Erotische Faszination und Bedrohung - Weiblicher Vampirismus in Hanns Heinz Ewers *Die Spinne*


Seminararbeit, 2003
18 Seiten, Note: 1,5

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Verbindung zur Schwarzen Romantik
2.1. Die Einwirkung der Schwarzen Romantik auf die Neuromantik
2.2. Die femme fatale als Motiv in der Neuromantik
2.3. Unheimlich, phantastisch oder wunderbar?
2.4. Herangehensweise

3. Hauptteil
3.1. Kurze Inhaltszusammenfassung
3.2. Spinnen- und Vampirsymbolik
3.2.1. Das Bild der Spinne
3.2.1.1. Arachne
3.2.1.2. Das äußere Erscheinungsbild
3.2.1.3. Die Parabel der Spinnenhochzeit
3.2.2. Vampirismus
3.2.2.1. Äußerliche Merkmale und Vampirkrankheit
3.2.2.2. Vampiristische Sexualität
3.2.2.3. Hypnose
3.3. Eros und Thanatos
3.4. Die Femme Fatale
3.4.1. Wahnsinn
3.4.2. Schönheit
3.4.3. Das Schicksal der femme fatale
3.5. Das Rätsel der Sphinx
3.6. Die Muttersymbolik

4. Zusammenfassung

1. Einleitung

Das Thema der Erotik, die Frauen ausstrahlen, ist natürlich nicht nur in der Neuromantik und im Jugendstil, den Ewers vertritt, von großer Wichtigkeit. Besonders wird die Erotik erst durch die Faszination, der sich das lyrische Ich nicht entziehen kann. Doch die Frau wird hier nicht als Objekt der Begierde angesehen, sondern verkörpert erstmals einen anderen Typ Frau – den der „femme fatale“, die durch ihre Trieb-haftigkeit charakterisiert wird. Sie agiert als Täterin und das literarische Ich – der Mann – befindet sich in der Opferrolle.

In Hanns Heinz Ewers Novelle „Die Spinne“ wird die femme fatale mit den symptomatischen Merkmalen eines weiblichen Vampirs und den finsteren Absichten der Arachne – einer Spinne – verknüpft.

2. Verbindung zur Schwarzen Romantik

2.1. Die Einwirkung der Schwarzen Romantik auf die Neuromantik

Das Oberthema des Seminars, in Rahmen dessen diese Hausarbeit entstanden ist, ist die Schwarze Romantik. Die Epoche der Romantik begann etwa 1795 und endete in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Dem-nach gehört die Novelle „Die Spinne“, die erstmals 1907 in einer Beilage des Berliner Tagblattes erschien, nicht in diesen Zeitraum.[1] Die Schwarze Romantik spannt jedoch den Bogen über einen weitaus größeren Zeitraum, da die Vertreter eine gewisse Weltanschauung ver-treten, die die Literaten zum Ende des 19. Jahrhunderts wieder auf-nahmen. So entstand die Strömung der Neuromantik. Die Themen und Motive der Romantik wurden übernommen und ihrer Zeit angepasst.[2] Die Werke Hanns Heinz Ewers sind in eine Unterkategorie der Neu-romantik einzuordnen – der literarische Jugendstil.[3] Bereits in der Romantik hatten die Künstler Angst vor dem Fortschritt der Industri-alisierung und davor, dass sie sich Normen unterwerfen sollten und das Irrationale und Wahnsinnige keinen Platz mehr in dieser geordneten Welt haben soll.

2.2. Die femme fatale als Motiv in der Neuromantik

Um die Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert war die Auf-klärung abgeschlossen und die Industrie hatte sich einigermaßen etabliert. Doch die Künstler wollten einen Gegenpol zu den Strömungen der Wissenschaft und Technik schaffen. Ein neues modernes Gespenst hielt Einzug in den Geist der Literaten. Die Frau emanzipierte sich und drang durch soziale Veränderungen, die die Industrialisierung mit sich brachte, in sicher geglaubte Männerdomänen ein. Das weibliche Ge-schlecht wurde mystifiziert und ein Motiv der bildenden Künste.

Es entstand der Begriff der „femme fatale“.[4] Als Vorlage dient hierbei das biblische Bild der Lilith, die „offenbar die bekannteste und am längsten nachwirkende Dämonengestalt im jüdischen Glauben und Aberglauben“ ist.[5] Einerseits verkörpert sie eine hochsexualisierte Muttergottheit, aber auch den bösen würgenden und männerver-führenden Dämon. Lilith ist in nebenbiblischen Deutungen die erste Frau Adams, die dem Mann nicht unterlegen sein will. Adam ist „von ihrer Schönheit, Einfachheit und vielleicht ihrer naturhaften Trieb-haftigkeit und ungezügelten Wildheit angezogen. [...] Aber (es) entwickelt sie ihm gegenüber einen Macht- und Überlegenheits-anspruch, dem Adam sich nicht beugen will. Er darf es auch nicht tun, wenn er nicht riskieren will, völlig in ihre Abhängigkeit zu geraten und damit seine Männlichkeit zu verlieren. Lilith musste sich nach der missglückten Verbindung mit Adam auf die Nachtseite zurückziehen, da sie Adam ernsthaft gefährdet hatte. Aber genauso, wie Lilith einst Adam verführen wollte, so versucht sie bis zum heutigen Tage immer wieder, alle Männer zu verführen.“[6] In der Literatur des 19. Jahrhunderts nah-men die Künstler das Bild der Lilith wieder auf und passten es ihrem Zeitgeist an.

2.3. Unheimlich, phantastisch oder wunderbar

In der Rahmenhandlung der Novelle, die sich außerhalb der Tage-buchniederschriften des Helden Richard Bracquemont bewegt, wird eine unheimliche Stimmung verbreitet. Immerhin „hatten sich in diesem Raume an drei aufeinanderfolgenden Freitagen drei Personen am Fensterkreuz erhängt“.[7] Immer passieren diese Selbstmorde in „Zimmer Nr. 7“.[8] Der Student bemisst dem Freitag und der Todesstunde – „zwischen fünf und sechs Uhr“ – eine biblische Bedeutung zu, die er zwar als „Unsinn“[9] betrachtet, aber ihn dann letztendlich das Leben kostet.

Diese unheimliche Atmosphäre wird dadurch gesteigert, dass der Leser erfährt, dass sich bei den ersten beiden Todesfällen nichts „Schrift-liches, das auf den Selbstmord Bezug hatte, fand“.[10] Erst das dritte Opfer, der Schutzmann Chaumié, glaubt, „eine Spur gefunden zu ha-ben“.[11] Er spricht dem Fenster in Zimmer Nr. 7 eine „seltsame An-ziehungskraft“ zu.[12]

Nach dem Selbstmord des Studenten Richard Bracquemont setzt die Rahmenhandlung wieder ein und man erfährt, dass die gegenüber-liegende Wohnung, die man durch das Fenster in Zimmer Nr. 7 be-obachten kann, „seit Monaten leer stand und unbewohnt war“.[13] Somit bleibt der Tod ungeklärt und der Leser erhält keine rationale Erklärung für die Todesfälle und „suggeriert […] die Existenz des Über-natürlichen“.[14] Danach ist das Ende der Novelle dem Bereich des „Fantastisch-Wunderbaren“ zuzuordnen.[15]

Die Einordnung der gesamten Novelle in die Kategorien des Fantasti-schen, Unheimlichen und Wunderbaren lässt sich hier aber nicht eindeutig festlegen. Michael Sennewald hat in seinem Buch „Hanns Heinz Ewers – Phantastik und Jugendstil“ die Novelle dem Bereich der „Rauschkunst in Ewers Phantastik“ zugeordnet.[16]

2.4. Herangehensweise

Nach einem kurzen Abriss des Inhalts gehe ich in dieser Hausarbeit eröffnend auf die Symbolik der Spinne ein. In der Literatur wird das „Traumsymbol Spinne“ mit der männlichen Angst vor einer ernsthaften Beziehung zu einer Frau gedeutet.[17] Diesen psychoanalytischen Ansatz werde ich jedoch außer Acht lassen und auf das eigentliche Bild der Spinne eingehen.

Eng verbunden mit der Spinnensymbolik sind die vampiristischen Elemente, die das geheimnisvolle Mädchen in der gegenüberliegenden Wohnung auf sich vereinigt. Hierbei ist das äußere Erscheinungsbild ebenso bedeutend, wie die Fähigkeit der Hypnose und die vampiristi-sche Sexualität.

Das lyrische Ich erfährt in der Novelle den Taumel zwischen Liebe und Destruktion. In der Literatur wird diese Hingabe und gleichzeitige Zerstörung des eigenen Ichs als Eros und Thanatos bezeichnet.

Abschließend greife ich das Bild der femme fatale auf. Die femme fatale erlebte um die Jahrhundertwende einen regelrechten Boom, der sich in der Literatur und den bildenden Künsten niederschlug. Im Zusammen-hang mit dieser Hausarbeit habe ich eine Ausstellung im Groninger Museum in Holland besucht, die den Titel trägt: „Femmes Fatales 1860 – 1910“. Eindrucksvoll zeigt sich in Gemälden und Skulpturen, die Angst vor dem wilden Naturwesen Frau, ihre Verbindung zum Teufel und die zerstörerische Kraft, die sie auf Männer ausübt. Im Anhang findet sich eine Auswahl von Ablichtungen, die im besonderen Maße für die Symbole in dieser Hausarbeit zutreffen. Diese Kopien sind aus dem Bildband „Femmes Fatales 1860 – 1910“, der begleitend zu der Aus-stellung herausgebracht wurde, entnommen.

Nicht eingehen werde ich in dieser Hausarbeit auf den psycho-analytischen Ansatz. Um die Jahrhundertwende gab es die ersten Erkenntnisse in der Psychoanalyse, die in der Novelle „Die Spinne“ vor allem das narzisstische Verhalten den lyrischen Ichs hervorheben. Dabei soll das Spiel mit Clarimonde einen Spiegel des eigenen Ichs darstellen und die Selbstverliebtheit des Medizinstudenten.

[...]


[1] Lindemann: Zwischen Eros und Thanatos, S. 55.

[2] Schweikle (Hg.): Metzler Literatur Lexikon, S. 326.

[3] Sennewald: Hanns Heinz Ewers, S. 28ff.

[4] Huvenne/Twist: Foreword, S. 7.

[5] Gutjahr: Lulu als Prinzip, S. 163.

[6] Meurer: Der dunkle Mythos, S. 58f.

[7] Die Sigle DS steht für Hanns Heinz Ewers: Die Spinne. Zitiert wird nach der Ausgabe: Hanns Heinz Ewers: Die Spinne. Grausame Geschichten von Hanns Heinz Ewers. München 1974, S. 7.

[8] DS: S. 7.

[9] DS: S. 17.

[10] DS: S. 8.

[11] DS: S. 10.

[12] DS: S. 11.

[13] DS: S. 52.

[14] Todorov: Einführung in die fantastische Literatur, S. 49.

[15] Todorov: Einführung in die fantastische Literatur, S. 49.

[16] Sennewald: Hanns Heinz Ewers, S. 152ff.

[17] Lindemann: Zwischen Eros und Thanatos, S. 61ff.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Erotische Faszination und Bedrohung - Weiblicher Vampirismus in Hanns Heinz Ewers *Die Spinne*
Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg  (Lehrstuhl für Sprach- und Literaturwisschenschaften)
Veranstaltung
Einführungsseminar II: Die schwarze Romantik
Note
1,5
Autor
Jahr
2003
Seiten
18
Katalognummer
V13270
ISBN (eBook)
9783638189637
Dateigröße
489 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Erotische, Faszination, Bedrohung, Weiblicher, Vampirismus, Hanns, Heinz, Ewers, Spinne*, Einführungsseminar, Romantik
Arbeit zitieren
Simone Scholz (Autor), 2003, Erotische Faszination und Bedrohung - Weiblicher Vampirismus in Hanns Heinz Ewers *Die Spinne*, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/13270

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