Der mächtige "zagel" endet dort, wo der Ritter begann: im Zentrum aggressiv-weiblicher Begierde

Techniken der ambivalenten Macht im hermeneutischen Zirkel des priapäischen Märes das "Nonnenturnier"


Hausarbeit, 2009

13 Seiten, Note: 3,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Das Nonnenturnier

2. Der mächtige zagel endet dort, wo der Ritter begann: im Zentrum aggressiv-weiblicher Begierde
2.1. Der hermeneutische Zirkel
2.2. Techniken der ambivalenten Macht im hermeneutischen Zirkel des priapäischen Märes das Nonnenturnier

3. Schlussbemerkung

4. Literatur
4.1. Primärquelle
4.2. Sekundärquellen

1. Das Nonnenturnier

Im priapäischen Märe[1] das Nonnenturnier gelingt es einer edelen frauwe[2] ihrem Liebhaber, einem frechen ritter[3], der sie nach einer Nacht verlassen will, einzureden, dass er den Frauen noch lieber wäre, wenn er sich des kleinots[4] zwischen seinen Beinen entledigen würde. Denn obwohl der Ritter der Dame von Anfang an gesagt hat, dass er nur eine Nacht bei ihr nächtigen könnte, wollte sie am nächsten Morgen mehr und drohte, bei Nichterfüllung dieser Forderung, ihm vor dem ganzen Hofe zu denunzieren. Nach einem Streitgespräch mit seinem Penis schneidet der Ritter diesen ab und versteckt ihn in einem Nonnenkloster unter der Treppe. Daraufhin präsentiert sich der entmannte Ritter stolz der edlen Dame, da er denkt, dass sie diesen Ausdruck seiner Treue anerkennen wird. Doch als er vor sie tritt, wird er von ihr und mehr als hundert Frauen aus der Stadt gejagt. Dort muss er den Rest seines Lebens desolat in der Wildnis zubringen. Währenddessen verbrachte der zagel ein Jahr büßend unter der Treppe des Nonnenklosters bis er sich für den Freitod entschied. Er trat somit vor die Nonnen und als diese ihn entdecken, entsteht sogleich ein Streit darüber, wer ihn haben darf, bis die oberste Herrin die Entscheidung fällt, einen Kampf zu veranstalten und „welche mit turnei und mit ringen/ ie der ander anbehabe,/ das in die frölich haime trage.[5] Im Turnier kommt es zu einer wüsten Prügelei und einem brutalen Gezerre um den Siegerpreis, bis der zagel schließlich undergeslagen[6] wird. So bleibt den Nonnen nichts, als Schweigen über dies wilde Treiben zu geloben.

Im Folgenden wird das Märe unter dem Aspekt der ambivalenten Machtverhältnisse analysiert. Hierbei ist das Anliegen, dass Macht gerade nicht als „einebnende“ interpretatorische Kategorie zu sehen ist, demnach nicht als Mittel, um zu einer um jeden Preis einheitlichen Interpretation zu gelangen, sondern sie stattdessen lediglich als methodisches Instrument zu verwenden ist, mit dessen Hilfe entsprechende Machttechno-logien und -prozesse[7] aufgedeckt und beschrieben werden können. Dabei wird natürlich vor allem textimmanent vorgegangen, um die zentrale Frage nach den ambivalenten Macht-verhältnissen innerhalb eines hermeneutischen Zirkels zu klären.

2. Der mächtige zagel endet dort, wo der Ritter begann: im Zentrum aggressiv-weiblicher Begierde

2.1. Der hermeneutische Zirkel

Dass das Ganze aus dem Einzelnen und das Einzelne aus dem Ganzen verstanden werden muss, besagt eine hermeneutische Grundregel,. Dieses Prinzip wird als hermeneutischer Zirkel bezeichnet.[8] Die Autoren der philosophischen Hermeneutik definieren den Charakter und die Reichweite der Zirkelbewegung unterschiedlich. Schleiermacher sieht den hermeneutischen Zirkel sowohl in der grammatischen Interpretation, das heißt einerseits sollen historische Strukturen von Sprache, von Grammatik, Syntax und Semantik kommentiert und erläutert werden, als auch in der psychologischen Interpretation, das heißt zwischen dem Text als Ausdruck bzw. Teil des Seelenlebens des Autors und dem Ganzen seines Seelenlebens, gegeben.[9] Bei Gadamer und Heidegger beschreibt der Zirkel das Verstehen als Aneignung der Überlieferung durch den Interpreten, der sich zunächst in einer Position zwischen Fremdheit und Vertrautheit befindet.[10] Die Vertrautheit, die sich aus seiner kulturellen Zugehörigkeit ergibt, erlaubt es ihm, den Sinn des Textes vorwegzunehmen, um dieses „Vorurteil'“ mit zunehmendem Verständnis des Textes jeweils zu korrigieren. Das heißt der hermeneutische Zirkel besteht zwischen dem Verhältnis der konkreten Teilauslegung von etwas und der Verstehensganzheit, in dem sich die Auslegung immer schon befindet. Um etwas bestimmtes zu verstehen, muss ich schon ein Vorverständnis des Kontexts, in dem sich etwas befindet, mitbringen. Um von dem Kontext ein Vorverständnis zu haben, muss man einzelne Teile schon verstanden haben.[11] Um die ideologiekritische Komponente möchte Jürgen Habermas die Zirkelbewegung erweitert wissen.[12] Für ihn verläuft sie nicht einfach vom Ganzen zum Teil und zurück zum Ganzen des Textes, sondern von einem vorläufigen, sprachlich-grammatischen Verständnis über das Problem 'dunkler Stellen' zur sachlichen (historisch-empirischen) Klärung und schließlich zu einem komplexeren Textverstehen.[13] Jürgen Habermas versucht, entsprechend seiner Herkunft aus der Frankfurter Schule, über den Gesichtspunkt rationaler Begründungen eine ideologiekritische Interpretation in die Hermeneutik einzuführen, denn nach ihm ist die Kritiklosigkeit das alte Problem der Hermeneutik. Diese ideologiekritische Interpretation berücksichtigt sowohl die Zeitgebundenheit eines Textes als auch seine mögliche Aktualität. Das kritische Verstehen historisch ferner Texte liefert demnach nicht lediglich Auskunft über die Vergangenheit, sondern auch über die Gegenwart. Diese dialektische Erfahrung ist gemeint, wenn Habermas von der "kritischen Selbstreflexion" spricht, die durch Hermeneutik und Ideologiekritik vorangebracht werde. Er ist infolgedessen nicht in einer Gegenposition zur Hermeneutik, sondern sucht sie aus einer umgestalteten erkenntnistheoretischen Position heraus zu erweitern. Jürgen Bolten schließlich plädiert für den Begriff der "hermeneutischen Spirale", den er für angemessener hält als den des hermeneutischen Zirkels.[14] Im Grunde werde doch der Vorgriff auf das Ganze des Textes durch ein genaueres Verständnis des Einzelnen immerzu korrigiert. Der Verstehensprozess führe genaugenommen stets zu einem Verstehenszuwachs und sei damit kein zirkuläres Zurückkehren zu seinem Ausgangspunkt. Um den Zuwachs an Verständnis im Rahmen der hermeneutischen Spirale zu forcieren, fordert Bolten, die Entscheidung für philologisches oder literarisches oder wirkungsgeschichtliches Verstehen zugunsten eines "integrativen Verstehens" aufzuheben, das heißt Merkmale der Textstruktur bzw. des Textinhaltes und der Textproduktion unter Einbeziehung der Text- und Rezeptionsgeschichte sowie der Reflexion des eigenen Interpretationsstandpunktes im Sinne eines wechselseitigen Begründungsverhältnisses zu begreifen.[15] Der Spiralbewegung entsprechend, unterliegt die Interpretation hinsichtlich ihrer Hypothesenbildung diesbezüglich einem Mechanismus der Selbstkorrektur.[16] Dass dieses Verfahren stets dem roten Faden eines spezifischen Erkenntnisinteresses folgen und man dementsprechend bei der Behandlung der Interpretationsaspekte nicht methodenpluralistisch-additiv, sondern durchaus selektiv vorgehen sollte, versteht sich, nach Bolten, von selbst.[17]

[...]


[1] Der turnei von dem zers gehört zu der Gattung der Priapeia. Diese diskutieren Geschlechteridentitäten in der mittelalterlichen Literatur und machen dabei die beunruhigende Entdeckung, dass die Höfisierung männlicher Adliger mit einem Verlust an Macht gegenüber höfischer Damen verbunden sein kann. Weiterhin versuchen die Texte diese Beunruhigungen zugunsten eindeutiger Geschlechterdefinitionen abzustellen, ohne dabei aber, nach Schlechtweg-Jahn, erfolgreich zu sein. Die Geschlechterhierarchie erweist sich als zerbrechlich und männliche Macht im Rahmen höfischer Kultur als grundsätzlich gefährdet. (Aus: Schlechtweg-Jahn, Ralf: Geschlechtsidentität und höfische Kultur. Zur Diskussion von Geschlechtermodellen in den sogenannten priapeiischen Mären. In: Ingrid Bennewitz / Helmut Tervooren (Hg.): Manlîchiu wîp, wîplich man. Zur Konstruktion der Kategorien „Körper“ und „Geschlecht“ in der deutschen Literatur des Mittelalters. Berlin: Erich Schmidt Verlag 1999. S.85.)

[2] Primärtext der turnei von dem zers zum Proseminar „Theorie und Praxis – Methoden der Literaturwissenschaft“. V.40. (Im Folgenden wird nur noch der betreffende Vers geschrieben, da dieser Arbeit nur ein Primärtext zur Bearbeitung vorliegt.)

[3] V.12.

[4] V.109.

[5] V.400-402.

[6] V.563.

[7] Bei der Beschreibung der Machttechnologien und -prozesse wird die Terminologie und Methodologie von Michel Foucaults verwendet. Hier ist darauf hinzuweisen und zu bedenken, dass Foucaults theoretisches Werk über Fragen der Macht historisch-philosophischer Natur ist. Dabei hat er sich zwar niemals primär auf Literatur und insbesondere nicht auf mittelalterliche Literatur bezogen, trotzdem liegt es durchaus nahe, dessen Machttheorien im Folgenden interdisziplinär einzubeziehen. Die Rechtfertigung einer solchen Verwendung ergibt sich aus dem Selbstverständnis seines Werkes, wenn man bedenkt, wie er sich dort selbst als Autor präsentiert, der sich scheut, sich in feste Formen, strikte Strukturen und festgefahrene Methoden pressen zu lassen. Diese methodologische Offenheit rechtfertigt gleichzeitig auch die Anwendung auf mittelalterliche Texte, sofern die Anwendung der Theorien auch gewinnbringende Erkenntnisse verspricht.

[8] Kimmich, Dorothee u.a. (Hg.): Texte zur Literaturtheorie der Gegenwart. Stuttgart: Reclam 1996. S.20.

[9] Ebd. S.21.

[10] Gadamer, Hans Georg: Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik. Mohr Siebeck 1960. S.270ff.

[11] Gadamer, Hans Georg: Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik. Mohr Siebeck 1960. S.270ff.

[12] Habermas, Jürgen: Zur philosophischen Diskussion um Marx und den Marxismus. In: Philosophische Rundschau 5. 1957. S.183ff.

[13] Ebd.

[14] Bolten, Jürgen: Die Hermeneutische Spirale. Überlegungen zu einer integrativen Literaturtheorie. In: Poetica 17 (1985), H. 3/4. S.362.

[15] Bolten, Jürgen: Die Hermeneutische Spirale. Überlegungen zu einer integrativen Literaturtheorie. In: Poetica 17 (1985), H. 3/4. S.362.

[16] Ebd.

[17] Ebd.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Der mächtige "zagel" endet dort, wo der Ritter begann: im Zentrum aggressiv-weiblicher Begierde
Untertitel
Techniken der ambivalenten Macht im hermeneutischen Zirkel des priapäischen Märes das "Nonnenturnier"
Hochschule
Universität Bayreuth
Veranstaltung
Proseminar: Theorie und Praxis: Methoden der Literaturwissenschaft
Note
3,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
13
Katalognummer
V132367
ISBN (eBook)
9783640408917
ISBN (Buch)
9783640409440
Dateigröße
469 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Problem dieser Hausarbeit ist, dass die These nicht sauber formuliert wurde und die Methodik in Bezug auf den hermeneutischen Zirkel NICHT stimmt. Interpretation ist jedoch schlüssig, jedoch überschneiden sich der "Macht"-Begriff der Hermeneutik mit dem von Foucault und darauf wird auch nicht verwiesen.
Schlagworte
Ritter, Zentrum, Begierde, Techniken, Macht, Zirkel, Märes, Nonnenturnier
Arbeit zitieren
Katharina Ströhl (Autor), 2009, Der mächtige "zagel" endet dort, wo der Ritter begann: im Zentrum aggressiv-weiblicher Begierde, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/132367

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Der mächtige "zagel" endet dort, wo der Ritter begann: im Zentrum aggressiv-weiblicher Begierde



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden