen Bildung – speziell unter Kaiser Wilhelm II. – im Mittelpunkt stand.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Die Arbeit nutzt eine literaturgestützte Analyse, bei der unter anderem historische Dokumente (Kabinettsordren), Schulbücher der Kaiserzeit sowie soziologische Theorieansätze (z.B. von Luhmann und Bourdieu) herangezogen werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit schwerpunktmäßig behandelt?
Der Hauptteil behandelt die theoretische Einordnung von Erziehung und Sozialisation, die soziale Segmentierung des Schulsystems, die gezielte ideologische Instrumentalisierung des Unterrichts sowie die Einflüsse des Militärs auf die Schule.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind "Untertanenerziehung", "Staatstreue", "Klassengesellschaft" sowie die Wechselwirkung zwischen Schule und gesellschaftspolitischen Interessen des Kaiserreiches.
Welche spezifische Rolle spielten Schulbücher in der Kaiserzeit laut der Analyse?
Laut der Arbeit fungierten Lesebücher als zentrale ideologische Medien, die durch militärische Bilder, vaterländische Begriffe und bewusst gesteuerte historische Narrative die Jugend zur Unterordnung und Opferbereitschaft erziehen sollten.
Was unterscheidet laut Autor die "höhere" von der "niederen" Bildung?
Die höhere Bildung war durch das Gymnasium als exklusive Vorbereitung für den Staatsdienst und das Bürgertum geprägt, während die niedere Bildung (Volksschule) primär auf die Vermittlung von Gehorsam, Pünktlichkeit und elementaren Kenntnissen für die einfache Bevölkerung ausgerichtet war.
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- Nico Mehlhorn (Autor), 2008, Der Untertan als Lernziel, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/132254