Eine Narratologische Analyse von Joseph Conrads "Heart of Darkness"


Essay, 2005
9 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Identität
2.1) Narration/Fokalisierung

3. Alterität
3.1) Story
3.2) Figurendarstellung/Perspektivenstruktur

4. Hybridität
4.1) Raum

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1.) Einleitung

Joseph Conrads Erzählung Heart of Darkness, die 1902 erstmals veröffentlicht wurde und auf seinen eigenen Erfahrungen im Kongo im Jahre 1890 basiert1, zählt heute zu den bedeutendsten englischsprachigen Romanen2.

Der alte und erfahrene Seefahrer Marlow erzählt von seinen Erlebnissen während einer Expedition auf dem Kongo. Dabei wird er mit der Erfahrung einer für ihn fremden und verstörenden Welt konfrontiert. Seine Reise durch den geheimnisvollen, finsteren Dschungel Afrikas hat nur ein Ziel: Den Elfenbeinhändler Mister Kurtz, „the embodiment of corruption, decay and exploitation“3, dessen herausragendste Eigenschaft seine Stimme ist, mit deren Hilfe er in der Lage ist, seine gesamte Umgebung zu beherrschen.

Ziel dieser Arbeit ist es nicht, die sicherlich schwerwiegende Kritik an den Methoden des Imperialismus bzw. des Kolonialismus zu zeigen, die vor allem in der Figur der Mister Kurtz deutlich wird. Stattdessen möchte ich anhand einer Analyse narratologischer Kategorien zeigen, welche formalen und sprachlichen Mittel Joseph Conrad verwendet, um sein Bild von Afrika und den schwarzen Ureinwohnern zu vermitteln. Dabei kommt es weniger darauf an, dass literarische Texte als Abbild der Wirklichkeit fungieren, sondern es ist viel mehr von einem konstruktivistischen Literaturverständnis auszugehen, das Texte „als eine Ausprägung kultureller Selbstverständigung “ versteht, die „gesellschaftliche Wirklichkeitskonstruktionen generieren“4

Die wesentlichen Konzepte der postkolonialen Theorie, Identität, Alterität und Hybridität5 lassen sich mithilfe narratologischer Analyse- und Interpretations-kategorien auf formaler Ebene untersuchen. Gerade in Bezug auf Joseph Conrads Heart of Darkness sind hier wichtige Erkenntnisse gewinnen.

2.) Identität

Da Identität immer ein Konstrukt ist, befindet sie sich in einem „Prozeß der ständigen Auflösung, des Übergangs der Neuformation“6. Abhängig ist sie dabei, besonders im Hinblick auf die postkoloniale Theorie, in erster Linie von der dominanten Seite, also von der Ideologie der Kolonialmacht. Da „Identitätskonstruktionen in der postkolonialen Theorie unauflöslich mit Artikulations- und Handlungsmöglichkeiten einher[gehen]“7 eignen sich vor allem die Kategorien der Narration und der Focalization, um die hintergründigen Ansichten in Heart of Darkness herauszuarbeiten.

2.1) Narration/Fokalisierung

Zwar gibt es in Conrads Roman keine auktoriale Erzählsituation, trotzdem entsteht beim Leser/bei der Leserin der Eindruck „eines klaren Werte- und Normengefüges in einem geordneten Universum kolonialer Orientierung“8. In diesem Falle fungiert der homodiegetisch-intradiegetische Erzähler Marlow als „übergeordnetes ‚Orientierungszentrum’“9, auf das sich die Erzählung konzentriert.

Über den Aspekt der Narration hinaus ist vor allem die Fokalisierung von großer Bedeutung, da deren Untersuchung nicht nur zeigt, inwiefern sich imperialistische Machtverhältnisse auf die Art der Erzählung auswirken, sondern auch, welches Bild von den Einwohnern der Kongoregion gezeigt wird. Die ausschließliche interne Fokalisierung, gibt lediglich die Gefühle und Gedanke Marlows wieder und lässt dem Rezipienten/der Rezipientin somit kaum eine Möglichkeit, eine andere Sichtweise zu erfahren oder eigenständige, weniger stark beeinflusste Sympathien zu entwickeln.

In Bezug auf Narration und Focalization ist noch dazu das „Konzept der voice“10 von Bedeutung, dass eine Verbindung beider Aspekte darstellt und eine quantitative wie qualitative Wertung zulässt. Auf Heart of Darkness angewendet bedeutet zeigt die sogenannte „authorial voice“ des homodiegetisch-intradiegetischen Erzählers Marlow besonders deutlich, dass die nur die imperialistische Kolonialmacht zu Wort kommt. Die schwarzen Ureinwohner werden damit einer eigenen Stimme beraubt, und durch die interne Fokalisierung also nicht nur zum „sprachlosen“ sondern „sogar wahrnehmungsberaubten Objekt degradiert“.11 Lediglich zweimal ersetzt Conrad ihr übliches Schnattern oder Grunzen (Several exchanged short, grunting phrases12 ) durch tatsächliche Sprache. ‚ Their headman, a young, broad-chested black, severely draped in dark-blue fringed clothes, with fierce nostrils and his hair all done up artfully in oily ringlets, stood near me. “Aha!” I said, just for good fellowship’s sake. “Catch ‘im,” he snapped, with a bloodshot widening of his eyes and a flash of sharp teeth – “catch ‘im. Give ‘im to us.” “To you, eh?” I asked; “what would you do with them?” “Eat ‘im!”13. Offensichtlich reichten die rudimentären Laute in diesem Fall nicht aus, um den LeserInnen die grausamen Absichten und das „unaussprechliche Verlangen in ihrem Herzen“14 deutlich zu machen. Das nächste Ereignis ist der Tod Mister Kurtz’, den der Boy des Managers mit den Worten „Mistah Kurtz – he dead.“15 verkündet.

Diese beiden Episoden zeigen vor allem noch einen weiteren Aspekt der voice, nämlich den der „Erzähler- und Figurensprache“16. Im Gegensatz zum einwandfreien Gebrauch des Englischen, durch den sich nicht nur Marlow, sondern auch alle anderen Weißen auszeichnen, deutet die „fehlerhafte Sprachbeherrschung“ der Urbevölkerung auf deren „inellektuelle und kulturelle Inferiorität“ hin.

3.) Alterität

Ein weiterer Zentraler Aspekt der postkolonialen Theorie, die Alterität, zeigt, inwiefern die Darstellung von Gegensätzen zur Konstruktion einer eigenen Identität beiträgt, da „die Konstruktion des Eigenen unauflöslich mit der Vorstellung vom Anderen verknüpft“17 ist. Bezogen auf Heart of Darkness bedeutet das, dass Marlow sich vor allem durch die Abgrenzung von den Ureinwohnern definiert.

Dieses Verhältnis von Gegensätzen, die das dominante Verhältnis der Kolonisierer gegenüber den Kolonisierten widerspiegeln, existiert nicht nur auf der discourse -Ebene, sondern auch in der Darstellung der erzählten Welt (story)

[...]


1 Joseph Conrad . Heart of Darkness. London: Penguin, 1994. (Vorwort)

2 Chinua Achebe. Ein Bild von Afrika: Rassismus in Conrads ››Herz der Finsternis‹‹. Berlin: Alexander, 2000. „Sein Beitrag fällt automatisch in eine andere Klasse – überdauernde Literatur –, die ständig gelesen und gelehrt und immer wieder von seriösen Akademikern bewertet wird. HERZ DER FINSTERNIS ist heute tatsächlich so etabliert, daß ein führender Conrad-Spezialist es zu dem „halben Dutzend der größten Kurzromane in englischer Sprache“zählte.“

3 Conrad. Heart of Darkness. (Vorwort)

4 Hanne Birk und Birgit Neumann. Go-between: Postkoloniale Erzähltheorie. In: Neue Ansätze in der Erzähltheorie. Hg. Ansgar und Vera Nünning. Trier: Wissenschaftlicher Verlag Trier, o. J. S.116

5 Ibid. S.116

6 Ibid. S.121

7 Ibid. S.122f

8 Ibid S.130

9 Ibid 130

10 Ibid S.131

11 Ibid. S.132

12 Conrad. S.58

13 Ibid. S.58

14 Achebe. S.21

15 Conrad S.100

16 Birk/Neumann. S.143

17 Ibid. S.123

Ende der Leseprobe aus 9 Seiten

Details

Titel
Eine Narratologische Analyse von Joseph Conrads "Heart of Darkness"
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen
Note
1,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
9
Katalognummer
V132759
ISBN (eBook)
9783640415267
ISBN (Buch)
9783640411511
Dateigröße
440 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Postkolonialismus, Narratologie, Joseph Conrad, Heart of Darkness
Arbeit zitieren
Martina Drautzburg (Autor), 2005, Eine Narratologische Analyse von Joseph Conrads "Heart of Darkness", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/132759

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