Der Unterschied zwischen Bastelei und Ingenieurskunst

Überlegungen zum wilden Denken bei Claude Lévi-Strauss


Hausarbeit, 2009
19 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhalt

Einführung

1 Das wilde Denken

2 Bastler und Ingenieur

3 Schluss

4 Literaturverzeichnis

Einführung

„Jede Zivilisation hat die Tendenz, die gegenstandsbezogene Orientierung ihres Denkens zu überschätzen, was beweist, dass sie niemals fehlt“ (Lévi-Strauss 1973: 13).

Claude Lévi-Strauss untersucht in seinem erstmals 1962 erschienenem Buch „Das wilde Denken“ (Originaltitel: La Pensee Sauvage) die Klassifizierungssysteme schriftloser Gesellschaften. Er kommt zu dem Schluss, dass ebendiese Strukturen sowohl in ihrer Komplexität, als auch in ihrer Schlüssigkeit, durchaus mit wissenschaftlichen Klassifikationen vergleichbar sind und sogar weitaus genauer sein können. Hieraus wird das eigentliche zentrale Programm des Buches deutlich: Die Erklärung, dass wildes und modernes Denken durch die gleichen intellektuellen Prozesse gekennzeichnet sind. Beinahe bescheiden mutet dieses Postulat an, wo sich doch der weitaus überwiegende Teil der Schrift der strukturalistischen Analyse von Klassifikationssystemen bei nordamerikanischen Naturvölkern widmet. Von einer Selbstverständlichkeit dieser Aussage, die sich bei der Lektüre Lévi-Strauss´ und beim Einstieg in die strukturalistische Methode beinahe automatisch ergibt, kann jedoch, wenn eine weitere Perspektive auf die Wissenschaftslandschaft gewählt wird, nicht die Rede sein. Die Beschäftigung mit fremdem Denken ist vor und nach Lévi-Strauss von evolutionistischen Stufenmodellen beeinflusst, die mit dem Strukturalismus unvereinbar sind. Obwohl Lévi-Strauss im wilden- und modernen Denken die gleichen kognitiven Prozesse verortet, sieht er dennoch klare Unterschiede zwischen den beiden Formen. Das wilde Denken bleibt bei ihm ein Terminus, der nicht etwa ironisch verwendet wird, sondern auf eine Technik verweist: So wird dem wilden Denken die Technik Bastelei (bricolage) zugeordnet, modernes Denken operiert demgegenüber mit Hilfe der Ingenieurskunst. In dieser Arbeit möchte ich zunächst kurz die Genese der Vorstellungen vom wilden Denken im Rahmen von Stufenmodellen skizzieren, mit denen Lévi-Strauss radikal bricht. Der Vergleich der beiden Typen Bastler und Ingenieur im folgenden Abschnitt weist auf die Tatsache hin, dass Lévi-Strauss trotz der Gleichheit von wildem und modernem Denken in der strukturalistischen Analyse auf einer Trennung beharrt, woran ich eine kritische Einschätzung anknüpfen werde. In einer Schlussbetrachtung werden meine Ergebnisse zusammengefasst.

1 Das wilde Denken

Die Soziologie verdankt den Theoriesystemen rund um das wilde Denken[1] ihren Ausgangspunkt. Nach der geläufigen Lehrmeinung schuf Auguste Comte mit seinem Cours de philosophie positive den maßgeblichen Ausgangspunkt der akademischen Disziplin Soziologie. Das zentrale implizite Thema dieser frühen Soziologie war die Frage, warum Industrialisierung und Fortschritt gerade im Europa des 18. Jahrhunderts Fuß fassen konnten und nicht etwa schon früher oder innerhalb anderer Kulturen. Das Ergebnis dieser Überlegung kann leicht anhand Comtes Dreistadiengesetz demonstriert werden. Industrialisierung und Fortschritt erscheinen demnach als eine soziogenetisch erzeugte neue Stufe menschlichen Denkens, die erst in der Überwindung des primitiven magischen und in einem weiteren Schritt des religiös-metaphysischen Denkens Einzug halten (vgl. Rolshausen 2001). Die Erklärung fremden Denkens als im weitesten Sinne weniger entwickelt und damit nicht in dem Maße wertvoll, wie die eigenen Denkmuster[2] ist jedoch eher ein Zug des Wesens des Menschen als eine Erfindung Comtes. Das Fremde verdankt seine Fremdheit dem Umstand, dass es nicht verstanden wird. Mangels universeller Wertemaßstäbe besteht ein Zwang zunächst fremdes in die eigene Welt und Denkstruktur zu integrieren, was in der Regel zum Ergebnis hat, fremdes Denken als mangelhaft aufzufassen, insbesondere dann wenn die Schnittmenge zwischen eigenem und dem untersuchten fremden Denken minimal ist. Um diesem Problem zu entgehen erklärte Comte, wie auch viele weitere Denker vor und nach ihm, die in seinem dritten, positiven Stadium vorherrschende Rationalität sei gleichsam objektiv und damit vom kulturellen Hintergrund ablösbar. Hierzu schreibt Lévi-Strauss:

„Der Irrtum Comtes und der meisten seiner Nachfolger bestand in dem Glauben, der Mensch habe, mit einiger Wahrscheinlichkeit, die Natur mit einem Willen bevölkern können, der dem seinen vergleichbar ist, ohne seinen Wünschen einige Attribute dieser Natur, in der er sich wiedererkante, zu verleihen; denn hätte er allein mit dem Gefühl seiner Ohnmacht angefangen, es hätte ihm niemals ein Erklärungsprinzip geliefert. In Wahrheit ist der Unterschied zwischen der praktischen, mit Leistung verbundenen Aktion und der magischen oder rituellen, aller Wirksamkeit ermangelnden Aktion nicht der, den man zu bemerken glaubt, wenn man sie durch ihre objektive bzw. subjektive Orientierung definiert“ (Lévi-Strauss 1973: 55).

Nichtsdestotrotz bleibt die Behauptung es gäbe eine Ebene[3] der objektiven und kulturunabhängigen Vernunft auch nach Lévi-Strauss der Kernsatz der Verfechter der Stufenmodelle. Auch der frühe Soziologe Herbert Spencer und der Philosoph Ernst Cassirer vertreten unter vielen anderen[4] eine solche evolutionistische Theorie des Denkens. Jene zählt nicht erst in der Blütezeit des Positivismus zum wissenschaftlichen common sense und bleibt auch heute noch bei Autoren wie Georg W. Oesterdiekhoff präsent. Die Tatsache, dass Norbert Elias, der für die Soziologie vielleicht wichtigste Vertreter der Theorie kognitiver Evolution, erst in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts durch die Neuauflage seines Hauptwerks Über den Prozess der Zivilisation seinen großen Durchbruch in die Wissenschaftslandschaft verzeichnet, zu einer Zeit als der Strukturalismus eine hohe Verbreitung und Popularität genoss (vgl. Reinhardt 2008: 9f) , erscheint beinahe als Treppenwitz der Geschichte. Es ist nach Elias die Wechselwirkung von Soziogenese und Psychogenese, die einen kulturellen wie psychisch-kognitiven Fortschritt bewirkt, der auf verschiedenen Ebenen sozialer Tatsachen ablesbar wird. Ein Beispiel solcher Tatsachen, die einen Rückschluss auf das gegenwärtige Zivilisationslevel erlauben sind die Tischsitten[5]. Eliassche Zivilisation meint immer auch eine Verwandlung von Fremdzwängen in Selbstzwänge und eine dadurch resultierende steigende Affektkontrolle. Tischsitten sind also besonders dann Anzeichen einer hochentwickelten Psyche wenn a) ihre Einhaltung nicht etwa von außen erzwungen werden muss (Selbstzwang) und b) ihr Bruch zu einer möglichst großen Scham führen würde und daher ihre Übertretung tunlichst vermieden wird (Affektkontrolle). Der Fortschritt des Denkens offenbart sich in diesem System erst in einem zweiten Schritt: Je eher Affekte, also der Drang nach der unmittelbaren Bedürfnisbefriedigung[6], unterdrückt werden können, desto eher weicht triebhaftes Handeln rationalem Handeln[7]. Die von Elias postulierte Linearität[8] des Zivilisationsprozesses, ja selbst seine Existenz, lässt sich jedoch nur schwer und durch die Integration von Hilfshypothesen wie beispielsweise durch den Informalisierungsbegriff des Elias-Schülers Cas Wouters (1999) aufrecht erhalten. Ein wichtiger Grund für den heutigen schweren Stand der Zivilisationstheorie und ihrer verblassenden akademischen Attraktivität ist die radikale Kritik wie sie maßgeblich durch die fünfbändige Reihe Der Mythos vom Zivilisationsprozess von Hans Peter Duerr (1988-2002) erfahren hat. Letztlich erfordert eine solche große Theorie wie die Norbert Elias´ einen bestimmten Wertemaßstab mit zugehörigen Methoden um solche Entwicklungsstände sichtbar zu machen. Das Ergebnis solcher Untersuchungen kann jedoch nur die Reflexion eigener Maßstäbe sein und keinesfalls der Einblick in fremde Denkmuster. Trotz des in vielerlei Hinsicht problematischen Ansatzes der Zivilisationstheorie finden sich wie beispielsweise in Georg W. Oesterdiekhoff auch moderne Autoren, die in der Tradition von Stufenmodellen stehen. Oesterdiekhoff (1997, 2006a/b) verbindet die Zivilisationstheorie Elias´ mit der Entwicklungspsychologie Jean Piagets (vgl. auch Oesterdiekhoff 2000). Der in der klassischen Psychoanalyse wurzelnde Ansatz Elias´, bei dem Zivilisation als Siegeszug des Über-Ichs gegenüber dem Es interpretiert werden kann, leidet nach Oesterdiekhoff unter einer mangelnden Operationalisierbarkeit und einer vergleichsweise geringen Erklärungskraft (vgl. ebenda: 149). Die Stadientheorie Piagets (vgl. Piaget 1985: 39ff) weise demgegenüber eine bessere Überprüfbarkeit auf und sei durch umfangreiche Testreihen fundiert. Ohne auf die Theorie Piagets detailliert eingehen zu wollen, möchte ich einwenden, dass auch sie mangels an universellen Gütekriterien des Denkens, auf willkürlich ausgewählte Techniken zurückgreifen muss. Wenn also, um ein gängiges Beispiel aufzugreifen, westlich sozialisierte Kinder das Konzept der Mengenerhaltung (vgl. ebenda: 50) eher beherrschen als die Kinder aus einer Gruppe von Wildbeutern, wäre dies für Oesterdiekhoff ein klares Anzeichen für die kulturell-kognitive Unterlegenheit letzterer. Am Sinn solcher Gleichnisse lässt sich jedoch leicht zweifeln. Würde beispielsweise die motorische Intelligenz beider Kindergruppen verglichen, hätten die modern sozialisierten Kinder das Nachsehen. Würde man die Mitglieder des Wildbeuterstammes darum bitten einen Maßstab der kognitiven Entwicklung und eine Methode wie solche Entwicklungsstände bestimmt werden können zu konstruieren, wäre zu befürchten, dass westlich-moderne Menschen dabei nicht gut abschneiden würden. Dieses Beispiel wirkt auffallend absurd. Es unterstellt die Möglichkeit, dass einem Wildbeuter Begriffe wie dem der kognitiven Entwicklung überhaupt in unserem Sinn verständlich gemacht werden können. Zudem müsste ebendiesem Wildbeuter das dem Versuch zu Grunde liegende stufentheoretische Modell nicht nur erklärt werden, er müsste zudem überhaupt einen Sinn darin sehen, sich auf ein solches Setting einzulassen. Der Grund für die völlige Absurdität des Beispiels ist aber nicht die intellektuelle Inkompetenz archaischer Völker, sondern die Tatsache, dass Wissenschaftler und Wildbeuter in gänzlich verschiedenen (sozialen) Welten leben. Daher ist eine stufentheoretische Herangehensweise an fremdes Denken immer eher Überstülpen als Verstehen. Stufentheoretische Modelle machen sich selbst zur Farce, wenn sie in der Behauptung nun erstmals das fremde Denken verstanden zu haben[9], nur lediglich einen für sie plausiblen Weg gefunden haben die Überlegenheit des eigenen Geistes zu verargumentieren. Obwohl kognitiver Evolutionismus und Strukturalismus sich oftmals auf gleiche oder stark verwandte Themenfelder beziehen, findet eine Kommunikation beider „Schulen“ bezeichnenderweise kaum statt, was die fehlenden Verweise in den jeweiligen Standardwerken bezeugen.

[...]


[1] Wobei es eine Festlegung auf gerade diesen Begriff nicht gegeben hat. Weitere synonyme Schlagworte sind mythisches-, magisches-, archaisches-, prälogisches-, präoperationales-, oder vormodernes Denken.

[2] Diese Gleichung geht auch sehr schön aus dem diesen Text vorangestellten Zitat Lévi-Strauss´ hervor.

[3] Der Begriff der Ebene ist hier nicht so zu verstehen, dass die gleichberechtigte Existenz weiterer, den gleichen Sachverhalt beschreibende, Ansätze neben den Stufenmodellen von deren Anhängern eingeräumt wird.

[4] Hierzu zählen die meisten Klassiker der Soziologie wie Tönnies, Simmel, Pareto, Durkheim, Marx und Weber. In der Nachkriegssoziologie bricht diese Tradition in großen Teilen ab (vgl. Oesterdiekhoff 2000: 49ff).

[5] Weitere klassische Gradmesser der Zivilisiertheit sind Spuck- und Defäzierverhalten, Sexualität, der Umgang zwischen Mann und Frau, Nacktheit sowie moralische und rechtliche Codizes.

[6] Dieser wird zudem durch die Freudsche Instanz des Es charakterisiert.

[7] Eine solche Hervorhebung des Über-Ich führt im Freudschen Verständnis freilich nicht zu wachsender Zivilisiertheit. In der klassischen Psychoanalyse sind es vielmehr die Neurosen, die den unausgeglichenen Konflikt zwischen Es und Über-Ich kennzeichnen. Obwohl Elias die Begriffe Freuds aufgreift und zur Fundierung der Zivilisationstheorie nutzt, ignoriert er diesen Widerspruch.

[8] Im Verlauf der Kontroverse um seine Entwicklungstheorie war Elias immer mehr dazu bereit auch mögliche Haltepunkte oder Rückschläge des Zivilisationsprozesses einzugestehen. Dass der Zivilisationsprozess jedoch die oben skizzierte Richtung einschlägt, bleibt für ihn außer Frage.

[9] Wie ich es in den Vorlesungen Oesterdiekhoffs erleben durfte.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Der Unterschied zwischen Bastelei und Ingenieurskunst
Untertitel
Überlegungen zum wilden Denken bei Claude Lévi-Strauss
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main  (Institut für Ethnologie)
Veranstaltung
Claude Lévi-Strauss und der Strukturalismus
Note
1,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
19
Katalognummer
V132941
ISBN (eBook)
9783640392896
ISBN (Buch)
9783640393190
Dateigröße
621 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Unterschied, Bastelei, Ingenieurskunst, Denken, Claude, Lévi-Strauss
Arbeit zitieren
Sebastian Theodor Schmitz (Autor), 2009, Der Unterschied zwischen Bastelei und Ingenieurskunst, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/132941

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Der Unterschied zwischen Bastelei und Ingenieurskunst


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden