Vorwort
Ich habe mich dem Phänomen „Dummsein“ näher zugewendet, da Dummsein und
das Gefühl des Dummseins ein fast alltäglicher Begleiter ist.
Meine Aufgabe im Seminar war es, eine Institution zu suchen und dort zu fragen, ob
ich eine geistig behinderte Frau beobachten darf. Dieses Hineinkommen in eine
fremde Institution war schwieriger als ich mir gedacht habe. Das Warten auf
Rückmeldung in der Hoffnung, dass ich eine Zusage bekomme ist für mich auch eine
Form des Dummseins. Damit meine ich, dass ich als Lernende „dumm“ bin und mich
auch so preisgebe, wenn ich sage, dass ich etwas lernen will. Weiters werde ich
nächstes Semester ein Auslandssemester antreten und bin dann gefordert, mich in
einer fremden Sprache zu verständigen und denke mir, dass ich in viele Situationen
kommen werde, in denen ich mich sprachlich dumm fühlen werde.
Besonders unangenehme Situationen bringen das Dummsein auch mit sich. „Was,
das weist du nicht?“ ist so eine Frage, die den anderen indirekt als dumm bezeichnet.
Leider ist das unsere Alltagssprache und löst wirklich keine angenehmen Gefühle
aus. Im Dummsein steckt auch „nicht wissen“ drinnen und in meiner folgenden Arbeit
möchte ich versuchen, dieses vielseitige Phänomen ein Stück näher zu betrachten
und die Bedeutung genauer zu hinterfragen.
[...]
Inhaltsverzeichnis
Vorwort
Einleitung
1 Über die Bedeutung des Dummseins
1.1 Die andere Bedeutung des Dummseins
1.2 Abweichungen von der Norm
2 Ausprägungsgrade von Behinderung
2.1 Primäre und sekundäre Behinderung
2.2 Drei Hauptbereiche sekundärer Behinderung
3 Bezugnahme zur Praxis
3.1 Interpretation der 1. Sequenz
3.2 Interpretation der 2. Sequenz
3.3 Interpretation der 3. Sequenz
Conclusio
Bibliographie
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Phänomen des "Dummseins" bei Menschen mit geistiger Behinderung unter Anwendung der Theorie von Valerie Sinason. Dabei wird analysiert, inwiefern Dummsein als unbewusster Abwehrprozess gegen Kummer und psychisches Leid fungiert und durch Fallbeispiele aus der Praxis einer geistig behinderten Frau verdeutlicht.
- Psychologische Bedeutung von "Dummsein" als Abwehrmechanismus
- Unterscheidung zwischen primärer und sekundärer Behinderung
- Die Rolle von Normabweichungen in der gesellschaftlichen Wahrnehmung
- Praktische Interpretation von Interaktionssequenzen im Betreuungsalltag
- Das Selbstwertgefühl und die Gefühlswelt geistig behinderter Menschen
Auszug aus dem Buch
1.1 Die andere Bedeutung des Dummseins
In einer anderen Bedeutung ist Dummsein oder dumm werden, etwas nicht sehen zu müssen oder zu wollen, nicht hinzuschauen, etwas zu verleugnen. Wenn man jemandem gegenübersteht, wie zum Beispiel ein Kind einem Erwachsenen, der einem nie etwas sagen will oder sagen kann, was man wissen muss, dann kann es einfacher und leichter sein, dumm zu bleiben und das Lernen aufzugeben. Ein Beispiel dafür ist der achtjährige Tom, der nie erfahren hat, warum sein Vater von zu Hause weggegangen ist, als er noch ein Baby war. Tom hat die Zeichen seiner Mutter sehr sensibel aufgefangen. Sie konnte es nicht ertragen, an diese Frage auch nur zu denken, und hatte sie in seinem eigenen Inneren erstickt. Jene Frage zu ersticken heißt aber auch, dass viele andere Fragen auch erstickt werden, die seine Mutter beantworten konnte. Letztendlich führte das dazu, dass Tom nicht lesen oder schreiben konnte, wobei es eindeutig seine Gefühle waren, die seine Lernfähigkeit beeinträchtigten. Das Trauma hatte hier bei beiden, Mutter und Sohn, zur Behinderung geführt. Das verletzte Selbst sagt: „Untersteh dich, irgendetwas auch nur zu erwähnen, von dem ich nicht will, dass du darüber nachdenkst!“
Zusammenfassung der Kapitel
Vorwort: Die Autorin reflektiert ihre eigene Auseinandersetzung mit dem Phänomen Dummsein und beschreibt ihre persönlichen Erfahrungen und Beweggründe für diese Seminararbeit.
Einleitung: Es wird die Forschungsfrage vorgestellt, das theoretische Fundament durch Valerie Sinason erläutert und der methodische Aufbau mittels Beobachtungsprotokollen skizziert.
1 Über die Bedeutung des Dummseins: Dieses Kapitel thematisiert die alltägliche, meist negative Wahrnehmung von Dummsein und führt die psychologische Perspektive des "Vor Kummer benommen Seins" ein.
2 Ausprägungsgrade von Behinderung: Es erfolgt eine theoretische Abgrenzung zwischen primärer (organisch bedingter) und sekundärer (durch Umwelt und Trauma geprägter) Behinderung.
3 Bezugnahme zur Praxis: Anhand von drei spezifischen Beobachtungssequenzen der Klientin Anna wird analysiert, wie Dummsein in realen Betreuungssituationen als Abwehr oder Kommunikation eingesetzt wird.
Conclusio: Die Autorin fasst die Erkenntnisse zusammen und reflektiert über die Bedeutung von Einfühlungsvermögen in der Arbeit mit geistig behinderten Menschen.
Schlüsselwörter
Dummsein, geistige Behinderung, Valerie Sinason, Abwehrmechanismus, sekundäre Behinderung, Trauma, Selbstwert, Beobachtungsprotokoll, psychische Abwehr, Kummer, Normabweichung, Praxisreflexion, Betreuung, Gefühlswelt, Interaktion
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit dem Phänomen des "Dummseins" und dessen psychologischer Funktion bei Menschen mit geistiger Behinderung.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zentral sind die Abgrenzung von primärer und sekundärer Behinderung sowie die Untersuchung von Dummsein als Schutzmechanismus gegen psychisches Leid.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, dass "Dummsein" oft als unbewusster Abwehrprozess dient und mehr Bedeutung verbirgt, als im alltäglichen Sprachgebrauch angenommen wird.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin kombiniert die theoretischen Konzepte von Valerie Sinason mit einer qualitativen Analyse von persönlichen Beobachtungsprotokollen aus einem institutionellen Betreuungsumfeld.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Einführung zur Bedeutung von Dummsein, eine Differenzierung verschiedener Behinderungsgrade und die praktische Interpretation von Interaktionen mit einer geistig behinderten Klientin.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am stärksten?
Die Arbeit wird maßgeblich durch die Begriffe Dummsein, geistige Behinderung, Abwehrmechanismus und sekundäre Behinderung charakterisiert.
Welche spezifische Rolle spielt die Klientin "Anna"?
Anna dient als Fallbeispiel, an dem die Autorin illustriert, wie sich kognitive Einschränkungen, blind sein und die Interaktion mit Betreuern in Situationen von "Dummsein" äußern können.
Was bedeutet "sekundäre Behinderung" im Kontext der Arbeit?
Sekundäre Behinderung beschreibt nach Valerie Sinason Auswirkungen auf das Selbst und Verhaltensweisen, die als Folge von Erfahrungen mit der Umwelt und der Abwehr von Trauma entstehen.
Warum wird das Stofftier im Fallbeispiel als wichtig erachtet?
Das Stofftier dient der Klientin als Anhaltspunkt und bedeutender Gegenstand, der ihr in der Interaktion mit der Außenwelt Sicherheit gibt.
- Quote paper
- Mag. Doris Steinbacher (Author), 2000, Die Bedeutung vom Dummsein, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/132975