Gewalt in Thüring von Ringoltingens "Melusine"


Bachelorarbeit, 2008

35 Seiten

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Einführung in die Thematik
2.1 Der Begriff Gewalt
2.2 Gewalt im Mittelalter
2.3 Gewalt und Literatur

3 Die Gewaltakte
3.1 Totschlag Reymonds an seinem Onkel (Z. 120-214)
3.2 Verbrennung des Klosters Maillezais (Z. 1859-1932)
3.3 Tötung Horribels (Z. 2099-2262)
3.4 Die Rache der drei Schwestern (Z. 2526-2594)
3.5 Geffroys Rache am Grafen vom Forst (Z. 2708-2760)

4 Darstellung der Gewalttaten
4.1 Sprachlich
4.2 Inhaltlich

5 Verknüpfungen der Gewaltszenen
5.1 Sprachlich
5.2 Inhaltlich

6 Fazit

7 Bibliographie

1 Einleitung

Terrorismus, Kriege, Attentate - Gewalt ist in den Nachrichten, mit denen uns die modernen Medien überschütten, nahezu allgegenwärtig. Doch diese ist kein Phänomen des

21. Jahrhunderts. Welche Gewalttat die erste war, ist unmöglich zu rekonstruieren, doch gilt noch heute der Tag, an welchem Kain im 1. Buch Mose 4, 1-16[1] seinen Bruder Abel erschlagen hat, als derjenige, in welchem die Gewalt „in die Welt kam“.[2]

Es verwundert nicht, dass man häufig auch in der Literatur auf verschiedenste Formen von Gewalt trifft. Richtet man den Fokus auf die Literatur des Mittelalters, so fällt auf, dass es verschiedene Gattungen gibt, welche ohne Gewalt gar nicht hätten auskommen können. In Heldenepen, höfischen Romanen, Mären oder Passionsspielen gelten Kriege, Kämpfe, Verbrechen, Folgerungen und Hinrichtungen als Hauptinhalte. Doch auch bei anderen Gattungen wie dem Minnesang finden sich beispielsweise auf der Ebene der Metaphorik erstaunlich enge Beziehungen zur Gewalt.[3]

Auch im deutschen Prosaroman Melusine des Berners Thüring von Ringoltingen, der auf dem französischen Versroman Couldrettes basiert[4] und am 29. Januar 1456 vollendet wurde,[5] spielt Gewalt eine zentrale Rolle. „Massenmord, Verwandtenmord, Brudermord, Eidbrüche, Freiheitsberaubung des Vaters, Einsetzung von landschädlichen Riesen als Grabwächtern“ – die Liste der Verbrechen, welche in diesem Werk auftreten, ist gross.[6] Diese Arbeit macht es sich zur Aufgabe, aufschlussreiche Szenen dieses Werks hinsichtlich Gewalt und deren Darstellung sowie Einbettung in die Handlung zu untersuchen. Sämtliche Zeilenangaben in dieser Arbeit beziehen sich auf die 2006 von André Schnyder in Verbindung mit Ursula Rautenberg herausgegebene Ausgabe des Romans.[7]

Zu Beginn des Hauptteils wird zunächst einführend auf die Verwendung des Begriffs Gewalt für diese Arbeit eingegangen. Zudem werden die Themen Gewalt im Mittelalter und Gewalt in der Literatur diskutiert. Anschliessend werden fünf Gewaltakte untersucht, welche für diese Arbeit ausgewählt wurden, weil sie allesamt innerhalb der Familie(n) von Reymond und Melusine spielen und ausserdem mindestens ein Todesopfer zur Folge haben.[8] Diese Szenen werden zunächst inhaltlich beleuchtet und daraufhin auf ihre sprachliche und inhaltliche Darstellung untersucht. Am Ende des Hauptteils wird schliesslich erläutert, ob die behandelten Gewalttaten sprachlich und inhaltlich miteinander verknüpft sind. Anschliessend sollen im Fazit dieser Arbeit folgende Fragen beantwortet werden:

- Weshalb wird Gewalt angewendet und mit welchen Folgen?
- Werden die Gewalttaten ausgeschmückt?
- Wie wird Gewalt im Werk dargestellt und bewertet?
- Sind die einzelnen Gewalttaten sprachlich und inhaltlich miteinander verknüpft?

Der Melusinenroman Thürings von Ringoltingen wurde bislang in der Forschung der Thematik Gewalt meist nur im Hinblick auf einige Szenen gestreift. Einzig Beate Kellner geht im vierten Kapitel ihres Werks Ursprung und Kontinuität. Studien zum genealogischen Wissen im Mittelalter[9] gezielt auf Gewalt in spätmittelalterlichen Melusinenromanen ein, wobei Thürings Werk neben denjenigen von Jean d’Arras und Couldrette ebenfalls berücksichtigt wird.

2 Einführung in die Thematik

2.1 Der Begriff Gewalt

Verschiedene Wissenschaften beschäftigen sich mit dem Phänomen Gewalt; darunter hauptsächlich die Philosophie, die Politologie und die Soziologie, weniger hingegen die Psychologie.[10] In der Soziologie hat sich in diesem Zusammenhang sogar eine eigene Fachrichtung ausgebildet, die so genannte Gewaltsoziologie. Im Aufsatz „Gewaltsoziologie am Scheideweg“ beschäftigt sich Brigitta Nedelmann mit der gegenwärtigen und den Wegen der künftigen Gewaltforschung. Dabei stellt sie die beiden aktuellen, verschiedenen Richtungen der Gewaltsoziologie vor, nämlich die „Mainstreamgewaltforschung“ und die „neuere Gewaltforschung“.[11]

In der Mainstreamgewaltforschung wird nicht die Gewalttat selbst analysiert, sondern die ihr vorausgehenden Ursachen. Dadurch wird versucht, das Übel bei der Wurzel zu packen. Dabei wird jedoch das Übel selbst, nämlich die körperliche Verletzung beziehungsweise das Erleiden körperlichen Schmerzes, ausser Acht gelassen. Die Vertreter der „neueren Gewaltforschung“ hingegen setzen das Merkmal der körperlichen Verletzung in den Mittelpunkt ihres soziologischen Blickpunkts. Dabei wird genau beobachtet, in welcher Form Körperverletzungen zugefügt werden und wie Opfer körperlich leiden – die Art und Weise der Gewalthandlung wird also zum eigentlichen Analyseobjekt.[12]

Da innerhalb einer Wissenschaft verschiedene Forschungsrichtungen zum Thema Gewalt auftauchen, verwundert es auch nicht weiter, dass die Bandbreite des Gewaltbegriffs sehr gross ist – auch Gewaltforscherinnen und -forscher operieren mit verschiedenen Definitionen, was ausführlich im Kapitel 1.2 des Werks Gewalt im sozialen Nahraum von Alberto Godenzi behandelt wird.[13] Folglich tauchen beim Nachschlagen des Begriffs Gewalt auch verschiedene Definitionen auf:

In Metzlers Philosophie-Lexikon wird Gewalt als die „von Menschen gegenüber Personen oder Sachen eingesetzte Kraft, ohne Rücksicht auf die Eigenart des Gegenübers“ bezeichnet. Bei dieser Definition geht ein Gewaltakt also immer von einem Menschen aus und richtet sich gegen Sachen oder Personen.[14]

Etwas anders betrachtet dies der norwegische Politologe Johan Galtung. Laut seinem viel beachteten Werk Strukturelle Gewalt. Beiträge zur Friedens- und Konfliktforschung liegt Gewalt dann vor, „wenn Menschen so beeinflusst werden, dass ihre aktuelle somatische und geistige Verwirklichung geringer ist als ihre potentielle Verwirklichung“.[15] Bei dieser Definition wird nicht klar ersichtlich, wer oder was alles Täter sein kann, Opfer eines Gewaltakts ist aber immer ein Mensch. Ausserdem beinhaltet diese Definition physische und psychische Gewalt.

Das Wörterbuch der Soziologie seinerseits bezeichnet Gewalt als „ultimatives Mittel der Machtausübung im Rahmen einseitiger Über- bzw. Unterordnungsverhältnisse beruhend auf äusserlicher Überlegenheit ohne Anerkennung durch die Unterlegenen.“[16] Bei dieser Definition wird nicht näher darauf eingegangen, wer oder was zum Täter beziehungsweise Opfer werden kann.

In diesen Definitionen kommt zwar zum Vorschein, weshalb Gewalt ausgeübt wird oder welche Auswirkungen sie hat, jedoch erfährt man nichts Genaueres über die Gewalthandlung selbst. Konkreter ist diesbezüglich die Definition im Brockhaus, welche Gewalt als „Anwendung von physischem und psychischem Zwang gegenüber Menschen“ bezeichnet.[17] Der Begriffskern dieser Definition erscheint plausibel, darum, dass anderen etwas gegen ihre Bedürfnisse und gegen ihren Willen geschieht. Weil in dieser Definition der Begriff ‚Anwendung’ benutzt wird, beinhaltet diese Definition nur personale oder direkte Gewalt, bei welcher es einen Akteur gibt.[18] Hinsichtlich des Inhalts der Melusine erscheint es aber sinnvoll, zur Festlegung des Gewaltbegriffs dieser Arbeit die strukturelle oder indirekte Gewalt hinzuzuziehen, welche vom bereits oben erwähnten Johan Galtung definiert wurde.[19] Strukturelle oder indirekte Gewalt weist keinen Akteur auf – es tritt niemand in Erscheinung, der einem anderen direkt Schaden zufügen könnte, denn die Gewalt ist in das System eingebaut und äussert sich in ungleichen Machtverhältnissen und folglich auch in ungleichen Lebenschancen.[20] Man könnte strukturelle Gewalt also quasi als „Gewalt der Umstände“ bezeichnen.

Für diese Arbeit wird der Begriff wie folgt festgelegt: Gewalt liegt dann vor, wenn ein Mensch unter physischen oder psychischen Zwang gesetzt wird. Dieser Zwang kann von anderen Lebewesen ausgehen oder auch von den entsprechenden Umständen, wodurch strukturelle Gewalt ebenfalls miteinbezogen wird.

2.2 Gewalt im Mittelalter

Bis heute ist wohl die Vorstellung im öffentlichen Bewusstsein verankert, dass das Mittelalter sehr gewalttätig war. Dieses Klischee unterstellt den Menschen des Mittelalters eine weitgehend ungebremste Gewaltbereitschaft, die neben einigen anderen Einschätzungen, wie der ihrer naiven Wundergläubigkeit oder Illiteralität, verantwortlich für ein weiteres Klischee sein dürfte – das des finsteren Mittelalters.[21] Bei diesen Verurteilungen der Epoche wird davon ausgegangen, dass die Menschen des Mittelalters dasselbe Verhältnis zur Gewalt hatten wie unsere westliche Welt heute. Dem widersprechen Manuel Braun und Cornelia Herberichs, welche davon ausgehen, dass die mittelalterliche Kultur Gewalt im Grossen und Ganzen als unvermeidbares Schicksal akzeptierte.[22] Der Soziologe Trutz von Trotha spricht sogar von einer „kulturellen Normalisierung“ der Gewalt im Mittelalter.[23]

Dies leuchtet ein, wenn man bedenkt, dass einige Geschichtsschreiber Gewalttätigkeiten hinnahmen wie Seuchen und schlechte Ernten, also wie Naturereignisse.[24] Auch die Tatsache, dass kein Gründungsmythos ohne Gewalt auskam, spricht für diese These.[25] Des Weiteren galt es im Mittelalter als verbreitete Meinung der Prediger und Moralisten, dass Recht und Gerechtigkeit erst im Jenseits siegen würden, weswegen das „irdische Jammertal“, welches unter anderem beherrscht war von Gewalt und Unterdrückung, eher erduldet wurde.[26] Menschen, welche Gewalt erleiden mussten, unternahmen also nicht in allen Fällen etwas gegen die Täter und somit indirekt auch gegen Gewalt, da sie davon ausgingen, dass jene schliesslich durch das jüngste Gericht bestraft werden würden. Wer aber nicht bis zum jüngsten Tag warten wollte, um Gerechtigkeit zu erfahren, konnte sich, wenn dies die soziale Stellung erlaubte, der Fehde bedienen, da der Staat im Mittelalter noch nicht über ein Gewaltmonopol verfügte[27]. Sehr allgemein versteht man unter dem Begriff Fehde „jede Art der gewaltsamen Selbsthilfe“ […], „mithin jede Form von eigenmächtiger Gewalt, die im Falle einer Rechtsverletzung von der Seite angewendet wird, um eine Wiederherstellung des Rechts durch Vergeltung, Genugtuung oder Sühne zu erreichen.“ Dabei sind verschiedene Formen der Fehde zu unterscheiden wie zum Beispiel Blutrache, Sippenfehde und ritterliche Fehde. Sehen die einzelnen Varianten der Fehde im Detail teils sehr unterschiedlich aus, so haben sie alle doch eines gemeinsam: Das Merkmal der Eigenmächtigkeit.[28] Durch die im 11. Jahrhundert aufkommende Gottesfriedensbewegung wurde aber versucht, die Fehde einzuschränken. Darauf folgten Friedensvereinbarungen und Friedensgesetze, welche im Spätmittelalter üblicherweise Landfrieden genannt wurden. Jene galten jedoch immer nur für bestimmte Zeit und ihre Geltungskraft war oftmals fragwürdig – sie konnten nämlich die Fehde nicht beseitigen, zumindest aber regulieren.[29] Meist waren es bestimmte Personen, Sachen oder Orte, welche durch die Landfrieden unter Friedensschutz und Fehdeverbot gestellt wurden. Es kam auch vor, dass die Fehde zu einigen besonders festgelegten Zeiten verboten wurde.[30]

Wichtigstes Mittel zur Durchsetzung der Landfrieden war die Androhung von zahlreichen schweren Strafen wie Rädern, Enthaupten und Verstümmelung.[31] 1495 wurde schliesslich der so genannte ewige Landfriede erlassen, der ein absolutes Fehdeverbot enthielt und dazu führte, dass in Deutschland die gewaltsame Selbsthilfe unüblich wurde. Die allmähliche Durchsetzung gilt als Vorgeschichte des modernen staatlichen Gewaltmonopols und der absoluten Kriminalisierung der gewaltsamen Selbsthilfe. Somit wurde begonnen, nicht mehr Gewalt, sondern deren Ausbleiben als Normalzustand zu empfinden. 32

2.3 Gewalt und Literatur

Auf Darstellungen von Gewalt trifft man bereits in den frühesten Dokumenten abendländischer Kultur. So wurden beispielsweise Homers Epen von Berichten über Götter- und Menschenschlachten strukturiert. Detaillierte Feineinstellungen lenken den Blick auf das Grauen, wobei Tötungen und Rituale des Tötens vergrössert, verbildlicht und konkretisiert werden.[32] Seither zieht sich Gewalt und ihre Darstellung wie ein roter Faden durch die Literatur – Jürgen Wertheimer spricht sogar davon, dass sich nahezu die gesamte Weltliteratur als „grausam-heilsames Spiel zwischen Tätern und ihren Opfern“ präsentiere.[33] Auf alle Fälle kann Gewalt als integraler Bestandteil der Literatur angesehen werden.[34]

Die Beziehung zwischen der Literatur und dem Phänomen Gewalt ist seinem Wesen nach ambivalent, denn die Kunst hantiert mit genau dem Material, welches für gewöhnlich angeklagt wird. Sie arbeitet kontinuierlich und mit Erfolg – seit der griechischen Antike erfolgen die wirkungsvollsten Affekte und Effekte aus der Darstellung gewalttätiger Geschehnisse. Durch diese bildhafte Beschreibung körperlicher Übergriffe aus Sicht des Täters oder Opfers werden Reaktionen des Rezipienten wie Entsetzen, Schrecken, Angst, Leid, Mitleid und Empörung ausgelöst. Gewalt bildet eine Grundkonstante des menschlichen Verhaltens – sie ächten oder tabuisieren zu wollen erscheint wenig erfolgversprechend. Durch die literarische und künstlerische Stilisierung von Gewalt kommen also elementare individuelle und gesellschaftliche Bedürfnisse der jeweiligen Kultur zum Ausdruck.[35]

3 Die Gewaltakte

In diesem Kapitel werden die fünf für diese Arbeit relevanten Gewaltszenen aus der Melusine zusammengefasst, die darin vorkommende Gewalt erörtert und deren Auslöser und Folgen ermittelt. Dabei handelt es sich um folgende Szenen:

1. Reymonds Totschlag an seinem Onkel (Z. 120-214)
2. Verbrennung des Klosters Maillezais (Z. 1859- 1932)
3. Tötung Horribels (Z 2099-2262)
4. Die Rache der drei Schwestern an ihrem Vater (Z. 2526-2594)
5. Geffroys Rache am Grafen vom Forst (Z. 2408-2760)

3.1 Totschlag Reymonds an seinem Onkel (Z 120-214)

Inhalt

Graf Emmerich und seine Leute gehen auf die Jagd und Reymond, welcher von diesem adoptiert wurde, folgt ihnen. Beim Jagen werden sie aufmerksam auf eine Wildsau, welche zahlreiche Hunde tötet. Sie flieht und der ganze Jägertrupp eilt ihr hinterher. Dabei verlieren Graf Emmerich und Reymond die rund zwanzig Diener aus den Augen. Nachdem der Graf aus den Sternen gelesen hat, hören die beiden etwas im Gehölz. Reymond greift zu seinem Schwert und der Graf zu seinem Spiess. Es taucht eine aussergewöhnlich grosse Sau auf, welche die beiden angreifen will. Graf Emmerich holt seinen Spiess hervor und greift die Sau an – er trifft sie jedoch nicht wie erwünscht und wird zu Boden geworfen. Reymond nimmt den Spiess seines Herrn zur Hand und will die Sau treffen. Er verfehlt sie aber sehr unglücklich und trifft seinen Onkel. Für Graf Emmerich kommt jede Hilfe zu spät und er erliegt seinen Verletzungen. Reymond erkennt, was er angerichtet hat und macht sich über eine ganze Stunde lang die grössten Vorwürfe – er würde am liebsten sterben.

Gewalt in der Szene

Da Reymond den Grafen Emmerich aus Versehen getötet hat, ist strukturelle Gewalt mit im Spiel – die Umstände haben Reymond quasi dazu ‚gezwungen’, seinen Onkel umzubringen, da er die Tat nicht absichtlich begangen hat.

Offensichtlich wird in dieser Szene aber auch körperliche Gewalt ausgeübt, denn Reymond ersticht seinen Onkel mit dessen Spiess. Dass Reymond das Wildschwein mit diesem Spiess töten will, erstaunt ein wenig, da in Zeile 171 geschrieben steht, dass Reymond sein Schwert zückt, nachdem er und sein Onkel im Gehölz ein Geräusch vernommen haben. Anschliessend wird das Schwert eigenartigerweise nicht mehr erwähnt, dabei hätte Reymond die Wildsau doch auch gut mit seinem eigenen Schwert angreifen können. Es könnte sein, dass Thüring von Ringoltingen den Grafen Emmerich absichtlich durch seine eigene Waffe sterben liess um zu unterstreichen, dass er von seinem eigenen Fleisch und Blut, nämlich Reymond, getötet wurde. Dies würde die Dramatik der Tat zusätzlich verschärften. Der Spiess könnte hier aber auch als plausiblere Tatwaffe angesehen werden, da er länger und schwerer ist und damit weniger gut gezielt werden kann als mit einem Schwert. Dies würde auch erklären, weshalb Reymond das Wildschwein beim ersten ‚Angriff’ nicht richtig getroffen hat.

Auslöser

Für Reymonds Totschlag an seinem Onkel gibt es kein offensichtliches Motiv, da er ein Versehen war. Man könnte somit ‚unglückliche Umstände’ als Ursache angeben. Müller hingegen bezeichnet den Totschlag als „ungewollt und doch notwendig“, da er am Himmel ablesbar gewesen ist.[36] Dies würde bedeuten, dass der Totschlag Reymonds an seinem Onkel vorbestimmt war. Es gibt aber auch noch eine andere Möglichkeit. Wenn man bedenkt, was der Onkel aus den Sternen liest und Reymond erzählt, könnte es auch sein, dass jener seinen Onkel unbewusst mit Absicht getötet hat. Der Graf erzählt ihm ja, dass die Sterne momentan gut stünden, um seinen Herren umzubringen und anschliessend selbst gesellschaftlich aufzusteigen. Vielleicht strebte Reymond irgendwo in seinem Inneren danach, nicht länger im Schatten seines einflussreichen Onkels zu stehen. Dies ist aber nur eine Theorie und kann anhand des Texts nicht bewiesen werden.

[...]


[1] Martin Luther: Die Bibel. Nach der Übersetzung Martin Luthers. Hg. von der Deutschen Bibelgesellschaft Stuttgart. Stuttgart 1999, S. 6.

[2] Jürgen Wertheimer: Ästhetik der Gewalt? Literarische Darstellung und emotionale Effekte, in: Julia Dietrich / Uta Müller-Koch (Hg.): Ethik und Ästhetik der Gewalt. Paderborn 2006, S. 9-26, hier S. 10.

[3] Manuel Braun: Violentia und Potestas. Mediävistische Gewaltforschung im interdisziplinären Feld, in: Beiträge zur Geschichte der deutschen Sprache und Literatur 127 (2005): S. 436-458, hier S. 437.

[4] Anna Mühlherr: Melusine und Fortunatus. Verrätselter und verewigter Sinn. Tübingen 1993 (=Fortuna Vitrea 10), S.7.

[5] Ursula Rautenberg: Die ‚Melusine’ des Thüring von Ringoltingen und der Basler Erstdruck des Bernhard Richel, in: Andre Schnyder / dies. (Hg.), Thüring von Ringoltingen. Melusine (1456). Nach dem Erstdruck Basel: Richel um 1473/74. Bd 2 Kommentar und Aufsätze. Wiesbaden 2006, S.61-99, hier S. 61.

[6] Ursula Liebertz-Grün: Das Spiel der Signifikanten, in: Hans-Jürgen Bachorski (Hg.): Ordnung und Lust. Bilder von Liebe, Ehe und Sexualität in Spätmittelalter und Früher Neuzeit. Trier 1997 (=LIR, Band 1), S. 211-229, hier S. 222.

[7] Thüring von Ringoltingen: Melusine. Nach dem Erstdruck Basel: Richel um 1473/74. Hg. von André Schnyder in Verbindung mit Ursula Rautenberg. 2 Bde. Bd 1 Edition, Übersetzung und Faksimile der Bildseiten. Wiesbaden 2006.

[8] Folgende Szenen des Werks, in welchen ebenfalls Gewalt vorkommt, werden nicht berücksichtigt: Eingriff Uriens’ und Gyots in die Kämpfe gegen die Heiden auf Zypern (Z. 788-822), Fehde Reinharts und Anthonis gegen den König von Elsass (Z. 992-1018), Tod des Königs von Böhmen und Schlacht gegen die Türken

(Z. 1248-1362), Geffroy besiegt den Riesen von Garande (Z. 1765-1796), Abschied von Reymond und Melusine (Z. 2097-2219), Kampf Geffroys gegen den Riesen Grymmolt (Z. 2375-2435).

[9] Beate Kellner: Ursprung und Kontinuität. Studien zum genealogischen Wissen im Mittelalter. München 2004.

[10] Gunter A. Pilz: Gewalt, in: Handwörterbuch Psychologie auf CD-Rom. Hg. von Rolang Asanger und Gerd Wenninger. Berlin 2000.

[11] Birgitta Nedelmann: Gewaltsoziologie am Scheideweg. Die Auseinandersetzung in der gegenwärtigen und Wege der künftigen Gewaltforschung, in: Trutz von Trotha (Hg.): Soziologie der Gewalt. Opladen / Wiesbaden 1997 (= Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialforschung Sonderheft), S. 59-85.

[12] Nedelmann 1997, S. 62f.

[13] Alberto Godenzi: Gewalt im sozialen Nahraum. Basel / Frankfurt am Main 1993, S. 33-38.

[14] Volker Gerhardt: Gewalt, in: Metzler Philosophie Lexikon. Hg. von Peter Prechtl und Franz-Peter Burkard. Stuttgart2 1999, S. 211f., hier S. 211.

[15] Johan Galtung: Strukturelle Gewalt. Beiträge zur Friedens- und Konfliktforschung. Reinbek bei Hamburg, 1975, S. 9.

[16] Ulrike Vogel: Gewalt, in: Wörterbuch der Soziologie. Hg von Günter Endruweit und Gisela Trommsdorf. Stuttgart 1989 (= Band 1, Abhängigkeit – Hypothese), S 252f., hier S. 252.

[17] Autor unbekannt: „Gewalt“, in: Brockhaus – die Enzyklopädie in 24 Bänden. Leipzig20 1997 (= Band 8), S. 265-270, hier S. 265.

[18] Galtung 1975, S. 12.

[19] Herber Selg: Psychologie der Aggressivität. Göttingen 1997, S. 7.

[20] Galtung 1975, S. 12.

[21] Gerd Althoff: Schranken der Gewalt. Wie gewalttätig war das finstere Mittelalter?, in: Horst Brunner (Hg.): Der Krieg im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit: Gründe, Begründungen, Bilder, Bräuche, Recht. Wiesbaden 1999, S. 1-24, hier S. 2.

[22] Manuel Braun / Cornelia Herberichs: Gewalt im Mittelalter: Überlegungen zu ihrer Erforschung, in: Ders. / dies. (Hg.): Gewalt im Mittelalters. Realitäten – Imaginationen. München 2005, S.7-37, hier S. 31.

[23] Trutz von Trotha: Zur Soziologie der Gewalt, in: Ders. (Hrsg): Soziologie der Gewalt. Opladen 1997 (= Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie. Sonderheft 37), S. 9-58, hier S. 34.

[24] Rolf Sprandel: Legitimaion und Delegitimation handgreiflicher Gewaltanwendung, in: Günther Mensching (Hg.): Gewalt und ihre Legitimation im Mittelalter. Symposium des Philosophischen Seminars der Universität Hannover vom 26. – 28. Februar 2002. Würzburg, 2003, S. 184-203, hier S. 186.

[25] Kellner 2004, S. 114.

[26] Franisek Graus: Gewalt und Recht im Verständnis des Mittelalters, in: Gewalt und Recht im Verständnis des Mittelalters. Basel 1974 (=Basler Beiträge zur Geschichtswissenschaft 134), S. 7-21, hier S. 9f.

[27] Graus 1974, S. 14.

[28] Elmar Wadle: Zur Delegitimierung der Fehde, in: Horst Brunner (Hg.): Der Krieg im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit; Gründe, Begründungen, Bilder, Bräuche, Recht. Wiesbaden 1999, S. S 73-91, hier S. 74f.

[29] Hartmut Boockmann: Landfriedensbestimmungen aus dem Sachsenspiegel, in: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 50 (1999), S. 163-170, S. hier S. 163.

[30] Wolfgang Sellert: Studien- und Quellenbuch zur Geschichte der deutschen Strafrechtspflege in 2 Bänden. Band 1: Von den Anfängen bis zur Aufklärung. Aalen 1989, S. 97.

[31] Hans-Jürgen Becker: Landfrieden, in: Lexikon des Mittelalters. München 2002 (= Band 5), S. 1657f., hier S. 1657.

[32] Jürgen Wertheimer: Ästhetik der Gewalt. Ihre Darstellung in Literatur und Kunst. Frankfurt am Main 1986, S. 19.

[33] Wertheimer 2006, S. 13.

[34] Klaus-Peter Philippi: Gewalt in der Literatur - Literatur als Gewalt?, in: Dietrich / Koch 2006, S. 27-55, hier S. 28.

[35] Wertheimer 2006, S. 10.

[36] Jan-Dirk Müller (Hg.): Romane des 15. und 16. Jahrhunderts. Nach den Erstdrucken mit sämtlichen Holzschnitten. Frankfurt 1990 (= Bibliothek der frühen Neuzeit 1), S. 1046.

Ende der Leseprobe aus 35 Seiten

Details

Titel
Gewalt in Thüring von Ringoltingens "Melusine"
Hochschule
Universität Bern
Jahr
2008
Seiten
35
Katalognummer
V132472
ISBN (eBook)
9783640387076
ISBN (Buch)
9783640386888
Dateigröße
563 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gewalt, Thüring, Ringoltingens, Melusine
Arbeit zitieren
Anonym, 2008, Gewalt in Thüring von Ringoltingens "Melusine", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/132472

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