Sozial- und Wirtschaftsgeschichte des Walfangs der Nordfriesen


Hausarbeit (Hauptseminar), 2003

20 Seiten, Note: 1-


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Wie die Nordfriesen zum Walfang kamen

3. Der Walfang in Nordeuropa und die Stellung der Nordfriesen

4. Gefahren und Risiken des Walfanges

5. Gesellschaftliche Auswirkungen auf die Angehörigen

6. Das Ende des Walfangs

7. Schlussbetrachtung

Literaturangaben

1. Einleitung

Selbst heute gibt es gegen Ende des Februars in vielen Orten der nordfriesischen Küste noch das beliebte Biikebrennen. Dieser Brauch erinnert an längst vergangene Zeiten, in denen zahlreiche Männer Nordfrieslands am 22. Februar jeden Jahres von den Angehörigen mit den weithin leuchtenden Feuern verabschiedet wurden, bevor sie zum Walfang aufbrachen. Weitere Überbleibsel aus der Blütezeit des Walfangs sind Grabsteine auf den Inselfriedhöfen, Kachelbilder in alten Häusern, auf denen Schiffe und Walfangszenen zu erkennen sind, oder Walfangkiefer als Trophäen vor Föhrer Kapitänshäusern. Wenn man sich näher mit dem Walfang der Nordfriesen im 17. und 18. Jahrhundert beschäftigen will, gestaltet es sich allerdings schwierig, ausreichend Literatur zu finden. Die meisten Werke beschäftigen sich oft nur sehr ausführlich mit der geschichtlichen Entwicklung eines einzigen Ortes. Manchmal ist es auch zweifelhaft, ob alle überlieferten Informationen der Wahrheit entsprechen.

Nur wenigen Menschen ist es heute geläufig, dass die Nordfriesen auf den Inseln und Halligen ihr Leben einst komplett auf den Walfang umgestellt hatten und wie sehr der Walfang ihre regionale Sozial- und Wirtschaftsgeschichte über zwei Jahrhunderte nachhaltig beeinflusst hat. Deshalb werde ich zunächst darauf eingehen, was dazu führte, dass die Inselnordfriesen zum Walfang kamen und welche Bedeutung sie im Walfang Nordeuropas hatten, beziehungsweise welche Stellung sie sich erarbeitet hatten und welche Karrieremöglichkeiten sich für sie eröffneten.

Auf den Grönlandfahrten lauerten viele Gefahren und Risiken auf die Walfänger. Wie sahen diese aus, welche Regelungen wurden getroffen, um ihnen entgegenzuwirken, und welche sozialen Auswirkungen gab es an Bord?

Aber nicht nur das Leben und Schaffen der Walfänger selbst, sondern auch das der Angehörigen muss betrachtet werden. Dabei stellt sich eine zentrale Frage: Welche Folgen hatte das monatelange Fortbleiben der Walfänger auf die Gesellschaft der Daheimgebliebenen? Waren soziale Entwicklungen auf den Inseln zu beobachten, die unmittelbar aus dem Walfang resultieren? Welche Position nahm die Frau ein?

Schließlich werde ich schildern, welche Gründe dazu führten, dass der historische Walfang, der mit dem heutigen nicht mehr viel gemein hat, in der Mitte des 19. Jahrhunderts sein jähes Ende fand.

Der Walfang spielte in der Regionalgeschichte der nordfriesischen Inseln und Halligen eine größere Rolle, als es heutzutage vielleicht viele Menschen ahnen, die alljährlich die Flammen des Biikebrennens betrachten. Es handelte sich nicht nur um einen Beruf, sondern um eine Lebenseinstellung.

2. Wie die Nordfriesen zum Walfang kamen

Dass die Nordfriesen über fast zwei Jahrhunderte dem gefährlichem Beruf des Walfanges nachgingen, war keine ganz freiwillige Entscheidung. Sie wurden vielmehr durch die gegebenen Umstände dazu gezwungen.

Seit dem 14. Jahrhundert verdienten sich viele Inselfriesen ihren Lebensunterhalt als Heringsfischer bei Helgoland.[1] Im Jahr 1530 waren etwa 2000 Mann beim Helgoländer Heringsfang beschäftigt.[2] Es kamen aber nicht nur die nordfriesischen Fischer, sondern auch die Salzsieder, die Salz, das damals sogenannte „weiße Gold“, zum Einpökeln der Fische aus Seetorf gewannen, und die Händler, die den Fisch, das Salz, Korn und Lebendvieh verkauften, zum Wohlstand. Aus unerfindlichen Gründen verließen jedoch die Heringsschwärme gegen Mitte des 16. Jahrhunderts die Fanggründe von Helgoland. Eine wichtige Grundlage ihrer Existenz wurde den Nordfriesen zwar genommen, aber bis zur „zweiten Manndränke“, der verheerenden Sturmflut im Jahre 1634, konnten sie noch vom Verkauf ihres gewonnenen Salzes in ganz Nordeuropa leben. Doch durch die großen Zerstörungen, welche die Sturmflut anrichtete, entfiel auch die Salzsiederei als Verdienstmöglichkeit. Diese Naturkatastrophe brachte große Armut über die Westküste. Das alte Nordstrand, welches die Kornkammer des Landes war, wurde großflächig vernichtet und in mehrere Teile zerrissen. Der fruchtbare Marschboden, der zu den ergiebigsten und nährstoffreichsten der Welt gehört, wurde zerschlagen. Die Landwirtschaft geriet in eine starke Krise. Der Export von Korn und Vieh brach zusammen. Für Nordfriesland war es nahezu unmöglich, seine Bewohner weiterhin zu ernähren.[3] Hinzu kamen die Folgen des 30-jährigen Krieges, wie etwa die schlechte Konjunktur.[4] Vor allem auf den Halligen und Inseln wurde somit ein Wandlungsprozess vom Bauern zum Seefahrer in Gang gesetzt. Der Lebensunterhalt für die Familien konnte nicht mehr in der Heimat verdient werden. Einige Nordfriesen, die auf der Suche nach Arbeit waren, heuerten auf Handelsschiffen an, aber ein Großteil ihrer begab sich auf den Walfang im arktischen Meer.[5]

So kamen die Insel- und Hallignordfriesen durch eine Verkettung unglücklicher Umstände, der sie nur mit hilfloser Ohnmacht begegnen konnten, eher aus einer Notlage heraus zum Walfang, da ihnen sämtliche Existenzgrundlagen entrissen wurden. Der Walfang blieb ihre einzige Möglichkeit, den Lebensunterhalt zu verdienen.

3. Der Walfang in Nordeuropa und die Stellung der Nordfriesen

Der Walfang im großen Stil begann in Europa zu Beginn des 17. Jahrhunderts. Zunächst begaben sich englische und holländische und schließlich auch spanische, französische, dänische und hanseatische Schiffe in die Arktis auf Grönlandfahrt. Besonders begehrt waren die Barten der Wale und der Speck, aus dem Tran, das als Leuchtmittel, z.B. für Straßenlaternen, dienen sollte, gekocht wurde. Allein Dänemark, Deutschland und die Niederlande hatten zur Blütezeit des Walfangs zusammen 200.000 Wale erbeutet.[6] In dieser Zeit waren auf rund 5000 Schiffen vor Spitzbergen etwa 250.000 Menschen zu finden.[7]

Es gab zwar Walfangflotten, die sich direkt von Nordfriesland aus auf Grönlandfahrt begaben, wie etwa die der Walfangkompanie, die gegen Ende des 17. Jahrhunderts von Kaufleuten in Husum gegründet wurde. Der Erfolg des Husumer Walfangs etwa blieb aus Kapitalgründen aber eher mäßig. Husum hatte gegen die Kompanien der großen Hafenplätze Altona und Glückstadt wirtschaftlich keine Chance.[8] Die eigenen nordfriesischen Walfangflotten waren insgesamt betrachtet also eher bedeutungslos. Die Karriere der nordfriesischen Walfänger, vor allem die der Insel- und Halligbewohner, begann vielmehr auf Schiffen in Altona, Glückstadt, Hamburg oder im Ausland. In der ersten Phase des Walfangs bekleideten die Nordfriesen vermutlich nur die untersten Ränge der Walfang-Hierarchie. Aber die friesischen Seefahrer hatten seit jeher einen sehr guten Ruf, waren so allgegenwärtig, dass die Nordsee im 14. Jahrhundert bezeichnend das „Friesische Meer“ genannt wurde, und sie sollten schließlich doch noch ihren Aufstieg im Walfang erfahren.[9]

Die Insel- und Halligbewohner Nordfrieslands stellten seit der Mitte des 17. bis zum Ende des 18. Jahrhunderts den überwiegenden Teil der Besatzungsmitglieder auf holländischen und deutschen Walfangschiffen. Ohne die Nordfriesen hätten die Holländer und Hamburger niemals ihre Flotten ausreichend bemannen können, um den Walfang in diesem großen Ausmaß zu betreiben. Im Jahre 1701 fuhren etwa 3600 Nordfriesen als Walfänger zur See, die meisten kamen von Föhr und Sylt, viele aber auch von Amrum und den Halligen. Die hamburgischen Schiffe waren oft nahezu ausschließlich mit Nordfriesen besetzt. Sie waren nicht nur für ihre außergewöhnlichen seemännischen Fähigkeiten, sondern auch für ihre hervorragenden Navigationsschulen bekannt, von denen es mehrere auf den Inseln gab. Auch im Schreiben und Rechnen sollen die Nordfriesen sehr begabt gewesen sein.[10] Die Friesen waren also hochqualifizierte Seeleute, oft sogar mit guten Navigationskenntnissen, die wirtschaftlich betrachtet durchaus von außerordentlicher Bedeutung für den nordeuropäischen Walfang waren. Auch die Familientradition spielte eine nicht unwesentliche Rolle. Wenn möglich wurden nämlich oft Seefahrer aus der eigenen Familie bei der Besetzung offener Stellen bevorzugt.[11]

[...]


[1] Vgl. Feddersen, Berend Harke: Das Jahr der Wal- und Robbenjäger, in: Der historische Walfang der

Nordfriesen. Lengsfeld, Klaus (Hrsg.). Husum, 1991. S. 12

[2] Vgl. Lüden, Walter: Föhrer Seefahrer und ihre Schiffe. Heide, 1989. S. 10

[3] Vgl. Feddersen, S. 12

[4] Vgl. Voigt, Harald: Die Nordfriesen auf den Hamburger Wal- und Robbenfängern 1669-1839. Neumünster,

1987. S. 188

[5] Vgl. Münzing, Joachim: Die Jagd auf den Wal. Heide in Holstein, 1978. S. 33

[6] Vgl. Feddersen, S. 12

[7] Vgl. Kunz, Harry und Steensen, Thomas: Sylt Lexikon. Neumünster, 2002. S. 380 f., Stichwort „Walfang“

[8] Vgl. Hoffmann, Hans: Der Husumer Hafen. Husum, 1989. S. 7

[9] Vgl. Feddersen, S. 12 ff.

[10] Vgl. Münzing, S. 33 ff.

[11] Vgl. Voigt, S. 189

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Sozial- und Wirtschaftsgeschichte des Walfangs der Nordfriesen
Hochschule
Europa-Universität Flensburg (ehem. Universität Flensburg)  (Geschichte)
Veranstaltung
Nordfriesland und Husum im Rahmen der schleswig-holsteinischen und nordeuropäischen Geschichte
Note
1-
Autor
Jahr
2003
Seiten
20
Katalognummer
V13247
ISBN (eBook)
9783638189446
ISBN (Buch)
9783640098941
Dateigröße
537 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Walfang, Wale, Nordfriesland, Föhr, Sylt, Nordfriesen, Husum, Schifffahrt, Wirtschaftsgeschichte, Nordsee, Walfänger, Wal
Arbeit zitieren
Stephan Holm (Autor), 2003, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte des Walfangs der Nordfriesen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/13247

Kommentare

  • Gast am 5.11.2010

    Einen eindrücklichen Einblick ins Leben in vergangenen Epochen. Verständlich geschrieben und lesenswert.

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Titel: Sozial- und Wirtschaftsgeschichte des Walfangs der Nordfriesen



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