Elemente der Romantik in Franz Schuberts „Winterreise“


Hausarbeit, 2006

11 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhalt

Einleitung

Franz Schubert als romantischer Künstler
Biographischer Kontext
Rezeption der Winterreise

Eine Definition von Romantik
Das Zwei-Welten-Modell

„Winterreise“
Gute Nacht
Erstarrung
Frühlingstraum
Der Leiermann

Fazit

Bibliographie

Einleitung

Die vorliegende Arbeit befasst sich mit Franz Schuberts Liederzyklus „Winterreise“, den er 1827 mit Gedichten von Wilhelm Müller als Grundlage komponierte. Der Fokus liegt hierbei auf der Frage nach typischen Elementen der Romantik. Dabei soll das Werk zunächst in den biographischen Kontext des Komponisten eingeordnet werden und Franz Schuberts Leben in Zusammenhang mit der Epoche der Romantik betrachtet werden. Schließlich soll die „Winterreise unter dem Gesichtspunkt der Romantik analysiert werden, wobei vorher geklärt werden muss, wie eine mögliche Definition des Begriffes „Romantik“ aussehen könnte.

Franz Schubert als „romantischer“ Künstler

Biographischer Kontext

Der Komponist Franz Schubert wurde am 31. Januar 1797 in Wien als Sohn eines Schulmeisters geboren. Sein Liederzyklus „Winterreise“ entstand in seiner letzten Schaffensperiode im Jahre 1827. Als Komponist erwies er sich als äußerst vielseitig, neben zahlreichen Liedern komponierte er auch Sinfonien, Streichquartette, Opern und mehr. Seine musikalische Ausbildung begann schon früh, mit elf Jahren wird er mit der Aufnahme in das Gymnasium Hofsängerknabe, darüber hinaus studierte er bei verschiedenen Persönlichkeiten Komposition.

Erste eigene Kompositionen entstanden bereits ab 1810, also schon mit dreizehn Jahren. Erst ein Jahr vor seinem Tod beendete Schubert die Arbeit an dem auf Gedichten von Wilhelm Müller basierenden Liederzyklus „Winterreise“. Am 19. November 1828 starb er in Wien an einer Infektion.1

Franz Schuberts Lebenslauf reflektiert in gewissem Sinne das typische Bild eines romantischen Künstlers, wie es schon seit Beethoven zunehmend in der Gesellschaft auftrat. Der Vorgang des Komponierens war nicht mehr länger ausschließlich an Auftragsarbeiten gebunden, sondern wurde in gesteigertem Maße auch als reiner Selbstzweck aufgefasst. Damit verbunden ist auch der Wandel von der Komposition als Spiegel der jeweiligen Zeit und der gesellschaftlichen Verhältnisse, da die Tätigkeit der Musiker mehr auf die Zukunft ausgerichtet war, als auf einen unmittelbaren Anlass.2

Aber auch wenn Schuberts Schaffen unabhängig von Aufträgen war und seine Kompositionen überwiegend aus eigenem Antrieb entstanden, machte er selbst doch immerhin den Versuch, eine feste Anstellung zu finden und sich mit der Kunst ein seinen Lebensunterhalt zu sichern. Dies belegt ein Brief an Kaiser Franz II., in dem er sich um eine Stelle an seinem Hof bewirbt3.

In zwei weiteren Briefen an die Verleger H. A. Probst und Breitkopf & Härtel sucht er einen Verlag für seine Kompositionen um, nach seinen eigenen Worten, „in Deutschland so viel als möglich bekannt zu werden“4.

Franz Schuberts Leben war schon von frühester Kindheit an gezeichnet von Krankheit, er litt seit seinem sechsundzwanzigsten Lebensjahr an Syphilis, so dass er seinen Bemühungen zum Trotz von der Welt abgeschnitten war und schließlich an einer Infektionskrankheit starb5.

Rezeption der Winterreise

Zwar gelang es Franz Schubert Zeit seines Lebens nicht, ein gesichertes Einkommen in einer festen Anstellung zu finden, trotzdem kann man in seinem Fall nicht von einem verkannten Genie sprechen. Seine Berühmtheit und die große Beliebtheit seiner Werke schon zu Lebzeiten beweisen diese Tatsache. In Bezug auf die Winterreise sollen einige Zeitungskritiken zeigen, dass die Komposition in der Öffentlichkeit augenscheinlich durchweg positiv aufgenommen wurde.

So heißt es in einer Ausgabe der „Wiener Theaterzeitung“ im März 1828 zum Beispiel:

„Auf etwas durchaus Gelungenes aufmerksam zu machen, ist das angenehmste Geschäft, dem sich ein Kunstfreund unterziehen kann. Sehr gern sprechen wir daher von dem vorliegenden Werke, das von Seiten des Dichters, des Tonsetzers und Verlegers seinem Ursprung Ehre macht. Müller ist naiv, sentimental und stellt der äußeren Natur in der Parallele einen leidenschaftlichen Seelenzustand gegenüber, der von jener Färbung und Bezeichnung entnimmt. Schubert hat seinen Dichter auf jene geniale Weise aufgefaßt, die ihm eigentümlich ist.“6

Auch ein Kritiker der „Wiener Zeitschrift für Kunst usw.“ äußert sich im Juni desselben Jahres durchweg positiv:

„Mit vieler Freude nehmen wie die Anzeige dieses schönen, interessanten Werkes vor, in dem das Genie des Tonsetzers mit wirklicher Weihe die herrlichen Lieder des edelsten Dichters zur Verklärung bringt.“7

Trotz seines abgeschiedenen, einsamen Lebens kann man also durchaus nicht sagen, dass Franz Schubert in dem Sinne ein „romantischer“ Künstler gewesen wäre, der nur für spätere Generationen komponiert hätte, sondern dass er auch an Berühmtheit und Anerkennung zu Lebzeiten durchaus interessiert war und seine Werke von Zeitgenossen hoch geschätzt waren. Davon zeugen nicht nur die begeisterten Zeitungskritiken und die Beliebtheit seiner Werke, sondern auch die von seinen Freunden und Bekannten ihm zu Ehren veranstalteten, „Schubertiaden“ genannten, Liederabende.

Eine von Definition von Romantik

Eine endgültige Definition des Begriffes Romantik kann es nicht geben, daher soll an dieser Stelle lediglich der Versuch gemacht werden, den Grundgedanken der Romantik in ihrem Zusammenhang mit Musik, besonders in Bezug auf Franz Schubert und die Winterreise, zu konkretisieren.

In erster Linie ging die romantische Bewegung von der Literatur aus. Bezeichnend dafür ist unter anderem, dass Schubert mit den Gedichten von Wilhelm Müller eine literarische Grundlage für seine Komposition wählte. Schon dieser Text zeigt einige bestimmte Merkmale der Romantik, nämlich die Verzweiflung und die Einsamkeit. Zunächst einmal bedeutet Romantik in der Musik keine bestimmte Art zu Komponieren, sondern lediglich eine Denkweise, ein Verständnis von Musik. Der Klang an sich gewinnt an höherem Wert, was einerseits im Gegensatz zur vorherigen Musik steht, bei der die Kompositionsregeln strenger dominierten, andererseits aber auch den Ursprung der Musik neu hervorhebt, da alle Musik ja in erster Linie Erzeugung von Klang bedeutet.

Die Topoi der musikalischen sowie auch der literarischen Romantik sind neben den schon erwähnten das Abenteuer, Zauber und Spuk (daher auch die große Beliebtheit von Märchen in dieser Zeit) und bedingt durch die bedrohlich erscheinende Industrialisierung vor allem die Desillusionierung des Menschen. Diese negative Erfahrung der Realität führt dazu, dass die Kunst vermehrt eskapistische Züge annimmt und als Gegenpol dazu fungiert.

Schubert selbst war, wie Textstellen aus Briefen an Freunde und Verwandte belegen, in seinem Leben unglücklich:

„Mit einem Wort, ich fühle mich als der unglücklichste, elendste Mensch auf der Welt. Denk Dir einen Menschen, dessen Gesundheit nie mehr richtig werden will, u. der aus Verzweiflung darüber die Sache immer schlechter statt besser macht, denke Dir einen Menschen, sage ich, dessen glänzendste Hoffnungen zu Nichte geworden sind, dem das Glück der Liebe u. Freundschaft nichts biehten als höchsten Schmerz, dem Begeisterung (wenigstens anregende) für das Schöne zu schwinden droht, und frage Dich, ob das nicht ein elender, unglücklicher Mensch ist?“8.

Sein Streben nach Anerkennung als Komponist wurde durch seine Krankheit enorm behindert. Somit wurde die Musik für ihn eine Möglichkeit, sich von der Welt und allem, was er als schlimm empfand, abzuwenden.

Der Protagonist der Winterreise, der die Welt ebenfalls als schrecklichen Ort empfindet und aus der für ihn unerträglich gewordenen Stadt geflohen ist, flüchtet sich ebenfalls in eine Gegenwelt, in diesem Falle seine Erinnerungen an die glücklicheren Zeiten.

Das Zwei-Welten-Modell

Genau diese Situation stellt auch Eggebrechts Schilderung des Zwei-Welten-Modells dar9. Dieses Modell basiert auf der Annahme, dass es neben der wirklichen Welt die Kunstwelt gibt. Beide Welten sind zwar voneinander getrennt, können sich aber gegenseitig beeinflussen. Wird die reale Welt als schlecht empfunden, führt dies zur Aufwertung der Kunstwert. Das kann verschiedene Auswirkungen haben. Entweder, die Kunstwelt wird als eine Art der Erlösung von der wirklichen Welt betrachtet, was zur vollständigen Negation dieser führt, also Kunst als Eskapismus. Ein Leben in der wirklichen Welt wird unmöglich und genau deshalb ist diese Auffassung der Kunst weniger erstrebenswert und führt zu einer ablehnenden Haltung gegenüber der Kunst. Stattdessen sollte es das Ziel sein, die positive Wirkung der Kunstwelt auf die wirkliche Welt zu übertragen und diese somit weniger schlecht erscheinen zu lassen. Das „Prinzip der musikalischen Romantik [bedeutet] nicht nur die durch Negation der wirklichen Welt erzeugte Emphase zur Musik, sondern auch moralische Zweifel an der Berechtigung des Rückzugs in die andere Welt.“10

[...]


1 Ernst Hilmar und Margret Jestremski. Schubert Lexikon. Graz 1997. Daten zu Leben und Werk

2 Alfred Einstein. Romantik in der Musik. Stuttgart 1992. S. 16

3 Otto Erich Deutsch. Schubert. Die Dokumente des Lebens. Leipzig 1964. S. 354 (Brief an Kaiser Franz II)

4 ibid. S.372 (zitiert aus dem Brief an Breitkopf & Härtel, der gleiche Wortlaut findet sich auf Seite 371f in dem Brief an den Verleger H. A. Probst)

5 Ernst Hilmar und Margret Jestremski. Schubert Lexikon. Graz 1997. S. 251f

6 ibid. S. 505f („Wiener Allgemeine Theaterzeitung“ vom 29. März 1828)

7 Otto Erich Deutsch. Schubert. Die Dokumente seines Lebens. Leipzig 1964. S. 521f („Wiener Zeitschrift für Kunst usw.“ vom 7. Juni 1828)

8 Otto Erich Deutsch. Schubert. Die Dokumente seines Lebens. Leipzig 1964. S. 234. (Brief an Leopold Kupelwieser)

9 Hans-Heinrich Eggebrecht. Musik im Abendland. München 1991.

10 Hans-Heinrich Eggebrecht. Musik im Abendland. München 1991. S. 619

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Elemente der Romantik in Franz Schuberts „Winterreise“
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen
Note
2,3
Autor
Jahr
2006
Seiten
11
Katalognummer
V132757
ISBN (eBook)
9783640415250
ISBN (Buch)
9783640411498
Dateigröße
507 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Schubert, Winterreise, Alfred Einstein, Zwei-Welten-Modell
Arbeit zitieren
Martina Drautzburg (Autor), 2006, Elemente der Romantik in Franz Schuberts „Winterreise“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/132757

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Elemente der Romantik in Franz Schuberts „Winterreise“



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden