Bürgerkriege sind längst zur bestimmenden Form kriegerischer Auseinandersetzung geworden und haben den Staatenkrieg, wie er von Carl von Clausewitz beschrieben wird, längst verdrängt. So stellt das Heidelberger Institut for International Conflict Research in seinem Bericht über das Jahr 2008 38 innerstaatlichen Kriegen oder ernsten Krisen nur genau einen interstaatlichen Krieg gegenüber. Besonders betroffen von den Konflikten um nationale Macht ist Afrika südlich der Sahara. In den 43 betrachteten Ländern dieser Arbeit kam es nach 1990 in 18 Ländern zu kriegerischen Auseinandersetzungen. Keine andere Region der Welt ist so von erbarmungsloser Gewalt heimgesucht wie das Subsahara Afrika. Auch für die internationale Staatenwelt war und ist der schwarze Kontinent ein Brennpunkt – zehn von neunzehn „complex peace operations“ der UN fanden nach dem Ende des Kalten Krieges auf afrikanischem Boden statt. Eine besonders schwerwiegende Rolle in den Auseinandersetzungen spielen die Gewaltakteure. Sie entscheiden über die Wahl der Mittel, über die Belastung der zivilen Bevölkerung und nicht zu letzt über erfolgreiche Friedensbemühungen. Sehr oft werden politische, ökonomische oder ethnische Zielsetzungen nicht mit politischen Mitteln verfolgt, sondern mit dem Einsatz von organisierter Gewalt. Doch warum entziehen sich Gewaltakteure politischer Partizipation und wann sind sie bereit an den Verhandlungstisch zurück zu kehren?
Die folgende Arbeit beschäftigt sich mit politischer Partizipation in Bürgerkriegskonstellationen. Um die Entscheidungen von Akteuren genauer erforschen zu können, werden zunächst einige Arbeitshypothesen aufgestellt. Diese sollen dann empirisch anhand der afrikanischen Länder südlich der Sahara überprüft werden. Ziel ist es, Richtlinien zu bestimmen anhand derer sich die Partizipationswahrscheinlichkeiten einschätzen lassen. Besonderes Augenmerk wird hierbei auf folgende Aspekte gelegt: Zunächst soll die Kosten-Nutzen-Bilanz der Akteure, insbesondere im Zusammenhang mit dem Zugang zu leicht abbaubaren Ressourcen, der Durchsetzung eigener Ziele sowie der Verschiebung von Machtkapazitäten thematisiert werden. Zweitens gilt es Institutionalisierungsprozesse sowie drittens Brüche in den sozial konstruierten Identitäten der Gewaltakteure zu analysieren. werden. Abschließend sollen viertens die Konflikte anhand der Theorie zur Eigendynamik entfesselter Gewalt von Peter Waldmann überprüft werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Der geplagte Kontinent
2. Die Länderauswahl der Fallstudie
2.1 Länder mit heftigen internen Konflikten nach 1990
2.2 Zusammenstellung der einzelnen Kriege und Konflikte
3. Die Anwendung der Arbeitshypothesen
3.1 Die rationale Hypothese – Partizipation bei sich ändernder Kosten-Nutzen-Bilanz
3.1.1 Partizipation bei Veränderung des Ressourcenzugangs
3.1.2 Partizipation bei Loyalitätspreisveränderungen
3.1.3 Verschiebung der Machtkapazitäten
3.2 Die bürokratische Hypothese
3.3 Die sozialkonstruktivistische Hypothese – Partizipation bei sich ändernder Identität
3.3.1 Die drei Identitätsgruppen
3.3.2 Partizipation und „Alter-Casting“
3.4 Die strukturelle Hypothese – Partizipation bei sich ändernden Gewaltordnungen
4. Politische Implikationen
5. Afrika und die Verantwortung der internationalen Staatengemeinschaft
6. Bibliographie
6.1 Literatur über die Länder des Subsahara Afrika
6.2 Literatur zu Bürgerkriegen
6.3 Internetquellen
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die Bedingungen für politische Partizipation von Gewaltakteuren in Bürgerkriegskonstellationen des subsaharischen Afrikas ab den neunziger Jahren. Ziel ist es, anhand von Arbeitshypothesen zu Kosten-Nutzen-Bilanzen, bürokratischen Strukturen, Identitätsbrüchen und Gewaltordnungen Richtlinien zu bestimmen, anhand derer sich die Wahrscheinlichkeit für die Rückkehr bewaffneter Akteure an den Verhandlungstisch einschätzen lässt.
- Empirische Analyse der Entscheidungsprozesse von Gewaltakteuren im Bürgerkrieg
- Kosten-Nutzen-Analysen unter Berücksichtigung von Ressourcen und Machtkapazitäten
- Einfluss von Institutionalisierung und Identitätswandel auf die Verhandlungsbereitschaft
- Rolle externer Akteure und internationaler Friedensmissionen bei der Konfliktregulierung
- Kategorisierung von Konflikten anhand der Gewaltordnungstheorie nach Peter Waldmann
Auszug aus dem Buch
3.1 Die rationale Hypothese – Partizipation bei sich ändernder Kosten-Nutzen-Bilanz
Afrika ist trotz rund 500 Milliarden Dollar Entwicklungshilfe, gespendet von verschiedensten Geldgebern ab den sechziger Jahren, nach wie vor die ärmste Region der Welt. Der Bevölkerungsanteil, der mit weniger als einem Dollar pro Tag auskommen muss, stieg entgegen weitreichender Bemühungen der internationalen Gemeinschaft in den achtziger und neunziger Jahren von 41 auf 46 Prozent. Gerade wegen diesen ökonomischen Grundmotiven können Partizipationsangebote nur mit einer hinreichenden Berücksichtigung wirtschaftlicher Interessen zum Erfolg führen.
Denn wie unter anderem Bakonyi und Stuvøy 2006 feststellen: „Gewaltakteure müssen auch im Krieg ihre materielle Reproduktion sichern und daher kriegsökomisch handeln“. Daraus folgt, dass Gewaltakteure nur dann Willen zur Partizipation zeigen, wenn „einerseits angestrebte Ziele nicht oder nur mit unvertretbar hohen Kosten auf gewaltsame Weise durchzusetzen sind und andererseits ein Friedensabkommen als möglich erscheint, welches ihre Grundinteressen respektiert und (…) gewisse Vorteile verspricht.“ Diese relativ allgemeine Hypothese setzt somit einen rationalen Akteur voraus der bewusst und vorhersehbar handelt.
Zartman leitet aus dieser These die „conditions of ripeness“ ab. Beschrieben wird der richtige Zeitraum, in denen Gewaltakteure aufgrund eines „Mutually Hurting Stalemate“ (MHS) zur Partizipation bereit sind. Doch das Warten auf einen richtigen Zeitpunkt kann irreführend und verantwortungslos sein. Vielmehr kann und muss politische Partizipation durch eine extern initiierte Veränderung der Kosten-Nutzen-Bilanz erfolgen. Krumwiede weist darauf hin, dass dies im Wesentlichen mit einer „sticks and carrots“ – Politik zu erreichen ist. Dass eine Veränderung prinzipiell möglich ist, beweisen die generell sehr hohen Kosten und Risiken von Krieg im Allgemeinen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Der geplagte Kontinent: Einleitung in die Problematik der Bürgerkriege in Subsahara-Afrika und Definition der zentralen Forschungsfrage zur Partizipationsbereitschaft von Gewaltakteuren.
2. Die Länderauswahl der Fallstudie: Abgrenzung des Untersuchungsraums und methodische Eingrenzung der untersuchten Konflikte anhand von Datensätzen und Intensitätskriterien.
3. Die Anwendung der Arbeitshypothesen: Theoretische Herleitung und empirische Überprüfung der vier zentralen Hypothesen (rational, bürokratisch, sozialkonstruktivistisch, strukturell) zur Konfliktregulierung.
4. Politische Implikationen: Erörterung der praktischen Konsequenzen für die internationale Friedenssicherung und kritische Reflexion von Interventionsstrategien.
5. Afrika und die Verantwortung der internationalen Staatengemeinschaft: Fazit über die Rolle externer Akteure und die Notwendigkeit eines umfassenden Verständnisses von Friedensprozessen.
6. Bibliographie: Detailliertes Verzeichnis der verwendeten Quellen, unterteilt in Regionalliteratur, Bürgerkriegstheorie und Internetquellen.
7. Abkürzungsverzeichnis: Auflistung der verwendeten Akronyme und deren Bedeutung im Kontext der untersuchten Konflikte.
Schlüsselwörter
Bürgerkrieg, Subsahara-Afrika, Politische Partizipation, Gewaltakteure, Konfliktregulierung, Kosten-Nutzen-Bilanz, Warlordfiguration, Quasi-Staat, Identitätswandel, Gewaltordnung, Friedensmissionen, Ressourcenkonflikte, Machtkapazitäten, Eigendynamik, Alter-Casting
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht, warum sich bewaffnete Gruppen in Bürgerkriegskonstellationen des subsaharischen Afrikas politischer Partizipation entziehen und unter welchen Bedingungen sie zu einer Rückkehr an den Verhandlungstisch bereit sind.
Welche zentralen Themenfelder stehen im Fokus?
Die Arbeit fokussiert sich auf die ökonomischen Interessen (Ressourcen), den Organisationsgrad der Gewaltakteure (Warlords vs. Quasi-Staaten), die Rolle von Identitäten und das strukturelle Setting der Gewalt.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Ziel ist die Bestimmung von Richtlinien, anhand derer die Wahrscheinlichkeit für die Akzeptanz von Partizipationsangeboten durch Konfliktparteien empirisch eingeschätzt werden kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autor wendet eine theoretisch geleitete empirische Analyse an, bei der Arbeitshypothesen an einer Auswahl von 27 Konfliktfällen in subsaharischen Staaten ab 1990 überprüft werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in vier Hypothesenbereiche: rationale Kosten-Nutzen-Berechnungen, bürokratische Organisationsstrukturen, sozialkonstruktivistische Identitätsanalysen und die strukturelle Analyse der Gewaltdynamik.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die zentralen Konzepte sind Partizipationsbereitschaft, Gewaltökonomie, Ressourcenverfügbarkeit, Machtkapazitäten, Alter-Casting und die Theorie der Eigendynamik entfesselter Gewalt.
Welche Rolle spielen natürliche Ressourcen bei der Friedensfindung?
Die Arbeit zeigt, dass Ressourcen allein kein hinreichender Faktor sind; jedoch führt der Zugang zu leicht abbaubaren Gütern (lootable resources) tendenziell zu einer Ablehnung von Partizipation, da dies die Kriegsökonomie stützt.
Warum scheitern viele Friedensbemühungen trotz internationaler Hilfe?
Oftmals mangelt es an der Berücksichtigung lokaler Machtdynamiken, oder es werden "Buy-in"-Strategien verfolgt, die lediglich Anreize für Warlords schaffen, ohne deren grundlegende Gewaltstruktur zu verändern.
Was bedeutet der Begriff "Alter-Casting" im Kontext der Arbeit?
Es handelt sich um eine sozialkonstruktivistische Technik, bei der externe Akteure versuchen, durch die Zuweisung positiver Rollenbilder die Eigenwahrnehmung und damit die Handlungslogik von Gewaltakteuren langfristig zum Positiven zu verschieben.
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- Moritz Boltz (Author), 2009, Partizipation der Unwilligen , Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/132749