Die Narrativik der Ökonomie im Spiegel ausgewählter Texte

Der ökonomische Mensch der Gegenwartsliteratur


Hausarbeit, 2008
16 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Die Gesellschaft als Ökonomie-Ort - Deleuze 1
2.1 Die Suche nach dem Platz im Sieb - Deleuze 2

3. Ökonomie als Stilmittel - ausgewählte Sequenzen
3.1 Der Mensch im ökonomischen Netz

4. Fazit

1. Einleitung

In der folgenden Arbeit sollen Elemente einer Narrativik der Ökonomie herausgearbeitet und im Kontext einer soziologischen Betrachtung des Individuums innerhalb einer ökonomischen Welt gelesen werden. Um einen adäquaten Hintergrund für diese Untersuchungen zu schaffen, werden daher vor der Analyse ausgewählter Sequenzen aus den Romanen „Wir schlafen nicht“ und „Die Schule der Arbeitslosen“ theoretische Texte zu der Platzierung und Deplatzierung des modernen Menschen in der freien Marktwirtschaft angeführt und ausgewertet.

Der Theorieteil beinhaltet vorrangig das „Postscriptum über die Kontrollgesellschaften“ von Deleuze, welches durch Passagen aus Foucaults „Der Panoptismus“ ergänzt werden soll, um das Individuum innerhalb des ökonomischen Netzes auch im Hinblick auf Ansätze eines Gefängnisses und Kontrollinstanzen bzw. ihrer Blicke, die nicht identifiziert werden können und dennoch existent sind (oder zumindest diesen Anschein vermitteln) in den Mittelpunkt rücken zu können.

Das daraus resultierende Format des ökonomischen Menschen soll sodann als Schablone für die Lesart des Aufsatzes „Totale Mobilmachung“ von Ulrich Bröckling stehen, wodurch eine Brücke zur Position des Menschen in der modernen Arbeitswelt geschlagen werden soll. Dieser Punkt bildet ebenfalls die Überleitung zu den angeführten narrativen Texten, in denen nach stilistischen Motiven einer Ökonomie sowie die Verankerung des Menschen als Dienstleister („Wir schlafen nicht“) bzw. Dienstleistungsnehmer („Die Schule der Arbeitslosen“) in eben dieser gesucht werden soll.

Ziel der Untersuchungen ist es, narrative Elemente in Zusammenhang mit der Position des Individuums in der narrativen Ökonomie zu stellen und zu sehen, inwiefern sich die theoretischen Modelle auf dieser Ebene so auch in Romanform wieder finden lassen.

2. Die Gesellschaft als Ökonomie-Ort

Zu Beginn sei an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass die im Folgenden angeführten Modelle der Ökonomie und seiner Konsequenzen für das Individuum keine feststehenden sein können, sondern immer an den durch Wandel ausgelösten Verfall gekoppelt sind. Zum besseren Verständnis des Vorgangs kann das Beispiel des von Foucault veranschaulichten und durch Deleuze weitergeführten Übergangs von Disziplinar- zu Kontrollgesellschaften angeführt werden.

Der Höhepunkt der Disziplinargesellschaften ist demnach im Beginn des 20. Jahrhunderts anzusiedeln, historisch also nahezu parallel zum Höhepunkt der Industrialisierung zu lesen.

„Das ideale Projekt der Einschließungsmileus [dem signifikanten Merkmal einer Disziplinargesellschaft], das in der Fabrik [daher die Verbindung zur Industriellen Revolution] besonders deutlich sichtbar wird, wird von Foucault sehr gut analysiert: konzentrieren; im Raum verteilen; in der Zeit anordnen; im Zeit-Raum eine Produktivkraft zusammensetzen, deren Wirkung größer sein muss als die Summe der Einzelkräfte."[1]

Die Disziplinargesellschaft zeichnet sich also durch mehr oder weniger offene Einschließung aus, die sowohl auf zeitlicher als auch auf räumlicher Ebene erfolgt. Aus ökonomischer Lesart lässt sich daher die angesprochene Fabrik als hervorragender Illustrationsraum dieser Gesellschaftsform nehmen: Die Schichtarbeit innerhalb der Fabrik als Kombination der Variablen Zeit und Raum, wo die Zeit durch die Pflicht, die Arbeit über eine festgelegte Zeitspanne auszuführen die erste Koordinate eines Netzes bildet und der Raum, in dem diese Arbeit auszuführen ist, den zweiten Punkt für das Koordinatensystems eines Individuums bildet. „[...] alle diese der Kontrolle des Individuums dienenden Instanzen funktionieren gleichermaßen als Zweiteilung und Stigmatisierung [...] sowie als zwanghafte Einstufung und disziplinierende Aufteilung."[2] Dieses Koordinatensystem, in dem der Mensch innerhalb der ausgeführten Form von Ökonomie gefangen ist, lässt sich beispielsweise auf Texte in Produktions- und Zeitplänen übertragen. „([...] Produktion organisieren, [...] Leben verwalten.)"[3]

Dieses System hat seine Krise nach dem zweiten Weltkrieg erfahren, da nach neuen Verwaltungsstrukturen (denn wie angemerkt diente die Disziplinargesellschaft neben einer Produktionssteigerung nicht zuletzt dazu, Leben zu verwalten) gesucht werden musste, um den nicht mehr zu rechtfertigenden Einschließungscharakter zumindest oberflächlich abzuschaffen.[4] Wo innerhalb einer Disziplinargesellschaft die Einschließung und ihre Milieus bestimmend waren (sowohl im Bild der Fabrik als auch in Familie als „Heim", Schule und Krankenhaus[5] ), ist innerhalb der Kontrollgesellschaft die Modulation des gesamten ökonomischen Zyklus signifikant.

Diese Gegenüberstellung lässt sich ebenfalls treffend anhand zweier Zitate anführen: für die Disziplinargesellschaft könnte so gelten: „Der Raum erstarrt zu einem Netz von undurchlässigen Zellen. Jeder ist an seinen Platz gebunden."[6] Im Kontrast dazu stehen innerhalb der Kontrollgesellschaft die Individuen im Raum „[...] einer sich selbst verformenden Gussform, die sich von einem Moment zum anderen verändern, oder einem Sieb, dessen Maschen von einem Punkt zum anderen variieren."[7]

Der aufgemachte Raum zwischen Disziplinar- und Kontrollgesellschaft lässt allerdings ein wichtiges Element beider Gesellschaftsformen als Schnittmenge zu: die Kontrolle durch eine übergeordnete Institution. In der ersteren Gesellschaftsform liegt diese durch die Offenheit des Raumes in der Macht der Blicke, die das ökonomisierte Individuum treffen, hier lässt sich ein Vergleich zum Panoptismus von Foucault ziehen: In Anlehnung an das Panoptikum von Bentham, ein Gefängnis ohne Ketten, wird der Blick zur allmächtigen Kontrollinstanz. Durch die Überwachungsmöglichkeit in Form eines Turms, der in der Mitte der Gefängnisanlage steht und um den die Zellen mit Glasfronten in Form eines Ringes angeordnet sind, ist der Mensch - in diesem Modell als Häftling zu kennzeichnen - immer mit der Möglichkeit des gesehen Werdens konfrontiert, ohne sich jedoch sicher sein zu können, ob eine akute Beobachtung aus dem Turm erfolgt oder nicht. Auch wenn in einer Fabrikhalle nicht das Bild einzelner Zellen zutrifft, so kann man doch sagen, dass auch hier „die Sichtbarkeit eine Falle ist."[8] Um weiter im so angelegten isotopischen Raum der Fabrik zu bleiben, bleibt das Individuum hier „Objekt einer Information, niemals Subjekt in einer Kommunikation."[9]

Die Kontrollgesellschaft nach Deleuze zwingt das Objekt zwar, sich den ständig variierenden Durchlassungspunkten des Siebes anzupassen und weiß das Gefühl einer freien Entwicklung zu suggerieren, allerdings findet die Kontrolle nun auf viel subtilerer und brutalerer Ebene statt: „In der Krise des Krankenhauses als geschlossenem Milieu konnten z.B. Sektorisierung [...] zunächst neue Freiheiten markieren, wurden dann aber zum Bestandteil neuer Kontrollmechanismen, die den härtesten Einschließungen in nichts nachstehen."[10] Die Kontrollinstanz steht also nicht mehr über den arbeitenden, zu einer Masse verschmolzenen Individuen, sondern kommt nun „zu mir". Wie lässt sich nun aber die vorliegende Metapher der beispielsweise ambulanten Pflegedienste auf die Ebene der Ökonomie transferieren?

„In einer Kontrollgesellschaft [...] tritt an die Stelle der Fabrik ein Unternehmen, und dieses ist kein Körper, sondern eine Seele, ein Gas."[11] Das Gas, das die Seele eines Unternehmens beinhalten kann, könnte also die Kontrollinstanz des Panoptikums schlicht ersetzen. Durch die Identifikation mit dem Unternehmen selbst wird die ständige Anpassung an die neuen Strukturen des Marktes eventuell als selbstgewählt im Sinne von „Weiterbildung" interpretiert. Dies steht dahingehend konträr zu den Disziplinargesellschaften, da man diese als ein Fortschreiten von einer Gussform zu nächsten lesen könnte.

Der moderne Markt lebt von denen auf psychologischer Ebene konstruierten Mechanismen von Konkurrenzgedanken und scheinbarer Eigenkontrolle des Weiterkommens willen. Zudem löst sich der Kapitalismus von der Warenwirtschaft und konzentriert sich auf anderweitig kontrollierende Dienstleistungen, die zum Instrument einer streuenden Kontrollinstanz, die konkret nicht mehr zu fassen ist, werden.[12] Damit ist als weiterer Differenzierungspunkt zwischen Disziplinar- und Kontrollgesellschaft festzuhalten, dass neben dem angesprochenen Wertewandel in Bezug auf die suggerierte nicht­Einschließung des Individuums vorliegt, sondern ebenfalls ein Waren- und Produktionswandel zu verzeichnen ist. „Der alte Geldmaulwurf ist das Tier des Einschließungs-Mileus, während das der Kontrollgesellschaften die Schlange ist."[13] Der Maulwurf, der nach Geld gräbt und blind an seinen gewählten unterirdischen Gang gekoppelt ist, wird - metaphorisch gesprochen - von der Schlange gefressen, die eben nicht auf ein Milieu festgelegt ist, sondern viel mehr dem Anspruch von Flexibilität entsprechen muss, also stetigem Wandel unterliegt und dabei auf das wiederholende Moment des ewigen Anfangs der Disziplinargesellschaft keine Rücksicht nehmen kann.

Inwieweit dies auf eine „Ökonomisierung des Sozialen" übertragbar ist, soll folgendes Kapitel zeigen.

2.1 Die Suche nach dem Platz im Sieb

„Die Omnipräsenz des Marktes, so die suggestive Botschaft, lässt nur die Alternative, entweder alle bürokratischen Fesseln abzuwerfen und sich rückhaltlos dem Wettbewerb zu stellen - oder als Ladenhüter zu verstauben."[14] Die moderne Marktwirtschaft und somit die ökonomische Welt bis in seine globale Entwicklung hinein brauchen also die schon erwähnte „Schlange", deren Bewegungen flexibel sind und die sich den Gegebenheiten des Marktes anpassen kann. „Kurzum: Was auch schief läuft, schuld ist stets ein Mangel an Marktförmigkeit."[15] An dieser Stelle ist festzuhalten, dass es im Folgenden um die Funktionäre innerhalb der Märkte geht, die auf die passende Form der Unternehmen in Bezug auf Absatzchancen achten: in etwa Unternehmensberater bzw. Qualitätsmanager. Wie aus den vorangegangenen Ausführungen als Essenz zu ziehen ist, müssen nämlich sie den in der Kontrollgesellschaft Markt bestimmenden Sektor der Dienstleistungen regulieren. In einem Sieb, dass sich ständig verändert, haben sie die Aufgabe, Kundenbedürfnisse zu erkennen und an die Unternehmen weiterzuleiten.

„Von den gleichermaßen illusionären wie totalitären Utopien exakter Prognostik und Planbarkeit hat man sich verabschiedet, geblieben ist das Postulat permanenter Optimierung."[16] Das Management erhält also Einzug nicht nur in die Betriebe selbst, sondern wird auch außerbetriebliches Orientierungs- und Kontrollinstrument. Orientierung dahingehend, dass Richtlinien seitens Qualitätsmanagern von den Individuen in den Betrieben konsumiert werden. Kontrollinstrument von der Warte aus, dass Menschen in Betrieben an ihrer Orientierung diverser Richtlinien gemessen werden (auch: sich gegenseitig messen) und dass Qualitätsmanager selbst in die Betriebe Einzug erhalten um aktiv zu kontrollieren.

„Die Qualitätsspezialisten kontrollieren nicht mehr die Produkte, sondern die Selbstkontrolle der Produzenten. [...] Hatte der Disziplinarkurs feste Gussformen bereitgestellt, [...], so erzeugt der Mobilisierungskurs des TQM einen Sog, der den Einzelnen mitreißen soll, den Bewegungen der Kundenwünsche zu folgen."[17]

Den Bewegungen von Kundenwünschen zu folgen impliziert eine nicht im Sinne eines Endergebnisses realisierbare Aufgabe. Hier liegt der Kern des sich ewig umstrukturierenden Siebes ebenso wie der des ewigen Anpassungszwangs für Mitarbeiter des modernen Marktes. Nicht mehr wie noch in der Disziplinargesellschaft der Fall das Produkt steht im Vordergrund, sondern die möglichst optimierte Zufriedenstellung des Kunden, will meinen: Beratung, Service, Verkaufsstrategien. In Zeiten eines Kapitalismus, der durch Überproduktion einer Situation gegenübergestellt ist, in der das Angebot die Nachfrage bei weitem übersteigt, muss eben über das Qualitätsmanagement der Weg zum Kunden gesucht werden, um das Bestehen am Markt zu sichern.[18]

„In dem Maße, in dem es gelingt, dieses >>moralische Gesetz<< [hier: die Erhebung des Markterfolgs zum kategorischen Imperativ] in jedem Einzelnen zu verankern, werden die traditionellen Mechanismen des Überwachens und Strafens entbehrlich."[19]

Hier findet sich, wie schon angedeutet, der Platz des Individuums: durch die Positionierung als selbstständiger Kontrolleur seiner zu liefernden Qualität im Kampf um den Kunden wird liberales Tun suggeriert. In Wirklichkeit bestimmen aber Selbstkontrolle und Angleichen an die Kundenbedürfnisse das Handeln, wodurch die traditionellen Mechanismen durch den Zwang zur ewigen Leistungssteigerung (die in etwa durch Kundenbefragungen oder Verkaufsstatistiken kontrolliert werden) abgelöst werden.

Diese Kontrolle hört jedoch nicht in der Chefetage auf: Mitarbeiterbefragungen gibt es ebenso wie Kundenbefragungen, wodurch sich das Modell des Panoptikums verkehrt bzw. erweitert:

„Das Ganze [Befragung der Mitarbeiter durch alle Etagen, in manchen Fällen sogar mit Einbindungen von Bekannten etc.] läuft auf einen demokratisierten Panoptismus hinaus: An die Stelle eines allsehenden Beobachters auf der einen und der in ihren eigenen Beobachtungsmöglichkeiten aufs äußerste eingeschränkten Beobachtungsobjekte auf der anderen Seite tritt ein nicht­hierarchisches Modell reziproker Sichtbarkeit, bei dem jeder zugleich Beobachter aller anderen und der von allen anderen Beobachtete ist."

Hier bestätigt sich die vorangegangene Vermutung: durch die Sichtbarkeit für alle und von allen eröffnet sich für das Individuum innerhalb der modernen ökonomischen Welt nur eine Möglichkeit, zu bestehen. Nämlich, sich dem Wandel der Anforderungen zu unterwerfen und somit in den Zirkel einer dauernd währenden Selbstoptimierung einzutreten.

[...]


[1] Deleuze, G.: Postscriptum über die Kontrollgesellschaften, 1990, S. 254.

[2] Foucault, Überwachen und Strafen, S.256.

[3] Ebd., S. 254.

[4] Vgl. Deleuze, G.: Postscriptum über die Kontrollgesellschaften, 1990, S. 254 f.

[5] Vgl. Ebd., S. 254 f.

[6] Foucault, M.: Überwachen und Strafen, 1994, S. 251.

[7] Deleuze, G.: Postscriptum üner die Kontrollgesellschaften, 1990, S. 255.

[8] Vgl. Foucault, Überwachen und Strafen, 1994, S. 257.

[9] Vgl. Ebd., S. 257.

[10] Deleuze, Postscriptum über die Kontrollgesellschaften, S. 256.

[11] Ebd., S. 256.

[12] Vgl. hierzu noch mal das Bild des ambulanten Pflegedienstes, der in eine bis dato außerhalb der Ökonomie liegende Sphäre, nämlich die des Privaten, tritt.

[13] Deleuze, Postscriptum über die Kontrollgesellschaften, S. 258.

[14] Bröckling, U.: Totale Mobilmachung, S. 133.

[15] Bröckling, U.: Totale Mobilmachung, S. 133.

[16] Ebd., S. 134.

[17] Ebd., S. 136.

[18] Vgl. Bröckling, U.: Totale Mobilmachung, S. 138 f.

[19] Ebd., S. 143.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Die Narrativik der Ökonomie im Spiegel ausgewählter Texte
Untertitel
Der ökonomische Mensch der Gegenwartsliteratur
Hochschule
Universität Erfurt
Note
1,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
16
Katalognummer
V132687
ISBN (eBook)
9783640394814
ISBN (Buch)
9783640394432
Dateigröße
483 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Narrativik, Spiegel, Texte, Mensch, Gegenwartsliteratur
Arbeit zitieren
Wiebke Meeder (Autor), 2008, Die Narrativik der Ökonomie im Spiegel ausgewählter Texte, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/132687

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