In der vorliegenden kulturwissenschaftlichen Studie wird ein aktuelles Thema der Migrationsforschung aufgegriffen und aus einer ethnologischen Perspektive heraus betrachtet: Die Heiratsmigration aus Entwicklungs- und Schwellenländern in westliche Industrienationen. Der Fokus dieser teils literarisch und teils empirisch konzipierten Magisterarbeit ist auf die binationale Eheschließung thailändischer Frauen mit deutschen Männern gerichtet, wobei nach den kulturspezifischen Ursachen von Heiratsmigration gefragt wird. Von zentraler Bedeutung ist hier das Konzept des "bunkhun", der Dankbarkeitsleistung als Gegengabe für erhaltene Fürsorge, die insbesondere Frauen der thailändischen Gesellschaft zur finanziellen Unterstützung ihrer Familien verpflichtet. Ziel dieser Arbeit ist es, die Aktualität dieses soziokulturellen Konzeptes im Kontext der Migration zu eruieren. In Bezug auf materielle Versorgungsleistungen von Deutschland nach Thailand nehmen transnationale Netzwerke als Grenzen überschreitende Aktionsräume einen wichtigen Stellenwert ein.
Neben wirtschaftsethnologischen Ansätzen werden neuere Theorien der Migrationsforschung herangezogen. Als „literarische Grundlage“ dienen soziologische Studien, die sich mit der Heiratsmigration von Frauen aus Thailand in die BRD befassen, insbesondere wird auf Ergebnisse der Datenerhebungen von Pataya Ruenkaew (Heirat nach Deutschland. Motive und Hintergründe thailändisch-deutscher Eheschließungen, 2003) und Elvira Niesner et al. (Ein Traum vom besseren Leben, 1997) Bezug genommen. Zum weiter führenden Vergleich werden Ergebnisse einer eigenen qualitativen Befragung verwendet, deren Sample aus zehn thailändischen Ehefrauen deutscher Männer bestand.
Die Kernfragen der vorliegenden Arbeit beziehen sich vor allem auf die Verbindung von kulturell bedingten Verhaltensnormen und dem Entschluss zur Heiratsmigration: Aus welchen Motiven heraus migrieren Thailänderinnen in die BRD und welcher Stellenwert ist dabei kulturspezifischen Rollenzuweisungen und familiären Bindungen in der Heimat zuzuschreiben? Welchen sozialen Verpflichtungen unterliegen die Frauen und inwiefern sind diese Pflichten in der thailändischen Gesellschaft „traditionell“ verankert? Welcher Wert wird der "bunkhun"-Obligation heutzutage beigemessen und besitzt dieses „moralische Gesetz“ noch ausreichend Aktualität, um als soziales Sicherungssystem zu funktionieren?
Inhaltsverzeichnis
1. EINLEITUNG UND FRAGESTELLUNG
1.1 Einführung in die Thematik
1.2 Aufbau der Arbeit
2. METHODIK
2.1 Die Suche nach Informantinnen
2.2 Mit thailändischen Migrantinnen im Gespräch
2.3 Qualitative Interviewtechnik – Das problemzentrierte Interview
2.4 Konzeption des Leitfadens
3. THEORIE
3.1 Zur Analyse von Austauschbeziehungen
3.1.1 Gabentausch und Warentausch bei Gregory
3.1.2 Sahlins’ Konzept von Reziprozität
3.1.3 Die zwei Transaktionszyklen im Ansatz von Bloch und Parry
3.2 Ansätze der Migrationsforschung
3.2.1 Migration und Ethnologie
3.2.2 Transnationale Räume und die Bedeutung sozialer Netzwerke
3.2.3 Der Gender-Aspekt in der Migrationsforschung
3.2.4 Familienstrategien und die besondere Rolle der Frau als Migrantin
4. FRAUENROLLE IN THAILAND
4.1 Die Frau im religiösen Kontext
4.1.1 Einführung in den theravda-Buddhismus
4.1.2 Frauen im Orden
4.1.3 Die Frau als Laienanhängerin
4.2 Die Frau in der traditionellen Gesellschaft – Aufgabenverteilung in Familie und Landwirtschaft
4.2.1 Familiäre Verpflichtungen
4.2.2 Gesellschaft im Wandel – Modernisierungsprozesse und ihre Auswirkungen auf Familien in ländlichen Regionen
4.2.2.1 Frauen als Arbeitsmigrantinnen
4.2.2.2 Arbeit in der Stadt
4.2.2.3 Wege in die Prostitution
4.3 Geschlechterdifferenz und Marginalisierung
4.3.1 Sexualnormen und Moralvorstellungen in Thailand
4.3.2 Geschlechterspezifisches Sexualverhalten
5. DAS KONZEPT DES „BUNKHUN“ - DIE DANKBARKEITSPFLICHT ALS KULTURSPEZIFISCHER ASPEKT DER THAILÄNDISCHEN GESELLSCHAFT.
5.1 Auf der Suche nach dem Ursprung von bunkhun
5.1.1 Bunkhun in der buddhistischen Ethik
5.1.2 Power and Goodness – bunkhun im Symbolsystem von Macht und Güte
5.2 Lebensversicherung durch bunkhun
5.2.1 Familie als soziales Sicherungssystem
5.2.2 Hierarchie als soziales Ordnungsgefüge
5.2.3 Erziehung zu bunkhun – Die Mutter als Repräsentantin moralischer Güte
5.3 Bunkhun unter Einfluss der Modernisierung
6. HEIRATSMIGRATION IN DIE BRD: MOTIVE, MIGRATIONSPROZESS UND LEBENSSITUATION IN DEUTSCHLAND
6.1 Soziale Hintergründe der Migrantinnen
6.1.1 Familiäre Verhältnisse und Arbeit
6.1.2 Bindungen zur Herkunftsfamilie
6.1.3 Frühere Partnerschaften
6.2 Motive zur Heiratsmigration
6.2.1 Ökonomische Beweggründe
6.2.2 Liebe und Familiengründung
6.2.3 Familiäre Konflikte und biographische Übergänge
6.2.4 Abenteuerlust und der Wunsch nach Bildung
6.3 Strukturelle und soziale Rahmenbedingungen von Migration
6.3.1 Unterstützung durch soziale Netzwerke
6.3.2 Heiratsvermittlungsagenturen als „Trittbrett“ in die BRD
6.4 Idealbild und Realität – Situation der Migrantinnen in Deutschland
6.4.1 Erwerbstätigkeit und sprachliche Hürden
6.4.2 Transnationale soziale Räume und das Erfüllen der bunkhun-Pflicht
6.4.3 Reflexion und Bewertung der Migration aus Sicht der Frauen
7. FAZIT
Zielsetzung & Themen
Diese Hausarbeit untersucht aus einer ethnologischen Perspektive die Gründe und sozialen Hintergründe der Heiratsmigration thailändischer Frauen nach Deutschland. Das primäre Ziel ist es, den Einfluss kulturspezifischer Rollenzuweisungen und familiärer Verpflichtungen auf den Migrationsentschluss der Frauen zu analysieren und dabei insbesondere die moralische Dankbarkeitspflicht ("bunkhun") als soziales Sicherungssystem und handlungsleitendes Motiv zu hinterfragen.
- Analyse von Austauschbeziehungen und Migrationstheorien
- Soziale Rollenverteilung von Frauen in der thailändischen Gesellschaft
- Die Rolle der moralischen Dankbarkeitspflicht (bunkhun)
- Motive, Migrationsprozess und Lebenssituation von Heiratsmigrantinnen
Auszug aus dem Buch
1.1 Einführung in die Thematik
Mein erster Kontakt mit dem Phänomen Heiratsmigration ergab sich während eines privaten Thailandaufenthaltes im Jahr 2005. Zum einen bin ich währenddessen immer wieder binationalen Ehepaaren begegnet, wobei meist der Mann Westeuropäer und die Frau Thailänderin war, zum anderen hat es mehrere Diskussionen mit thailändischen Freunden gegeben, die zu einer weiteren Beschäftigung mit dieser Thematik anregten. Von jungen Thailändern aus meiner Nachbarschaft in Chiang Mai hatte ich erfahren, dass es heutzutage der Wunsch vieler Mädchen ist, einen farang zu heiraten, um mit ihm nach Europa auszuwandern. Die Schwester eines Bekannten war mit ihrem deutschen Ehemann in die BRD gezogen und wurde nun von den meisten ihrer Freundinnen um ihr „luxuriöses Leben“ beneidet. Dieses geschönte Bild, das die Thais offenbar von meinem Heimatland hatten, versetzte mich in großes Erstaunen, denn es war für mich kaum nachvollziehbar, weshalb viele Frauen ihre thailändische Heimat für eine Zukunft in der Fremde aufgeben wollten. Um mehr Klarheit bezüglich meiner Fragen zu erlangen, befasste ich mich eingehender mit diesem Thema, das letztendlich Schwerpunkt der vorliegenden Magisterarbeit werden sollte.
Um die hier untersuchte spezielle Form von Migration aus einer ethnologischen Perspektive zu betrachten, ist der Fokus dieser teils literarisch und teils empirisch konzipierten Arbeit auf die kulturspezifischen Ursachen von Heiratsmigration gerichtet. Im Mittelpunkt stehen dabei soziale Beziehungen der Migrantinnen, vor allem jene verwandtschaftlicher Art. Aus verschiedenen Quellen, die sich mit gesellschaftlichen Normen in Thailand befassen, geht hervor, dass der Frau die Rolle der Familienernährerin zugewiesen wird, weshalb sie neben ihren Aufgaben im Haushalt meist auch für das familiäre Einkommen sorgen muss. Einen besonderen Stellenwert nimmt in diesem Zusammenhang der Aspekt der Dankbarkeitsverpflichtung (bunkhun) ein, wobei männliche und weibliche Mitglieder der thailändischen Gesellschaft auf verschiedenen Wegen dieser Pflicht nachkommen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. EINLEITUNG UND FRAGESTELLUNG: Die Autorin beschreibt ihren persönlichen Erstkontakt mit dem Thema Heiratsmigration und legt dar, wie kulturelle Normen in Thailand den Migrationsentschluss thailändischer Frauen beeinflussen.
2. METHODIK: Dieser Abschnitt erläutert das Vorgehen bei der qualitativen Datenerhebung mittels problemzentrierter Interviews mit zehn thailändischen Heiratsmigrantinnen.
3. THEORIE: Hier werden wirtschaftsethnologische Austauschkonzepte sowie zentrale Ansätze der Migrationsforschung und Transnationalismus-Modelle diskutiert.
4. FRAUENROLLE IN THAILAND: Die Untersuchung der religiösen und gesellschaftlichen Stellung der Frau in Thailand verdeutlicht, warum ihr eine familiäre Ernährerrolle zukommt.
5. DAS KONZEPT DES „BUNKHUN“ - DIE DANKBARKEITSPFLICHT ALS KULTURSPEZIFISCHER ASPEKT DER THAILÄNDISCHEN GESELLSCHAFT.: Kapitel 5 analysiert die Dankbarkeitspflicht (bunkhun) als moralisches Gesetz und soziales Sicherungssystem, das das Verhalten thailändischer Frauen maßgeblich bestimmt.
6. HEIRATSMIGRATION IN DIE BRD: MOTIVE, MIGRATIONSPROZESS UND LEBENSSITUATION IN DEUTSCHLAND: Der Hauptteil diskutiert auf Basis der Befragungsergebnisse die Hintergründe der Migration, die verschiedenen Beweggründe sowie die Lebensbedingungen und Erfahrungen der Migrantinnen in der BRD.
7. FAZIT: Im Fazit werden die Forschungsergebnisse zusammengeführt und die Bedeutung des Bunkhun-Konzepts als zentrales Motiv für die transnationale Heiratsmigration bestätigt.
Schlüsselwörter
Heiratsmigration, Bunkhun, Thailand, Ethnologie, Migration, Rollenzuweisung, Dankbarkeitspflicht, Reziprozität, Familiäre Netzwerke, Soziales Sicherungssystem, Transnationalismus, Gender, Arbeitsmigration, Qualitative Empirie, Interkulturelle Beziehungen.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die Hintergründe und Beweggründe der Heiratsmigration thailändischer Frauen nach Deutschland, wobei ein besonderer Fokus auf den soziokulturellen Normen Thailands liegt.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die soziale Rolle der Frau in der thailändischen Gesellschaft, das Konzept der Dankbarkeitspflicht (bunkhun), Transnationalismus und die Auswirkungen familiärer Bindungen auf Migrationsprozesse.
Welches primäre Ziel verfolgt die Arbeit?
Ziel ist es, das Phänomen der Heiratsmigration aus einer ethnologischen Perspektive zu beleuchten und den Einfluss traditioneller Rollenerwartungen auf den Entschluss zur Abwanderung zu analysieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die empirische Grundlage der Arbeit bilden qualitative, problemzentrierte Leitfadeninterviews mit zehn thailändischen Heiratsmigrantinnen, ergänzt durch eine Literaturanalyse.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert das Konzept von Bunkhun als moralische Verpflichtung, die verschiedenen Motive zur Migration, die Rolle sozialer Netzwerke sowie die Lebenssituation und Selbstreflexion der Migrantinnen in der BRD.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch die Begriffe Heiratsmigration, Bunkhun, soziale Sicherung, Familie, transnationale Räume und Rollenzuweisungen geprägt.
Wie beeinflusst das Bunkhun-Konzept die Frauen bei ihrer Migration?
Das Konzept Bunkhun erzeugt eine moralische Verpflichtung gegenüber der Herkunftsfamilie. Da Migrantinnen oft die finanzielle Absicherung ihrer Verwandten übernehmen, wird die Migration nach Deutschland häufig als eine Möglichkeit wahrgenommen, diese Pflicht effektiv zu erfüllen.
Warum wählen viele thailändische Frauen einen deutschen Ehepartner?
Neben emotionalen Zuneigungen spielt oft der Wunsch nach einer Verbesserung des wirtschaftlichen Status eine Rolle. Zudem werden deutsche Partner häufig als zuverlässigere Familienversorger wahrgenommen als thailändische Männer.
Sind die befragten Frauen mit ihrem Leben in Deutschland zufrieden?
Der Großteil der interviewten Frauen äußert sich positiv über ihre Lebenssituation in der BRD. Sie schätzen die soziale Stabilität und fühlen sich durch ihre familiäre Rolle und die Erfüllung der Bunkhun-Pflicht in ihrem Handeln bestätigt.
- Quote paper
- Myriam Fink (Author), 2007, Ehe in der Fremde - Der Einfluss kulturspezifischer Rollenzuweisungen auf die Heiratsmigration thailändischer Frauen nach Deutschland, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/132935