Die wirtschaftspolitische Bedeutung von Gründungsaktivitäten ist in den letzten Jahren stark in den Vordergrund gerückt und damit auch die Frage nach dem Erfolg neu gegründeter Unternehmen im Allgemeinen und dem Fortbestehen von Gründungen im Speziellen. Weniger Information ist noch darüber zu finden, in wieweit die Eigenschaften des Gründers dafür förderlich sind, dass Gründungsabsichten in tatsächlichen Gründungen münden und zum Fortbestehen beitragen.
Der Medizinsoziologe Aaron Antonovsky hat in seinem Modell der Salutogenese das Konstrukt des Kohärenzgefühls entwickelt, das von der Ausprägung einer individuellen Grundeinstellung des Menschen ausgeht, die darüber entscheidet wie gut Menschen in der Lage sind, vorhandene Ressourcen zu nutzen. Danach befähigt ein starkes Kohärenzgefühl einen Menschen dazu seine Bewältigungsstile flexibel an die momentanen Umstände anzupassen, seine Ressourcen optimal auszuschöpfen und mit Belastungen besser umzugehen.
Der Schritt zur Gründung ist ein herausforderndes Lebensereignis, das Anstrengung und Engagement erfordert, mit Risiken verbunden ist und einschneidende Veränderungen im gesamten Umfeld nach sich ziehen kann. Ob ein starkes Kohärenzgefühls auch im Umgang mit den Herausforderungen einer Gründung einen positiven Einfluss zeigt, soll in dieser Arbeit näher betrachtet werden. Dabei wird der Gründer mit seinen individuellen Motiven, Handlungsmustern, Ressourcen und Bewertungen im Prozess der Gründung in den Fokus der Betrachtung gestellt. Anhand der individuellen Herausforderungen der Gründungsphase soll untersucht werden, ob die Verarbeitung und Bewältigung dieser Herausforderungen durch das Kohärenzgefühl des Gründers beeinflusst werden.
In dieser Arbeit folgt nach einem Überblick zur Gründungsforschung die Beschreibung der Gründung als ein Prozess von Handlungsphasen. Diesem schließt sich die Erläuterung des Konzepts des Kohärenzgefühls an, bevor die Bereiche des Gründungsprozess aufgezeigt werden, bei denen ein möglicher Einfluss des Kohärenzgefühls angenommen wird. Nach der Konkretisierung der Forschungsfrage und der Annahmen, werden die Untersuchungsmethoden ausführlich aufgezeigt und diskutiert. Danach folgt die Präsentation der Ergebnisse, die zur Beantwortung der Untersuchungsfrage führen sollen. Nach der Interpretation und Reflektion dieser Ergebnisse wird das Resümee dieser Arbeit gezogen und Ansätze aufgezeigt, die gewonnenen Erkenntnisse in der Gründungspraxis zu berücksichtigen.
Inhaltsverzeichnis
1 Einführung
2 Theoretischer Hintergrund und Forschungsstand
2.1 Gründungsforschung
2.1.1 Gegenstand der Gründungsforschung
2.1.2 Stand der Gründungsforschung
2.2 Rubikon-Modell der Handlungsphasen
2.2.1 Der Gründungsprozess im Handlungsverlauf
2.2.2 Handlungsphasen im Handlungsverlauf
2.2.3 Volitionale Prozesse im Handlungsverlauf
2.3 Salutogenese und das Konzept des Kohärenzgefühls
2.3.1 Positionierung der Salutogenese in der Stressforschung
2.3.2 Stressoren und Widerstandsressourcen
2.3.3 Kohärenzgefühl
2.3.4 Aktueller Forschungsstand zum Kohärenzgefühl
2.4 Kohärenzgefühl im Handlungsverlauf des Gründungsprozesses
3 Konkretisierung der Forschungsfrage
3.1 Entscheidungsprozess zur Gründung
3.2 Handlungsmuster im Gründungsprozess
3.3 Ressourcen im Gründungsprozess
3.4 Kognitive Bewertungen
4 Darstellung der Untersuchungsmethoden
4.1 Forschungsdesign
4.1.1 Forschungsansatz
4.1.2 Methode der Datenerhebung
4.1.3 Gestaltung des Leitfadens
4.1.4 SOC Fragebogen
4.2 Datenerhebung
4.2.1 Wahl der Stichproben
4.2.2 Beschreibung der Stichprobe
4.2.3 Durchführung der Datenerhebung
4.3 Auswertung
4.3.1 Ermittlung des SOC-Wertes
4.3.2 Transkription der Interviews
4.3.3 Auswertungsmethoden der Rohdaten
5 Darstellung der Untersuchungsergebnisse
5.1 Profil der Stichprobe
5.2 Ergebnisse der einzelnen Interviews
5.2.1 Teilnehmer TN01- SOC-Wert 128
5.2.2 Teilnehmer TN02 - SOC-Wert 119
5.2.3 Teilnehmer TN06 - SOC-Wert 169
5.2.4 Teilnehmer TN07 - SOC-Wert 171
5.2.5 Teilnehmer TN09 - SOC-Wert 155
5.2.6 Teilnehmer TN15 - SOC-Wert 164
5.2.7 Teilnehmer TN22 - SOC-Wert 145
5.2.8 Teilnehmer TN00 - SOC-Wert 157
5.2.9 Teilnehmer TN90 - SOC-Wert 151
6 Interpretation und Diskussion der Untersuchung
6.1 Interpretation der Untersuchungsergebnisse
6.1.1 Entscheidungsprozess zur Gründung
6.1.2 Handlungsmuster im Gründungsprozess
6.1.3 Ressourcen im Gründungsprozess
6.1.4 Kognitive Bewertungen
6.2 Diskussion der Gütekriterien
6.2.1 Intersubjektive Nachvollziehbarkeit
6.2.2 Reflektierte Subjektivität
6.2.3 Indikation des Forschungsprozesses
7 Resümee und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, ob das psychologische Konstrukt des Kohärenzgefühls nach Aaron Antonovsky als Indikator für die erfolgreiche Umsetzung von Gründungsabsichten dienen kann. Ziel ist es, ein tieferes Verständnis dafür zu entwickeln, wie die individuelle Grundeinstellung eines potenziellen Gründers dessen Handlungsmuster, Ressourcenmobilisierung und kognitive Bewertungen während des Gründungsprozesses beeinflusst.
- Theoretische Fundierung des Gründungsprozesses anhand des Rubikon-Modells der Handlungsphasen
- Analyse der Salutogenese und des Kohärenzgefühls als persönliche Widerstandsressource
- Qualitative Untersuchung von Gründungsinteressierten und Gründern mittels Leitfadeninterviews
- Identifikation von Zusammenhängen zwischen Kohärenzgefühl und dem Umgang mit Herausforderungen in der Gründungsphase
- Betrachtung der Bedeutung von individuellen Motiven und externen Rahmenbedingungen für den Gründungserfolg
Auszug aus dem Buch
2.4 Kohärenzgefühl im Handlungsverlauf des Gründungsprozesses
Die Fragestellung ob das Kohärenzgefühl eines Gründungsinteressierten oder Gründers ein möglicher Indikator für die Umsetzung von Gründungsabsichten sein könnte, stellt den potentiellen Gründer mit seinen individuellen Motiven, Handlungsmustern, Ressourcen und Bewertungen im Handlungsprozess der Gründung in den Fokus der Betrachtung.
Das Rubikon-Modell der Handlungsphasen soll in dieser Untersuchung als Rahmen dienen (vgl. Kap. 2.2.1.). Die nachfolgende Abbildung (Abb. 1, in Anlehnung an Heckhausen & Heckhausen, 2006)) zeigt diesen Handlungsrahmen im Überblick:
Im Folgenden sind die Bereiche im Handlungsverlauf des Gründungsprozesses zusammengefasst, die in der Untersuchung näher betrachtet werden sollen.
In der abwägenden Phase des Gründungsprozesses, wird das „Warum“ der Gründungsabsicht beantwortet. Es stehen die individuellen Motive und Überzeugungen im Vordergrund, die den potentiellen Gründer bei der Entscheidung zur Umsetzung seiner Gründungsidee beeinflussen. Die Bewertung und Abwägung der Chancen und Risiken können durch die gründungsspezifischen Rahmenbedingungen wie Innovation, Marktchancen etc. bestimmt werden. Sie können aber auch durch die persönliche Einstellung des Gründers zu seiner Eignung zum Unternehmertum, seiner Wahrnehmung der eigenen, für eine Gründung notwendigen Fähigkeiten und Erwartungen beeinflusst werden. Die Bedeutsamkeit, als motivationales Element des Kohärenzgefühls, lässt Aufgaben und Anforderungen „…als Herausforderung und als wichtig genug“ erscheinen um „…emotional in sie zu investieren und sich zu engagieren“ (Antonovsky, 1997, S. 35).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einführung: Die Arbeit beleuchtet die wirtschaftspolitische Bedeutung von Gründungsaktivitäten in Deutschland und stellt das Konzept der Salutogenese als theoretischen Rahmen vor.
2 Theoretischer Hintergrund und Forschungsstand: Dieses Kapitel bietet einen Überblick über die Gründungsforschung, das Rubikon-Modell der Handlungsphasen und das salutogenetische Konzept nach Antonovsky.
3 Konkretisierung der Forschungsfrage: Hier werden vier Annahmen formuliert, die sich auf den Entscheidungsprozess, Handlungsmuster, Ressourcen und kognitive Bewertungen im Gründungsprozess beziehen.
4 Darstellung der Untersuchungsmethoden: Das Kapitel begründet den qualitativen Forschungsansatz, die Wahl der Stichprobe sowie das Vorgehen bei der Datenerhebung und Auswertung.
5 Darstellung der Untersuchungsergebnisse: Hier werden die SOC-Werte der Teilnehmer präsentiert und die Ergebnisse der einzelnen Interviews detailliert geschildert.
6 Interpretation und Diskussion der Untersuchung: Die Ergebnisse werden abstrahiert und unter Berücksichtigung der Gütekriterien qualitativer Forschung diskutiert.
7 Resümee und Ausblick: Abschließend werden die zentralen Erkenntnisse zusammengefasst und Ansätze für die praktische Anwendung in der Einzelberatung und im Coaching von Gründern aufgezeigt.
Schlüsselwörter
Kohärenzgefühl, Sense of Coherence, Gründungsprozess, Gründungsabsichten, Salutogenese, Rubikon-Modell, Handlungsorientierung, Lageorientierung, Widerstandsressourcen, Stressmanagement, Gründungshemmnisse, Existenzgründung, qualitative Inhaltsanalyse, psychische Gesundheit, unternehmerische Kompetenz.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Masterarbeit befasst sich mit der Frage, ob das individuelle Kohärenzgefühl eines Menschen ein Indikator dafür sein kann, wie erfolgreich er Gründungsabsichten umsetzt und den Gründungsprozess bewältigt.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Im Mittelpunkt stehen die Gründungsforschung, psychologische Handlungsmodelle (Rubikon-Modell), das Konzept der Salutogenese sowie die Untersuchung von Faktoren, die Gründer in ihrer psychischen Bewältigungskompetenz unterstützen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist die fallbasierte Analyse individueller Gründerpersönlichkeiten, um zu verstehen, wie deren Grundeinstellung (Kohärenzgefühl) die Art und Weise beeinflusst, wie sie Herausforderungen wahrnehmen und Ressourcen für ihr Gründungsvorhaben aktivieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin nutzt einen qualitativen Forschungsansatz, der durch die Inhaltsanalyse nach Mayring ausgewertet wurde, ergänzt durch die quantitative Messung des Kohärenzgefühls mittels des SOC-29 Fragebogens.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil widmet sich der konkreten Fallauswertung, bei der neun verschiedene Gründerprofile hinsichtlich ihrer Entscheidungsmotive, ihrer Handlungskontrollmodi sowie ihrer persönlichen Ressourcen und Bewertungen detailliert analysiert werden.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich vor allem über Begriffe wie Kohärenzgefühl, Gründungsprozess, Handlungs- und Lageorientierung, Salutogenese und unternehmerische Bewältigungskompetenz definieren.
Welche Rolle spielt die Arbeitslosigkeit als Gründungsfaktor in den untersuchten Fällen?
Die Arbeit zeigt, dass die Arbeitslosigkeit oft als "notwendiger" Auslöser fungiert. Personen, die aus der Arbeitslosigkeit gründen, zeigen oft andere Entscheidungsmuster als solche, die dies aus einer gesicherten Position heraus planen.
Können auch externe Faktoren (wie das soziale Umfeld) den Gründungsprozess beeinflussen?
Ja, die Arbeit verdeutlicht, dass Unterstützung durch Partner, Familie oder professionelle Netzwerke eine wesentliche Rolle bei der Mobilisierung von Ressourcen spielt, wobei ein hohes Kohärenzgefühl die Aktivierung dieser Unterstützung erleichtert.
Was schlussfolgert die Autorin für die Gründungspraxis?
Die Autorin empfiehlt, in der Gründungsberatung und im Coaching verstärkt auf psychologische Kompetenzen und Bewältigungsstile zu achten, um Gründern bei der Ressourcenaktivierung zu helfen, besonders wenn diese ein schwächeres Kohärenzgefühl aufweisen.
- Quote paper
- Ella Kolb (Author), 2008, Kohärenzgefühl als ein möglicher Indikator für die Umsetzung von Gründungsabsichten? , Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/132896